Spartacus, revisited

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Warum und zu welchem Ende befassen wir uns mit Spartacus? Gegenfrage: Warum gibt es trotz der Präsenz der Figur des Spartacus in Filmen, in Romanen, in der Kunst, in Computerspielen und Fernsehserien und nicht zuletzt in Namen revolutionärer Organisationen kaum ein wissenschaftliches Werk, das sich mit der historischen Person befasst? Jeder kennt Spartacus – er ist die Ikone für den Satz: „Du hast keine Chance, aber nutze sie“. Nur deutsche Historiker möchten nichts von ihm wissen. Das macht neugierig. Man lernt mehr über den diskursiven Mainstream und über Propaganda, wenn man nachschaut, was weggelassen wird.

Ich sagte hier schon:
S.L. Utschenko schreibt 1958 im Vorwort zu A. W. Mischulins: Spartacus – Abriß der Geschichte des großen Sklavenaufstandes (1936) : „Dieses Thema hatten die bürgerlichen Geschichtsschreiber bewußt mit Stillschweigen übergangen, denn sie waren nicht daran interessiert, die Aufmerksamkeit auf geschichtliche Ereignisse zu lenken, die vom Kampf der unterdrückten Klassen gegen ihre Unterdrücker Zeugnis ablegen. In Westeuropa ist die wissenschaftliche Literatur über Spartacus und seine Führung des Sklavenaufstands äußerst dürftig.“

Mischulin ist insofern noch immer ein Standardwerk, als dass er alle antiken Quellen berücksichtigt. Mehr sind nicht dazugekommen. Man kann ihn aber nicht empfehlen: Zu Stalins Zeit wurde bekanntlich die Geschichtsschreibung auf Geheiß der Partei bewusst verfälscht, um „passende“ Resultate zu bekommen: Der Sklavenaufstand wurde zu einer Revolution umgedeutet, die an den Grundfesten der römischen Sklavenhaltergesellschaft rüttelte, also eine Alternative zur herrschenden Ökonomie und dem System, diese zu organisieren, angeboten hätte. Dem war mitnichten so, und die Quellen geben das auch nicht her. (In der DDR war es nicht viel besser. Für Experten: Man denke nur an das vergleichbare Konstrukt „frühbürgerliche Revolution„.)

Was ist eigentlich das Problem? Die bürgerliche Geschichtsschreibung hat immer leugnen müssen und wollen, dass es eine Epoche der „Sklavenhaltergesellschaft“ gab, auch wenn sie dabei die Fakten genauso verbiegen mussten wie auf der anderen Seite Stalin. Slavenhaltergesellschaft meint: Für die herrschende Klasse war es ab einem bestimmten Zeitpunkt am effektivsten und profitabelsten, die gesellschaftliche Arbeit von rechtlosen Menschen, also Sklaven machen zu lassen. Das ist ganz pragmatisch gemeint und hat mit Moral nichts zu tun. Für freie Römer war es unehrenhaft, körperlich zu arbeiten. Die Moral folgt immer der Ökonomie und nicht umgekehrt.

„Ab einem gewissen Zeitpunkt“ heißt: Die Römische Republik war ursprünglich ein Modell, das freie Bauern zu einem Staat organisierte, inklusive Ämterrotation und Volksversammlungen. Die Ökonomie (Produktivkräfte) machten diesem Modell (Produktiionsverhältnisse und deren Überbau) aber den Garaus,

In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt.

Die „Produktivkäfte“ bedeuten am Ende der Republik: Die Bauern wurden ruiniert zugunsten der Großgrundbesitzer mit deren Latifundien. Die Produktion für den immer größer werdenden städtischen Markt verlangte nach „industrieller“ Massenproduktion. Dafür setzte man immer mehr und öfter Sklaven ein; gleichzeitig wanderten ruinierte Bauern und Landlose in die Städte ab.

Wer sich hierzu kurz, aber hervorragend informieren will, der lese Werner Raith: Spartacus (1992). Raith ist das beste Buch zum Thema. Raith fasst auch die marxistische Diskussion zum Thema kritisch zusammen. (Das ist wichtig, weil es keine „Diskussion“ über Spartacus in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft gibt – die Fragen stellen sich für die gar nicht.) Rigobert Günther: Der Aufstand des Spartacus (DDR) ist damit überholt.

Das Problem ist: Wie haben die zahlreichen Aufstände der Sklaven gewirkt? Was haben sie verändert? Der Aufstand des Spartacus war der größte, der am besten organisierte, aber bei weitem nicht der einzige – auch nach der Niederlage kämpften einzelne Gruppen noch jahrelang weiter. Mehr dazu hat Brent D. Shaw: Spartacus and the Slave Wars: A Brief History with Documents (2001) (leider in Englisch – aber man kann sich die von ihm zitierten Quellen in deutscher Übersetzung besorgen).

Werner Raiths These: Angesichts der Sklavenaufstände wurde es für die herrschenden Klassen Roms ineffektiv und zu gefährlich, in relevanten Segmenten der Ökonomie Sklaven einzusetzen. Das lässt sich auch durch die Quellen belegen.
Wie die Römer trotz des Sieges über die Sklaven die Sklavenhaltung aufgeben mußten. Bilanz des Sklavenkrieges – Zunehmende Unrentabilität der Sklavenhaltung – Kein Nachschub mehr – Vermehrte „freie“ Arbeit – Weitere Aufstände von Sklaven und Unfreien – Zunahme der Nichtrömer im Römischen Reich – Abbröckeln der römischen Macht – Das Christentum breitet sich als Sklavenreligion aus, behindert aber bald die Sklavenbefreiung – Absterben der Sklavenhaltung im Übergang zum Mittelalter.

Das System der Sklavenhaltergesellschaft als vorherrschende Produktionsform wurde aus vielen Gründen abgeschafft, nicht nur aus Angst vor neuen Aufständen. Man könnte aber die These aufstellen, dass der Wandel des „Überbaus“ von der Republik zur Diktatur des Kaiserreichs durch den Klassenkampf der Sklaven verursacht wurde. (Bürgerliche Historiker können hier leider nicht mitreden, weil für die Klassen und Klassenkämpfe gar nicht existieren bzw. stattfinden.)

Ein schönes Beispiel für eine beschränkte Perspektive ist Markus Schauer: Der Gallische Krieg: Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk. Schauer kann man denjenigen empfehlen, die Bellum Gallicum im Original haben lesen müssen (wie ich) und die über ein solides marxistisches Grundwissen über die Antike verfügen. Er bleibt ausschließlich in der wolkigen Sphäre des Überbaus: Was wer warum wohl dachte und was die herrschende Klasse über sich meinte, analysiert das unterhaltsam und treffend und entlarvt Caesars Werk als schlichte Propaganda, die mitnichten über die historischen Fakten informiert. Aber mehr auch nicht.

Nic Fields fehlt uns noch: Spartacus and the Slave War 73-71 BC: A gladiator rebels against Rome (2009). So ungefähr müsste ein aktuelles Werk zum Thema aussehen. Auch Fields ist ein Marxist, der im wesentlichen so argumentiert wie Raith, aber zahllose Bilder, auch über archäologische Funde, machen das Buch unterhaltsam. Leider ist es auch in Englisch und für die Nachgeborenen vermutlich zu schwierig zu lesen.

Fazit für die, die etwas über Spartacus wissen wollen: Raith kostet rund einen Euro. Kaufen, solang der Vorrat reicht!

Kommentare

10 Kommentare zu “Spartacus, revisited”

  1. Martin Däniken am November 2nd, 2016 5:51 pm

    Michael Parenti nicht vergessen-er erwähnte das der olle Cicero ein Slumlord war!
    Caesar wollte reformieren Rechte der Grossgrundbesitzer beschneiden,die auch noch zwingen freie Männer einzustellen
    …hui ob das gut gegangen wäre
    -Sklaven neben F.Ms..
    Caesar hatte wie andere Reformer vor und nach ihm diesen „Unfall“,die Gracci-Brothes ereilte das selbe Schicksal!
    Reiche Römer haben schon auf ihre Fründe geachtet.

  2. ... der Trittbrettschreiber am November 2nd, 2016 6:58 pm

    „…entlarvt Caesars Werk als schlichte Propaganda,…“
    Ja, das ist ein sehr spannendes Thema, nicht nur inhaltlich, sondern auch, was den Fokus von Geschichte als aufklärendes Instrument angeht. Wer kommt eigentlich warum darauf, einem Kaiser, also einem Politiker zu vertrauen, was die objektive Darstellung seiner Geschichte betrifft. Caesar, der nur in der dritten Person von sich spricht und dazu in den höchsten glorifizierenden Tönen, wäre der letzte, den ich als guten Geschichtsschreiber anerkennen würde. Wie überhaupt. Selbst Geschichtsseminare „Handwerk im Mittelalter“ vermitteln nur Schreibtisch- Perspektiven. Aber was rede ich, versuch nur einmal, deinen eigenen Tag objektiv(!) der Nachwelt zu überliefern; die Perspektive aus der Zukunft inbegriffen.

    https://www.youtube.com/watch?v=xdyih45rh0k

  3. Martin Däniken am November 3rd, 2016 9:48 am

    Von einem Monty Phython (Terry Jones) gibt es ne BBC-Doku über die Kelten,wo der gallische Krieg auseinander gepflückt wird!
    @trittbrettschreiber: Sehr gut,speziell ab der 22 Min. habe ich den einen Staatsratsvorsitzenden im ohr ;-)

  4. ... der Trittbrettschreiber am November 3rd, 2016 12:33 pm

    @Martin Däniken

    Diktaturen sind auch Ohrwürmer – und in geschichtlichen Intervallen unabhängig von Intelligenz und technischem Fortschritt immer wieder sehr beliebt.

  5. Martin Däniken am November 3rd, 2016 5:47 pm

    Gemeint war Walter Ulbricht :Yeah Yeah Yeah

  6. Wolf-Dieter Busch am November 3rd, 2016 6:07 pm

    Es ist aus heutiger Sicht grausam, objektiv darüber zu urteilen (zumindest für mich persönlich): Spartacus‘ Krieg war keine Revolution, sondern eine Revolte und als solche untauglich für dauerhafte Änderung der Gesellschaft bzw. der Produktionsform. Er kämpfte gegen die Herren der Latifundien. Nicht gegen die Sklaverei. Im Falle seines Erfolges hätte er seinerseits Sklaven aufgekauft, um seine Felder zu bestellen.

    Die Warenproduktion der Antike beruhte auf Sklaven und fertig.

  7. Wolf-Dieter Busch am November 3rd, 2016 6:34 pm

    Wie haben die zahlreichen Aufstände der Sklaven gewirkt?

    Bessere Fragestellung: wie kommen die Sklavenaufstände in unserer Ideologie an? Mein Vorschlag ist christlicher Natur: das sind die ersten Morgenröte-Strahlen für die Nach-Sklavenwirtschaft.

    Dazu die Feststellung, dass das – religiös eher indifferente – Rom die frühen Christen herzhaft verfolgte. Das Christentum ist eine Sklavenideologie; seine Verfolgung ist eine pragmatische Entscheidung aufgrund der ökonomischen Basis der Sklaverei. Es bildet die ideologische Basis des Nachfolgers der sklavenbasierten Wirtschaft, nämlich des Feudalismus.

    (Dass die endgültige Abschaffung der Dampfmaschine zuzuschreiben ist, davon ein andermal; ebenso alle Zusammenhänge zwischen Christentum, Herrschaft und Korruption.)

  8. Martin Däniken am November 3rd, 2016 9:57 pm

    Naja die Galerensklaverei in der römischen Marine (Ben-hur!)waren Soldaten weil Slaven nicht fähig gewesen sind,die geforderte Motivation in Handlung umzusetzen!
    Und zum Thema cChristentum:Es geht um Gehorsam in Angesicht von nicht faktensicheren Geschichten auf gut Deutsch „glauben“.
    Lilith nicht kanonisiert aus guten kirchlichen Grund wg weiblicher Emanzipationaspekt
    und Satan der gegen Gott rebellierte…
    Verstoss gegen den von Gott geforderteten Gehorsam

  9. „Rome“, die NSDAP und dann abrupt Schluss : Burks' Blog am Mai 25th, 2017 2:49 pm

    […] Man wird einigermaßen unterhalten. Weniger Zeitlupen-Hauereien als in Spartacus, dafür mehr das Drumherum der Schlachten. ich erwarte von den hiesigen historisch gebildeten Leserinnen und in materialistischer Geschichtswissenschaft geschulten Lesern, dass diese wissen: Mit der historischen Realität haben solche Filme rein gar nichts zu tun. Da bestätigen im Falle der Person Caesar sogar bürgerliche Historiker wie Markus Schauer, vgl. Der Gallische Krieg: Geschichte und Täuschung in Caesars Meisterwerk. (Hatten wir schon in Spartacus, revisited.) […]

  10. Antike Sozialkämpfe : Burks' Blog am September 9th, 2018 5:09 pm

    […] Wie meinen? Die Diskussion hatten wir schon beim Thema Spartacus. […]

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