Der lange Marsch in den Mainstream

Dieser Text erschien am 15.8.1997 (!) im Berliner Tagesspiegel. Er war bisher nicht öffentlich zugänglich, aber es wird darauf verwiesen. Jetzt also für alle lesbar…(ohne Links)

Der lange Marsch in den Mainstream
“Und der Schmul’ mit krummer Nase,
Krummer Vers’ und krummer Hos’,
Schlängelt sich zur hohen Börse,
Tief verderbt und seelenlos.”
Diese Zeilen stammen von einer CD der Neonazi-Rockband “Saccara” aus Meppen. Titel des Liedes: “Schmulchen Schievelbeiner”. Text: Wilhelm Busch. Jeder weiß gemeint ist: das antisemitische Klischee des Juden. Und trotzdem wird man Wilhelm Busch wohl kaum auf den Index setzen.

Die vier Zeilen und die Rechtsrock-Band aus dem Emsland widerlegen so gut wie alle Klischees, die in der Öffentlichkeit über die ultrarechte Musikszene herumspuken. Die Musiker sind keine Skinheads, sondern Langhaarige, die ihre Karriere in der Heavy-Metal-Szene begannen. Nur ein Teil der rechten Texte verherrlicht direkt Gewalt, primär geht es um den Transport rassistischer und antisemitischer Versatzstücke. Die Käufer der Platten und CDs gehören in der Regel nicht der Neonazi-Szene an, sondern sind ganz normale Jugendliche, die sich meist als unpolitisch verstehen. Trotzdem bommt der Rechts-Rock. Wer nicht bewußt darauf spekuliert, Texte durch Verbote erst recht interssant zu machen, kann juristische Hürden leicht umgehen. So wird die neueste Platte der Band “Arisches Blut” mit dem Hinweis angepriesen: “intelligente Umschiffung bundesdeutscher Gesetzesklippen.”

Im neonazistischen Mailboxen-Verbund “Thule-Netz” erschien vor wenigen Wochen der Hinweis, daß Bands aus dem ultrarechten Spektrum vor allem in den neuen Bundesländern fünfstellige Verkaufszahlen erreichen, ohne daß ihre Musik beworben, im Radio gespielt oder in normalen Läden angeboten wird. Das Angebot richtet sich nach der Nachfrage, wie in der Marktwirtschaft üblich, nicht umgekehrt. Mit Rechtsrock läßt sich viel Geld verdienen. Die, die das professionell tun wie der Düsseldorfer RockNord-Verlagschef Torsten Lemmer, stehen den Inhalten in der Regel gleichgültig gegenüber. Indizierungen gelten als kalkulierbares Geschäftsrisiko. Verluste werden durch Preisaufschläge wettgemacht. Das Geschäft mit ultrarechter Musik hat große Ähnlichkeit dem dem Drogenhandel und läßt sich mit nur polizeilichem Zugriff und juristischen Mitteln ebensowenig in den Griff bekommen.

Die Szene hat sich in den letzten Jahren diversifiziert. Skinhead-Bands wie “Landser” bestätigen ganz bewußt das Klischee “dumm, brutal, gemein”. Der bekannteste Rechts-Barde Frank Rennecke steht musikalisch in der Tradition des Liedermachers, politisch in der des Nationalsozialismus. “Rheinwacht” bietet auch melancholischen Gitarren-Rock oder musikalische Imitate der “Böhsen Onkelz”. Viele Bands, deren Outfit bei Techno-Parties nicht auffallen würde, sind nur einem lokal eng begrenztem Personenkreis bekannt. Einschlägige Konzerte, deren Termine nur per Mundpropaganda weitergegeben werden, ziehen bis zu 1000 Besucher an. Jedes Wochenende findet mindestens eines statt, häufig getarnt und angemeldet als private Feier. Hochglanz-Magazine wie “RockNord” aus dem rechtsextremistischen Spektrum werben mit eigenen Internet-Seiten, von denen Tonbeispiele der Bands abgerufen werden können. Lokale Skin-Fanzines wie “Foier Frei” aus Chemnitz erreichen nur geringe Auflagen, dafür gibt es aber Dutzende der primitiv zusammengestoppelten Blättchen.

Die GEMA hat sich Anfang August von Werken distanziert, “die sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung wenden”. Das immer wieder reflexartig abgespulte Ritual, “damit” nicht zu tun haben zu wollen, zeigt nur, wie hilflos die Öffentlichkeit auf eine Entwicklung reagiert, die bisher kaum wahrgenommen wird: Die rechte Szene hat sich aus dem Dunstkreis neonazistischer Politsekten gelöst und sich – vor allem im Osten – als soziale Bewegung in das Alltagsmilieu integriert.

Das zeigt sich vor allem in der Musik: Rechte Inhalte werden als solche nicht mehr politisch wahrgenommen, sondern als “normal” akzeptiert. Der Reiz der Texte besteht in der Opposition zum “System”. Die gewalttätige Attitude gehört zur Vermarktungsstrategie wie das martialische Band-Logo: “Brutal Attack”, “Kraftschlag”, “Oithanasie”. Rassisten und Antisemiten gelten aber in der Öffentlichkeit und bei Sozialarbeitern in den neuen Bundesländern nicht als Problem, solange sie nicht gewalttätig werden. Die beiden wichtigste Nazi-Bands aus Sachsen-Anhalt, “Elbsturm” und “Doitsche Patrioten”, durfen jahrelang in Magdeburger Jugendclubs proben, gefördert mit Mitteln des AGAG-Programms, obwohl ihre Konzerte regelmäßig von der Polizei verboten wurden. Der Antisemitismus als zentrale Klammer rechtsextremistischer Einstellungen gerät so aus dem Blickfeld. Das Ergebnis ist dementsprechend: Die rechte Szene ist im Aufwind, obwohl polizeilich registrierte Gewalttaten aus politischen Motiven zurückgehen. Kapitalismuskritik mittels Musik samt nationaler und sozialistischer Einsprengsel ist im Osten ein Renner.

“Sie ist sehr hart, die Zeit in der wir leben, so soll auch die Musik dazu sein,” textet Saccara. Rechtsrock ist zum einen ein Initationsritual für die aufbegehrenden Underdogs am Rande der Wohlstandsgesellschaft: Die nehmen die Rolle des unverstandenen Verlierers ein – eine beliebte Attitude bei Jugendlichen, vor allem in den neuen Bundesländern. Weder das Gemeinschaftsgefühl der Punks noch Party-Stimmung des Lehrer-und-Ärzte-Pop noch Kommerz des Techno-Mainstreams: Rechte Musik ist zum anderen eines der letzten Dissidenz-Reservate für Jugendliche und bezieht daher ihren Reiz.

Ähnlich verlief die Geschichte der Skinheads, der ältesten Jugendkultur Europas, die sich seit 30 Jahren beharrlich dem Zugriff wohlmeinender Sozialarbeiter und auch der Kommerzialisierung verweigert. Sie, die sogenannte “Oi-Musik”, ist heute nur ein Segment der rechten Musikszene. Ihre Ikonen wie Fred-Perry-Hemden und Doc-Martens-Schuhe gelten nicht als Zeichen für Marginalisierung, sondern als Mainstram. Die Glatze ist kein Vorbote der Gewalt, sondern gängige Mode auch unter Techno-Fans, wie früher der Façon-Schnitt.

Die Nachfrage läßt sich durch Mahnen, Warnen und durch eine permanent besorgte Attitude kaum verkleinern. Wer sich reflexartig distanziert, bestätigt für die Jugendlichen den Gebrauchswert rechter Musik – Identität durch Abgrenzung gegen den vermeintlichen Mainstream.

Die gängigen Vorschläge, was zu tun sei, richten sich jeweils nach dem politischen Verwertungsinteresse: Wer Rassismus als Phänomen gesellschaftlicher Randgruppen mißdeutet, wird nach Polizei und Justiz rufen, wer Antisemitismus als Resultat fehlender Lehrstellen interpretiert, eher nach dem Sozialarbeiter. Beides wird nichts nützen. Jede Gesellschaft hat die Musik, die sie verdient.

©Burkhard Schröder

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Kommentare

One Kommentar zu “Der lange Marsch in den Mainstream”

  1. Tausende Techno-Fans ziehen durch Züricher Regen am Oktober 10th, 2009 1:19 am

    […] Blogs gefunden: Der lange Marsch in den MainstreamDieser Text erschien am 15.8.1997 (!) im Berliner Tagesspiegel. Er war bisher nicht öffentlich […]

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