Klöße auf Pappteller an Allohol

Dass ich’s nicht vergesse: Warum ich immer nur schwarze Kleidung trage, kann man hier nachlesen. „…es ist das Sattdunkel von Druckerschwärze, Jazzkneipen und Sartres Lungenflügel: Das sei eben die Couleur der „Weltverbesserer“, der „Moralisten“, meinen die einen.“ Undsoweiter. Und angeblich ist Kaiserwillem schuld.

Natürlich wollte ich gestern bloggen, wurde aber von guten Freunden kurz vor Mitternacht aus virtuellen Welten und aus meiner Wohnung gezerrt und in die letzte noch offene Kneipe in Neukölln geschleift (Schudoma – Ecke Böhmische Straße), die ohnehin 24 Stunden geöffnet hat und schon von außen so aussieht, dass jeder Nicht-Neuköllner gleich Reißaus nehmen würde und nur extrem hartgesottene Menschen oder Ex-Globetrotter wie ich, die auch vor Hafenbars in Honduras oder Puffkneipen in Peru nicht zurückschreckten, sich trauen, durch die Tür in das vom Proletariat bw. Ex-Proletariat bevölkerten Innere zu trefen. Die Kneipe hat noch nicht einmal ein Telefon, das ist irgendwann kaupttgegangen. Wozu gibt es Handys.

Die Bedienung war eine hübsche junge Lesbe mit rot gefärbten Haaren, die so resolut mit den anwesenden Berufsalkoholikern umsprang, dass selbst ein Hauptfeldwebel Haltung angenommen hätte. Das war auch gut so, denn bei dem Promillespiegel der Gäste musste darauf geachtet werden, dass die Dartpfeile zumindest in die richtige Himmelrichtung geworfen wurden. Zwischendurch schob die Hennarothaarige Klöße mit Gänsebraten in die Mikrowelle und verzehrte ihren Weihnachtsschmaus auf einem Plastikteller stehend hinter der Theke und schnauzte einen Gast an, der sich vergeblich bemühte, von seinem Stuhl aufzustehen, um uns ein Gespräch aufzuzwingen, aber dafür zu sehr schwankte, er sollte gefälligst sitzenbleiben und die „Schnauze halten“.

Morgens um kurz nach vier kamen noch zwei Neuköllner Omas mit putzmunteren Tölchen herein. Vielleicht hatten die Tierchen nur zu einer ungewohnten Zeit ihr Geschäft verrichten müssen oder die Damen konnten einfach nicht schlafen. Es war das hinterste Neukölln, wie man es nicht ausdenken kann, auch nicht mit blühender Fantasie, weil es einem keiner glauben würde. Ich habe mich jedenfalls kringelig gelacht und habe jetzt einen schrecklichen Kater und weiß gar nicht mehr, wann und wie ich die 100 Meter nach Hause gekommen bin.

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