Wenn das Bar Kochba wüsste
Nach dem Frühstück besuchte ich das Etzel-Museum, das vor zwei Jahren geschlossen war.
Etzel aka Irgun – muss man das kennen? Menachim Begin war auch einmal deren Anführer. Und dann gibt es noch ein Zitat des – heute würden deutsche Medien formulieren: höchst umstrittenen – Gründers Ze’ev Jabotinsky: „Zionist colonisation must either stop, or else proceed regardless of the native population. Which means that it can proceed and develop only under the protection of a power that is independent of the native population – behind an iron wall, which the native population cannot breach.“
Vermutlich hatte und hat er immer noch Recht mit den „Natives“. Aber das Thema muss ich verschieben.
Die Strände waren heute voll von Besuchern, die man sonst in Tel Aviv eher selten sieht und die man gleich als Religioten religiöse Juden erkennt. Die Frauen tragen längere Kleider, oft irgendwas auf den Haaren, wenngleich kein Kopftuch, und Männer oft Kippa. Es ist immer noch Sukkot aka Laubhüttenfest, das eigentlich eine ganze Woche dauert.
„In Israel und im Liberalen Judentum ist nur der erste Tag (der 07.10.) ein voller Feiertag, in orthodoxen und konservativen Gemeinden der Diaspora dagegen die ersten zwei Tage, während die darauffolgenden Tage Halbfeiertage (חוֹל הַמּוֹעֵד Chol HaMoed) sind“. Heute also Halbfeiertag oder sowas.
Am Strand und auf der Promenade laufen – wie erwartet – sehr viele äußerst attraktive Menschen herum, die eine Hälfte in atemberaubend enger und spärlicher Kleidung, dass man sich gar nicht sattsehen kann. Auch das Meer war heute ziemlich aufgeregt und schäumte brandungsmäßig krachend auf die Steine.
Ich bog in die Allenby Road ein – eine Art Kurfürstendamm von Tel Aviv -, die vor zwei Jahren eine fast nicht begehbare Baustelle war. Ist sie heute immer noch. Vielleicht sollte man sie in Karl-Marx-Straße umbenennen – die in Neukölln wird ja auch nie fertig.
Mir war ein wenig mulmig zumute, Es war schon ziemlich heiß und zum Frühstück gab es nur zwei winzige Kuchen. Ich hatte seit 24 Stunden nichts Vernünftiges mehr gegessen und wollte es langsam angehen lassen. Ich erinnerte mich an den Israeli Grill und schlug mir dort den Bauch mit einer köstlichen Falafel voll. Die (Fast-Food) Restaurant-Empfehlung gilt immer noch. Das ist übrigens kein teurer Hipster-Laden, der auf den einschlägigen Websites auftaucht.
Ich bekam noch Unterhaltung geboten. Ein Idiot von Autofahrer parkte direkt vor dem Grill auf dem Bürgersteig, so dass man noch nicht einmal als Fußgänger vorbeikam. Der Grillbesitzer stürmte hinaus, und es ergab sich ein lautstarkes Wortgefecht, das sogar die Nachbarn anlockte. Irgendwann gab der Autofahrer nach. Die Kellnerin – oder die Ehefrau des Besitzers – ging erst einmal seelenruhig woanders hin, und der Chef auch. Plötzlich hatte ich die Kneipe für mich allein. Vielleicht wird sie ja vom Mossad videoüberwacht und ich hätte keinen Döner unbemerkt mitnehmen können.
Im Photohouse überbrachte ich Grüße eines Fotografen aus Berlin. Über den Inhaber Ben hatte das Magazin Nitro, für das ich schreibe, etwas veröffentlicht.

Pinzker Street

Dizengoff Square

Entweder ist das zum Armauflehnen oder für Kinder, oder dass die Ultrareligiösen nach Geschlechtern getrennt sind und sich nicht berühren oder alles zusammen.

Kommen wir also zu Bar Kochba aka Sohn des Sterns. Der ist so etwas wie ein Tupac Amaru des antiken Judentums, also ein Vorbild für die Jugend. Als ich das Straßenschild sah, dachte ich an eine wirklich anrührende Geschichte aus Doron Spielmans „When the Stones Speak.
Archäologen haben beim Hiskia-Tunnel, der die Gihonquelle in Jerusalem bzw. den Teich von Siloah, also die Stadt Davids mit der Altstadt unterirdisch verbindet, Münzen gefunden, „the latest of which are from Year Two and Year Three of the Jewish War, shortly before the city was destroyed in 70 CE“.
In the research, it is accepted that Great Revolt Year Four coins were minted in Jerusalem under the leadership of Shimon Bar Giora, one of the prominent commanders in the revolt’s last year. Year Four coins are considered relatively rare, given the historical circumstances towards the end of the revolt and its impact on the much-reduced rebel production capabilities.

„Platz“ der Geiseln“ vor dem Tel Aviv Museum of Art und der Oper
Warum haben die damals Münzen geprägt, obwohl sie jedes Stück Metall für die Produktion von Waffen brauchten? Ein Archäologe in dem zitieren Buch hat eine Theorie: Die Aufständischen wussten, dass sie gegen die römische Militärmaschinerie eh keine Chance hatten. Die unterirdischen Gänge waren die letzte Zuflucht, bis alle entdeckt und massakriert wurden. Man denkt, dass Bar Kochba und seine Leute etwas hinterlassen wollten, eine „E-Mail aus der Vergangenheit“, wie der Archäologe sich ausdrückt.
Das erinnert an Simonides von Keos, umgedichtet von Friedrich von Schiller: Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.
Wenn Bar Kochba wüsste, dass man heute seiner gedenkt und Straßen nach ihm im Staat Israel benennt! Nach mehr als zwei Jahrtausenden!
Endlich hatte auch das Café Tachtit geöffnet. Speisen und Getränke ein Traum! Ich bestellte auf Hebräisch Kaffee mit Milch und Wasser – und musste dann doch ins Englische wechseln. Einfaches Wasser! Eine ganze Karaffe mit Zitrone – ergab vier Gläser. Dann erst der Salat! Alles nur vom Feinsten – aber da saßen auch die passenden Leute dazu herum, wie in Hipster und „alternativen“ Berliner Cafés, nur dass hier natürlich niemand Antisemit ist.
Ich muss das jetzt vorsichtig formulieren. Meine Kellnerin war zierlich, hatte ein steinschmelzendes Lächeln, langes schwarzes Haar bis zu dem Körperteil, auf dem man normalerweise sitzt, Augenbrauen, die in ihrem schmalen Gesicht wie die von Waigel wirkten, aber sehr gepflegt, ein bauchfreies Top, das oben so viel Appetitliches zeigte, dass sie es hätte auch weglassen können – man sah eh alles. Das erinnerte mich an einen Satz, den ich als Junge in Reader’s Digest las und damals nicht verstand: „Ungetarnte Geschütze sind wirkungslos.“
Ich wollte eigentlich den orthodoxen Juden wiedertreffen, der der erste Israeli war, mit dem ich – außer dem Flughafen- und Hotelpersonal – vor zwei Jahren gesprochen und mit dem ich mich köstlich amüsiert hatte. Aber sein Lädchen war verschwunden, und das Gia Dormitory im Stadtteil Harakevet scheint weg oder aufgekauft worden zu sein. Da steht jetzt Domus Metro Hotel (bei booking.com ist Gia auch nicht mehr zu finden). Die sagenhafte Terrasse kann man noch von unten sehen.
Ich lief noch über den Carmel Markt – der größte Markt in Tel Aviv. Ich bin eigentlich kein Fan der Kleinbourgeoisie – das ist im Kapitalismus reaktionäre Romantik. Vielleicht sind solche Märkte pittoresk und gut für exotische Fotomotive, aber ich habe dort nur Ramsch gesehen. Kann man auch alles online bei der Großbourgeoisie bestellen – und teurer ist es auch nicht, sogar wenn es auch China kommt.
Was in Israel anders ist als in Lateinamerika damals: Ich habe keine Angst vor Taschendieben. In Israel gibt es weniger Kriminalität als in Deutschland, aber auch eine clanmäßig organisierte Mafia, deren Mitglieder sehr oft aus dem arabischen Raum oder dem Iran stammen. „Obwohl Araber nur ein Viertel der Bevölkerung stellen, ist diese sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppe für zwei Drittel aller Morde verantwortlich. (…) Ein großer Teil der Morde unter den arabischen Banden wird nicht aufgeklärt.“
Beim Reisen wechselt man als Ex-Globetrotter automatisch in die Attitude, davon auszugehen, dass auch benutzte Unterhosen geklaut würden. Geldgürtel ist ein Muss, Dinge von Wert ganz tief in den Taschen usw.. Ich sehe vermutlich auch nicht so aus, als könnte man mir einfach etwas wegnehmen. Mit den Kreditkarten ist das so eine Sache: Die kann man nicht jedes Mal herausfummeln, aber wenn man sie verliert, ist man am Gesäß. Auf dem Carmel-Markt habe ich trotzdem höllisch aufgepasst.
Heute habe ich den Sonnenuntergang um 18.20 Uhr – according to ChatGPT – nicht verpasst. Man kann sich über die dämlichen Araberinnen, die da in Vollburka herumstehen, während es ringsum von Bikinis wimmelt, lustig machen – aber die orthodoxen jüdischen Frauen gehen auch nicht spärlich bekleidet ins Wasser – oder gar die Ultras mit ihren Perücken!
Morgen fahren ich nach Jerusalem.
Kommentare
6 Kommentare zu “Wenn das Bar Kochba wüsste”
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ad Dizengoff Square
Unter den Migranten waren viele
Architekten Richtung Bauhaus. Man merkts.
Yuli Novak, Leiterin von B’Tselem 2:10:55
https://www.youtube.com/watch?v=N9eASwQIq40
Ich bin sicher B’Tselem findet in israelischen Medien nicht statt.
Das werde ich bald erfahren. Hatte noch keine Gelegenheit.
Übersetzungsfehler beim Digest. „Auch ungetarnte Geschütze können wirkungsvoll sein.“ So dürfte das auch geschlechterübergreifend klappen.
Die originale Gifhornquelle befindet sich nach wie vor in Niedersachsen.
Das Kreuzungsfoto zeigt die Elsa-Brändströn-Str. in Bielefeld 1984.
Hast Du vorm Camel-Markt wenigstens eine geraucht?
Danke für den interessanten Reisebericht bis hier.
Ich freue mich auf mehr davon.
Das sieht ja alles aus wie in Neukölln.
Meine Güte die Beiträge strotzen vor „horny ol grandpa“ vibes.
Get laid in Israel Burkhard 😆