Potemkin lässt grüssen, reloaded und revisited

Sven Röbel schreibt im aktuellen Spiegel („Amtlicher Größenwahn“):
Mindestens fünf geheime Informanten hatte der Thüringer Verfassungsschutz im Umfeld des abgetauchten Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe platziert. Der eine half beim Abschleppen des defekten Fluchtwagens, der andere gab Tipps zum ersten Versteck, ein dritter hielt fließig Telefonkontakt in den Untergrund. Gebracht hat all der Aufwand nichts: Entweder logen die braunen Spitzel gegenüber ihren Agentenführern, oder der Geheimdienst behielt seine Informationen für sich, aus Angst, seine Quellen könnten enttarnt werden. (…) Wer hatte hier eigentlich wen unterwandert – der Staat die Neonazi-Szene oder die Szene den Staat?

In der Leitungsetage des Thüringer Verfassungsschutzes herrschte in den Neunzigerjahren [sic] offenbar eine Mischung aus Dilettantismus, Blindheit und amtlichem Größenwahn. (—) Im Glauben an die irrwitzige Idee, man könne die Rechtsextremisten kontrollieren, indem man ihre Führer zu V-Leuten macht, produzierte der Deisnt mitunder erst die Probleme, die er vonAmts wegen hätte verhindern müssen.

Ich schrieb am 15.03.1997 (also vor 17 Jahren) in der taz:
Der Verfassungsschutz ist mehr als überflüssig. Manchmal schafft er sich die Feinde erst, die er bekämpfen will.(…)

Die Neonazi-Partei „Nationalistische Front“ wurde 1983 mit Geldern aufgebaut, die der Verfassungsschutz dem V-Mann Norbert Schnelle zahlte, der sich nur zum Schein hatte anwerben lassen. Ein V-Mann des niedersächsischen Landesamtes, Hans-Dieter Lepzien, baute höchstpersönlich die Bomben, die Neonazis 1977 vor Justizgebäuden plazierten. Der V- Mann Werner Gottwald orderte Maschinenpistolen, Handgranaten und Plastiksprengstoff für die rechte Szene. (…)

Potemkin läßt grüßen.

Und wie stark wären die Nazis ohne die vom Staat finanzierten Spitzel? Das alles sind keine Ausrutscher, es hat System.

Ich schrieb am 15.11.2011:
Der Verfassungsschutz gehört ersatzlos abgeschafft. Das fordert aber keine politische Partei in Deutschland, weil man Behörden, wenn sie mal da sind, nicht mehr abschaffen kann. Ich fordere es und habe gute Gründe dafür. Es ist aber sinnlos, darüber ernsthaft diskutieren zu wollen, weil die Existenz dieser Behörde mit der offiziellen Staats- und Geschichtslehre Deutschlands – der Totalitarismusdoktrin – eng verzahnt ist.

Zur Erinnerung Heise vom 19.08.2014: „Verfassungsschutz soll mehr zur IT-Sicherheit beitragen“.

Was werden wir in 17 Jahren – also im Jahr 2031 – lesen? natürlich: „Der Verfassungsschutz soll mehr Mittel bekommen.“

Kommentare

2 Kommentare zu “Potemkin lässt grüssen, reloaded und revisited”

  1. tm852 am August 26th, 2014 7:05 am

    Nicht abschaffen, foerdern. Die SPD sollte den Verfassungsschutz uebernehmen, dazu ein paar Manager vom rosa Riesen und ein paar bewaehrte Grossprojekte Leiter. Ausserdem noch den Etat erhoehen, Ich denke da so an eine Summe die auch fuer die Bankenkriese ausgegeben wurde, damit das Personal aufgestockt werden kann (Personal ist ja genug da, einfach das Arbeitsamt mit Kunden dazunehmen). Das sollte die Verfassung ausreichend schuetzen. Man muss sowas nur erstmal richtig aufblaehen… Stasi 2 haben wir schon, die Leute haben die Tracker immer bei sich. Kamera am Fernseher ist ja sowieso schon usus. Also was solls.

  2. Die Woche im Rückspiegel betrachtet | Lars Schall am August 31st, 2014 8:09 am

    […] Auf Platz 7 können Sie unter der Überschrift “Potemkin lässt grüssen, reloaded und revisited“ ein paar Kinkerlitzchen zu dem Haufen durchlesen, welcher sich “Verfassungsschutz“ nennt, und zwar hier. […]

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