Der muslimische Onkel in Scarborough

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Scarborough, Republic of Trinidad and Tobago), fotografiert 1982. Der „Onkel“ und ich beim Schreiben arabischer Buchstaben.

Aus meinem Reisetagebuch, März 1982: In Scarborough bleiben wird im „Z“ Mohammed’s Guesthouse in der Nähe des Busbahnhofs, ein abgerissener, aber preiswerter Schuppen.

Lauter Moslems, meistens aus Indien oder Pakistan, und ein Araber aus Jerusalem, der in den 30-er Jahren in die Karibik ausgewandert und hier gestrandet ist. Angeblich war er in der deutschen und in der britischen Armee. Alle nennen ihn den „Onkel“, (…) Der „Onkel“ scheint eine Menge Leute zu unterhalten. Mir zeigt er das arabische Alphabet. (…)

Am Abend kleine Unterhaltung zwischen islamischem, christlichem und hinduistischem Kulturkreis. Der „Onkel“ traut den Frauen nicht, raucht und trinkt nicht, aber kauft jede Menge Lotterielose. Witzige Unterhaltung über das Kaugummi, auf das ich mich versehentlich setze. Die Leute hier sind erstaunlich gut informiert.

Kritik der Kritischen Kritik

Garbor Steingart

Die Neue Zürcher Zeitung interviewt den Journalisten Gabor Steingart (nach dem beliebten Motto: Journalisten interviewen Journalisten oder auch Journalisten bepreisen andere Journalisten). Es geht auch um Steingarts Blog Das Morning Briefing.

„Der profilierte Journalist“ – wait a minute – gibt es auch unprofilierte Journalisten? In der Tat, leider werden die nie interviewt. Oder sitzen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten ein und schreiben mit Gendersternchen, dass es nur so in den Ohren klingelt.

Im Ernst – mich interessierte das, weil Steingart gute und richtige Dinge sagt und ich mit burks.de natürlich genau so profiliert sein möchte, wenn ich mal groß bin. Ich werde aber nicht, das kann ich jetzt schon prophezeien, mit Fotos glänzen, die mich zusammen mit Vertretern der herrschenden Klasse zeigen – das wäre mir zu deutschjournalistisch. Burks und Putin, womöglich beide mit nacktem Oberkörper – was sollte mir ein Künstler damit sagen? Und was will mir Steingart mit einem ähnlichen Bild mitteilen, nur bekleidet? Die da oben reden mit mir? Ach Gottchen, da kommen mir die Tränen.

„Im Vergleich zum Branchendurchschnitt herrscht hier eine geradezu ansteckend gute Laune.“ Woher wollten Martin Beglinger und Marc Tribelhorn von der schweizer Zeitung das wissen? Vielleicht lächeln die dort nur aus Angst vor ihrem Chef? „Durchschnitt“ verlangt nach einer belastbaren Statistik, oder es ist nur Fantasy Lyrik. Lässt schon wieder Relotius grüßen?

„…seine so elegant wie scharfsinnig formulierte morgendliche Weltschau“. Vielleicht hat der vorher mein Blog studiert und sich rhetorische Tricks abgeschaut? Oder ist ab Werk schon so toll? Oder ich bin gerade auf einer Ölspur ausgerutscht?

Wenn jemand sagt, er lese gern auf Papier, ist das keine Meinungsäusserung, sondern eine Altersangabe. (…)

Aber dass jetzt Haltung zu unserem Hauptanliegen werden soll und wir nicht über Klimaschutz berichten, sondern ihn einfordern und Journalisten sich als Aktivisten verstehen, das halte ich für falsch. (…)

Full ack.

Alle kommen aus denselben Klöstern. Zumindest vom Ressortleiter an aufwärts wohnen alle in denselben Stadtteilen. Altbau, Stuckdecke, SUV, wenn möglich mit Hybridantrieb. Grün wählen, aber abends «fine dining». Wir sind uns alle viel zu ähnlich.

„Alle“? Einspruch, Euer Ehren. Vielleicht die Festangestellten und die, die ihr Schäfchen finanziell im Trockenen haben, wie eben Garbor Steingart. Man sollte ihm seine Mittelschichts-Herkunft aber nicht zum Vorwurf machen: Friedrich Engels war Sohn eines Fabrikanten Unternehmers und hat sich dennoch nicht zugunsten des Kapitals geäußert.

Die Leser sind vielen Journalisten lästig, sobald sie mitreden wollen. (…) Wir müssen von der für uns sehr schmerzhaften Tatsache ausgehen, dass unsere Leser nicht dümmer sind als wir.

kritik der kritischen kritik
Symbolbild für die Kritik der kritischen Kritik

SCNR: Die meisten Journalisten sind so dumm wie ihre Leser. Ich zweifele an der Schwarmintelligenz, zumal sich online und anonym oft Leute zu Wort melden, die die direkte verbale Konfrontation scheuen würden. In einer Gruppe verhält sich die übergroße Mehrheit irrational, auch gegen ihre Interessen. Das Schwarmverhalten hat seine eigenen Gesetze – ob im DJV, einer beliebigen Partei oder im Internet. Wer’s nicht glaubt, frage Elias Canetti.

Hält Steingart das, was er ankündigt? Ich habe mir ein paar Artikel angesehen.

Pate Putin ist erste Wahl. Putin. Putin. Putin. Das ist ja fast schon wie die Hitler-Besessenheit von N-TV oder N24. Große Männer machen nicht die Geschichte. Und dann wieder die russischen „Hacker“. Ab da habe ich nicht weitergelesen. (Zum Glück, beim Herunterscrollen sah ich unten noch Bilder von Mitgliedern des britischen Königshauses.)

Warum die Welt Deutschland braucht. Also nee. Was für ein Quatsch. Aber ich bin vermutlich weder eine werberelevante Zielgruppe noch überhaupt eine für Steinhart. Ich hätte hingegen gern eine öknonomische Analyse, etwa auf dem Niveau der Neuen Rheinischen Zeitung. Da ist noch viel Luft nach oben. Sätze wie: „Die Realwirtschaft dagegen wird in 2020 erneut durchstarten“ sind Gefasel und Neusprech und schrammen an meinem Wanderpokal Lautsprecher des Kapitals nur knapp vorbei.

Fazit: Das Morning Briefing ist deshalb populär, weil es persönlich ist wie ein Blog, also ein humanoides Gesicht hat, weil es – wie eine gedruckte Zeitung – ein Kaleidoskop unterschiedlicher, fast immer irgendwie politischer Themen anbietet (im Gegensatz zu burks.de, wo die wohlwollenden Leser und geneigten Leser sogar mit Second Life und anderem irrelevantem Unfug belästigt werden), und weil es viel kürzer ist als die Politik-Seiten eines der großen Medien. Die Sprache ist um Klassen besser als zum Beispiel ausnahmslos jedes publizistische Machwerk der „Linken“ mit deren verschrobenem Mischmasch aus Bürokraten- und Soziologenjargon.

Ohne Steingart wäre das Morning Briefing gleich futsch, wie auch die Konkret ohne Gremliza nur ein Schatten ihrer selbst ist (und von mir abbestellt wird, da die jetzt Gendersprache einführen – als Tribut an den gefühlten sprachesoterischen Szene-Mainstream).

#vereinsmeierei [Update]

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DJV Berlin und JVBB in Berlin fusionieren nach 15 Jahren Trennung. Gespannte Erwartung bei der gemeinsamen Mitgliederversammlung. Ein neuer Vorstand wird gewählt. #djvjvbbfusion #vereinsmeierei #djv #djvberlin #jvbb #journalisten

[Update] Zu Stellvertretern des Vorsitzenden wurden Anne Jacobs und Bernd Lammel gewählt.

Zum Schatzmeister wurde Klaus Enderle (Personalrat Deutsche Welle) gewählt. Besitzer im Vorstand sind Negim Bekam (eine junge Journalistin aus Persien), die Fotografin Nina Zimmermann , Jens Schrader und Andreas Oppermann.

Schriftführer ist Christoph Nitz.

Der DJV Berlin war bis jetzt nicht in der Lage, die Ergebnisse auf seiner Website zu veröffentlichen. Ich musste das selbst recherchieren. Wie ich die Gemengelage kenne, werden auch, wenn das der Fall sein wird, keine Links gesetzt werden, damit der interessierte Leser sich informieren könnte. Aber manchmal geschehen nich Zeichen und Wunder…

Vgl. auch das Recherchegruppe-Blog.

Russian Affairs oder: Unter Sugar-Daddys

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Allerwärmste Empfehlung: Russian Affairs (Amazon Prime) – ein Thriller mit wenig Gewalt, aber viel Sex. Ich habe mich bei den Kommentaren auf Amazon amüsiert, vor allem einige Frauen meckern herum. Ich finde die Serie großartig, intelligent und zynisch. Der Regisseur Konstantin Bogolomov haut den Russen ihre Heuchelei – vor allem die der oberen Klassen – um die Ohren, dass es nur so scheppert.

Ich empfehle ein Interview mit ihm über russische Zensur und Sebstzensur zu lesen:
Das Problem in Russland ist gerade, dass sich viele aus Angst zu einer gewisse Selbstzensur verleiten lassen. Autoritäten sagen: Mach das nicht! Wir werden es dir nicht verbieten, aber wir raten dir, es nicht zu tun. Und viele sagen dann: Ok, ich werde es nicht machen. (…) Das wahre Gesicht der Gesellschaft wird versteckt, sagt Bogomolov. Das Problem ist, dass Russland sehr kindisch ist, wir benehmen uns nicht wie Erwachsene in all diesen Dingen. Wir sind sehr naiv, wenn es um die Homosexuellen-Thematik geht.

„Russian Affairs“ hat alles, was ein guter Thriller braucht, ist aber für „westliche“ Verhältnisse extrem politisch inkorrekt: Schwule und Lesben kommen nicht vor, obwohl irgendwie jeder mit jeder aus unterschiedlichen Gründen ins Bett geht.

Die meisten Kommentatorinnen bemängeln, dass die Frauen ziemlich schlecht wegkommen. „Alle Frauen sind Luder“, sagt der Familienpatriarch Igor (Sergeï Bourounov), der im Hintergrund die Fäden zieht und im Wweifelsfall allen zeigt, wo >Gott wohnt -und vor dem alle Angst haben – zu Recht. („Warum hat mich Dein Vater überwacht?“ – „Ex-Geheimdienstler überwachen immer alle.“)

Das Thema – neben dem Whodunnit-Plot – sind Affären und vor allem die Sugar-Daddys. Der Regisseur bricht überzeugend die Ehen und Sex-Affären auf das herunter, was sie sind – Frauen wollen Geld und Sicherheit und nehmen Gefühle billigend in Kauf, Männer wollen Sex. Das hat nichts mit Moral zu tun, sondern eher mit „das Sein bestimmt das Bewusstsein“.

Das möchten MeToo-Aktivistinnen natürlich nicht hören. (Dazu sollte man einen klugen Artikel von Tanja Röckemann in der aktuellen Konkret lesen: „Auch im Fall Jeffrey Epstein werden die strukturellen Ursachen sexueller Übergriffe geleugnet“.)

Die Serie ist noch nirgendwo ernsthaft rezensiert worden. Das ist sie aber wert. (Ich habe sie auf Russisch mit deutschen Untertiteln angesehen – die deutschen Synchronstimmen sind, wie gewohnt, unerträglich und passen nicht.) Auch für eine Liste der Darsteller musste ich suchen.

„Russian Affairs“ lebt von den starken Frauenfiguren, obwohl deren Situation nicht „stark“ ist. Sofya Ernst (Darya Smirnova) ist die heimliche Hauptdarstellerin: Sie spielt ihre Rolle als „dumme“ Geliebte einerseits und Intrigantin, die genau weiß, was sie will, so überzeugend, dass man nie weiß, was sie wirklich im Schilde führt. Am Anfang erscheint sie wie ein Dorftrottel, der ins Getümmel der Metropole gerät, aber weit gefehlt!

Ihre schauspielerische Gegenspielerin ist die Kommissarin Elena Darya Moroz, die mit ihrer Attitude und dem Kurzhaarschnitt herüberkommt wie eine Kampflesbe, aber auch die Männer in die Tonne wirft, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben. Vermutlich verlangt der Geschmack des Publikums, danach, dass eine toughe Komissarin, die die Kerle herumkommandiert, nicht wie ein feminines Model aussieht. Diese Kommissarin wäre in einem deutschen Film so undenkbar, vor allem am Ende der Serie (mehr verrate ich nicht).

Eine hübsche Nebenrolle hat auch Ekaterina Aleksandra Revenko als Youtube-affine Lolita, die sich in ihren Lehrer ranmacht (Sergey Chonishvili spielt ihren Vater. Leider habe ich den Namen ihrer bildhübschen filmischen und fast gleichaltrigen Stiefmutter, mit der sie sich nur herumzofft, nicht herausgekriegt). Auch hier ist der Ausgang unerwartet und zynisch.

Der Lehrer, der Gatte des Kommissarin, ist die einzige moralisch einigermaßen „positive“ Figur, aber ein Langweiler – neben Irina Starshenbaum als stille und betrogene Ehefrau, die immer noch ein paar Karten im Ärmel hat, wenn es darauf ankommt. Aber auch er sitzt am Schluss auf einem Scherbenhaufen und wird für seine Integrität nicht belohnt.

Aleksandr Kuznetsov (den ich schon aus der russischen SF-Serie Better than us kannte) gibt den Loverboy für zahlreiche Damen, sozusagen als männlichen Gegenpart zu den Geliebten, aber niemand kann mir erzählen, dass das eine erstrebenswerte Rolle ist.

In weiteren Rollen Olga Sutulova und Alexandr Zbruev und noch einige – ich habe nicht alle gefunden.

Ich warne hiermit: Man findet nicht wirklich heraus, wer der Mördereiner der Opfer ist. Am Schluss hat man – auch die Kommissarin – mehrere Optionen und muss selbst entscheiden, was wahr sein könnte. Höchst intelligent und unterhaltsam! (Ich habe für „Russian Affairs“ sogar die 4. Staffel von „The Expanse“ pausieren lassen.)

Das Ende suggeriert, dass es noch mehr Staffeln geben könnte. Ja, bitte und bald!

Thinking

Southern Pacific

Ich wüsste zu gern, was mein Avatar in Second Life jetzt denkt. Vermutlich ist er sauer, weil ich so wenig Zeit für ihn habe…

Skytinnen

Skythen
Credits: www.archaeolog.ru

Durch IFLScience erfuhr ich von einer russischen Expedition und Ausgrabung: „Ancient Scythian ‚Amazon‘ women discovered in Russia buried alongside their weaponry“.

EurekAlert hat noch mehr zum Thema:
At the southern and western wall there were two untouched skeletons laid on the wooden beds covered by grass beddings. One of them belonged to a young woman buried in a „position of a horseman“. As the researches of the anthropologists have shown to lay her in such way the tendons of her legs had been cut. Under the left shoulder of a „horsewoman“ there was a bronze mirror, on the left there were two spears and on the left hand there was a bracelet made of glass beads. In the legs there were two vessels: a molded cassolette and a black lacquer one hand cantharos which was made in the second quarter of the 4th c BC.

Die Reiternomadenvölker der Steppen nördlich des Schwarzen Meeres, auch als Skythen bekannt, waren „Kulturbringer“. Das erinnert mich daran, dass ich immer noch David W. Anthonys Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World lesen will. Liegt hier auf meinem Schreibtisch (vgl. Pontos Euxenios, 24.03.2019).

Southern Pacific

Southern Pacific

Southern Pacific – aufgenommen im September 1981, irgendwo im Südwesten der USA auf dem Weg nach Santa Fe, Texas (durch die Scheiben eines Busses fotografiert, daher der Grünstich).

Turk Stream, revisited

turkstream

Ich hatte hier am 20.11.2018 und am 31.03.2016 ausführlich über die ökonomischen Interessen gebloggt, die bei den kriegerischen Konflikten im nahen und mittleren Osten eine Rolle spielen. (Und kommt mir nicht wieder mit der Wasserfrage.)

Es zeigt sich: Der damalige „Streit“ zwischen der russischen und der türkischen Regierung war nur temporär, da es um ökonomische Interessen geht – und hierbei kann es sich Erdogan gar nicht leisten, die Russen endgültig zu verprellen. Heute wurde Turk Stream von beiden Präsidenten offiziell eröffnet.

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Jens Berger 2010: „Die Türkei will künftig zum größten Energiehub der Welt werden. Dies geht natürlich nur, wenn man mit Iran und vor allem mit Russland kooperiert.“

By the way: Staaten, Nationen (Deutschland hat derer fünf) oder gar Völker, was auch immer das sein soll, haben keine Interessen. Nur Klassen haben Interessen. Und die können sich widersprechen oder sind temporärer Natur. Just saying.

Warmi Wañusqa oder: Die Frau, die starb

Warmi Wañusqa
Warmi Wañusqa, 4200 Höhenmeter, „…a mountain pass in the Cusco Region in Peru. It is located in the Urubamba Province, Machupicchu District.“

Aus meinem Reisetagebuch, Juli 1984, auf dem Camino de los Incas, Peru, auch bekannt als Inca-Trail:

… Es geht unablässig steil aufwärts, mit kurzen, nur meterlangen Passagen zum Ausruhen. Der Berg hinter uns gilt als Maßstab; wir steigen wirklich sehr schnell. Bald sind die drei weißen Steine [Wayllabamba] des ersten Zeltplatzes zu sehen, aber B. kann das letzte Stück einfach nicht mehr. Ich gefalle mir darin, ein wenig mit zwei Rucksäcken zu laufen. Wir erreichen mit letzter Kraft den Platz. Uns folgt der verrückte Kalifornier, der vor vier Wochen einige Sechstausender bestiegen hat und der zudem Marathonläufer ist.

Wir descansaren und sehen nach und nach noch einige total fertige Gringos eintrudeln; andere – nur wenige – steigen scheinbar ohne Ermüdungserscheinungen weiter.

Bald klettern wir weiter und hängen trotz des erzwungenen Beinahe-Gänsemarsches einige noch ab – sie hätten sich vielleicht ausruhen sollen. Jetzt geht es durch einen Märchenwald steil, sehr steil aufwärts, knapp zwei Stunden, und dann taucht kurz vor Erreichen der Baumgrenze ein wunderschöner kleiner Platz auf, eine Wiese mit Büschen und Bäumen. Wir zelten oberhalb, wo schon zwei andere Zelte stehen, weil es näher zum Wasser ist. Letzteres ist eher flüssiges Eis statt Wasser.

Wir müssen uns mit allen warmen Sachen anziehen, kochen unser Essen und genießen den prächtigen Blick auf der Berge ringsum, deren Hänge und Schneefelder sich in der Dämmerung langsam rosa färben. Gleichzeitig wird es kalt und kälter. Unter großen Mühen entfachen wir noch ein Feuer, das alle zitternden Umstehenden für eine kurze Zeit wärmt, dann zieht es alle ins Zelt.

Am nächsten Morgen stehe ich als erster draußen; das Zelt ist mit einer Eisschicht überzogen, B.s T-Shirt liegt gefroren auf einem Busch und die Wiese ist total glitschig. Der Ofen macht Schwierigkeiten, wir sind über 4000 Meter hoch, aber irgendwann bequemt er sich, und der warme Kaffee weckt allmählich die Lebengeister, selbst die kalten Zehen erwärmen sich. So beginnt der dritte Tag….

Markttreiben

Pátzcuaro

Das Foto habe ich 1981 auf dem Markt von Pátzcuaro im mexikanischen Bundesstaat Michoacán aufgenommen. Mir gefielen die Mutter mit den beiden Mädchen, die misstrauisch das Angebot begutachteten.

Causa: Soleimani [Update]

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Credits: Michael Moore

Dass ausgerechnet pazifistische Linke es betrauern, wenn religiöse Faschisten wie #Soleimani ausgeschaltet werden, zeigt mal wieder, dass der Pazifismus objektiv profaschistischen Charakter hat. (Nico Hoppe)

Natürlich werden wir nie genau erfahren, warum der iranische Terroristen-Anführer Soleimani just zu dem Zeitpunkt (und nicht schon viel früher) getötet wurde. Angeblich (via Fefe) war er im Irak, um eine diplomatische Note zu übergeben. Angeblich.

Es passt für Trump, wie schon für Clinton (siehe oben) – niemand redet jetzt mehr darüber, dass die US-amerikanischen Demokraten den amtierenden Präsidenten des Amtes entheben wollen. Die Jerusalem Post folgert ganz richtig und nachvollziehbar, dass auch Netanjahu vermutlich die nächste Wahl gewinnen wird, da sein größter Widersacher nicht anders gehandelt hätte.

Es hat schon seinen Grund, warum ich zum Thema deutsche Medien nicht mehr zur Kenntnis nehme. Was für einen gequirlten Unsinn man da lesen muss!

n-tv

Arye Sharuz Shalicar schreibt auf Facebook: An das ntv Nachrichten Team: Eure Schlagzeile ist mega-unprofessionel. ‬Suleimani ’nur‘ als General zu bezeichnen wäre ungefähr so, als würdet ihr Himmler als Polizisten bezeichnen.‬ Diese Art der verzerrten Berichterstattung ist eine Frechheit.‬ Ein anderer Nutzer kommentierte: …und die al-Quds-Brigaden werden medienweit (z.B. „Welt“) in Deutschland zur militärischen „Eliteeinheit“ aufgewertet. Obwohl schon der Name, das arabische „Jerusalem“, eindeutig zeigt, wohin die Reise geht.

Ob ein Terrorist und Schlächter „getötet“ oder „ermordet“ wird, ist eben eine Frage des Standpunkts – wie auch schon bei der deutschen RAF. Besonders dämlich formuliert Telepolis: „USA ermorden mit gezielter Tötung General Soleimani“. Mit einer Ermordung töten? Oder umgekehrt?

Ich muss leider der Bild zustimmen: „Trump hat die Welt von einem Monster befreit“: Der iranische Terror-Pate Ghassem Soleimani stand für eine Welt, die kein friedliebender Mensch wollen kann: Eine Welt, in der man jederzeit von einer Bombe zerfetzt werden kann, weil man zur falschen Zeit am falschen Ort ist.

Eine Welt, in der ganze Städte ausgelöscht werden wie Aleppo, in der blutrünstige Milizen von Tür zu Tür gehen und Zivilisten exekutieren. In der Kindergärten in Deutschland jederzeit in einem Feuerball verglühen können, bloß weil die Kinder darin jüdisch sind. In der Israel jeden Tag von der Auslöschung bedroht ist.

Die Linke faselt nur dummes Zeug. Was wäre gewesen, wenn die Alliierten ab 1939 Drohnen und Raketen besessen hätten und Hitler erledigt hätten? Wäre das auch „völkerrechtswidrig“ gewesen? By the way: welche Völker? Wahre Linke haben kein Vaterland, sagte mal irgendjemand sinngemäß.

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Für den Anfang empfehle ich eine kühle Analyse der New York Times: „Trump Kills Iran’s Most Overrated Warrior. Suleimani pushed his country to build an empire, but drove it into the ground instead.“

Wie schon so oft macht Trump außenpolitisch instinktiv vieles richtig: Er kann sich jetzt nach dem großen Palaver im irakischen „Parlament“ zurückziehen und vorher noch die Rechnung bezahlen lassen.

Der Iran ist keine militärische Gefahr für die USA, wie schon auch der Irak. Das hat der erste Golfkrieg gezeigt. Die religiös-faschistische Mullah-Bande, die dort das Sagen hat, muss sich weiter auf asymmetrische Kriegsführung aka Terrorismus beschränken.

Übrigens habe ich in den letzten Tagen viele Kommentare zum Thema gehört von denen, die in den Medien nur selten vorkommen, Polizisten, Arbeiter, Putzfrauen und -männer, Menschen, die sich abrackern und nur wenig verdienen: Fast ausnahmslos, wenn es sie überhaupt interessierte, fanden die Trumps Aktion gut und richtig. Ich weiß nicht, mit wem die Funktionäre der „Linken“ reden, aber mit den so genannten „kleinen Leuten“ bestimmt nicht. Die „Linken“ sind in ihrer eigenen Echo-Kammer gefangen – gemeinsam in den Untergang und unter die Fünfprozent-Hürde.

Ceterum censeo: Der Tod Soleimans ist aus vorwiegend innenpolitischen Gründen (der USA) erfolgt. Jemand wird ihn ersetzen. Punktuelle Angriffe von außen unterstützen immer das jeweilige Regime und führen mitnichten zu einem Regime Change.

[Update] – Washington Post: „Don’t believe Iranian propaganda about the mourning for Soleimani“.
Ali Safavi (Twitter): „OMG! Massive crowd at funeral of TERMINATED TERRORIST-IN-CHIEF, Soleimani. LOL! Tehran has a pop. of 12m. Regime offered free ride, breakfast, lunch & promised students „good“ grades to entice ppl. to attend. Attached notice from #Iran’s Industries Univ.“

Tabatinga am Solimões, revisited

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Tabatinga (Brasilien) im Dreiländereck Kolumbien-Brasilien-Peru. In Tabatinga war ich 1982 mehrere Tage. Ich war von Bogota nach Leticia (Kolumbien) geflogen und von dort aus per Fähre nach Tabatinga. Ich habe hier schon mehrfach darüber geschrieben:
Tabatinga am Solimões (11.08.2014), Am Solimões (18.01.2011), Die Mutter aller Flüsse (02.02.2004) und Am Amazonas (14.12.2004).

Fremd

Trajanssäule
Relief (Detail) der Trajanssäule – Objektdatenbank und kulturelle Archive des Archäologischen Instituts der Universität zu Köln und des Deutschen Archäologischen Instituts

Was ist „fremd“?

Die erste und wohl unmittelbarste Reaktion auf Neues und als fremd Erkanntes stellt eine Form von Beunruhigung dar, die auf der individualpsychologischen Ebene meist als Angst beschrieben werden kann. Auf kultureller Ebene erwächst Beunruhigung aus dem Bewußtsein, dass dasFremde die Normalität und damit die Identität besonders der eigenen Gruppe in Frage stellt und somit die Stabilität der gesamten Gesellschaft gefährdet. Auf der anderen Seite kann gerade das radikal Andere, das absolut Fremde, eine nicht geringe Attraktion besitzen. Faszination und Schrecken liegen in Situationen der Fremdheitserfahrung eng beieinander, allerdings nur solange, wie radikale Verschiedenheit keine Bedrohung für die eigenen gesellschaftlichen Werte und das soziale Gefüge darstellt. Meist wird nämlich das Fremde durch seine Unbekanntheit von vornherein als unbegreiflich wahrgenommen, was ihm eine Aura des Unheimlichen verleiht. Das Fremde vermag ebenso abzuschrecken wie auch zu verlocken, und zwar besonders in dem Sinne, dass man sich dieses Fremde einverleiben möchte. Die durch das Fremde in Frage gestellte eigeneOrdnung soll so vor dem sonst möglicherweise zersetzenden Einfluß eben dieses Fremden geschützt werden. (…)

Im Grunde ist also die Benennung von etwas Anderem als fremd nur dann möglich, wenn es eine (wenn auch nur geglaubte) Identität gibt, von der sich dieses Fremde unterscheidet. Fremdheit kann sich damit nur über Identität konstitutieren und geht aus einer gleichzeitigen Ein- und Ausgrenzung hervor. Tatsächlich handelt es sich bei der Distinktion um ein Grundmuster der individuellen wie auch der kollektiven Identitätsbildung.

Aus Christian Heitz: Die Guten, die Bösen und die Hässlichen – Nördliche ‚Barbaren‘ in der römischen Bildkunst. Hamburg 2009 (Online auf Academia.edu)

Baumgart am Styr, reloaded

Ich habe eine Ortsangabe in der heutigen Ukraine bei Baumgart am Styr (02.01.2019) korrigieren müssen.

Bundestrojanische Gäule

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Mit großem Interesse habe ich den Heise-Bericht über den „Spionage-Trojaner FinFisher“ gelesen. (Das heisst nicht „Trojaner“, sonder „Trojanisches Pferd“ – die Trojaner waren in Troja, und die Griechen saßen im Pferd.)

Schade, dass die Analyse des CCC „Evolution einer privatwirtschaftlichen
Schadsoftware für staatliche Akteure“ noch nicht erschienen war, als ich mein Buch veröffentlichte – es hätte Die OPnline-Durchsuchugngut ergänzt. Jetzt können wir „Butter bei die Fische“ tun. Kann die Frage: Wie fange ich mir so etwas ein? beanwortet werden?

Metzpolitik.org hatte schon vor vier Jahren geschrieben: „Die Begrenzung auf Windows 7 und Vista erscheint veraltet. Bereits vor zwei Jahren haben wir berichtet, dass FinSpy Mobile auch für alle mobilen Systeme (also iOS, Android, BlackBerry, Windows Mobile und Symbian) existiert. Und letztes Jahr haben interne Folien bestätigt, dass FinSpy alle großen Betriebssysteme (Windows, Linux und Mac OS X) infizieren kann.“

Der wichtigste Satz: „Über den Infektionsweg sagt das Team um Morgan Marquis-Boire wenig. Nur: Falls die Trojaner die mobilen Betriebssysteme nicht direkt angreifen, benötigen alle untersuchten Exemplare eine Interaktion des Nutzers, wie dem Klicken auf einen Mail-Anhang oder eine Webseite.“

Genau das – und nur das! – habe ich immer behauptet, während fast alle Medienberichte entweder das Problem, wie die Spionage-Software zu installieren sei, vornehm ignorierten oder zu Magie – der Hacker hackt und ist irgendwann drin – greifen mussten.

Aber wie soll das funktionieren, wenn das Zielobjekt nicht total bekloppt ist? Klicken auf einen Mail-Anhang? Oha! Oder gar auf einer Website? Mit oder ohne Javascript erlaubt? Selbst wenn ein unerfahrener Windows-Nutzer Virustotal nicht kennt: Leben wir denn noch in Zeiten des Loveletter-Virus, als Outlook (wer nutzt das??) Anhänge nicht korrekt anzeigte?

Netzpolitik.org wies noch auf drei weitere SChwachstellen hin: Windows 7 SP1 – Acrobat Reader PDF Exploit, Windows 7 SP1 – Browsers Exploit, Windows 7 SP1 – Microsoft Office 2010 DOC-XLS Exploits. Schon klar. Das erinnert mich an 2003: „UK government gets bitten by Microsoft Word“.

Trojaner

Hilfe, jemand wollte einen Bundestrojaner bei mir installieren! (25.06.2011) Nur gut, dass ich immer wachsam bin und die zunehmende Radikalisierung und Extremismusierung der E-Mail-Attachments bekämpfe!

Ein frohes neues Jahr aus dem Urwald!

chive

Ein Nachtrag zu meinen Postings vom 01.05.2019 „Tag der Arbeit“ und vom 04.04.2011 „Der Kautschuksammler, revisited“: Die Ehefrau des Kautschuksammlers, ihr Kind und ich (fotografiert 1984).

Es ist nicht mehr herauszufinden, wo das genau war – wir sind von Chive ein paar Stunden über einen kleinen Trampelpfad noch Nordwesten gegangen. Auf der Karte ist ein Flusslauf zu erkennen, eine Siedlung gab es damals nicht, nur zwei Hütten. Die werden natürlich nicht mehr da sein, aber der Mann hatte den Urwald ein wenig gerodet. (Es könnte hier gewesen sein.)

Babylonische Penunzen

Vielen Dank an den edlen Spender E.G. für die Penunzen!

Geld

Ich habe gestern mit einem Kollegen aus Bulgarien, der auch Russisch, Deutsch, Polnisch und Türkisch spricht, über das Wort Penunzen geredet, das ich aus dem Ruhrgebiet kenne. Es schien ihm irgendwie vertraut. Warum, fand ich in einem Buch über Polen:
Umgekehrt haben nur ganz wenige polnische Wörter den Weg ins Deutsche gefunden, sozusagen als Gepäck der Wanderarbeitei; die vor einem Jahrhundert vor allem ins Ruhrgebiet kamen. Die bekanntesten sind das umgangssprachlichc «Penunzen» für Geld (pieniądze“) und das im Ruhrgebiet geläufige «pitschen» (trinken «» pić‘).

Man muss sich das live vorstellen: In der Silvesternacht diskutieren zwei Sicherheitsmitarbeiter über linguistische Fragen, während ringsum der Wahnsinn fette Beute macht und ein komatöser Getränkeunfall nach dem anderen per Feuerwehr angeliefert wird. Und dazu gesellt sich ein Putzfachmann des Krankenhauses aus Ghana, der schmutzige Tragen säuberte und etwas beizutragen hatte: Ashanti aka Twi, seine Muttersprache, sei mit Fante aka Mfantse aka Fante-Twi fast identisch, sagte er, aber Fante werde ganz anders ausgesprochen, so dass man es kaum verstehen könne.

Wir unterhielten uns übrigens auf Deutsch und haben uns köstlich amüsiert, trotz des silverstertypischen Tohuwabohus in einer Notaufnahme. „Geh, wos wuist denn mit dera oidn Hiawan?“ hätten wir alle drei nicht verstanden.

Havanna José Martí und 2020

flughafen havanna

Aeropuerto Internacional José Martí, Havanna, Kuba, fotografiert 1984. Ich würde jetzt auch gern in ein Flugzeug steigen….

Ich wünsche allen geneigten Leserinnen und wohlwollenden Lesern ein gesundes und gutes neues Jahr 2020. Ich werde heute Nacht im Krankenhaus sein, aber zum Glück nicht als Patient.

Dschungelfieber, revisited

Serranía de la MacarenaSerranía de la MacarenaSerranía de la MacarenaSerranía de la MacarenaSerranía de la MacarenaSerranía de la Macarena

Über die Serranía de la Macarena im Osten Kolumbiens hatte ich hier schon mehrfach geschrieben (zum Beispiel auf meinem alten Blog „Dschungelfieber“, 27.01.2004, „Das Cucaracha-Massaker“, 28.01.2004).

Das oberste Bild ist ungefähr nördlich von Caño Amarillo gemacht worden. Wir haben in der Hütte eine Nacht verbracht.

Wir sind damals 1982 von Vistahermosa nach Westen durch den Dschungel marschiert und haben drei Tage lang keine Ortschaft gesehen. Wichtigste Frage: die Orientierung. In den Kneipen des Weilers sagte man uns, es gebe am Rand der Berge ein paar bewohnte Häuser und mehrere kleine Fincas. Wir würden nicht verlorengehen. Nach rund zwölf Stunden hätten wir den Rand des Gebirges erreicht. Wir sollten uns unbedingt den riesigen Wasserfall ansehen, irgendwo da oben in den Bergen. Ein campesino, der dort arbeitete, würde in ein paar Tagen per Pferd dort hinreiten. Es gebe auch einen Weg, der an manchen Stellen schwer zu finden sei… Der Bauer – wohl eher ein schlichter Landarbeiter – war schnell aufgespürt. Er würde uns auf halber Strecke einholen, sagte er. Und dann sähe man weiter…

So geschah es. Damals operierte in exakt dieser Region schon die Guerilla FARC. Ich war damals jung und naiv; heute schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen, was ich mich getraut habe. Ob der campesino nur ein Landarbeiter war oder ein Guerilla inkognito? Ich weiß es nicht.

Endlich eine Lichtung – wir sind dreizehn Stunden unterwegs. Ein paar offenbar verlassene Häuser; der campesino und sein Pferd warten schon auf uns. Im Hintergrund ragen die Bergzinnen der Sierra in den Abendhimmel – unser morgiges Ziel. Und wieder tut der Coleman-Ofen seine Pflicht. Die heisse Suppe und das Brot schmecken wir ein Festmahl in einem Fünf-Sterne-Restaurant. Apropos Brot: Wie schützt man Brot vor Ameisen und Cucarachas? Ameisen sind süchtig nach Eiweiß, sterben aber sofort, wenn sie davon kosten – Eiweißvergiftung mit Ansage: man muss nur ein Ei in der Nähe des Brotes aufschlagen. Schaben sind widerstandsfähiger und schlauer. Sie essen schlicht alles. Einige von ihnen können auch fliegen und sind äusserst hartnäckig. Eine wohl verpackte Plastiktüte, an einem Bindfaden aufgehängt, ist für sie kein Problem. Die Tüte wird gleich mit verspeist und ist morgens so löchrig wie ein Käse. Da hilft nur, den Faden mit Benzin zu tränken (auch gut gegen Ameisen) und die Tüte von aussen ebenfalls. Das Brot riecht dann nicht so gut, aber es ist wenigstens morgens noch da.

Am Abend das übliche romantische Ritual: ein kleines Lagerfeuer, Hängematte, Zigarette für die Raucher, man erzählt sich Geschichten. Die Grillen lärmen noch. Millionen von Glühwürmchen schwärmen umher, und Milliarden von Moskitos ärgern sich über das Feuer und belagern das Moskitonetz – vergeblich, wenn es richtig aufgehängt und befestigt ist. Eine Nacht im Dschungel – schöner als jede Kneipentour in Berlin oder vor der Glotze…

Ameisen, Ameisen, Ameisen – die wahren Herren des Urwaldes. Vor allem die Blattschneiderameisen (Atta colombica): die lieben Tierchen verputzen die Blätter eines ganzen Baumes in kurzer Zeit. Futter für ihre Pilzzuchten. Kaum ein Blatt, das dem nicht Stücke fehlen, säuberlich herausgeschnitten. Die strahlend schönen Orchideen und anderen Blumen lassen sie offenbar in Ruhe.

Immer wieder Flussläufe, die die Ebene durchziehen wie ein Spinnennetz. In der Regenzeit wäre vermutlich die gesamte Gegend für Fußgänger unpassierbar. Gegen Mittag: wieder eine Hütte. Eine Frau beäugt uns misstrauisch, als tauchte ein Otavaleno aus Ecuador im bayerischen Wald auf. Was wir denn in Gottes Namen suchten? Wasser zuallererst – es sind mindestens vierzig Grad im Schatten. Das ist eine einfach zu lösendes Problem: wir sollten zum baño gehen. Das „Bad“ sei nicht weit entfernt. Sie zeigt mit der Hand den Weg entlang.

Zuerst hören, dann sehen wir den Wasserfall. Er stürzt sich rund fünfzig Meter in die Tiefe, quer über das Tal. Ein sehr schönes Badezimmer haben die Leute hier. Man kann nur sitzen und staunen und sich erfrischen. Das Rauschen übertönt die Stimmen. Ein Paradies mitten im Dschungel. Eine Art Badezimmertür gibt es auch – ein umgestürzter Baumriese versperrt den Weg. Man muss klettern oder sich unten hindurchquetschen. Ein ungutes Gefühl ist garantiert: wenn der Stamm plötzlich verrutschte, wäre jeder platt wie eine Flunder.

Wovon die Siedler leben, ist unklar. In der Sierra de la Macarena sind Drogenlabore versteckt. Und die Herren narcotraficantes stören Gesetze ökologischer Art wenig. Robert Mykle schreibt: „Why is the Sierra de la Macarena so important? The Macarena is the convergence point of six major ecological and geological forces, each exerting its own unique pressure on the local flora and fauna. The end result is a high rate of mutation. The Sierra de la Macarena has Kolumbienbeen called a biological hothouse. And this biological hothouse is on fire. The Sierra de la Macarena is in danger of being burnt away. This singular world with a huge warehouse of biodiversity waiting to be unlocked is about to be lost forever.“

Wer den Dschungel nicht kennt, für den ist alles nur grün, gesprenkelt mit den bunten Farbtupfern der Orchideen und anderer Blumen. Der Urwald ist jedoch von unendlicher Vielfalt. Manchmal wird es dunkel, fast wie in der Nacht, wenn die Bäume eng zusammenrücken, den Pfad zwischen ihren mächtigen Wurzeln zusammenpressen, dass er fast unsichtbar wird. Das Laubdach wölbt sich über den Wanderern und hält die Sonne auf wohltuender Distanz. Undurchdringlicher Bambus, so dick wie ein Oberschenkel, versperrt den Weg. Eine Machete kann nichts ausrichten, oder man schuftete sich zu Tode.

Dann ist der Pfad verschwunden. Haben wir uns verlaufen? Es ist nicht jedermanns Sache, sich mit einem Haumesser in brütender Hitze den Weg freizuschlagen. Zwischen den Blättern erblicken wir nach einer halben Stunde das Tal – dort soll eine Finca sein. Und dann kommt auch der Trampelpfad wieder zum Vorschein, wo auch immer er in de Zwischenzeit gewesen sein mag. Es ist nichts Aufregendes geschehen – kein Puma oder andere unhöfliche Tiere haben den Weg gekreuzt. Um im Urwald einer Schlange Auge und Auge zu begegnen, muss man schon großes Glück haben – oder Pech, je nach Art der Schlange. Schlangen „hören“ den Tritt des Menschen und gehen ihm normalerweiser aus dem Weg. In Kolumbien gibt es Regenwürmer, die größer sind als die Schlangen in Deutschland…

Grotesco fenomeno social [Update]

habanna babilonia

Ich las gerade wieder einmal und wie immer mit großem Vergnügen Eine Nacht in Havanna von Martin Cruz Smith und wurde neugierig, ob es über Jineterismo ein Sachbuch gebe. Ja, von Amir Valle: Habana Babilonia.

Ich muss gleich warnen: Wer ein romantisches revolutionär-verklärtes Bild vom „revolutionären“ Kuba hat, sollte das gar nicht erst lesen. Das Buch ist grandios – eine Mischung aus Selbstzeugnissen kubanischer Prostituierter (weiblich und männlich) und journalistischen Fakten über die Geschichte des Phänomens schon vor der Revolution. Ein Standardwerk – nur leider mit den Folgen, dass die KP Kubas die Realität lieber unter den Tisch kehrt und Amir Valle nicht mehr einreisen lässt. Unfassbar, wie unsouverän und kleinkariert die sind. Das müsste nicht so sein.

Amir Valle hat das Buch auf Youtube erläutert (Spanisch, Teil 1, Teil 2).

Rezension: Considerado el mayor best-seller clandestino de las letras cubanas, Habana Babilonia es un serio acercamiento periodistico y testimonial a la actualidad de la prostitucion en Cuba, a traves de las historias reales de jineteras, proxenetas, vendedores de productos en el mercado negro, dueños de casas de prostitucion, promotres de espectaculos de travestismo, policias y funcionarios corruptos, trabajadores de turismo, y otras figuras de la vida cotidiana y el poder politico vinculadas a este grotesco fenomeno social.

Recostruyendo la vida intima de una de las mas reconocidas jineteras de La Habana, Amir Valle revela testimonios, entrevistas y papeles personales de jineteras cubanas, junto a un enjudioso ensayo historico sobre la prostitucion en la isla, todo ello con un altisimo nivel literario que convierte a este libro en un clasico vivo de la literatura latinoamericana.

granma

Gestern diskutierten wir im Freundeskreis. Meine These: Jeder hat das Recht, seinen Körper zu verkaufen. Selbstbestimmte Prostitution ist moralisch nicht zu verurteilen. Aber gibt es das?

Mir wurde entgegengehalten, dass der Jineterismo nur existiere, weil Touristen reich seien und Kubaner im Vergleich arm (obwohl die Kubaner, was die Gesundheit angeht, vermutlich besser versorgt sind als der durchschnittliche Deutsche).

Das Problem ist IMHO komplizierter. Prostitution, also Sex gegen Geld, wird es immer geben, solange die Ehe existiert – und für Alleinstehende sowieso. Dazu gibt es einen interessanten Artikel Clara Zetkins:
Die veränderte Einstellung der Jugend zu den Fragen des sexuellen Lebens ist natürlich ›grundsätzlich‹ und beruft sich auf eine Theorie. Manche nennen ihre Einstellung ›revolutionär‹ und ›kommunistisch‹. Sie glauben ehrlich, daß dem so sei. Mir Altem imponiert das nicht. Obgleich ich nichts weniger als finsterer Asket bin, erscheint mir das sogenannte ›neue sexuelle Leben‹ der Jugend – manchmal auch des Alters – oft genug als rein bürgerlich, als eine Erweiterung des gutbürgerlichen Bordells. Das alles hat mit der Freiheit der Liebe gar nichts gemein, wie wir Kommunisten sie verstehen. Sie kennen gewiß die famose Theorie, daß in der kommunistischen Gesellschaft die Befriedigung des sexuellen Trieblebens, des Liebesbedürfnisses, so einfach und belanglos sei wie ›das Trinken eines Glases Wasser‹. Diese Glas-Wasser-Theorie hat einen Teil unserer Jugend toll gemacht, ganz toll. Sie ist vielen jungen Burschen und Mädchen zum Verhängnis geworden. Ihre Anhänger behaupten, daß sie marxistisch sei. Ich danke für einen solchen Marxismus, der alle Erscheinungen und Umwandlungen im ideologischen Überbau der Gesellschaft unmittelbar und gradlinig aus deren wirtschaftlicher Basis ableitet. Gar so einfach liegen denn doch die Dinge nicht. (…)

Im sexuellen Leben wirkt sich nicht bloß das Naturgegebene aus, sondern auch das Kulturgewordene, mag es nun hoch oder niedrig sein. Engels hat in seinem ›Ursprung der Familie‹ darauf hingewiesen, wie bedeutsam es ist, daß sich der allgemeine Geschlechtstrieb zur individuellen Geschlechtsliebe entwickelt und verfeinert hat. Die Beziehungen der Geschlechter zueinander sind doch nicht einfach ein Ausdruck des Wechselspiels zwischen der Wirtschaft der Gesellschaft und einem physischen Bedürfnis, das durch die physiologische Betrachtung gedanklich isoliert wird. (…)

Die Zügellosigkeit des sexuellen Lebens ist bürgerlich, ist Verfallserscheinung.

Das halte ich, mit Verlaub, Genossin Zetkin, für gehobenen Blödsinn.

habanna babilonia
Altstadt von Havanna, fotografiert 1984

Die Ehe auch im Kapitalismus und auch in anderen Gesellschaften, die sich „sozialistisch“ nennen, ist eine ökonomische Einheit zur Aufzucht des Nachwuchses, der evolutionär erwünscht ist, und wird „veredelt“ durch Gefühle, die man gemeinhin Liebe nennt. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Die alten Griechen waren da schon viel weiter und differenzierten zwischen agápe, éros, philía, philautia, storgē, und xenia. Wenn Éros irgendwann nicht mehr da sein sollte, warum sollte man sich gegenseitig in Geiselhaft nehmen, wenn die Ehe nicht in Frage steht, und dem oder der anderen Sex aka „Seitensprünge“ verbieten? Das habe ich noch nie verstanden.

Da kommt dann Sex gegen Geld ins Spiel. In Kuba müsste es keine Zuhälter und keine illegalen Bordelle geben, wenn nicht offiziell geheuchelt würde, wenn nicht die Polizei teilweise mitspielte oder sogar korrupt ist. Verbieten kann man das Phänomen ohnehin nicht.

PS Auf Facebook wurde ich gleich für eine Woche gesperrt – weil ich den Buchtitel gepostet hatte. :-)

[Update] Ein sehr schönes Posting zum Thema: How to handle Jineteros and Jineteras.

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