1979, Stammheim und andere strafbewehrte fahrlässige Veröffentlichungen

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Wie ich neulich schon schrieb: Ergänzend zu Austs Der Baader-Meinhof-Komplex habe ich jetzt Oliver Tolmeins: RAF – Das war für uns Befreiung: Ein Gespräch mit Irmgard Möller über bewaffneten Kampf, Knast und die Linke gelesen. Es hat mir etwas gebracht, obwohl ich das gar nicht erwartet hatte; ich behaupte sogar, das Buch gehört zum Kanon der gebildeten und historisch bewussten Linken. Ich muss zugeben, dass ich jetzt keine Meinung mehr dazu habe, was in der Todesnach von Stammheim wirklich geschehen ist – zu viele Variablen. Ich traue allen – beiden Seiten – alles zu. Wir werden die Wahrheit vermutlich nie erfahren.

1979 nahmen die USA und die Volksrepublik China diplomatische Beziehungen auf.

Der Schah von Persien verließ sein Land. Die fundamentalische Opposition unter dem aus dem Exil heimgekehrten Ayatollah Chomeini übernahm die Macht und gründete einen anfangs begeistern, weil, so ihre Hoffnung, von den Mullahs statt des verhaßten Marxismus eine Alternative zum westlichen Fortschrittsmodell entwickelt wurde. 1980 kam es zwischen dem Iran und dem Irak zum 1. Goldkrieg.

1979 siegte sandinistische Revolution in Nicaragua. Am 24. Dezember 1979 intervenierten sowjetische Truppen in Afghanistan, um den ehemaligen Sozialisten Hafiz Allah Amin, der ein zunehmend terroristisches Regime etablierte und Kontakte zu den USA und Pakistan knüpfte, zu entmachten und eine sozialistische Regierung unter Babrak kamal zu stützen.

In Europa standen die Zeichen auf Eskalation der Nato beschloß 1979 die sogenannte Nachrüstung, die Stationierung atomarer Marschflugkörper und Mittelstreckenraketen. Die BRD und die USA schlossen das für den Kriegsfall gedachte „Wartime Host Nation Support-Abkommen, das später für Interventionen der USA und der Nato im Nahen und Mittleren Osten Bedeutung bekam. (Tolmein, S. 158)

Wo war ich? Ich hatte gerade mein Studium und die Examen abgeschlossen und flog am 18.09.1979 von Berlin nach New York und von dort aus über Mittel- nach Südamerika, wo ich mehr als ein halbes Jahr umherreiste.

Ich kenne heute Leute, die 1979 noch gar nicht geboren waren. Wissen die von den Ereignissen, und was bedeuten die ihnen?

Ich habe jetzt angefangen, das Buch Pieter Bakker Schuts Stammheim – Der Prozess gegen die Rote Armee Fraktion: Die notwendige Korrektur der herrschenden Meinung zu lesen. Warum? das Buch wurde nach seinem Erscheinen von allen Mainstream-Medien totgeschwiegen. Der „Spiegel“ beschloß, es nicht vorzustellen, der „Stern“ – damals ein wichtiges Medium – lehnte eine Besprechung ab. Das änderte sich erst später:

Am 18. August 1987 wurde auf Antrag des Generalbundesanwalts bestimmt, das Buch und „die zur Herstellung des Druckwerkes gebrauchten oder bestimmten Vorrichtungen zu beschlagnahmen. Der Generalbundesanwalt hatte ein Ermittlungsverfahren gegen Peter H. Bakker Schut und den Neuen Malik Verlag nach § 129a, Abs. 3 StGB eingeleitet. Im September folgte die größte Durchsuchungsaktion, die der westdeutsche Buchhandel nach dem Kriege erlebt hatte. Setzerei und Druckerei wurden durchsucht und mit Hilfe der in der Verlagsauslieferung aufgefundenen Rechnungsunterlagen wurden in über 300 Buchhandlungen ca. 3.000 Exemplare des Titels beschlagnahmt.

Ach? Wovor hatten die so eine große Angst? By the way: Natürlich gab und gibt es politische Zensur in Deutschland. Und den leider schon vor mehr als einem Jahrzehnt gestorbenen Pieter Bakker Schut halte ich für einen großartigen Typen. Nur damit ihr vor lauter Paddelbildern nicht vergesst, bei wem ihr hier mitlest….

Kommentare

5 Kommentare zu “1979, Stammheim und andere strafbewehrte fahrlässige Veröffentlichungen”

  1. ... der Trittbrettschreiber am Juli 29th, 2018 8:19 pm

    Danke Burks, für diese den sesselfurzenden Alt-Nerd noch einmal retrospektiv erhebenden und erbauenden Hinweis auf die Zeit der manuellen Zensur. Da kann man sich nochmal so richtig nonkonformistisch fühlen und an Fritz(Teufel) und Kollegen denken und selbstverständlich auch an das Slumberland am Nolli, wo sich die Jung-Bourgeoisie in High-Heels und Hot Pants beim Coktail ganz schick zum Sympathisantenkreis der RAF deklarierte. Der drittletzte Satz und Dein Hinweis auf politsche Zensur treibt mir ein letztes Zucken altersschwachen Protests in die immer breiter werden Fissuren meines Cortex. Ich möcht‘ ja gern, kann mich aber irgendwie nicht mehr aufregen. Nicht dass es mir egal wäre aber vielleicht gönne ich im positiven Sinne all diesen modernen Menschen in ihren SlimFits, dass sie eben gerade das nicht wirklich merken. Kann Glücklichsein im ‚Audi tt‘ überhaupt sabotiert werden?

  2. bloedbabbler am Juli 30th, 2018 1:43 am

    Moin, wenn der junge Ortega et al. nicht mit Doc Brown unterwegs waren, dann hast du dich beim Datum der chlorreichen Sandinistas vertippt. ;-)

  3. Juri Nello am Juli 30th, 2018 3:02 am

    Noch dazu gibt es ein Generationenproblem. Unter 20 Jahre Stammheim verstehen sicher einige etwas Anderes.

  4. Martin Däniken am Juli 30th, 2018 3:13 pm

    „Wem es zu viel wird, ständig mit juristischen Fachbegriffen konfrontiert zu werden,
    der sollte auf jeden Fall die Hände von diesem Buch lassen.
    Für Juristen und Politologen ist es sicher zu empfehlen.
    Alle Anderen können sich durchaus das Buch kaufen, müssen aber dann darauf gefaßt sein,
    es nach dem ersten Drittel wieder entnervt in den Schrank zurückzustellen
    und eventuell den Kauf zu bereuen.“
    befand ein Rezensent bei Amazon…
    Lassen sich die Anhänger des Brian äh Burks davon abschrecken:
    https://www.youtube.com/watch?v=4v_zB1IZvsE

  5. ... der Trittbrettschreiber am Juli 31st, 2018 6:20 am

    @Martin Däniken

    … ein Drittel geht ja noch. Ich gebe meist erst nach einem Fünftel oder manchmal sogar erst nach einem Achtel auf.

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