Schöpferischwirtschaft oder der tägliche Wahnsinn

Was haben wir denn da so heute?

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Und nun zu etwas ganz anderem. “…reist Angela Merkel an die Unglücksstelle der abgestürzten Germanwings-Maschine. Verfolgen Sie den Besuch in Seyne-les-Alpes im Livestream.” Warum sollte ich das verfolgen? Was habe ich davon? Dient Merkel der Wahrheitsfindung? Was ist eigentlich eine “Unglücksstelle” – im Gegensatz zu einer “Glücksstelle”?

Und nun zu etwas ganz anderem. Ein Lobbyist der Musikindustrie wird Beauftragter für Digitale Ökonomie. Wieso denke ich jetzt an die abgedroschene Metapher, in der ein Bock und ein Gärtner vorkommen? Die “Kreativwirtschaft”, die dabei irgendwie mitspielt, interessiert mich. Synonyme: erfinderisch, künstlerisch, originell, phantasiebegabt, produktiv, schöpferisch. Ist Synonym von: einfallsreich, gedankenreich, geistreich, genial, gestalterisch, ideenreich, künstlerisch, musikalisch, original, originell, phantasiebegabt, phantasiereich, phantasievoll, produktiv, schöpferisch, spritzig, sprühend, witzig.” Schöpferischwirtschaft? Und die anderen Wirtschaften schaffen nicht, sondern liegen auf der faulen Haut?

Denk ich an Wolf Schneider in der Nacht: “Was kann für Journalisten wichtiger sein, als die Experten unerbittlich auf klares Deutsch zurechtzustutzen? Daß manche Blähung sich dabei in Nichts auflöste, manche scheinbar wichtige Erklärung aufhörte, eine Nachricht zu sein, wäre ein möglicher Grenzfall, den wir herzlich begrüßen sollten. (…) Journalisten sind eingeschüchtert vom Imponiergehabe der Erperten, sie wagen es nicht mehr, aus “Öffentlichen Münzfernsprechern” Telefonzellen oder aus “justiziellen Verfahrensabläufen” Prozesse zu machen; sie haben kapituliert.”

“Eine Verzahnung und Vermittlung der bestehenden Initiativen und Strategien der Kultur- und Kreativwirtschaft einerseits mit der Digitalen Agenda und der innovativen Digitalisierung der Wirtschaft…” Blablablabla. Ung. Ung. Ung. Ung. Hat diesen Satz ein Pressesprecher der “Linken” verbrochen? Hört sich fast so an. So gedankenreich, geistreich, genial, gestalterisch, ideenreich, künstlerisch formulieren offenbar die SPD und die Schöpferischwirtschaft.

Jetzt muss ich erst einmal etwas kaputtmachen. (Nicht so auf die Details schauen!)

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Und nun zu etwas ganz anderem. Die New York Times denkt laut darüber nach, was passierte, wenn Facebook die Websites von Medien hostete, zum Ausgleich für den erzeugten Traffic aber dann die Nutzer auspionieren darf. Das Thema macht mich müde. Seit mehr als einem Jahr versuche in den DJV Berlin davon zu überzeugen, dass es einer Gewerkschaft nicht gut ansteht, bei Facebook offiziell präsent zu sein [Vorsicht! Facebook-Link!], anstatt vielleicht nur eine “Fanseite” zu gestalten, die dann die Besucher zur eigenen Website umleitet. Sie kapieren es nicht. Sie wollen es nicht kapieren. Man fängt bei jeder Diskussion wieder bei Null an. Ich habe es so satt.

Und nun zu etwas ganz anderem. “Wir fordern von der Politik den Missbrauch der Leiharbeit abzustellen!” WTF? Aber sklavenhandel Leiharbeit an sich ist super? “Missbrauch abstellen?” Versteh ich nicht. Kann man auch Missbrauch anstellen?

Und nun zu etwas ganz anderem. Telepolis rechnet mit Matthias Bröckers’ und Paul Schreyers Buch “Wir sind die Guten” ab. “Ihr seid nicht besser” Lesenswert! Man atmet auf, weil Thomas Dudek Fakten präsentiert, die viele – mich eingeschlossen – vermutlich noch nicht kennen. Das macht es dem Leser auch nicht einfacher, einen Hauch von Wahrheit herauszufinden.

Und nun zu etwas ganz anderem. “Die Anstalt entfällt – das Böse bleibt!” schreibt der Schockwellenreiter und beruft sich auf die Nachdenkseiten: “Der Respekt vor den Toten verbietet für das ZDF die Satire der ‘Anstalt’. Der Zynismus, dass die Börsenkurse von Lufthansa und Airbus durch den Flugzeugabsturz ‘unter Druck’ gerieten, wird aber als wichtige Nachricht gehandelt.”

Fratzenbuch

Und nun zu etwas ganz anderem. Der kackbraune Pöbel und die dazu passende pesudo-intellektuelle Krawalleria aus Eimern Juristen und Ärschen Volkswirtschaftlern trifft sich offenbar gern und oft auch bei Bettina Röhl (Vorsicht! Facebook-Link!) und Roland Tichy (“Wirtschaftsjournalist”), wenn man dort die Kommentare liest. Mir wird ganz schlecht, wenn ich das ansehe.

Ich muss jetzt etwas in Trümmer legen zum Ausgleich.

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Und nun zu etwas ganz anderem. Der Standard (via >b’s weblog): “Seit Jahresbeginn hält eine rätselhafte Serie von Todesfällen die Ukraine in Atem. Es handelt sich durchwegs um Politiker der früher regierenden Partei der Regionen des geflüchteten Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Am Wochenende verunglückte nun sein Sohn Wiktor junior unter bisher ungeklärten Umständen tödlich.” Das ist sicher nur ein Zufall…

Danke auch für den Hinweis auf >b’s weblog (immer gelesen): Das BILD-Blog (selten gelesen) fasst zusammen, was sich die Boulevard-Medien über Griechenland zusammengehetzt haben.

Mir reicht es für heute…

Über die Irrtümer großer Denker

Harald Martenstein im Zeit Magazin: “Ich halte Karl Marx für einen großen Denker, auch wenn er nicht in jedem Punkt recht gehabt hat. Es ist fraglich, ob überhaupt jemals ein großer Denker oder eine Denkerin gelebt hat, der oder die in jedem Punkt recht behalten hätte, auch wenn ich Günter Grass und Alice Schwarzer in dem Verdacht habe, dass sie in Bezug auf sich selbst diese Hoffnung hegen. Kleine Denker irren sich seltener. Mein Hund irrt sich fast nie.”

Wer jetzt nicht weiterliest, ist ein Döspaddel. So beginnt man Artikel, und so fängt man Leser ein!

Wie der Wolf den Fluss verändert

Ein ganz wunderbarer Film (in ganz wunderbarem britischen Englisch): “They brought wolves to Yellowstone, but they had no idea this would be the result”.

Islamophobie et al

“Gegen Islamophobie habe ich persönlich nichts – man sollte aber jeden Glauben verachten.” (Oliver Maria Schmitt, ehemaliger Chefredakteur der “Titanic”)

Gran Mal Bay

Grand Mal BayGrand Mal BayGrand Mal BayGrand Mal BayGrand Mal BayGrand Mal Bay

Gesehen und fotografiert auf Grenada (Kleine Antillen) während der leider fast vergessenen Revolution 1982.

Das oberste Bild zeigt die Bucht Grand Mal Bay, nördlich der Hauptstadt St. Georges. Das Haus (Foto darunter) hatten wir von Privatleuten gemietet – es war spottbillig und lag direkt am Meer, auf halbem Weg zur Grand Mal Bay. (Man beachte das Haustier der Spaziergänger!) Der Abendhimmel war eigentlich immer genau so…

Seid gefälligst zufriedener!

FAZ.net: “Wie Twitter und Facebook die Wirklichkeit verzerren”.
“Alle Kriterien, die Facebook anwendet, sind letztlich Werkzeuge, um den Feed zu manipulieren, in den meisten Fällen mit der Intention, unsere Zufriedenheit zu erhöhen.” (Philip Napoli, Professor für Journalismus und Medienstudien an der Rutgers University in New Brunswick)

Burks.de hat auch genau das Ziel: Die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser zufriedener zu machen. SCNR (Nein, nicht “die Zufriedenheit erhöhen”.)

Women of Worth

GMB Akash: “Sometimes the strongest women are the ones who love beyond all faults, cry behind closed doors, and fights battles that nobody knows about. This blog post is dedicated to honour women who are living at the edge of the society and continue their fighting to earn food and dignity, who merely ever come in the world’s limelight; even the society they are living have never appreciated their bravery.”

Unbedingt ansehen.

Eine Bande von Eseln oder: Krieg den Mösen, Friede den Arschlöchern

“Wir haben jetzt endlich wieder einmal – seit langer Zeit zum erstenmal – Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen support von irgend einer Partei irgendwelches Landes brauchen und daß unsere Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. (…)

Wie passen Leute wie wir, die offizielle Stellungen fliehen wie die Pest, in eine Partei? Wie soll uns, die wir auf die Popularität spucken, die wir an uns selbst irre werden, wenn wir populär zu werden anfangen, eine ‘Partei’, d. h. eine Bande von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen hält?” (Friedrich Engels)

“Aber ohne Gewalt und ohne eherne Rücksichtslosigkeit wird nichts durchgesetzt in der Geschichte, und hätten Alexander, Cäsar und Napoleon dieselbe Rührungsfähigkeit besessen, an die jetzt der Panslawismus zugunsten seiner verkommenen Klienten appelliert, was wäre da aus der Geschichte geworden!” (Karl Marx)

“Das sind ja äußerst widernatürliche Enthüllungen. Die Päderasten fangen an sich zu zählen und finden, daß sie eine Macht im Staate bilden. Nur die Organisation fehlte, aber hiernach scheint sie bereits im geheimen zu bestehen. Und da sie ja in allen alten uns selbst neuen Parteien, von Rösing bis Schweitzer, so bedeutende Männer zählen, kann ihnen der Sieg nicht ausbleiben. ‘Guerre aux cons, paix aux trous-de-cul’ [Krieg den Mösen, Friede den Arschlöchern], wird es jetzt heißen. Es ist nur ein Glück, dass wir persönlich zu alt sind, als dass wir noch beim Sieg dieser Partei fürchten müssten, den Siegern körperlich Tribut zahlen zu müssen. Aber die junge Generation!” (Engels an Marx)

“Ich habe natürlich meine Aufstellungen so gehalten, dass ich im umgekehrten Fall auch Recht habe.” (Karl Marx über seine Werke, 1857)

Ich lache mich gerade kaputt beim Zuhören…

Blumenkohl mit Pampe und genderpolizeilich inkorrekter Fleischbeilage

BlumenkohlBlumenkohl

Blumenkohl-Auflauf mit Kartoffeln, Speck, mit Käse überbacken, zudem Sauce hollandaise und Bratwurst. Ich wette, dass es so ein normales Gericht in keinem Szene-Restaurant in Kreuzberg oder Prenzlauer Berg gibt. Wahrscheinlich ist schon allein die Bratwurst genderpolizeilich verboten (obwohl sie ja weiblich ist).

Politik und rationale Argumente

“Mit rationalen Argumenten in der Kriminalpolitik kann man leider nur selten punkten.” (Thomas Feltes, Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität Bochum)

Das Ministerium für Wahrheit informiert

Das Ministerium für Wahrheit, auch bekannt als “EU-Regierungen“, informiert: “Propaganda” heißt jetzt “strategische Kommunikation zur Unterstützung der Medienfreiheit”.

Kunst am Bau

Kunst am Bau

Berlin, Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Strasse

Die Bösen sind die Anderen

Dieser Artikel von mir erschien am 01.07.1998 in der “Jungle World” und ist gerade wieder aktuell (vgl. blockupy).

Über die Inszenierung von Gewalt

In Berlin-Kreuzberg haben zwanzig türkische Jugendliche einen deutschen Polizisten so verprügelt, daß er im Koma liegt. Der Polizist ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im brandenburgischen Pritzwalk haben zwanzig Skinheads einen Punker so verprügelt, daß er im Koma liegt. Das Opfer ist unverheiratet und hat keine Kinder. In Köln verprügeln zwanzig islamische Fundamentalisten einen algerischen Oppositionellen. Täter wie Opfer sind Asylbewerber. In Hamburg verprügeln zwanzig Albaner einen Jugoslawen. Täter wie Opfer gehören zum Rotlichtmilieu. Ausländische Hooligans (von Frankreich aus gesehen) verprügeln einen einheimischen Polizisten.

Gelogen, gut erfunden oder wahr? Nichts sagt mehr über eine Gesellschaft aus als die Art und Weise, wie sie über Gewalt redet. Der Gewalt-Diskurs ist eine Meta-Theorie, mittels derer unterschiedliche Milieus darüber kommunizieren, wie sie andere Milieus sehen. Jedes Milieu hat Lobbyisten, Experten, die vorgeben, den verschlüsselten Kode der anderen Milieus verstehen zu können. Die Experten in weniger komplexen Gesellschaften, von Ethnologen Trickster genannt, vermitteln zwischen den Menschen und den Göttern, also zwischen zwei Sphären, die kaum etwas miteinander zu tun haben oder die Sprache der anderen nur verstehen, wenn sie sich eines Dritten bedienen. Bricht der Dritte die Regeln, wie der mythische Prometheus, der den Göttern das Feuer raubt, also Teil ihres Machtmonopols, wird er bestraft.

Die Experten in hochkomplexen Systemen sind dafür da, einem Milieu einleuchtend zu erklären, daß das Böse aus dem jeweils anderen Milieu stammt. Die Experten weisen Schuld zu und aktivieren und entlasten das Milieu, das jeweils bezahlt. Das traditionell konservative Milieu macht die Erzieher der neuen Mittelschichten für den Werteverlust verantwortlich. Lehrer und Sozialarbeiter geben ihren Geldgebern die Schuld – zu wenig Mittel für Jugendarbeit sind die Ursache für Gewalt, Drogenmißbrauch usw. Parteien sehen bestätigt, was sie jeweils schon wußten: fehlende soziale Gerechtigkeit (PDS) alias Kapitalismus ist schuld. Ganz besonders gefragt sind Experten, Trickster, die sich allgemein kulturpessimistisch äußern, daß sich alle bestätigt fühlen können: Früher war alles besser, heute jedoch beoabachten wir Individualisierung und Destabilisierung sozialer Milieus. Der unverständliche und schwammige Kode der Experten suggeriert, daß es einen Meta-Code des Gewalt-Diskurses gäbe, was sie dazu prädestiniert, von verschiedenen Milieus mit unterschiedlichen Interessen positiv vereinnahmt zu werden.

Nicht die, die die Macht haben, sind böse, sondern andere. Das Gewaltmonopol der Herrschenden darf im Diskurs nicht vorkommen. Besonders die Jugend ist gefährdet, sich nicht an die Regeln zu halten, und potentiell gewalttätig und drogensüchtig. Die nachwachsende Generation ist – noch! – nicht so wie wir. Die Jugend ist aber resozialisierbar. Der Kick des Diskurses läßt sich nur steigern, wenn die Gesellschaft als Inkarnation des Bösen – neben der Jugend – marginalisierte Gruppen medial erzeugt als warnendes Beispiel dafür, daß denen nicht zu helfen ist. Nazis sind die Arbeitslosen, die sozial Schwachen, die Doofen. Skinheads haben keine Lehrstelle und keine Zukunft. Männer aus diskurs-erprobten Mittelschichten erklären, daß sexuelle Gewalt bei proletarischen Männer ein Problem ist. Türken und Araber sind Machos. Rassismus und Antisemitismus beobachten wir nur bei den Nazis.

Die Lobbyisten der Berufs-Betroffenen (Helfen und Heilen) reden über Gewalt mittels Jugendlicher. Die können nichts dafür, daß sie so sind. Die Gesellschaft will sie wiederhaben. Die Lobbyisten der harten Hand (Strafen und Einsperren) rufen: die Obrigkeit muß gegen das Böse härter durchgreifen! Nazi-Zeitungen verbieten! Mit der ganzen (nicht etwa der halben!) Härte des Gesetzes gegen Chaoten vorgehen usw. Die Bösen, die hier gemeint sind, können etwas dafür, daß sie so sind. Die Gesellschaft will sie nicht mehr. Sie sind Psychopathen – “hirnverbrannte Schläger”. Drogenmißbrauch führt zu Hirnschäden.

Wozu dient der Gewalt-Diskurs? Er verschafft der Gesellschaft Angstlust wie der Horrorfilm: Ohne Gewalt weiß niemand, was das Gute ist. Gut ist: Wollen wir mal darüber reden, mit einer Kerze in der Mitte. Runder Tisch. Reden ist erlaubte Gewalt, die Fortsetzung des Hooliganismus mit anderen Mittel. Beziehungsgespräche der neuen Mittelschichten sind ein gutes Beispiel. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie Frauen-, Männer-, Selbsterfahrungsgruppen. Reden heißt: der Sozialarbeiter zwingt dem Schläger sein Spiel und seine Regeln auf. Du mußt dich der Gruppe anpassen. Wo kämen wir denn hin. Wenn du es zu etwas bringen willst, mußt du das tun und jenes lassen. Der Arbeitsmarkt im Kapitalismus belohnt dich dafür, daß du kein Warlord bist. Geld, Frauen, Liebe und Prestige sollen die kompensatorische Gratifikation für Gewalt sein.

Wer Macht hat, redet nicht über Gewalt. Die Herrschenden können andere beauftragen, Gesetze zu erlassen, die die Beherrschten zwingen, ihren Wünschen nachzukommen (Asylgesetz alias “Ausländer raus”). Wer über Gewalt kommuniziert, demonstriert, daß er selbst über nur begrenzte Macht verfügt. Man will, daß die, die den eigenen sozialen Status potentiell bedrohen, sich an Regeln halten, die man selbst aufgestellt hat. Nur die Mittelschichten fordern von allen anderen, sich an Regeln zu halten, weil sie “Angst vor dem Absturz” (Barbara Ehrenreich) haben. Wer aufsteigen will, muß die Werte der Gesellschaft verinnerlichen und sich selbst kontrollieren. Beherrsche dich, und nicht etwa andere! Der soziale Aufsteiger ist gegen Gewalt, weil Gewalt archaisch ist und die Regeln, die ihm ein gesichertes Leben ermöglichen, ad absurdum führt. Der klassische Radfahrer tritt nach unten, aber fordert gleichzeitig, daß die da oben das nicht tun. Sie sollen ihn dafür belohnen, daß er sich an die Regeln hält.

Gewalt ist eine Ikone, ein sinnliches, also medial vermitteltes Bild eines Phänomens, das unterschiedliche Gruppen jeweils verschieden wahrnehmen und interpretieren. Hooligans finden Gewalt geil. Sie verschafft ihnen alles, was das Leben versprechen kann: Körpergefühl, Überschreiten der Grenzen, Macht, Gruppendynamik, Thrill. Ein Trip ohne psychotrope Hilfsmittel.

Die Berufs-Betroffenen, allen voran Theologen, finden Gewalt abscheulich. Politiker distanzieren sich von Gewalt, als wenn sie es nötig hätten. Psychologen erklären Gewalt denen, die nicht wissen, woher sie kommt. Sozialarbeiter verstehen Gewalt, weil sie ihre Klientel verstehen. Lehrer reden über Gewalt mit denen, die sich ihrer nicht bedienen sollten. Mach einen Bogen um das Böse. Soldaten und Polizisten sind gewalttätig, weil sie es dürfen. Mach also einen Bogen um das Böse nur dann, wenn es verboten ist – das ist so überflüssig wie ein weißer Schimmel.

Sagt ein Experte etwas, das die Gesellschaft nicht hören will, wird er bestraft – indem man ihn nicht beachtet, ihm seinen Status als Wissender aberkennt, indem die Medien ihn nicht wahrnehmen, oder indem man ihn mit seiner exotischen Meinung als Gegenpol zu den Anerkannten akzeptiert, als Schatten, den das Licht der anderen wirft. Der Diskurs über Gewalt ist so ritualisiert wie eine katholische Messe. Alles hat seinen Platz und ist schon vorab bekannt. In komplexen Gesellschaften wie dem Kapitalismus westlicher Industrieländer ist Gewalt nur noch als physische Gewalt öffentlich existent. Gewalt als allgegenwärtige Methode, anderen meinen Willen aufzuzwingen, darf nicht das Thema sein. Wer über Gewalt redet, redet immer nur über ein Segment der Gewalt. Wer über Gewalt kommuniziert, zwingt anderen Milieus seine Definition dessen auf, welches Mittel, um sich durchzusetzen, erlaubt ist und welches nicht. Wer sich diesem Konsens verweigert, bekommt einen Titel, damit wir das Böse anthropomorph begreifen können: Hooligan, Skinhead, Drogenabhängiger, Außenseiter, Vergewaltiger, Minderheit.

Die Unterschicht wird zur Metapher, die gewaltfreien Angepaßten projizieren Physis, Erotik und Abenteuer: Die Ikonen Marlon Brando, James Dean und Che Guevara waren in ihren Inszenierung potentiell gewalttätig – wie Hooligans. Der Rocker oder Halb (!) starke ist ein verkappter Hooligan. Waffen für Nicaragua. Die Gefährlichen tragen Leder- oder Bomberjacke. An ihrer Spitze marschieren schöne Frauen mit geöffneter Bluse und der richtigen Fahne. Die an die Futterplätze drängen, die das Bestehende umwälzen, von oben nach unten, kollektiv oder nur als Individuum, sind Teil einer kollektiven Gewaltphantasie und können nur durch Sex (die höhere Tochter und der Prolet, die Schöne und das Biest) zivilisiert werden oder dadurch, daß die Männer, die von unten kommen, mit Privilegien bestochen werden. In den Fünfzigern gab es in der öffentlichen Inszenierung keine Rebellion und keine Gewalt, deshalb war das Geschlechterverhältnis umgekehrt: Die Försterliesel war besonders brav, deshalb erwählte sie der Graf zu seiner Braut.

Heute muß der junge Mann wider den Stachel löcken, um medial attraktiv zu sein. MTV und Viva inszenieren die kollektive Gewaltphantasie der Mittelschichten, ungefährlich eingebettet in den Rahmen der geschützten Bühne, und die Künstler dürfen das Hotelzimmer zu Kleinholz verarbeiten oder sich mit Drogen vollpumpen und ungezügelten Sex haben, weil sie das stellvertretend für das Publikum tun, das sich das nicht gestattet. Wo kämen wir denn hin.

Der Diskurs über Gewalt definiert immer ein Außen-Innen-Verhältnis. Gewalt ist um so gefährlicher, je mehr sie von den Rändern kommt: Jugend – ein Schritt von der Mitte entfernt, Randgruppe, zwei Schritte, Ausländer, drei Schritte. Die Inkarnation des Bösen ist ein gewalttätiger jugendlicher Ausländer. Ein Widerspruch in sich ist ein erwachsener deutscher, aber nur in der Freizeit prügelnder Hooligan, der weder sozial marginalisiert ist noch ein politisches Motiv hat, was ihn einer Randgruppe zuordnen würde. So etwas gibt es nicht, genausowenig wie es Rassisten und Antisemiten im Bundestag gibt, die man einsperren oder verbieten könnte.

Hooligans sind die Rache des Kapitalismus: Er nimmt die Wut und die Sehnsucht der armen Schweine und verkauft sie an privilegierte junge Männer aus den Mittelschichten. Die inszenieren den Aufstand so, daß er der Gesellschaft in den Kram paßt, unpolitisch, mittels erlaubter Drogen und nur punktuell die Grenzen überschreitend, daß nicht zu viele auf der Strecke bleiben. Fast wie die Bundeswehr in Bosnien.

Behaglich dumm

“In seinem Sessel behaglich dumm, sitzt schweigend das deutsche Publikum.” (Karl Marx)

Qualitätsmedien, oder: Stinkefinger, reloaded [Update]

Zeit.de: “In einem aufwändigen Video zeigt Böhmermann, wie seine Kollegen mithilfe von Videobearbeitungsprogrammen den Mittelfinger von Varoufakis in das Video geschnitten haben. Die Aufnahmen sollen von einer Komplizin stammen, die auf der Konferenz war und die Bilder zur Verfügung stellte. Die Szene mit dem Finger will Böhmermanns Team in einem Studio mit einem Double nachgedreht haben.”

[Update] Ob Satire oder nicht: vgl. DOCMA Magazin zu den Details

Ärgerlich und absurd

Kai Bierman auf Zeit online: “Daten auf Vorrat zu speichern ist und bleibt eine schlechte Idee. Dass Politiker der großen Koalition das aus Angst und Bequemlichkeit fordern, ist ärgerlich und absurd. (…) Die Schlichtheit der dabei immer wieder vorgebrachten Argumente ist zum Heulen.”

Well said. Die Schlichtheit passt aber zu den Hirnen, aus denen das entsprang.

Produktrückruf

Produktrückruf

Alle Räder stehen still

Lieber Fragen stellen

Lesenswertes Interview mit Katharina König über den NSU-Verfassungsschutz-Komplex in der “Jungle World”:
Wenn die beiden sich, wie offiziell behauptet, selbst getötet und das Wohnmobil angezündet haben, warum wurde dann kein Ruß in ihren Lungen gefunden? Warum wird der Wohnwagen ohne richtige Tatortsicherung im 40-Grad-Winkel abgeschleppt? Warum konnte die Feuerwehr keine Brandnachschau machen? Warum wurden die Fotos von ihrem Einsatz durch die Polizei vor Ort beschlagnahmt? Niemand weiß, wo diese Fotos sind.

Ich darf an mein Posting “Braune Sau” vom 11.11.2011 erinnern…

Girls

twitty twister

Und herzliche Grüße an die salafistischen Mitbürger!

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