
Die Juden sind wieder mal schuld. Die amtierende venezolanische Präsidentin Delcy Rodríguez meint, hinter dem Angriff der USA stecke der Zionismus. Das hatte Maduro auch schon gesagt. Wie kann man so etwas öffentlich behaupten, ohne ausgelacht zu werden?
Die ehemals große jüdische Community von Venezuela kämpft ums Überleben. „Die Geschichte der jüdischen Gemeinde des Landes reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück, als sefardische Juden von den Karibikinseln aufs Festland übersiedelten. Ab den 20er-Jahren des 20. Jahrhunderts kamen Aschkenasim aus Osteuropa, und 1939 gewährte das Tropenland jüdischen Flüchtlingen aus Nazi-Deutschland Asyl. Als Hugo Chávez 1998 zum Präsidenten gewählt wurde, lebten etwa 25.000 Juden in Venezuela. Heute sind es noch rund 7000, doch genau weiß das niemand.“
Übrigens: Das Publikum merkte an, dass es auch schon vor Chavez „Schlamperei“ gegeben hat. Als ich in Venezuela war, war der typisch südamerikanische „Caudillo“ noch nicht an der Macht. Schlamperei? Die ist in Venezuela kein Bug, sondern ein Feature.
Man hat mir dazu eine Geschichte erzählt. Zwischen Puerto Ayacucho im Süden und San Fernando de Atabapo gibt es keine Straßen. Das Flugzeug ist zu teuer, also fahren die meisten Leute, die in diese Einöde am Ende der Zivilisation wollen, mit dem Boot. Es gibt nur eines. Ich habe darüber schon am 20.04.2023 geschrieben:

„No existe ningun. Kein Transport, nirgends. Also nur vier Boote für die ganze Region, die halb so groß ist wie ganz Deutschland, und von denen garantiert so viele oder so wenige schwimmfähig sind wie die bei der Bundesmarine. Damals gab es nur eins, und ob die Reise damit losging, hing davon ab, ob der Kapitän und Besitzer sich am Abend vorher mit Damen vergnügt und vollgesoffen hatte oder nicht. Das erzählten mir die Mitreisenden.
Ich habe noch ein Foto gefunden, dass ich bei dieser – oben erwähnten – Reise per Boot gemacht habe – in Samariapo. Dorthin hatte uns ein LKW aus Puerto Ayacucho gebracht und damit die unbefahrbaren Stromschnellen des Orinoco umgangen. Vermutlich habe ich das Foto unweit des Comando Fluvial Puesto Samariapo geschossen.“
Wie denkt der preußisch erzogene Deutsche, wenn er für das einzige Transportmittel einer ganzen Region verantwortlich ist? In Kategorien wie Soll und Haben, Rücklagen bilden. Wo ist der nächste Mechaniker? Rendite und Abschreibung. Nicht so in Venezula: Als das Schiff kaputtging, habe der Kapitän gesagt, er hätte kein Geld, da er alles bei Parties und für Frauen ausgegeben hatte. Also musste ihm die Regierung ein neues Schiff kaufen, was dauerte. Es fuhr in der Zeit keins.
Also keine protestantische Arbeitsethik vorhanden. Nirgends. Das sagen die Venezolaner: Wenn du jemanden arbeiten sieht, ist es ein Kolumbianer.

Postscriptum: Das Publikum sorgte sich um meine Hängematte. Der geht es gut (Foto von gestern).

Screenshot aus einem russischen Propagandavideo, daher automatisch voll gelogen
Wenn ich jetzt die Regierung Venezuelas wäre, würde ich möglichst schnell freie Wahlen verkünden unter Aufsicht von Beobachtern aus Spanien, Argentinien, Deutschland und den USA. Dann würde sich herausstellen, was das Volk denkt. Und Trump hätte ein Problem, falls die Wähler doch lieber kein Marionettenregime der USA wollten.
Ich glaube aber nicht, dass Maduros Clique eine Mehrheit bekäme. Unter Chavez wäre das noch etwas anderes gewesen. Der hat das Land auch nicht ruiniert.
Die russischen Qualitätsmedien schreiben: „US-Präsident Donald Trump sieht nach der gewaltsamen Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro Neuwahlen in dem südamerikanischen Land derzeit nicht als Priorität. „Wir werden zur richtigen Zeit Wahlen haben, aber das Wichtigste ist, dass sie das Problem lösen. Das Land ist kaputt […] Derzeit wollen wir erst einmal die Ölindustrie wieder in Gang bringen, das Land wieder aufbauen, es wieder auf die Beine stellen und dann Wahlen abhalten“.
Schon klar. Wahlen würden die Bevölkerung nur beunruhigen.
Im übrigen muss man dem US-Imperialismus dankbar sein, dass der Antisemit und Terroristen-Unterstützer Maduro weg ist.
Am 3. Januar 2026 veröffentlichte die libanesische Tageszeitung Al-Nahar einen Artikel, in dem behauptet wird, dass der venezolanische Präsident Nicolás Maduro – der zuvor am selben Tag bei einer US-Razzia abgesetzt und nach New York City gebracht worden sein soll [1] – der libanesischen Hisbollah 10.000 venezolanische Pässe zur Verfügung gestellt habe. Einige dieser Pässe seien von Offizieren des Assad-Regimes in Syrien benutzt worden, um aus dem Land zu fliehen. (Quelle: MEMRI)

Screenshot aus einem russischen Propagandavideo, daher automatisch voll gelogen – man sieht die üblichen Verdächtigen mit Hamas-freundlichen Halstüchern.
Was an Venezuela war „links“?
Ich habe mir eine Übersicht über die Wirtschaftspolitik unter Maduros Vorgänger Hugo Chavez machen lassen.
Venezuelas Wirtschaft unter Hugo Chávez
Zwischen 1999 und 2013 setzte die Regierung von Hugo Chávez auf staatliche Kontrolle,
Verstaatlichungen sowie umfangreiche Sozialprogramme – finanziert vor allem durch Öleinnahmen.
Zeitraum: 1999–2013
Schwerpunkte: Ölpolitik, Devisen- und Preiskontrollen, Verstaatlichungen
Mit seinem Amtsantritt 1999 leitete Hugo Chávez einen grundlegenden Kurswechsel der venezolanischen Wirtschaftspolitik ein. Der Staat übernahm zunehmend die Steuerung zentraler Wirtschaftsbereiche.
1) Ölpolitik
Der Ölsektor wurde zur zentralen Einnahmequelle und politischen Schaltstelle. Der Staat stärkte seine Kontrolle über Förderung, Joint Ventures und Einnahmen.
2) Devisenkontrollen
Ab 2003 regulierte der Staat den Zugang zu Fremdwährungen. Unternehmen waren für Importe auf staatliche Dollarzuteilungen angewiesen.
3) Preisregulierung
Preisobergrenzen für Grundgüter sollten soziale Härten abfedern, führten jedoch häufig zu Knappheit und Produktionsrückgang.
4) Verstaatlichungen
Schlüsselindustrien wie Energie, Telekommunikation und Teile des Finanzsektors wurden schrittweise in staatliches Eigentum überführt.
5) Landreform
Durch neue Agrargesetze wurde Land umverteilt und stärker staatlich kontrolliert, mit dem Ziel sozialer Gerechtigkeit im ländlichen Raum.
6) Sozialprogramme
Ab 2003/04 wurden die „Bolivarianischen Missionen“ zu einem zentralen Instrument der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Sie zielten auf Gesundheit, Bildung und Ernährungssicherheit (z. B. Barrio Adentro, Robinson, Mercal)
Wie ich schon mehrfach schrieb: Verstaatlichung im Kapitalismus ist keine Lösung, wenn die staatlichen Institutionen nicht strikt kontrolliert werden und transparent handeln. „Preisregulierung“ ist so etwas wie „fairer Lohn“, also Quatsch.

Meine Hängematte stammt aus Tintorero bei Quibor im venezolanischen Bundesstaat Lara. Das Mädel war im Verhandeln eisenhart und gefiel mir außerordentlich. Die Hängematten werden von einer Kooperative hergestellt und verkauft, und man hat dort Festpreise, was extrem un-südamerikanisch ist.
„Die Wirtschaftspolitik von Hugo Chávez und Nicolás Maduro wird oft in einem Atemzug genannt, unterscheidet sich aber in Zielsetzung, Handlungsspielraum und konkreter Umsetzung deutlich. Maduro übernahm kein „identisches Modell“, sondern verwaltete und veränderte ein bereits stark verzerrtes System unter völlig anderen Rahmenbedingungen.“
Im Folgenden die zentralen Unterschiede, strukturiert und vergleichend:
Ausgangslage und Handlungsspielraum
Chávez (1999–2013)
– Regierte überwiegend bei hohen Ölpreisen (v. a. 2004–2012)
– Verfügte über hohe Einnahmen zur Finanzierung von:
– Sozialprogrammen
– Subventionen
– Importen
– Konnte wirtschaftspolitische Fehler durch Ölrenten kaschieren
– Politisch charismatisch, mit starker Massenmobilisierung
Maduro (ab 2013)
– Amtsantritt nach dem Ende des Ölbooms
Konfrontiert mit:
– sinkender Ölproduktion
– Devisenmangel
– massiver Auslandsverschuldung
– internationalen Sanktionen
– Stark eingeschränkter Handlungsspielraum
– Geringere politische Legitimation
➡️ Kernunterschied:
Chávez gestaltete mit Geld – Maduro verwaltete den Mangel.
Preis- und Devisenkontrollen
Chávez:
– Einführung der Devisenkontrollen (CADIVI) ab 2003
– Preisobergrenzen für Grundgüter
Ziel:
– Inflation dämpfen
– Versorgung sichern
Probleme vorhanden, aber durch Importe überdeckt
Maduro:
– Beibehaltung und radikale Verschärfung (2013–2018)
Folgen:
– Hyperinflation
– Schwarzmärkte
– flächendeckende Knappheit
Ab ca. 2019:
– faktische Aufgabe vieler Kontrollen
– informelle Dollarisierung
➡️ Paradox:
Maduro demontierte Teile des Chávez-Modells – ohne es offen zuzugeben.
Wisst ihr Bescheid.
Januar 5, 2026 | Kategorie
Politics,
Venezuela |
9 Kommentare
Das argentinische Blog de Abel [der Journalist Abel Veiga, auch hier in der Blogroll] : „Deshalb muss ich sagen, dass Trumps „wahres“ Motiv für die Festnahme Maduros darin bestand, dass er kalkulierte, es ohne großen Aufwand tun zu können.
Die hochentwickelte Ausrüstung, die Venezuela von Russland und China kaufte, war als Abschreckungsmittel gegen einen Feind, der keine ausländischen Waffen benötigte, nutzlos. In dieser Lektion schwingt ein Hauch von Machiavelli mit.
Eine weitere Schwäche Maduros spiegelt die Lehren des Florentiners wider: Es ist offensichtlich, dass der venezolanische Präsident nicht die volle Unterstützung seines eigenen Sicherheitsapparats genoss. Jemand, oder mehrere Personen, haben ihn verraten.“
Interessant auch die Analyse von Ron Ben-Yishai auf ynet.com:
„US-Präsident Donald Trump befahl seinem Militär, das Regime in Venezuela aus einer Reihe wirtschaftlicher, strategischer und politischer Gründe anzugreifen und zu stürzen. Obwohl einige dieser Gründe aus juristischer und völkerrechtlicher Sicht gerechtfertigt sein können, stellte Venezuela keine existenzielle strategische Bedrohung für die Vereinigten Staaten dar. Selbst die Drogen und illegalen Migranten, die Venezuela – und nach Angaben Washingtons der Präsident und starke Mann Nicolás Maduro persönlich – in großer Zahl in die USA schickten, stellten weder eine besonders gefährliche noch eine neue Bedrohung dar.
Chinas zunehmender Einfluss auf die zusammenbrechende Wirtschaft von Caracas, der Venezuela faktisch zu einem chinesischen Satellitenstaat gemacht hat, rechtfertigte an sich keine US-amerikanische Übernahme. (…)
Die Folgen von Trumps überraschendem Vorgehen in Venezuela dürften sich auch auf den Iran auswirken. Oberster Führer Ali Khamenei wird Trumps implizite Drohungen, gegen das Regime in Teheran vorzugehen, sollte es protestierende Bürger töten, nun wohl ernster nehmen, da Venezuela ein strategischer Verbündeter des Iran und Partner bei der Umgehung der US-Sanktionen war. Aus Sicht der Islamischen Republik ist der nächtliche Angriff auf Venezuela eine schlechte Nachricht und ein weiterer Schlag für das Regime der Ayatollahs. (…)
Schließlich ist die kühne Operation in Caracas auch ein schwerer Schlag für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Russland war ein Verbündeter Venezuelas und sollte dem Land Sicherheit gewährleisten; Putins Leute waren für Venezuelas Sicherheits- und Luftverteidigungssysteme verantwortlich, die im Kampf gegen das US-Militär beinahe kampflos zusammenbrachen.“
Januar 4, 2026 | Kategorie
Politics,
Venezuela |
10 Kommentare
Meine hier schon geäußerte Meinung über das venezolanische Miltär hat sich bestätigt.
Die in Englisch erscheinende Zeitung Caracas Cronicles fragt:
Wo ist das Militär?
„Sie schienen überrascht zu sein, und kein US-Flugzeug wurde abgeschossen. Die offensichtliche Geschwindigkeit, mit der Maduro abgeführt wurde, deutet darauf hin, dass er bereits gefangen genommen war, als die US-Flugzeuge in das Tal von Caracas eindrangen. Uns liegen keine Berichte darüber vor, dass das venezolanische Militär die US-Truppen zurückgeschlagen oder sich an Kämpfen beteiligt hätte. Es gibt Berichte über verwundete Offiziere, die im Militärkrankenhaus in Caracas behandelt werden.“
Das ehemalige Nachrichtenmagazin schreibt: „Nach Angaben von US-Präsident Donald Trump sind bei dem US-Militäreinsatz in Venezuela »viele« kubanische Staatsbürger getötet worden. »Viele Kubaner haben letzte Nacht ihr Leben verloren«, sagte Trump in einem Interview mit der »New York Post«. »Sie haben Maduro beschützt. Das war kein guter Zug«.“


Das Foto zeigt einen Ara (Englisch Macaw, Spanisch/Nahuatl: Guacamaya), Fotograf Donald Forbes
Postkarte aus Venezuela: Coro, 19.1. [1998]
Liebe Eltern, bin gut angekommen, 44 Stunden Berlin-Coro. Chaos in Madrid, Ankunft abends in Caracas, zu Fuß quer durch die Stadt zum Busbahnhof. Leute sind sehr freundlich + hilfsbereit. Kam um 5 Uhr morgens in Coro ab (kleiner als Unna). Sonnenaufgang vor der Kathedrale, in der vor 400 Jahren meine Bergleute saßen. 35 Grad, ich bade im Meer und bin schon schwarzbraun. Venezuela ist leider teuer, man gibt 20 DM pro Tag aus, wenn man auf jeglichen Komfort verzichtet. Übernachte in einer Spelunke, ohne Fenster und mit Schaben – aber alles abenteuerlich, wie es sein soll…
Was haben wir heute? Die USA haben den venezolanischen Präsidenten festgenommen und entführt. Dürfen die das? Jetzt ist die völkerrechtliche Expertise Annalena Baerbocks gefragt. Hatten sie Hilfe vom Mossad?

Die bürgerliche Presse schreibt: „Mit der Gefangennahme von Machthaber Maduro hat Trump die Verhältnisse in Venezuela auf den Kopf gestellt. Weil er es kann.“
Ja, der US-Imperialismus betrachtet Lateinamerika als seinen Hinterhof.
– Mexiko (1846–1848): Mexikanisch-Amerikanischer Krieg – USA besetzen große Teile Mexikos; Annexion u. a. von Kalifornien und Texas.
– Nicaragua (1855–1857): Unterstützung des US-Filibusters William Walker, der sich selbst zum Präsidenten erklärt.
– Kuba (1898; 1906–1909; 1912; 1917–1922): Militärische Besetzungen nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg.
– Panama (1903; mehrfach bis 1935): Militärische Präsenz zur Abspaltung von Kolumbien und Sicherung des Panamakanals.
– Honduras (1903–1925, mehrfach): Interventionen zum Schutz US-amerikanischer Wirtschaftsinteressen (Bananenkonzerne).
– Nicaragua (1912–1933) – Langjährige militärische Besetzung; Kampf gegen Augusto César Sandino.
– Haiti (1915–1934) – Militärische Besetzung und Kontrolle von Regierung und Finanzen.
Dominikanische Republik (1916–1924): US-Militärregierung nach innenpolitischer Krise.
– Guatemala (1954) – Militärische Unterstützung beim Sturz der gewählten Regierung Árbenz.
– Kuba (1961): Invasion in der Schweinebucht – gescheiterter Angriff exilkubanischer Truppen unter US-Führung.
– Dominikanische Republik (1965): Entsendung von über 20.000 US-Soldaten im Bürgerkrieg.
– Grenada (1983): Invasion nach marxistischem Putsch (Operation Urgent Fury).
– Panama (1989): Invasion zur Absetzung von Manuel Noriega (Operation Just Cause).
– Haiti (1994): Militärintervention zur Wiedereinsetzung von Präsident Aristide.
– Kolumbien (ab 2000): Militärische Unterstützung und Truppenpräsenz im Rahmen von Plan Colombia (Drogenkrieg).
Nicht enthalten sind:
– verdeckte CIA-Operationen (z. B. Chile 1973),
– wirtschaftlicher oder politischer Druck,
– Unterstützung von Militärdiktaturen ohne formellen Truppeneinsatz.

Postkarte aus Bolivien von einer meiner Ex-Loverinnen, 1984. „Niña Campesina“, Fotograf Tilo Avilés, Vilacayma (südlich von Cochabamba)
Nachmal zu der „Linken“ Lateinamerikas. Gestern hatte ich wenig Zeit und beließ es bei dem Satz: “ Die „Linke“ ist völlig hilflos und kümmert sich einen feuchten Kehricht um das, was die Leute umtreibt.“ Das Thema ist natürlich sehr kompliziert, und ich habe keine Patentlösungen.
„Die“ Linke gibt es natürlich nicht, aber es gibt Gemeinsamkeiten, zumindest in den Andenstaaten. Brasilien ist politisch ganz anders strukturiert, und die kleinen Länder wie Guyana oder Surinam passen ohnehin nicht in das Schema.
Hilfreich ist eine marxistische Klassenanalyse eingedenk der Tatsache, dass die Geschichte eine von Klassenkämpfen ist, die aber nur selten in reiner Form auftreten, sondern oft religiös oder anders kostümiert sind. Auch im Kapitalismus gibt es nicht nur idealtypisch Proletariat und Bourgeoisie. Es geht also darum, wer gegen wen und wer sich mit wem temporär verbündet.
Wir setzen voraus, dass in ganz Lateinamerika Kapitalismus herrscht – aber anders als in Westeuropa. Die Arbeiterklasse dominiert nirgendwo die politischen Konflikte. Die heftigsten Kämpfe gab es dann, wenn – wie beispielhaft in Bolivien – die „Linke“ sowohl proletarisch als auch „indigen“ war. Der Bergarbeiter in Bolivien waren – aus reiner Notwehr – perfekt organisiert und die einzige Klasse, die in der Lage war, den zahlreichen Diktatoren Widerstand zu leisten.

Vgl. Cesar Lora, Isaac Camacha und die permanente Revolution, 31.11.2013
Alles, was sonst unter „indigen“ summiert wird und sich zeitweilig mit der städtischen traditionellen Linken verbündete, war fast immer kleinbäuerlich, wie zum Beispiel die klassische Klientel von Sendero Luminoso. Kleinbauern führen einen „reaktionären“ Abwehrkampf gegen Landraub, gegen Konzerne, gegen Zinsen, vom antiken Rom bis zum heutigen Indien. Kleinbauern waren während des chinesischen Bürgerkriegs die treibende Kraft, aber nicht die ideologische Avantgarde: Die Volkskommunen verwandelte sie später in Landarbeiter, so ähnlich wie die Kooperativen in Peru in den 80-er Jahren. Die „Linken“ machten also genau das, was der Kapitalismus auch plante, nur schneller.
Der Kapitalismus in Lateinamerika ist noch rückständig. Oft geht es nur darum, dass die herrschenden Klassen sich Land und Bodenschätze aneignen wollen – wie in Kolumbien und Venezuela oder Bolivien. Die „Linke“, wenn sie denn an der Macht war, verteilte die Güter nur anders, aber die Ökonomie blieb genauso wie vorher. Deswegen sind die gegenwärtigen Machthaber Venezuelas nicht „links“, auch wenn sie sich so geben. Natürlich muss jede herrschende Klasse, wenn sie nicht gerade die Diktatur als Herrschaftsform wählt, Zugeständnisse machen, um das Volk ruhig zu halten. Es kann also durchaus sein, dass eine „rechte“ Bewegung – also eine, die von den herrschenden Klassen sozial und politisch dominiert wird – klassische „linke“ Forderungen aufstellt. Das war bei der NSDAP auch nicht anders.
Das bedeutet: Eine radikale Transformation der Ökonomie – etwa Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien – ist in Lateinamerika nicht auf der Tagesordnung, weil es diese Industrien gar nicht gibt, nur Rohstoffe, Lithium in Bolivien, Öl in Venezuela und Ecuador.
In Kolumbien und Chile und im Norden Brasiliens ist die Migration (aus Venezuela) ein wichtiges Thema. Natürlich ist das weltweit ein „rechtes“ Thema, weil Verteilungskämpfe innerhalb der unterdrückten Klassen den Herrschenden in die Hände spielen. Wenn die „Linke“ aber dazu schweigt oder, wie in Deutschland, erwartet, dass „die da unten“ alle stillhalten, wenn ihnen von Einwanderern von dem wenigen, das sie haben, auch noch etwas weggenommen wird, dann wird sie kläglich scheitern.
Lateinamerika macht es vor. Aber man sollte nicht erwarten, dass irgendjemand etwas daraus lernt. Die gehen alle unter oder werden irrelevant wie die Mapai, die in Israel sogar die Regierung stellte.

Mädchen aus Quibor oder El Tocuyo, Venezuela 1998.
Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat eine detaillierte Analyse formuliert, wie und unter welchen Voraussetzungen die USA Venezuela angreifen könnten.
„Nach dem ersten Angriff würden Drittparteien wie Brasilien, die Vereinten Nationen und die Organisation Amerikanischer Staaten mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Vermittlung anbieten. Die Trump-Regierung könnte eine Vermittlung akzeptieren, wie sie es beim Waffenstillstand im Gazastreifen tat, allerdings nicht bei den Bemühungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine. Präsident Trump bevorzugt bilaterale und persönliche Diplomatie. Das würde Gespräche mit Venezuela auf Ministerebene bedeuten. Ungeachtet des diplomatischen Mechanismus gibt es viele Möglichkeiten, das Regime zum Machtverzicht zu bewegen oder zu zwingen.
Sollten die diplomatischen Bemühungen scheitern und Maduro sich widersetzen, wäre es für die Trump-Regierung schwierig, sich zurückzuziehen. Das käme einem öffentlichen Eingeständnis des Scheiterns gleich, und Präsident Trump verabscheut Misserfolge. Stattdessen würde die Regierung eine umfassende Luftkampagne starten, bestehend aus einer Reihe von Angriffen, um das Maduro-Regime zu lähmen und zu destabilisieren. Historisch gesehen waren solche Luftangriffe nur dann erfolgreich, wenn sie mit der Drohung oder dem tatsächlichen Eingreifen am Boden einhergingen.“
Und das – eine Bodenoffensive – kann Trump vermutlich seinen Wählern nicht verkaufen, obwohl das Militär Venezuelas ungefähr so „schlagkräftig“ ist wie das des Irak.
November 15, 2025 | Kategorie
Lateinamerika,
Venezuela |
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Georgetown, 22.2. [Guyana 1982]
Liebe Eltern!
Vielleicht rufen wir von Trinidad aus per R-Gespräch an, das ist der einzige Ort, wo es möglich ist. Wenn ihr also Englisch am Telefon hört, legt nicht auf, sondern antwortet „yes“,
Wir haben eure Post erhalten, in Manaus war allerdings nichts, nur eine Karte von Susannes Mutter aus Israel.

Das Takatu-Guesthouse in Lethem, Guyana, fotografiert im Februar 1982. Heute steht da offenbar ein Neubau. (Vgl. Rebellion in der Rupununi, 21.10.2012 sowie Termiten in der Rupununi, 10.07.2011)
Wir sind heute hier [Georgetown, Guyana] angekommen, nachdem wir zuletzt vor ca. 3 Wochen aus einem kleinen Ort an der Grenze zwischen Kolumbien und Brasilien geschrieben hatte. Vielleicht ist der Brief ja angekommen. Wir haben uns entschieden, nicht mehr nach Surinam zu fahren, sondern ein paar Tage zuerst nach Tobago, dann nach Trinidad, dann 2 Wochen Grenada und zum Schluß Barbados. Wir werden versuchen, in Trinidad unseren genauen Rückflugtermin zu buchen, sodaß wir unseren letzten Brief aus St. Georges/Grenada losschicken werden mit genauer Ankunftszeit. Ich nehme an, daß H. und A. uns in Luxemburg abholen werden und war dann nach Unna kommen werden. Aber was soll’s, wir haben ja noch fast 6 Wochen karibische Sonne vor uns und vermutlich noch mehrere Sonnenbrände.

Die Transamazonica von Manaus nach Boa Vista in Brasilien (das Foto hatte ich schon 1980 gemacht)
Wir sind ein bißchen erschöpft, obwohl wir eine Woche in totaler Stille und Abgeschiedenheit auf einer Ranch im Westen Guyanas verbracht haben. Die Vorgeschichte dazu war wieder etwas anstrengend: 26 Stunden mit dem Bus durch den Amazonas-Urwald von Manaus in Richtung Norden nach Boa Vista im Dreiländereck Guyana/Venezuela/Brasilien. Das ist die einzige Straße in Richtung Norden, ist erst 1977 fertiggestellt und bis vor kurzem fuhren die Busse nur im Konvoi, weil die um ihr Land betrogenen Indianer Überfälle veranstalteten.
Wir verloren mitten in der Nacht die beiden linken Hinterräder, weil die Schrauben sich auf der Schotterpiste gelöst hatten. Heute morgen ging noch die Benzinpumpe kaputt, aber die beiden Fahrer schafften es dann doch noch völlig verdreckt und verschwitzt (sowieso), uns in Boa Vista abzuliefern. Boa Vista ist ein völlig isoliertes Provinznest [das ist heute anders], mit Straßen, Gebäuden und Busbahnhof für die Zukunft gebaut, aber alles verrottet, weil die Zukunft noch keinen Einzug gehalten hat.

Kathedrale Cristo Redentor, Boa Vista, Roraima, Brasilien, fotografiert Februar 1982. Boa Vista liegt nicht weit von der Grenze zu Guyana entfernt, in das ich anschließend reiste (1980 und 1982). Nicht weit von Boa Vista entfernt ist Normandia: „Normandia takes its name from the region of Normandy in France, the birthplace of settler Henri Charrière, better known as „Papillon“. Charrière was sentenced to serve time in a maximum security prison on Devil’s Island in French Guiana. He and several inmates managed to escape from French Guiana to Brazil and settled in the area of present-day Normandia.“ Vgl. „Gute Aussicht für Papillon“ 01.07.2028
Nach vorsichtigem Herumfragen verwies man uns zum Apotheker (!) zum Geldwechseln, weil die Banken keine Guyana-Dollars verkauften, obwohl die Grenze nicht weit weg und kein anderer Ort dazwischen ist. Der Apotheker sagte erst, er hätte keine Guyana-Dollars, aber nachdem wir ihm deutlich gemacht hatten, daß wir nicht brasilianische Cruzeiros, sondern amerikanische Dollars hatten, hellte sich seine Miene auf und er sagte, das sei natürlich etwas anderes. Wenn wir in Georgetown [Guyana] getauscht hätten, hätten wir für 1 US-$ 2.60 Guyana-Dollar bekommen, der ehrenwerte Herr Apotheker gab uns für 200 US $ ganze 1000 Guyana-Dollar, sodaß sich für uns alle Preise in Guyana halbieren, sonst könnten wir uns hier auch überhaupt nichts leisten, alles ist schrecklich teuer. –

Der Rio Branco nordwestlich von Boa Vista, Roraima, Brasilien (ungefähr hier). Das Foto habe ich 1980 gemacht. Die Berge im Hintergrund sind die Kanuku Mountains in Guyana (vgl. Rio Branco, 13.09.2016).
Zur Ranch: Im Westen Guyanas liegt ein sehr interessantes Gebiet, die einzige Savanne Amerikas, sonst gibt es nur noch Savannengebiete in Südafrika. Es gibt nur einen einzige Ort Lethem hatte 2012 1702 Einwohner] mit weniger als 1000 Einwohnern in diesem Gebeite, das halb so groß wie die Bundesrepublik ist. Von diesem Ort (Lethem) kann man über das Gebirge an die Küste fliegen, was wir auch gemacht haben. Sonst gibt es ein paar Indianer-Dörfer und ein paar riesige Ranches, die Rinder züchten.

Die Rupununi-Savanne im Westen Guyanas in der Nähe der Manari-Ranch, fotografiert Ende Februar 1980. Ich war auch schon einmal 1980 da. Aber beim ersten Mal war meine Kamera kaputt, weil sie in Brasilien in den Rio Branco gefallen war. Ich habe daher von meinem ersten Aufenthalt in Guyana keine Fotos (vgl. „Weites Land“, 22.07.2022).
Eine halbe Stunde mit dem Jeep von der Grenze war eine solche Ranch, das „Manari Ranch Hotel„, das exklusive Zimmer hatte (nur 8 und wir waren die einzigen Gäste), sogar Duschen (Wasserleitungen gibt es natürlich nicht, aber die Flüsse sind sauber), und [man] servierte sagenhafte 4 Mahlzeiten am Tag, inklusive „Tee“ um 5 auf gute englische Art (Guyana war bis vor wenigen Jahren englische Kolonie, man spricht auch Englisch).
Wir konnten reiten, im Fluß schwimmen, ein Boot stand zu unserer Verfügung, ein alter englischer Billartisch, der Blick von unserem Fenster gibt über eine sandige Ebene mit kargem Buschwerk und bis zu 4m hohen Termitenhügeln, am Horizont eine blau-graue Bergkette – einfach traumhaft.

Rupununi-Savanne in der Nähe der Manari-Ranch, Guyana, fotografiert Ende Februar 1980. Im Hintergrund die Kanuku-Mountains.
Das Ganze für 60 DM für 2, uns bei unserem Umtauschkurs wasen das 15 DM alles inklusive für eine Person – Voraussetzung war allerdings, daß wir das Geld über die Grenze schmuggeln mußten, weil die Einfuhr von Guyana-Dollar verboten ist. Wir hatten uns zum Glück schon in Berlin eine Sondergenehmigung der Regierung in Georgetown besorgt, uns in der Savanne aufhalten zu können (wegen eines Aufstands der Rancher und der Indianer in den frühen 70-er Jahren lassen sie normalerweise keinen dahin) und alles lief bestens – unser Geldgürtel ist ein Geld wert.

Paddeln auf dem Manari River (vgl. „Vorschau Paddeln“, 18.04.2018).
Die einzige unangenehme Begleiterscheinung war, daß Suanne 1 Woche lang Durchfall hatte, woher, wissen wir nicht. Und ich eine Kombination von Muskelkater und Sonnenbrand vom Rudern auf dem kleinen Fluß.
Beim Flug nach Georgetown mußten wir überrascht feststellen, wie schwer unser Gepäck mittlerweile schon ist – zusammen fast 50kg! [D.h. mein Rucksack war rund 30kg schwer, weil meine Begleiterin nicht so viel tragen konnte.] Wir werden auf Barbados alles überflüssige Zeug verkaufen oder verschenken.
Hier in Georgetown ist es schwül und drückend warm wie vor einem Sturm, und wir haben kaum die Energie, uns fortzubewegen. Heute waren wir den ganzen Tag im Zoo und im botanischen Garten, anschließend cninesisch essen – die vielen Chinesen hier sprechen fast alle nur ein paar Worte Englisch – immer nur einer in der Familie, dafür ist das Essen aber richtig chinesisch. Als wir nach längeren Verhandlungen endlich statt Messer und Gabel Stäbchen bekamen, mußte erst einmal – wie überall – das gesamte Küchenpersonal kichernd um die Ecke schauen.

Guyana Zoological Park, Georgetown, 1982 – wahrscheinlich der einzige Zoo einer Hauptstadt eines Landes, der keine Website hat. Die Vögel sind Eigentliche Aras.(vgl. „Eigentliche Vögel“, 26.07.2022>)
Wir hoffen, hier vor Sonntag noch wegfliegen zu können Richtung Trinidad – die nächste Post (und die letzte, wenn nichts wichtiges mehr passiert) in ca 2. Wochen von Grenada.
Bitte Grüße an alle, ich schreibe keinen Karten mehr […] sonst haben alle mindestens eine bekommen – wir werden ja sehen! Grüße auch von Susanne
Burkhard
Ich weiß nicht. wo J.s Brief angelangt ist – ich habe den Eindruck, daß ich meine gesamte Post in Manaus nicht bekommen habe, weil der Schaltermensch meinen Namen überhaupt weder lesen, schreiben noch aussprechen konnte.

Mein Arbeitsplatz im Tiberias Hostel
Die zweite Garnitur der Fotos meiner Reise nach Israel, garniert mit einem parteiischen Blick in das Weltgeschehen und die bürgerliche Presse.
Irgendwelche Klimakonferenzen interessieren mich einen Scheiß. Die Waffenruhe in Gaza ist vorbei. Die IDF tut, was getan werden muss. Viele Israelis meinen, dass man keine Rücksicht nehmen sollte. Daran ist etwas Wahres.
Ceterum censeo: Danach ist die Hisbollah dran. Ich befürchte daher, dass ich 2024 noch nicht auf die Golanhöhen kann.
Mittlerweile berichten immer mehr Medien, dass man genug wusste, um gewarnt zu sein, aber niemand hat das ernst genommen. Ich verstehe das nicht – war es Arroganz? Schlamperei? Oder zu viele Religioten beteiligt? Oder haben Männer Frauen nicht zugehört?

Übrigens: Nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober wandte sich der Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Martin Hikel (SPD), an Vereine, Kulturzentren und alle Religionsgemeinschaften im Bezirk und bat sie darum, eine von ihm verfasste „Gemeinsame Erklärung“ zu unterzeichnen: Der Frieden in der Hood soll bewahrt werden, alle Menschen in Neukölln sollen sicher leben dürfen. Von den zehn großen Moscheegemeinden in Neukölln unterschreibt keine.
And now for something completely different. Natürlich interessiert das niemanden, aber da ich zwei Mal in Guyana war, bin ich besorgt, dass dort der nächste Krieg ausbrechen könnte. Die Venezolaner sind bescheuert genug, den anzufangen (natürlich aus innenpolitischen Gründen und weil es dort Öl gibt).
Guyana hat nur 4000 Soldaten, darunter auch Frauen. Die Venezolaner können rund 300.000 Mann aufbieten. Auf einen Soldaten Guyanas kommen also 75 von Venezuela.
Das heißt aber nichts. Man erinnere sich an den Falklandkrieg. Guyana war britische Kolonie. Ein Flugzeugträger braucht eine Woche nach Guyana – bis zu den Falklands wäre es fast doppelt so weit. Wenn die Briten um Hilfe gebeten würden, machten die die venezolanische Armee ziemlich schnell platt. Wer einmal lateinamerikanische Soldaten erlebt hat, weiß, was ich meine. Es träfen unterschiedliche Welten, Traditionen und Mentalitäten aufeinander, so wie Spanier versus Azteken. Außerdem ist der britische Premierminister Hindu und hat indische Wurzeln. Rund ein Drittel der Einwohner Guyanas sind auch Hindus. Man ahnt, wo die Sympathien liegen.
Dagegen spricht, dass Venezuela gute Beziehungen zu Russland hat. Die Russen sind imstande, die Venezolaner aufzuhetzen, nur um einen weiteren Kriegsschauplatz zu eröffnen.
Apropos Lateinamerika. Der neue Präsident Argentiniens ist zum reaktionären Judentum übergetreten, zum Chassidismus. „Die für Frauen vorgeschriebene Kleidung besteht aus langen Röcken für Mädchen, Strumpfhosen und langen T-Shirts auch im Sommer.“ Viel Spaß damit in Argentinien.

Blick von der Dachterrasse des Tiberias Hostel
And now for something completely different. Berliner Zeitung: Corona-Aufarbeitung: „Wir können nicht den Mantel des Schweigens darüberlegen“. Die Juristin Jessica Hamed erklärt, warum es eine juristische Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen geben muss. Die Autorin ist offenbar herausragend kompetent, wenn man sich ihre Biografie ansieht, und wäre sofort meine erste Wahl als Strafverteidigerin, wenn ich eine brauchte, residiert aber leider in Wiesbaden.

Straßenbegleitgrün in Tiberias
And now for something completely different. Man kann das auch so formulieren: Ein Milchmann trifft sich mit einer Chinesisch sprechenden Lesbe zum Essen. Das ist ja schlimm, und alle müssen sich aufregen (Chor im Hintergrund: Kontaktschuldig! Kontaktschuldig!)
Als besorgter Bürger fragt man sich auch, warum es denn ein „Nobelrestaurent“ im noblen Cannes sein musste? Warum nicht eine noble Currywurstbude? Mit den Nobelrestaurants ist es wir mit den Journalistenpreisen: Man lobt sich gegenseitig und versichert sich seiner Großartigkeit und hofft, dass das jemand glaubt.
Da wir gerade bei Lifestyle-Themen sind: Was hindert deutsche Journalisten eigentlich konkret daran, das Wort fuck auszuschreiben? Was sagt der Presserat? Schmutzige Wörter wie Kacke, Pisse, ficken und die jeweiligen Begriffe in allen anderen Sprachen darf man weder sagen noch schreiben? Und warum nicht? Sind doch alles feige Surensöhne, hinterfotzige.
Busbahnhof Tiberias (Foto unten)


Auf der Strecke von Tiberias nach Tel Aviv
„Guns save lives. We see it time after time“, sagte einer der üblichen Verdächtigen. „I will continue with my policy of distributing weapons everywhere, both to emergency response teams and civilians“. Das ist in Deutschland „rechts“. Früher war das revolutionär und links. O tempora, o mores.

„We will still have around two million people in Gaza, many of whom voted for Hamas and celebrated the massacre of innocent men, women, and children.“ – „The West should welcome Gaza refugees.“ (Danny Danon) #wirschaffendas
Manchmal fasst man sich nur an den Kopf. Das „Flüchtlingshilfswerk“ der UN kooperiert mit der Hamas, und wir finanzieren das. Diese Organisation ist schlicht Antisemitenpack. Die Israelis hören gar nicht hin, und das ist auch gut so.

Tel Aviv am 20.20.2023
And now for something completely different. Die Russen gewinnen.


Zufällig habe ich ein Foto herausgesucht, das ich spontan überhaupt nicht einordnen konnte – noch nicht einmal das Land. Die Schrift war auch zu verschwommen. Das Barajas habe ich mehr geraten, aber Google spuckte sofort den richtigen Aeropuerto Madrid-Barajas Adolfo Suárez in Madrid aus. Da ich nur ein Mal in Madrid war – für eine Nacht auf dem Hinflug nach Venezuela -, kann ich das Datum bestimmen: Es war der 16.01.1998.
Einen Flügel der Iberia-Maschine, mit der ich nach Caracas geflogen bin, habe ich später in der Luft fotografiert. Auf dem Foto ist vermutlich die Maschine, die mich von Berlin nach Madrid geflogen hat.

Auf einem Boot auf dem Rio Guaviare kurz vor dessen Mündung in den Orinoco, von San Fernando de Atabapo (Venezuela) nach Amanaven in Kolumbien, März 1998. Amanaven in der Reserva Natural Moru ist bei Google nicht markiert; es ist die Spitze des linken Ufers bei „Estrella Fluvial Del Orinoco“. Dort waren damals nur rund zwei Dutzend Holzhütten.
Ein Passkonstrolle geb es auch nicht. Das wundert mich nicht, man kommt von dort aus zu Fuß nirgendwohin, nur mit einem Boot den Guaviare aufwärts nach Puerto Inirida. Die Gegend ist abenteuerlich und großartig, aber nicht ungefährlich wegen der Guerilla und Schmuggler und überhaupt.

[Update] Ich habe noch ein weiteres Foto aus Amanaven gefunden. Die hatten hübsch angemalte Häuschen da, ganz anders als auf der venezolanischen Seite des Flusses. Doe Kolumbianer sind irgendwie fitter als ihre Nachbarn im Süden und Osten, leider auch in ihren schlechten Seiten, zum Beispiel im Sich-gegenseitig-Umbringen. Vielleicht ist das ein Vorurteil, aber auch die Venezolaner sagten mir grinsend: „Wenn du hier irgendjemanden arbeiten siehst, ist es garantiert ein Kolumbianer.“


Hier nun die voraussichtlich letzen Fotos aus San Fernando de Atabapo am Orinoco, Venezuela, fotografiert im März 1998
Typisch für Lateinamerika sind die winzigen Läden am Ortseingang oder in Seitenstraßen, bei denen man sich fragt, ob eine und welche Geschäftsidee dahintersteckt. In Russland würde diese Kleinbourgeoisie vermutlich auf der Straße sitzen und dreieinhalb Kartoffeln aus Eigenanbau verkaufen. Ich habe nicht gefragt, ob die Leute für die Bretterbuden Miete zahlen. Ich vermute, dass sie vom Ort unterhalten werden.
Hinter dem Foto unten steckt eine Geschichte. Der Mann ist ein US-amerikanischer Tourist, der ausgerechnet hier Urlaub machte. Ein Frau hatte er nicht. Finanziell gesehen war das damals vermutlich für ihn halb geschenkt – aber warum ausgerechnet in dem Kaff am Orinoco? Er sagte, es sei schön dort – ich konnte nur zustimmen. Abenteuerlich war es auch, an der Grenze zur grünen Hölle.
Es waren noch zwei Deutsche im Ort, zwei Künstler aus dem Beitrittgebiet, die gezielt keinen Fotoapparat dabei hatten, weil sie sich von den außergewöhnlich Farben inspirieren lassen wollen: Das satte Grün der Bäume, die merkwürdige Tönung des pisswarmen Rio Atabapo, in dem wir jeden Tag stundenlang saßen oder herumschwammen und über die Weltläufte plauderten, die exotische Landschaft. Auf dem Foto sieht man rechts und links die Hände der beiden.
Jeden Abend trafen wir uns an dem einzigen Stand, an dem es eine Art Abendessen gab, Reis mit Fleisch, und Bier. Und immer gesellte sich ein älterer Venezolaner (oder war es sogar ein US-Amerikaner? Ich habe es vergessen) zu uns, weil es nach Einbruch der Dunkelheit nichts gab, womit man sich hätte beschäftigen können. Für Männer ohne Frauen ist es immer kompliziert, weil Familien einen nicht einladen.
Es ist, als lebte man in einem Dorf: Man kann sich nicht, wie in der Stadt, die Freunde und Bekannten aussuchen, sondern muss das nehmen, was da ist, oder man bleibt allein. Vielleicht fördert das die Toleranz?
Natürlich redeten wir auch über Frauen. Wir waren uns einig, dass eine Dorfschönheit, der wir alle schon einmal begegnet waren, sehr attraktiv sein. Ich warf ein, dass ihre Mutter aber aussah wie ein Fass ohne jedwede Taille und dass ihre Tochter vielleicht, wenn sie älter geworden sei, auch so würde. Der Venezolaner nickte mir zu und sagte anerkennend: „Du hast ein gutes Auge.“ So sind sie, die Gespräche unter Männern, wenn keine Frau zuhört.

Plaza Florencio Jiménez in Quibor, Venezuela, fotografiert im Februar 1998. Der Platz auf der anderen Seite der Iglesia de la Virgen de Altagracia „La Caimana“ heißt Plaza Bolivar. Ich habe nur ein einziges Foto aus dieser Perspektive im weltweiten Internet gefunden.
Wir kommen allmählich zu den letzten Fotos von Venezuela.

Noch einmal Uferpromenade des Rio Arauca in Elorza, Venezuela, fotografiert im März 1998. Der Junge ist der Sohn meiner Hängematten-Platz-zum-Aufhängen-„Vermieterin“.
Als einziger Ausländer in einem größeren Dorf war ich natürlich eine Attraktion, und für den Jungen sowieso. Abends, wenn ich nur spazieren ging, weil es sonst nichts zu tun gab, außer sich in den wenigen Spelunken mit fragwürdigem Publikum zu besaufen, folgte er mir auf Schritt und Tritt, weil er vermutlich neugierig war – und seine Mutter auch -, was ich eigentlich in dem Örtchen wollte.
Ich hätte es selbst nicht gewusst, weil ich von Palmarito aus irgendwie in den extremen Süden Venezuelas wollte und von dort aus zum Orinoco. Von Palmarito am Rio Apure aus gibt es aber keine Verbindung nach Süden ohne eigenen Jeep. Ich musste also weit nach Westen ausweichen, bis an die kolumbianische Grenze bei Guasdualito. Da erwischte ich dann einen Bus nach Elorza.
Ich hatte irgendwann wohl erwähnt, dass ich zum Rio Meta wolle. Auf dem hätte ich per Boot nach Puerto Carreno in Kolumbien reisen können und dann weiter per Straße auf der venezolanischen Seite nach Süden nach Puerto Ayachucho.
Das war mein ursprünglicher Plan, aber es kam alles anders, weil ich mit einem weißen Jeep der Katholischen Kirche quer durch die Llanos direkt von Elorza nach Puerto Ayacucho gefahren wurden und gratis dazu. Den Rio Meta habe ich dabei passiert und gesehen.
Den Jungen hat das Thema wohl beschäftigt. Irgendwann fragte er ganz plötzlich, als hätte er sich lange nicht getraut: „Gringo [so nannten mich alle], warum willst du zum Rio Meta?“
Was hätte ich antworten sollen? Ich hätte mit Philipp von Hutten entgegnen können, der am 31. März 1539 an seinen Vater schrieb: Weiß Gott kein Geitz Gelds hat mich bewegt, diese Reiß zu thun dann allein ein sonderlicher Lust, so ich vor langer Zeit gehabt, dünckt mich auch, wäre ich nicht mit Ruhe gestorben, wo ich Indien nicht erst gesehen. Ich hätte „Indien“ nur durch „Rio Meta“ ersetzen müssen.

Selfie im „Gästezimmer“ einer Ranch in den Llanos Venezuelas. Das ist meine Hängematte aus Tintorero. Warum ich so dämlich grinse, weiß ich nicht. Ich hatte die Geschichte – wie ich dorthin gekommen war – hier am 08.03.2023 schon beschrieben. Ich habe noch mal auf der Karte gesucht. Es könnte Santa Susana gewesen sein.
Das Original-Dia ist leider verloren gegangen, deswegen musste ich das zum Glück noch vorhandene Foto einscannen.

Dieses Foto ergänzt mein Posting bzw. das erste Bild meines Postings vom 10.08.2020 „Am Rio Tocuyo“. Es zeigt den Rio Tocuyo an der Carretera Lara-Falcon Troncal 4. Das Motiv ist nichtssagend, aber mir bedeutet es viel. Ich erwähnte hier schon das Buch Tod am Tocuyo: „Die Suche nach den Hintergründen der Ermordung Philipps von Hutten 1541-1550“.
Ich schrieb: Von Churuguara aus musste ich nach Süden in Richtung Barquisimeto. Durch Mundpropaganda erfuhr ich von einem Mann, der mit seinem Auto und einigen anderen Reisenden genau dort hin wollte, und er hatte noch einen Platz frei. Eine Tagesreise lag vor uns.
Ich wollte unbedingt zum Rio Tocuyo, den man auf halben Weg überqueren muss, und dort ein Foto machen. Warum? Um sich einzustimmen, sollte man die Eingangsszene von Aguirre ansehen und anhören (die aber in Machu Picchu gedreht wurde), inklusive der magischen Musik von Popol Vuh. „Meine“ Konquistadoren“ mussten von der Sierra de Falcón absteigen und dann den Rio Tocuyo überqueren. Es gibt sogar einen Augenzeugenbericht.
Den 19. Tag des gedachten Monats [Mai 1538] zogen wir von dannen über das Gebürg, lagen im Veld, 5. Meil. Den zwanzigsten Tag durch die Zynoga (1) de Baragatschan [Paraguachoa], ein fast böser Paß von Wasser und Koth einer viertel Mail lang, bis an die Revier [Fluss] Turkino [Tocuyo] genant. Misten die Pferd überschwemmen, die Kästen und Plunder [Ausrüstung] auf einem Floß überführen, ertrunck ein Christ vnd ein Pferd. Funden hie Metalno [Lope Montalvo de Lugo] vnd Stephan Martin mit etlichen Christen zu Fuß und zu Roß. Lagen hie 5 Tag, zogen den 26. Tag von dannen, lagen im Veld…. 27. Tag durch viel böser Paß von Wasser, lagen im Veld, 3 Meil. Den 28. Tag in einem verbrannten Poblo (2). Funden kein Wasser, war fast heiß. Musten Pferd und Leut mit grosem Durst ungetruncken bleiben, 3 Meil. [Am] 29. Tag an ein flissend Wasser. Den lezten Tag des Mayen ward geschickte Stephan Martin mit 40 Christen, desgleichen Salvato Martin mit 25 Bode [?] Proviant, Weg und Indier zu suchen. Den 9. Tag schickte Stephan Martin bis in 27 Stuck Indier vnd etlich Machilzemira (3) andere Sprache vnd Nation, so mit den Cacquencien [Caquetios] ewige Feindschaft haben. Wurden die gedachten Indier mit etlichen Christen wieder zurück an den Tukuyo [Tocuyo] gechickt, dann etlichen Plunder aus Gebrechen Indier, den zu tragen,… gedachten Rivier geblieben waren.(4)
Ich habe das Thema im 1. Kapitel des 2. Teil meines Romans verarbeitet: „Am Rio Tocuyo“.
Ich stelle mir vor, am Flussufer zu stehen, die Musik von Popol Vuh zu hören, und in der Ferne sehe ich eine Gruppe von Konquistadoren, die in meine Richtung marschieren… Es war ein ganz unbeschreibliches Gefühl, das ich mit niemandem teilen kann.
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(1) von Spanisch ciénaga = Sumpf
(2) Spanisch pueblo = Dorf
(3) vermutlich Spanisch maíz semilla = Maiskörner
(4) [Philipp von Hutten an seinen Vater Bernhard von Hutten zu Birkenfeld: Brief aus Coro vom 20. Oktober 1538, aus Eberhard Schmitt und Friedrich Karl von Hutten: Das Gold der Neuen Welt. Die Papiere des Welser-Konquistadors und Generalkapitäns von Venezuela 1534-1541, Hildburghausen 1996.]

Uferpromenade des Rio Arauca in Elorza, Venezuela, fotografiert im März 1998.


Diese Fotos ergänzen Orinoco backstage vom 09.08.2012. Die Fotos habe ich 1998 am Orinoco in Venezuela gemacht – auf der südlichen Seite bei La Arenosa. Wir setzten mit der Fähre über nach Cabruta. Der Orinoco ist in der Regenzeit hier so breit, dass man das andere Ufer kaum sehen kann. Ich war mit dem Bus unterwegs von Elorza im Süden nach Caracas – es war die letzte Reisewoche.

Daily dose Venezuela: Caracas, fotografiert im März 1998. Ich habe mir nicht notiert, wo das war. Ich tippe auf die Kreuzung Avenida Lecuna – Avenida Sur 9 in nordwestlicher Richtung. In der Nähe habe ich gewohnt.

Es war extrem schwierig herauszufinden, wo und was ich – vermutlich im Februar – 1998 fotografiert hatte. Ich tippte zunächst auf Barquisimeto oder Quibor. Die Schrift auf der kleinen Tafel den der Mauer bekam ich nicht entziffert. Dann habe ich per brute force und Goolge images search nach iglesia Barquisimeto und iglesia Quibor gesucht. Das dauerte eine halbe Stunde meiner kostbaren Lebenszeit.
Es gibt nur zwei Fotos der Kirche: auf Flickr von Patricia Brolati und bei Jose Pepe Polo. Es ist die Iglesia de la Virgen de Altagracia „La Caimana“ in Quibor an der Avenida Baudilio Lara.
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