Meine aktuellen Annalen

tacitus

Wenn ich das jetzt hier auf der Parkbank anfange zu lesen, denken alle, ich sei ein Student, der für’s große Latinum paukt. Oder ein Historiker, der beweisen will, dass jede Geschichtsschreibung seit 2000 Jahren auch immer Propagandafür die herrschenden Zustände ist. Die Vorgeschichte: Ich las von Armin Eich Die römische Kaiserzeit: Die Legionen und das Imperium – ein ganz hervorragendes und spannendes Buch und, soweit ich weiß, das Standardwerk zum Thema. Um meine Freude richtig zu verstehen, muss man wissen, dass es in Deutschland, anders etwa als in Frankreich, Großbritannien, den USA oder gar Japan keine marxistischen Historiker mehr gibt – die wurden alle nach der Wiedervereinigung von den Lehrstühlen gejagt, ins Ausland vertrieben oder sind mittlerweile emeritiert und publizieren nicht mehr. Die deutsche Geschichtswissenschaft nimmt auch am internationalen marxistischen Diskurs nicht mehr teil. Bei Armin Eich jedoch war ich überrascht: Er benutzt das Wort “Klasse”, was an sich schon “verdächtig” ist für einen deutschen Historiker, und was er schreibt, könnte kein marxistisch geschulter Wissenschaftler besser, obwohl er Marx mit keinem Wort erwähnt. Er hat über “Die politische Ökonomie (!) des antiken Griechenland” habilitiert – eine Arbeit, die ich mir sofort besorgt hätte, aber sie ist nirgendwo zu bekommen. Ergo: Wenn ein Althistoriker heimlich das “marxistische” wissenschaftliche Instrumentarium nutzt, kann er das bei dem Thema “römische Antike” natürlich gut verstecken. Tacitus taucht natürlich immer auf, wenn es um Römer und Germanen geht. (Rezension Eichs folgt.)

Ich schweife kurz ab: Ich erinnere mich an mein Philosophikum Ende der 70er Jahre – die Prüfer waren stockkonservative Altgermanistik-Professoren und Wolfgang Fritz Haug, bei dem ich gleichzeitig als Tutor in seinen Kapital-Kursen arbeitete. Haug prüfte mich über das Thema “Walter von der Vogelweide und der Warenfetischismus bei Karl Marx”, die ich mit Bestnote bestand, weil die Herren vom Landesprüfungsamt aus dem Staunen nicht mehr herauskamen, was man mit dem Minnesänger alles anfangen kann – wir diskutierten lang und breit über Vogelweides Lehen, ob er es nun bekommen hatte oder nicht – da konnten sie immerhin mitreden.

Was haben wir denn heute noch in meinen Annalen?

Schmalle nennt “3 Gründe, warum progressive Linke marx21 ablehnen sollten”. “…ist marx21 besonders bekannt für das “Kuscheln” mit Akteurinnen aus einem reaktionär-islamischen Milieu, wobei man selbst differenzierte und emanzipatorische Kritik an diesen Strukturen als anti-muslimischen Rassismus zurückweist und bedingungslose Solidarität mit Musliminnen per se fordert.”(1)

– Die Pop-Up-Radwege in Berlin rechtswidrig. Man muss aber das Urteil – wie immer – genau lesen. Die Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz hat die neuen Radwege falsch begründet. Das Gericht hat nicht geurteilt, dass diese an sich nicht erlaubt seien. Verantwortlich für diesen Dilettantismus ist Senatorin Regine Günther, natürlich von den “Grünen”.

Der Schockwellenreiter fasst das komplette Versagen der Politik hübsch anhand zahlreicher Fälle zusammen (noch eine Version).

– “Als nämlich diese Epidemie herannahte, befiel ein allgemeiner Schrecken die Bourgeoisie dieser Stadt; man erinnerte sich auf einmal der ungesunden Wohnungen der Armut und zitterte bei der Gewissheit, dass jedes dieser schlechten Viertel ein Zentrum für die Seuche bilden würde, von wo aus sie ihre Verwüstungen nach allen Richtungen in die Wohnsitze der besitzenden Klasse ausbreite”. (Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England, 1854)

– Im Neuen Deutschland schreibt Ilkay Çiçek über “Links auf Deutsch, rechts auf Türkisch
Warum hierzulande so viele Progressive den islamischen Konservatismus hofieren.” Wer Religion hofiert, ist natürlich weder links noch progressiv. Es sagt viel aus über die deutschen Zustände und das weltanschauliche Desaster der hiesigen Linken, wenn das nicht mehr selbstverständlich ist.

Jessica Krug

Jessica Krug ist meine Kronzeugin für die These, dass “Diversity” ein reaktionärer Scheiß ist und am Ende zu einer “Opferolympiade” führt. Der Guardian berichtete: “White US professor Jessica Krug admits she has pretended to be Black for years – Jessica Krug, an activist who teaches African American history, writes Medium post apologizing for false identity”. (Der Tagesspiegel hat auch etwas zum Thema.)

Wie ich hier schon schrieb: Tom Wolfe hat das alles schon ironisch und amüsant geschildert – in seinem großartigem Roman Back to Blood.

Interessant auch das öffentlichen “Reue”-Bekunden; das erinnert mich ein wenig an die chinesische Kulturrevolution. Das macht die Sache gleich doppelt peinlich.
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(1) Gendersternchen habe ich entfernt.

Kommentare

4 Kommentare zu “Meine aktuellen Annalen”

  1. ... der Trittbrettschreiber am September 7th, 2020 10:18 pm

    Nie habe ich eine Elegie gelesen, die so ans Herz geht, das Gefühl, dass sie in mir zu wecken versucht, dieser Schmerz, den ich mich als Wähnender, nicht Wissender nicht selbst zu empfinden in der Lage sehe, raunt einem Implantat in meinen Eingeweiden gleich wie ein Echo das aus längst erodierten Bergen in den Wüsten menschlicher Selbstsuche widerhallt und meine junge Seele nebeltrübt. Wo ist Hoffnung – wo ist Zukunft ohne das Vormals, ohne ehedem?

  2. André Dreilich am September 8th, 2020 8:14 am
  3. tom am September 8th, 2020 11:13 am

    “Gendersternchen habe ich entfernt.”
    Danke.

  4. flurdab am September 9th, 2020 7:24 am

    Haha, wenn du wüsstes was die Leute denken wenn du auf einer Parkbank zu lesen beginnst…
    Ich vermute das lesen eines Buches auf einer Parkbank, gleich in welcher Sprache, höchst verdächtig ist.
    Nordstream 2 könnte jetzt beginnen interessant zu werden.
    Wenn ich da eine gehöhrige Menge Geld zwecks Profit investiert hätte, und nun einige “Politiker” mir dieses wegen eines seltsamen Vorfalls mit einem russischen Nationalisten vermiesen wollten, wüsste ich was ich in Auftrag gäbe.
    Toi, toi, toi Norbert!

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