Ich lese den Alten gern

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Mephistopheles (allein)

Junge Welt: „Die Universitäten behandeln den Theoretiker kaum. Umso größer ist der Ansturm auf »Kapital«-Lesekreise.“

Originaltexte haben wir fast nie gelesen, solche von Marx schon gar nicht. Aber auch nicht die von Keynes (…) An der Hochschule wird der Neoliberalismus gelehrt, abseits dessen gibt es keine Angebote.“

Quod erat demonstrandum.

Kommentare

3 Kommentare zu “Ich lese den Alten gern”

  1. LordPiccolo am April 15th, 2016 4:35 pm

    Das kann ich nur bestätigen und auch auf Hanno Pahl (http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2011/pahl.pdf) und Ingo Stützle (http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/Stuetzle-To-be-or-not-to-be-a-Keynesian-.pdf) verweisen.

    Selbst in den „neo-liberalen“ Kursen, Vorlesungen etc. werden deren Klassiker nicht behandelt. Da kommen nur der Bastardkeynesianismus (https://de.wikipedia.org/wiki/Neoklassische_Synthese) und Ricardos Beispiel des Handels zwischen Portugal und England (https://de.wikipedia.org/wiki/Ricardo-Modell) vor.

    Ich würde felsenfest sogar behaupten, dass der Durchschnittsstudent, der die 08/15 BA-MA-Studiengänge absolviert, die Namen Say, Walras, Wenger etc. nicht kennt, obwohl deren Theorien DIE Grundlage für die Studiengänge bilden.

  2. MH am April 16th, 2016 12:26 pm

    Nämlich darüber, wie man das System ändern kann, und wie nicht. Nur einige Reiche zu enteignen würde etwa nicht viel helfen. Denn es ist das System als Ganzes, das sich immer wieder reproduziert. Man muss es also an seinen Wurzeln packen. Das lernt man, wenn man Marx liest.

    Permanent schwingt da die Verschwörungstheorie mit, dass man Marx nicht liest oder lernt, weil man ja dann Bescheid wüsste und das ungerechte System bekämpfen könnte. Auf die viel naheliegendere These, dass seine Theorie sich eben in vielen Teilen NICHT bestätigt hat und schlicht und ergreifend überholt ist, lässt man sich nicht ein. Dann käme das Weltbild ins Wanken. Warum lesen wir eigentlich nicht die Bibel wenn wir uns für Ökonomie interessieren? Steht doch auch viel richtiges drin! Warum arbeiten die Physiker nicht noch nach Newtons Gravitationsgesetzen?

    Marx sollte man einführend lesen, um fruchtbare Ansätze aufzuzeigen und dann deutlich zu machen, wo Schwächen seiner Theorie liegen und WARUM eben die Neo-Klassik so weit verbreitet ist. Daran happert es. Den Studis wird das WARUM nicht aufgezeigt und dann wittern einige logischerweise eine Verschwörung. Dabei sind schon die simplen statischen Marktmodelle und die Herleitung der Angebots und Nachfragekurven für die meisten zu anspruchsvoll. Da kann man sichs dann natürlich leicht machen und einfach behaupten: Märkte sind eh dysfunktional, sagt ja der Marx (!), also les ich lieber den statt mal verstehen zu wollen, wie moderne Arbeitsmärkte funktionieren sollte (und was auch da noch fehlt etc.)

    Ein paar inhaltliche Punkte noch, auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass man hier in den Dialog tritt: Marx‘ dichotom angelegte Ökonomie- und Gesellschaftsbeschreibung trifft schlicht und einfach nicht (mehr) zu. Es gibt Selbstständige, nach wie vor eine breite Mittelschicht, wohlfahrtsstaatliche Regulierungen und Absicherung. Er hat die Dynamik und Anpassungsfähigkeit „des Kapitalismus“ (gibt es überhaupt den einen, s. Hall, Soskice: Varieties of Capitalism) massiv unterschätzt. (Daher ja auch die nie eingetroffnen politischen Folgen). Evtl könnte man Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Elternhaus, ohne Schulabschluss als „Proletarier“ klassifizieren, aber das sind dann <10% und nicht die 99%, denen das pöhse Kapital angeblich tagtäglich so übel mitspielt. Man kann die Vermögenskonzentration kritisieren, man kann die Gängelung der Arbeitslosen und meinetwegen auch "den Neoliberalismus" an sich kritisieren, sollte aber auch mal die kontrafaktische "was wäre wenn/stattdessen" Frage stellen. Spätestens beim Grübeln über Alternativen wird es extrem dünn, wenn nicht vorher schon fundamentale Verständnisprobleme aufgetreten sind.

  3. A. Eppner am April 17th, 2016 10:01 pm

    Werter MH,
    falsch (die <10% Proletarier). Pseudobild vom Proletarier vorm geistigen Auge? Warum behaupte ich, dass Ihre diesbezügliche Aussage falsch sei?
    Beispiel: selbst ein popliger wiss. Mitarbeitet (TU-Abschluß) welcher nun an einem Institut (kopf)-arbeitet, ist, in seinem Verhältnis zu den Produktionsmitteln, Proletarier. Sogar ein Bankfilialchef kann mit diesem Bezug noch als Proletarier betrachtet werden. Arbeiteraristokratie. Wurde mal als Schicht "Intelligenz" bezeichnet. So wie die "Schicht" der Bauern/Landwirte. Schicht als enger gefasste gesellschaftliche Gruppe. Aber mir ist lieber, von Klassen zu reden. Ist eindeutig.
    Schallts mir jetzt entgegen: Mittelstand, Ärzte/Anwälte, selbständige Handwerker etc.? Im Vergleich mit den Großen Einkommen (das Promille oder weniger der Weltbevölkerung, dem wohl 60% des Planeten Erde gehören – mit welchem Recht eigentlich, außer dem der Stärke ("Faustrecht")) ist dieser Mittelstand nur Peanats, auch was die Aneignung des Mehrwertes betrifft. Behaupte ich mal. Lasse mir aber gern das Gegenteil beweisen.
    Man kann in der Analyse der gesell. Verhältnisse alles auf einige wenige Grundlegende Dinge reduzieren und nunmehr zwangsläufig schlußfolgern: Marx/Engels (und auch Lenin) lagen mit ihren Analysen richtig. Wir haben immer noch Kapitalismuß, auich wenn sich die Mehrheit der Reaklität verweigert. Im Sinne von Klassenbewußtsein.
    MfG A. Eppner

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