Die Minimalisten schlagen zurück

Ich habe mir einen Artikel von Israel Finkelstein in der Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins übersetzen und zusammenfassen lassen: „The Large Stone Structure in Jerusalem – Reality versus Yearning“ [Das große Steingebäude in Jerusalem – Realität versus Sehnsucht] (2011).

city of david
Vgl. „Die Stadt Davids“ vom 14.10.2025

Der Artikel behandelt die kontroverse Deutung der archäologischen Funde aus den Ausgrabungen von Eilat Mazar in der Davidsstadt (Jerusalem).

Zwei gegensätzliche Interpretationen stehen sich gegenüber:
Die erste stammt von Eilat Mazar selbst, wird von Amihai Mazar und Ariel Faust unterstützt und vertritt die Ansicht, dass die freigelegten massiven Mauern zu einem einzigen großen Gebäude – der sogenannten *Large Stone Structure* (LSS) – gehören. Diese LSS soll zusammen mit der *Stepped Stone Structure* (SSS) ein einheitliches architektonisches Ensemble bilden, das spätestens im 10. Jahrhundert v. Chr. errichtet wurde.

city of David
Ein Auszug aus dem Prospekt der „Stadt David“ (Jerusalem Walls National Park) Stadt David, der die große Steinstruktur beschreibt.

Die zweite Interpretation, vertreten von Z. Herzog, L. Singer-Avitz, D. Ussishkin und dem Autor des Artikels, widerspricht dieser Sicht deutlich. Nach ihrer Analyse bilden die Mauern kein einheitliches Gebäude. Einige Abschnitte stammen vermutlich aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. (Eisenzeit IIA), andere hingegen aus der hellenistischen Epoche. Auch die SSS sei keine monolithische Struktur, sondern sei über Jahrhunderte hinweg immer wieder erneuert worden. Der obere Teil der SSS gehöre wahrscheinlich zur hellenistischen Stadtbefestigung, während nur der untere Teil in die Eisenzeit reiche. Eine bauliche Verbindung zwischen der LSS und der SSS lasse sich heute nicht nachweisen.

Der Autor kritisiert die Interpretation von E. Mazar, A. Mazar und Faust als methodisch problematisch. Das Grabungsgebiet sei stark gestört, die Mauern fragmentarisch, und viele frühere Bauphasen seien durch spätere Eingriffe – insbesondere aus hellenistischer, römischer und moderner Zeit – zerstört oder verändert worden. Zudem sei das Areal bereits im frühen 20. Jahrhundert ausgegraben und anschließend verfüllt worden, wodurch viele Funde nicht mehr sicher *in situ* seien. Moderne Restaurierungen hätten zudem den Befund verfälscht, vor allem an der entscheidenden Verbindung zwischen Mauer 20 und der SSS.

Auch architektonisch und stratigrafisch sei die Hypothese einer großen einheitlichen Struktur nicht haltbar. Die Mauern verlaufen unregelmäßig, unterscheiden sich in Bauweise und Niveaulage, und es existieren keine durchgehenden Fußböden oder Funde, die eine gemeinsame Nutzung belegen. Die LSS sei daher vermutlich keine einheitliche Konstruktion, sondern bestehe aus mehreren Bauphasen und Gebäuden unterschiedlicher Zeitstellung.

Hinsichtlich der Datierung zeigen die Funde, dass die ältesten Mauern frühestens in der Mitte bis zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts v. Chr. entstanden sein können. Keramikfunde und stratigrafische Beobachtungen widerlegen eine Entstehung im 10. Jahrhundert v. Chr., wie von Mazar und Faust angenommen. Auch der Zusammenhang zwischen den eisenzeitlichen und hellenistischen Mauern bleibe unklar.

Jerusalem city of david

Der Autor schließt daraus:

1. Es gibt keine nachweisbare einheitliche „Large Stone Structure“.
2. Eine bauliche Verbindung zwischen LSS und SSS existiert nicht; nur der hellenistische Teil der SSS steht in Zusammenhang mit der hellenistischen Stadtmauer.
3. Die freigelegten Mauern stammen aus unterschiedlichen Epochen – teils aus dem 9. Jahrhundert v. Chr., teils aus der hellenistischen Zeit.
4. Ohne Rückgriff auf biblische Texte gäbe es keine archäologischen Gründe, diese Funde als Überreste eines monumentalen Baus des 10. Jahrhunderts v. Chr. zu deuten.

Damit stellt der Artikel die These eines großartigen, davidischen Palastbaus in Frage und plädiert für eine nüchterne, quellenkritische Auswertung der Befunde.

Also leider wieder nichts mit dem Palast Davids. Und Doron Spielman hat sich auch zu weit aus dem Fenster gelehnt. (Vgl. auch Emek Shaveh: „The Debate over „King David’s Palace“,2020)

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Kommentare

One Kommentar zu “Die Minimalisten schlagen zurück”

  1. Andreas am Oktober 25th, 2025 8:01 a.m.

    Moin,
    kleine „Ergänzung“ zum Artikel. Könnte vielleicht von Interesse sein.
    https://www.bbc.co.uk/mediacentre/2025/new-ebu-research-ai-assistants-news-content

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