Das wichtigste militärische Ereignis des II. Weltkriegs, revisited again

Warschauer Ghetto

Dieser Artikel erschien auf burks.de vor fünfzehn Jahren. Ich habe ihn leicht verändert und die Links und Bilder aktualisiert. Vgl Burks.de vom 19. April 2013 und vom 20. April 2003: „Das wichtigste militärische Ereignis des II. Weltkriegs“ sowie den Stroop Report.

Am 19. April 1943 fand die herausragendste militärische Leistung des zweiten Weltkriegs statt. Sehr wenige gegen viele, sehr schlecht Bewaffnete gegen einen übermächtigen militärischen Apparat, heroischer Mut, den sicheren Tod vor Augen, nur noch ein mögliches Ziel: in Würde zu sterben. Der Kampf der wenigen hundert Frauen und Männer hinterließ der Welt ein Fanal – es machte sie und die wenigen Bilder, der erhalten sind, unsterblich.

Am 19. April 1943 begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Im Juli des Vorjahres hatten die Nazis angefangen, die Juden aus Warschau in die Konzentrationslager zu deportieren. Die Geschichte ist bekannt, und zahlreiche und gute Websites informieren über die Details. Im Oktober 1942 gründete sich die „Jüdische Kampforganisation“ Żydowska Organizacja Bojowa“ im Ghetto. Die ersten Aktionen wandten sich gegen Kollaborateure. Am 23. Januar sollte losgeschlagen werden. Doch vier Tage vorher marschierten die Nazis in das Ghetto ein. Nach vier Tagen erbitterten Kampfes mussten sich die Deutschen zurückziehen. Die ZOB verlor fast 80 Prozent ihrer KämpferInnen.
Warschauer Ghetto
In den folgenden Wochen organisierten die Juden im Ghetto ein System von Bunkern, die mit der Kanalisation verbunden sind, und versuchten, Waffen „nach drinnen“ zu schmuggeln. Einige Namen sollen hier genannt werden: Mordechai Anielewicz, der Organisator der Untergrundbewegung und des Aufstands im Ghetto, Yitzhak Zuckerman, Gole Mire and Adolf Liebeskind. Und Marek Edelmann der letzte überlebende Anführer des Aufstands starb 2009. Eine Ironie der Geschichte ist es, dass die Fotos des heroischen Widerstands ausgerechnet von einem fanatischen Nazi stammen, von Jürgen Stroop, SS-Brigadeführer und Generalmajor der Polizei, Leiter der Vernichtung des Warschauer Ghettos. Der 76-seitige „Stroop-Report“ samt Fotos kann digitalisiert im Original im Internet nachgelesen werden.

Im Morgengrauen des 19. April marschieren die Waffen-SS erneut in das Ghetto ein – Himmler will Hitler zum Geburtstag ein „judenfreies“ Warschau schenken. Die Juden – weniger als 1000 – haben nur zwei Maschinengewehre, 15 (!) Gewehre und 500 Pistolen – und eröffnen dennoch das Feuer. Die Nazis werden zurückgeschlagen und kommen mit 5000 Mann am Abend zurück.

Ein Augenzeuge: „Die unseren kämpften so gut sie konnten. (..) Ich blickte in die ruhigen Gesichter der Frauen, sie waren ohne Tränen, ohne Furcht, entschlossen, würdig zu sterben.“ Am vierten Tag der Kämpfe beginnen die Nazis das Ghetto auszuräuchern und schießen mit Flammenwerfern die Häuser in Brand. Die ZOB zieht sich in die Bunker zurück. Da die Nazis hier nicht eindringen können, leiten sie Giftgas in die Bunker oder setzen die Gebäude unter Wasser. Roza Rozenfeld – die Kommandeurin des Bunkers in der Lesznostraße – kämpft, bis ihr das Wasser bis zum Hals steht. Dann wird sie erschossen. Am 8. Mai 1943 nehmen die Nazis den Bunker, in dem der Führungsstab der ZOB kämpft. Doch der Widerstand geht weiter. Viele der Kämpfer bringen sich um. Die SS braucht zehn Wochen, um die jüdischen KämpferInnen zu besiegen. Die Überlebenden werden in Konzentrationslager gebracht. Nur wenigen gelingt die Flucht. Das Warschauer Ghetto wird dem Erdboden gleichgemacht.

Warschauer Ghetto

Aus dem Kriegstagebuch des Wehrmachtsoffiziers Wilm Hosenfeld: „In Treblinka werden die Züge mit den Viehwaggons ausgeladen, viele der transportierten Menschen sind schon tot. Die Toten werden neben den Gleisen aufgeschichtet, die gesunden Männer müssen die Leichenberge wegschaffen, neue Gruben graben und die gefüllten zuwerfen. Dann werden sie erschossen. Frauen und Kinder müssen sich entkleiden, werden in eine fahrbare Baracke getrieben und werden da vergast. […] So geht das nun schon lange. Ein furchtbarer Leichengeruch liegt über der ganzen Gegend.“

Bildquellen: „Unknown Stroop Report photographer“, vgl. die Angaben bei Wikipedia.

Kommentare

4 Kommentare zu “Das wichtigste militärische Ereignis des II. Weltkriegs, revisited again”

  1. ... der Trittbrettschreiber am Mai 17th, 2018 6:38 pm

    Seit meiner Kindheit nun, dieses Entsetzen, dieses wage Gefühl schaler Schuld. Es ist als versuche mir die Geschichte unauflässig durch immer wieder anders maskierte Boten von hinten quer durchs Auge mit fauligem Atem verächtlich drängend zuzuflüstern: „Du warst das!“. Ich versuche mit allen Mitteln einen unfreiwillig entwickelten trotzigen Stolz dagegen zu setzen aber es funtkioniert nicht. Wieder andersherum versuche ich, mir verhaltensbedingt persönlich unsympathischen andersethnischen oder fremdkulturellen Menschen besonders freundlich zu begegnen. Sie merken intuitiv, das ich heuchle und ein unbekümmerter Anfang einer möglichen wunderbaren Freundschaft ist vertan. So geht das weiter. Ich denke nicht, dass ich noch Zeiten erleben werde, in denen ich nicht zumindest täglich die Brakke derer schmecken muss, die längst aufgehört haben gemeinsam mit ihren Opfern zu vermodern.

    ;-) … So oder ähnlich lustvoll schwulstig nehme ich das Thema III. Reich wahr. Kotzen kann ich schon lange nicht mehr – will und muss ich auch nicht.

  2. Martin Däniken am Mai 18th, 2018 4:55 pm

    @trittbrettschreiber und ähnlich empfindene:
    Zu schulden kommen hat man sich nichts,daher hat man keinen Grund sich schuldig zufühlen,es ist ein destruktives Gefühle!
    Ich kann mich mit Scham und Verantwortung anfreunden
    -Verantwortung jeden Menschen wie einen Menschen zubehandeln so behandelt zuwerden und andererseits den Gedanken/das Gefühl zuzulassen das es Arschlöcher in allen Varianten gibt und ich auch manchmal eines bin;-)
    Der Vorwurf von Schuld gegen/an Deutsche oder seltener Ösis ist für mich Mittel von Rechten/Nazis schlechtes Gewissen zu instrumentalisieren und diese Gefühle für sich arbeiten zulassen-was immer wieder gut genug funktioniert hat und wird…
    Ich gebe mir Mühe so dogmatisch wie möglich undogmatisch zusein

  3. tvb am Mai 22nd, 2018 7:12 pm

    Tatsächlich erlebte auch ich bei der Konfrontation mit Zeugnissen der Vergangenheit ein „Entsetzen“. Als 1964 geborener Sohn eines Staatsanwaltes, der als Assesor noch bei Vernehmungen eines Herrn Walter Best anwesend war, habe ich seit Kindeszeiten Kontakt zu Bildern und Dokumenten über die Nazi Gewaltherrschaft. Von persönlichem Schuldgefühl kann keine Rede sein, es gibt auch kein vages Gefühl von Schuld und ich kann mich auch nicht erinnern jemals beschuldigt worden zu sein. Es ist eher der bis heute andauernde Schock-Zustand nach der Realisierung der deutschen Verbrechen, der mein Befinden und mein Urteilsvermögen bestimmt. Diese persönliche Marotte mag traurig scheinen, aber in Anbetracht der ungerheuerlichen Verbrechen, die geschehen sind, eindeutig zu vernachlässigen.

    In diesem Sinne: So viele Ermordete, so wenig Täter. Die Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Ghetto hochzuhalten ist nur anständig und zeugt von historischer Kenntnis.

    … Die Änderung in der Rechtssprechung bzgl. Beihilfe zum Mord hat mein Vater leider nicht mehr erlebt. Wie natürlich auch viele Mordgehilfen nicht…

    mfg

  4. tvb am Mai 22nd, 2018 7:46 pm

    Achja: Das sind also die Weltbestimmer, Unruhestifter und in sozialen Netzwerken perfide aktive Meinungsmacher und Profiteure usw. usw.

    https://www.youtube.com/watch?v=AFHgpryavSA

    PS Antisemitismus ist eine (kollektive) Psychose

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