Vae victis, revisited

Six-Day War
During the Six-Day War, the Israeli Army prepares for action on the outskirts of Rafah. (Israel Government Press Office)

Ich habe mir den Artikel Omri Boehms auf Zeit online noch einmal durchgelesen, dank er medienkompetenten Hinweise der Leserschaft, wo dieser trotz Paywall zu finden sei. Zusätzlich motiviert wurde die Lektüre durch eine gestrige Diskussion mit Freunden, die ich fast vier Jahrzehnte kenne und deren politische Meinung ich weitgehend teile. Ich dachte das, aber es stimmte nicht, denn ich musste beim Thema „Israel“ mich wieder mit den Textbausteinen „besetzte Gebiete“ und „illegale Siedlungen“ herumschlagen.

Die Sache ist natürlich nicht einfach, auch wenn man mit dem Holzhammer argumentiert wie ich.

Bezalel Smotrich, der Moderatere der beiden [Kandidaten für ein Ministeramt], wurde 2005 vom Inlandsgeheimdienst Schin Bet mit 700 Litern Benzin festgenommen. Er wollte einen Brandanschlag verüben, um Ariel Scharons Abzug aus dem Gazastreifen zu hintertreiben. Smotrichs „Unterwerfungsplan“, der von seiner Partei ratifiziert wurde, fordert die Annexion des Westjordanlands und sieht für die Palästinenser genau drei Alternativen vor: „alle nationalen Bestrebungen aufgeben“, „auswandern“ oder „Widerstand leisten“ – „und dann wird die israelische Armee schon wissen, was zu tun ist“.

Erstens war es in Israel noch nie ein Hindernis, wenn sogar Ministerpräsidenten in ihrer Jugend Terroristen waren – wie etwa Menachim Begin. Zweitens war Smotrich schon einmal Minister. Drittens sind die Zwei-Staaten-Lösung und die Idee „Land für Frieden“ mausetot, weil die Araber, die sich „Palästinenser“ nennen, mit dem Terror nicht aufhörten, sondern ihn sogar noch steigerten.

Daher ist das, was Smotrich fordern, nur folgerichtig: Es wird keinen „Palästinenser“-Staat geben. Also kann man das auch laut sagen. Wem gehört dann das Westjordanland und der Gaza-Streifen? Drei Mal dürft ihr raten: Israel wird seine Grenzen wieder auf den Stand von 1967 ausdehnen, also nach den Eroberungen des Sechstagekrieges. Man muss zusätzlich anmerken, dass kein arabischer Staat Anspruch auf eines der damals besetzen Gebiete erhebt. Apropos: „Im Arabisch-Israelischen Krieg von 1948 wurde es [das Westjordanland] von Jordanien besetzt und 1950 annektiert. Im Sechstagekrieg vom Juni 1967 wurde es von Israel erobert und steht seither unter israelischer Militärverwaltung. (…) Heute hat der arabische Staat Jordanien alle Ansprüche auf sein ehemaliges Besatzungsgebiet endgültig zurückgegeben.“

Ich klopfe mit dem Holzhammer auf vernagelte Bretter vor Köpfen und rufe laut: Es wird keine „Annexion“ sein, sondern eine „Wiedervereinigung“. Das hört sich doch viel besser an.

Smotrich meint, dass es kein „palästinensisches Volk“ gebe und daher kein Grund bestehe, einen palästinensischen Staat zu errichten.“. Das sehe ich ganz genau so. Die Schlesier und Sudetendeutschen, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten vertrieben wurden – ein Resultat des von ihnen selbst begonnenen Krieges – wären auch nicht auf die Idee gekommen, plötzlich ein „Volk“ zu sei, das eines eigenen Staates bedürfe. Nein, sie waren Deutsche wie die „Palästinenser“ Araber sind oder Staatsangehörige eines arabischen Staates oder staatenlos. Wer wie Boehm in der „Zeit“ von „ethnischer Gewalt“ redet, die bevorstehe, argumentiert daher völkisch. Das ist „rechts“, nicht das, was die „rechte“ Smotrich sagt.

Boehm: Ein Staat kann nicht 50 Prozent seiner Bevölkerung nahezu oder komplett rechtlos halten; das „Drei Klassen“-Programm war in Wirklichkeit die Programmlosigkeit früherer Regierungen, die es nicht eilig hatten, die hinfällige Zweistaatenlösung durch etwas Neues zu ersetzen.

„Etwar Neues“ heißt: Wenn es keine zwei Staaten gibt, dann haben sich die Araber an die Regeln des Staates zu halten, in dem sie leben – und das ist Israel. Was soll eigentlich daran so schwer sein? Warum sollte Israel Terrorismus einfach so hinnehmen? Die „Rechte“ in Israel scheint realistisch zu denken – und was wäre die Alternative?

…besteht die Chance, dass sich Israels kleine, aber immer noch einflussreiche liberale Kohorten endlich zu einer echten jüdisch-palästinensischen Zusammenarbeit verpflichten, die auf völliger staatsbürgerlicher Gleichheit zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer beruhen würde.

Träum weiter. Oder: Das will mir der Künstler mit diesem Artikel sagen?

Six-Day War
Israeli armoured troop unit entering Gaza during the Six-Day War, June 6, 1967.

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Kommentare

3 Kommentare zu “Vae victis, revisited”

  1. Antiismen am Dezember 13th, 2022 10:14 p.m.

    Ich weiß gerade nicht, was ich davon halten soll:
    „[Europarat] Generalsekretärin ernennt Sonderbeauftragten gegen Hass und Hassverbrechen aus antisemitischen und antimuslimischen Motiven.“
    [ https://www.coe.int/de/web/portal/-/secretary-general-appoints-special-representative-on-antisemitic-and-anti-muslim-hatred-and-hate-crimes ]

    Ist es einfach hirnverbrannt und geschichtsvergessen, Anfeindungen gegen Muslime in einen Topf zu werfen mit Antisemitismus? Oder ist der Rat naiv genug, Muslime durch dieses in-einen-Topf-werfen besser gegen Antisemitismus einschwören zu können, „weil das ist ja irgendwie das gleiche“?

    Ticken die noch richtig? Da können wir auch gleich Beauftragte gegen Hassverbrechen wegen Antiungläubigismus beifügen. Es sei denn natürlich, Gewalt durch Muslime wäre in Ordnung, weil es halt zu ihrer Religion des Friedens gehört. Kulturelle Eigenart und dergleichen.

    Was war denn dort das einordnende Kriterium?

  2. ... der Trittbrettschreiber am Dezember 14th, 2022 10:58 a.m.

    @Antismen

    Wir leben ja in einer Zeit der Diversifizierungen, nicht nur sexuelllibidinöstriebvermummt sondern auch z.B. in der Autoindustrie. So langsam kommt da aber ein Hauch von Frust auf. Bei der m/w/d/xten Extrawurst wird der sanfteste Metzger wild und erwägt, hinzuschmeißen. Insofern ist die Idee, Antisemitismen, Islamismen, Ausländerismen, Flüchtlingismen sowie Diskriminismen und viele andere Verblödismenin einen Topf zu füllen und oben drauf möglichst wenig BeauftragtInnen zu setzen, die den Deckel darauf halten. Wäre doch ein Anfang – damit mans wieder ruhig zischen lassen kann…für die hcksismen…

    https://youtu.be/SDWAuVK7mJc

  3. Antismen am Dezember 14th, 2022 6:00 p.m.

    Well spoken like a true and humble *hicks**, Sir!

    *) One of the few cases where stars are correctly applied, shame no-one cares, hand me the Rotgut, cheers

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