Da steh‘ ich nun, ich armer Tor

Revolution

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor, und weil das Zitat aus dem „Faust“ stammt, balle ich dieselbe noch in der Tasche. Zum ersten Mal weiß ich nicht, welche Partei ich bei der Bundestagswahl wählen soll.

Es kommen eh nur die Piraten oder die „Linke“ oder etwas Absurdes in Frage, wie Sonneborns „Die Partei“ oder eine spinnerte ultralinke Politsekte, die man wählen könnte, weil man die Garantie hat, dass sie zum Glück nie etwas zu bestimmen haben wird.

Gar nicht zu wählen kommt nicht in Frage, wenn man bedenkt, wie viele Menschen gekämpft und gestorben sind, auch hierzulande, für ihr Recht zu entscheiden, wer regieren darf. Ich bin ganz konservativ und traditionsbewusst, stamme aus einer Bergarbeiter- und Bauernfamilie und sehe mich in einer historischen Linie, die mindestens bei Wolf Göftel beginnt und den ich Jugendlichen zum Beispiel als Vorbild empfehlen würde, fragten sie mich nach einem.

Wahlen im Kapitalismus sind eine komplizierte Angelegenheit. Marx war ja noch der Ansicht, das „Proletariat“ – eigentlich: diejenigen, die keine Produktionsmittel besitzen – wäre in der Lage, die herrschende Klasse mit Gewalt zu beseitigen. Das ist natürlich aus zahllosen Gründen eine Illusion und falsch: Das Kapital agiert nicht national, eine weltweite gleichzeitige Revolution, wie man sie aus Russland oder Nicaragua oder aus Wunschträumen kluger und ultraschöner Frauen kennt, ist gar nicht vorstellbar und gehört ins Reich von Fantasy-Romanen.

Demokratie ist nichts anderes als eine Art temporärer gesellschaftlicher Konsens, dass es langfristig für alle Beteiligten effektiver ist, sich nicht die Köpfe einzuschlagen. Geht es wirklich um die Macht, wird die herrschende Klasse immer zuerst diesen Konsens aufkündigen. Wer die Macht hat, nutzt die Demokratie, um die anderen zu unterdrücken; Pfaffen und andere Prediger des Aberglaubens dienen seit jeher als Helfershelfer, um das Volk ruhigzustellen und zu verblöden.

Die größte Lebenslüge Deutschlands und das offizielle Propagandamärchen ist bekanntlich, die Weimarer Republik sei an den „Extremen“ von Links und Rechts zugrunde gegangen – darauf fußt die Totalitarismus-Doktrin, die regierungsamtliche Propaganda Interpretation der deutschen Geschichte. In Wahrheit ist Hitler von den politischen Bütteln der herrschenden Klasse finanziert und benutzt worden und mitnichten kein Dämon, den die Vorsehung an die Macht gespült hat. Nur zur Erinnerung (Burks‘ Blog, 19.11.2003):

Die Deutschkonservative Partei sprach sich 1892 in ihrem neuen Tivoli-Programm (der Parteitag fand in der Berliner Tivoli-Brauerei statt) gegen den „zersetzenden jüdischen Einfluß“ und gegen die Sozialdemokratie aus. Der antisemitische Hofprediger Adolf Stoecker war der Wortführer. Stoecker gründet den „Evangelisch-sozialen Kongreß“ zur Erforschung der sozialen Frage. Ihm gehören unter anderen auch liberale Intellektuelle wie Friedrich Naumann an, auf den sich heute die F.D.P. beruft.

Die Deutschnationale Volkspartei verpflichtete sich im Parteiprogramm 1920 zum Kampf gegen die „Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit“. Im Reichstagswahlkampf 1924 lautet einer der Parolen: „Wer nicht wählt, wird Judas Sklave, wird Frankreichs Kuli, ruft den Bolschewismus ins Land, opfert seine Kinder.“ In München ging im Februar 1920 aus der völkisch-antisemitischen Deutschen Arbeiterpartei (DAP) die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) hervor. Hitler, so formuliert Winkler treffend, „ist bekanntlich nicht durch einen Wahlsieg an die Macht gekommen.“ Bei der Reichstagswahl 1932 verlor Hitler zwei Millionen Stimmen, hatte auch keine parlamentarische Mehrheit, als er am 30. Januar 1933 zum Reichkanzler ernannt wurde. Die Mehrheit verschafften ihm die Nationalkonservativen. Und Hitlers Koalitionspartner, der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot um Franz von Papen und Alfred Hugenberg mit ihren acht Prozent Wählerstimmen sicherten der NSDAP die Macht. „Nicht der Parteiführer, aber der Reichskanzler Adolf Hitler konnte sich einer klaren Mehrheit erfreuen – dank der Nationalkonservativen.“

Revolution

Der Artikel 20 des Grundgesetzes sagt: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Wenn das Volk sich hat aber entwaffnen lassen, wie soll der Widerstand möglich sein, wenn es in Deutschland einen „kalten Putsch“ gäbe, etwa das Verfassungsgericht mit einer Mehrheit im Bundestag entmachtet würde oder die anlasslose Totalüberwachung aller Bürger jede Form der Opposition im Keim erstickte?

Nur um mir noch mehr Freunde unter den Gutmenschen und Lichterkettenträgern und neuen Reaktionären zu machen: Ich bin ein Verehrer des US-amerikanischen Waffenrechts, das im Kern nichts anderes meint, als dass das Volk bewaffnete Milizen aufstellen darf, um gegen Tyrannei zu kämpfen. Die allgemeine Volksbewaffnung war immer eine linke Forderung und musste manchmal mit Gewalt erkämpft werden, seit mehr als 500 Jahren, und ist nur deshalb nicht mehr im öffentlichen Bewusstsein, weil die so genannte „Linke“ hierzulande ein pappnasiger feiger Papiertiger ist, der sich, wie die Medien es schon bei Interviews vormachen, die Revolution von der herrschenden Klasse vorher „autorisieren“ ließe.

Hermann L. Gremliza, der Herausgeber der konkret, schrieb:
Söhne aus gutem, wenn nicht bestem Haus, ausgebildet an berühmten Universitäten: Ernesto Guevara, Fidel Castro, Salvador Allende, die Ortegas, Patrice Lumumba oder Nelson Mandela, die allesamt für den Westen als kommunistische Terroristen galten und, bis auf Mandela, noch heute gelten. Die meisten von ihnen suchten Beistand im Westen, bis sie – nicht zuletzt am Beispiel von zwei Millionen für Freedom and Democracy ermordeten Vietnamesen – erkennen mußten, daß das Gerede von den höchsten Werten eben genau das war: Gerede summa cum laude; und lernen, daß die einzige Macht, von der sie – aus welchen Gründen auch immer – Schutz und Hilfe erwarten konnten, das Reich des Bösen war: der Realsozialismus.

Und in einem Gespräch mit Ignaz Bubis:
[Gremliza] Vor vier Jahren haben Sie mir noch gesagt: »Es gibt für mich keinen Grund, kein Deutscher sein zu wollen. Ich habe ein neues Deutschland erlebt, ein demokratisches Deutschland. Wir sind die deutschen Patrioten, wir, das andere Deutschland, die Mehrheit.« Erinnern Sie sich?
[Bubis] Ja. Ich halte die Mehrheit für demokratisch, nach wie vor. Besonders die zwei Generationen in der Demokratie Geborene, aber nicht nur diese. Ich habe auch keine Probleme mit Patriotismus, ich habe keine Probleme mit einem Nationalgefühl. Nur es darf nicht ins Völkische, ins Nationalistische übergehen.
[Gremliza] Es gibt kein deutsches Nationalgefühl ohne Antisemitismus und Rassismus.

So viel zur Demokratie und den Wahlen, die wichtig und unumgänglich sind, auch als Schule für die Nachgeborenen, zu lernen, wie man Mehrheiten schafft oder warum nicht, aber die nie die Macht- oder die Systemfrage stellen werden, jedenfalls nicht in Deutschland.

Wir waren bei der Frage, wen ich wählen soll im September. Die Piraten stehen mir am nächsten, die einzige Partei, die Freiheit über Sicherheit stellt, die die Trennung von Staat und Kirche wirklich fordert und deren drogenpolitische Thesen vernünftig sind. Die Piraten haben sich aber zur Harmlosigkeit verdammt, solange dort die Anhänger der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) frei herumlaufen dürfen und mit ihren vulgärökonomischen Fetischismen den Leuten die Köpfe verkleistern.

Die Partei „Die Linke“ ist aus denselben Gründen harmlos. Lafontaine hat offenbar noch nie eine Zeile von Karl Marx gelesen, sondern wettert stattdessen gegen das „raffende Kapital“, das er „Finanzkapital“ nennt; seine Lebensabschnittsgefährtin verehrt Ludwig Erhardt, der es immerhin geschafft hat, die affirmative Neusprech-Sprachregelung „freie soziale Marktwirtschaft“ anstatt „Kapitalismus“ in alle deutschen Köpfe zu hämmern. Und die soll ich wählen? „Wie viel muss man eigentlich essen, um angemessen kotzen zu können?“ (Urban Priol)

Bliebe noch Die Partei. Ihr Motto „Inhalte überwinden“ ist treffend, obwohl ich vermute, dass der Deutsche Journalistenverband die Urheberrechte beanspruchen könnte. Ich muss aber warnen: Meine Geduld, mich mit ignoranten Idioten herumzuplagen, ist, je älter ich werde, immer begrenzter – das habe ich auch im DJV Berlin gerade deutlich gemacht. Falls ich „Die Partei“ also wählen soll, verlange ich, dass die meine Stimme vorher kaufen. Angebote nehme ich (nur) per verschlüsselter E-Mail gern entgegen.

Kommentare

14 Kommentare zu “Da steh‘ ich nun, ich armer Tor”

  1. der Herr Karl am Juni 26th, 2013 11:10 am

    Wenn das Volk nun erfolgreich die Tyrannei beseitigen würde, welches System wäre denn danach das Beste?
    Und wie sähe dessen Struktur aus, nur mal ganz grob skizziert?

  2. Maxim am Juni 26th, 2013 11:13 am

    „Die Partei“ wird es wohl werden.

    Abgesehen davon: welche Ausführung vom Marxes Kapital empfiehlst du denn?

    Die hier schaut ja vielversprechend aus: http://www.amazon.de/Kapital-Kritik-politischen-%C3%96konomie-Produktionsprozess/dp/3320002627/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1372241397&sr=8-3&keywords=Das+Kapital

  3. ninjaturkey am Juni 26th, 2013 11:17 am

    Wähl Links! Mache ich auch aus immer den selben Gründen:

    – sie richten am wenigsten Unheil an (sollten sie tatsächlich mal in echte Regierungsverantwortung kommen, muss man weitersehen)
    – ich gönne den anderen Parteien keinen Cent, den sie pro Wählerstimme bekommen.
    – Frau Wagenknecht ist objektiv attraktiver als Frau Merkel ;-)
    – die Linken wagen wenigstens ab und zu mal die Bürgerrechte.anzusprechen und stellen im Bundestag die richtigen Fragen.
    – An den Wahlständen in der Fußgängerzone sind die Linken immer die lustigste Truppe und deren Bleistifte sind echt brauchbar (CDU-Bleistiftminen brechen schneller als deren Wahlversprechen)

    Damit ist meine Stimme zumindest aus der Reichweite unserer Volxparteien.

  4. admin am Juni 26th, 2013 11:43 am

    Maxim: Das Original hat drei Bände, viel zu lang. Ich empfehle http://s445925490.e-shop.info/shop/article_452-4/F%C3%BClberth,-Georg%3A-%3CBR%3E%C2%BBDas-Kapital%C2%AB-kompakt.html

    Oder verfolge aufmerksam den Tag hier :)
    http://www.burks.de/burksblog/category/marx-revisited

    @ninja: Ich finde nicht, dass die Wagenknecht hübsch ist. Viva Camilla Vallejo!

  5. ...der Trittbrettschreiber am Juni 26th, 2013 11:45 am

    Prüder zur Wonne, zur Breiheit – je mehr Wähler, desto weniger Meinungen.
    Muss Meinen schön sein, wenn ich frei bin, meine ich auch.

  6. Roland am Juni 26th, 2013 12:41 pm

    „… solange dort die Anhänger der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) frei herumlaufen dürfen …“
    Woher nimmst du diese Erkenntnis?
    – Programm
    – Arbeitsgruppe
    – Einzelmeinung

  7. admin am Juni 26th, 2013 12:51 pm

    http://wiki.piratenpartei.de/AG_Wirtschaft

    Man kann solche Forderungen nicht glaubhaft stellen, ohne das System als solches abzuschaffen.

  8. Herr Lehmann am Juni 26th, 2013 1:18 pm

    Der Wahl-o-mat kann eine Hilfe sein, ein Kompromiss ist das ganze immer. Wie so vieles im Leben!

  9. pantoufle am Juni 26th, 2013 5:41 pm

    Also die Kanzlerinninkandidatin DER PARTEI Samira El Ouassil hat unbedingst etwas! Schönere Menschen als bei den C-Parteien sind leicht zu finden.

    ICH wähle DIE PARTEI, weil… ähhh, ja! Genau deswegen!

  10. Störgröße am Juni 27th, 2013 6:45 am

    Sollten die Linken nicht in den Bundestag kommen, wird dort niemand mehr Fragen stellen.
    Schon allein deshalb wähle ich sie.

  11. elvis am Juni 27th, 2013 11:30 am

    ninjaturkey am Juni 26th, 2013 11:17 am

    Wähl Links! Mache ich auch aus immer den selben Gründen:

    – Frau Wagenknecht ist objektiv attraktiver als Frau Merkel ;-)

    … dann warte mal ab bis Frau Merkel ihre Bluse öffnet …

  12. der Herr Karl am Juni 27th, 2013 3:07 pm

    @elvis
    Sollte sich Berlusconi geirrt haben..?

  13. Feynsinn » Parlamentarische Demokratie am Ende am Juni 27th, 2013 8:44 pm

    […] da gibt es gleich “viele Alternativen” für die Parlamentarier. Wer sich da noch an Wahlen beteiligt, hat eigentlich kein Recht mehr, sich über die Zustände zu beschweren. So rum wird ein Schuh […]

  14. DasKleineTeilchen am Juni 28th, 2013 6:51 am

    die piraten „die einzige Partei, die Freiheit über Sicherheit stellt“, sind ein leider mit diversen uBooten durchsetzter sauhaufen, insbesonders die berliner fraktion; „freiheit über sicherheit“? *lach*. die berliner fraktion um ihre agitatoren verlangt u. a. den klarnamenszwang bei abstimmungen. geheime wahl? my fucking ass!

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