Read on my dear, read on oder: Der Weltgeist schwebte über den Wassern

burkshavelburks

Ich las gerade im „Spiegel“ ein Zitat, das ich den literarisch und wissenschaftlich interessierten Leserinnen und den gebildeten Lesern nicht vorenthalten will, da es exakt dem entspricht, was ich von den meisten Leuten denke: „Ein elfseitiges PDF-Dokument – ernsthaft?! Das liest sich doch kein junger Mensch durch“. Sagt ein Moritz Bayerl, 18, Gymnasiast aus Köln, Wähler der „Grünen“ und jemand, der auch „Landesschüler*nnenvertretung“ stammelt, obwohl ich anzweifele, das die Interviewer, die ihn haben zu Wort kommen lassen, das Sternchen gehört haben.

Schon Klar. Die gesamte Weltliteratur – außer Thomas Gsella – ist bekanntlich kürzer als elf Seiten. Muss man nicht kennen, wenn man Grün wählt. Dem würde ich gern – womöglich zum Abitur – 50 Seiten aufdonnern, etwa Lohn, Preis und Profit und ihn anschließen examinieren, da, wenn wir schon in Stenografie schreiben und denken wollen, dieses Marxsche Traktat die Lektüre der drei Bände des „Kapitals“ ersetzen könnte, wenn man es denn verstünde.

Auch interessant: Marie Sophie Hingst war Bloggerin des Jahres 2017. Und niemand hat etwas gemerkt. Vielleicht sollte ich mir – der medialen Aufmerksamkeit wegen – auch eine etwas interessantere Lebensgeschichte ausdenken. Ich habe – hört genau zu! – eine Slumklinik (das „Slum“ ist wichtig!) in Cochabamba gegründet und dort eine Sexualberatung für junge indianische Frauen angeboten. Würde aber nicht funktionieren; ich bin keine junge Frau, der man automatisch alles glaubt, wenn sie nur treudoof guckt.

Auch interessant: Andrea Nahles ruft zum geordneten Untergang Übergang der SPD auf.

Auch interessant dazu ist die Kolumne Thomas Frickes: „Dramatisch auseinandergedriftet sind die verfügbaren Einkommen der Leute im Land vor allem: zwischen 1999 und 2005 – also exakt in jenen sechs Jahren, in denen die SPD erstmals seit Ewigkeiten den Kanzler stellte, zwischen dem Wahlsieg von Rot-Grün Ende 1998 und der Abwahl von Gerhard Schröder im Herbst 2005. (…) Zum Auseinanderdriften dürfte ebenso beigetragen haben, dass durch die Tarifflucht von Betrieben seit Mitte der Neunzigerjahre immer mehr Beschäftigte nicht mehr nach Tarif bezahlt wurden; oder dass es keine Steuer mehr auf Vermögen gab, was kurz vor Rot-Grün kam.

Was soll man dazu noch sagen? Ich weiß was: Die Umverteilung von unten nach oben ist die zentrale Aufgabe des Staates – eines Ausschusses der herrschenden Klasse – im Kapitalismus, und es ist egal, welche Partei regiert – schwarz, rot oder grün.

Ach so: der Titel. Die Anspielung des zweiten Teils kannte wer?

Kommentare

8 Kommentare zu “Read on my dear, read on oder: Der Weltgeist schwebte über den Wassern”

  1. kikujiro am Juni 2nd, 2019 12:59 pm

    Ja, man weiß immer nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man solche Statements hört.
    Fast jedes Mal, wenn ich einen Schüler etwas vorlesen höre, setzt ein Fremdschämeffekt ein.
    Kann denn heutzutage wirklich kein Heranwachsender mehr flüssig, fehlerfrei und mit richtiger Betonung lesen?
    Von einer Aufmerksamkeitsspanne, die länger ist, als eine Twitter-Nachricht, ganz zu schweigen.
    Aber wenn man nach dem Berufswunsch fragt, wollen 9 von 10 Befragten nichts mehr mit einem Handwerksberuf zu tun haben.Jeder sieht sich schon in einem Büro sitzen und für wenig Arbeit viel Geld verdienen…

  2. ... der Trittbrettschreiber am Juni 2nd, 2019 2:32 pm

    äh, bitte, jetzt, nicht lachen. Weltgeist assoziiere ich immer mit dem russischen „Nietzsche wo“. Da gibt’s dann auch nix zu übersetzen.

  3. ... der Trittbrettschreiber am Juni 2nd, 2019 3:15 pm

    :-) … gibt es denn die 1000 Worte zu den Bildern nachgereicht? Vielleicht sogar 1001?

  4. Martin Däniken am Juni 2nd, 2019 4:52 pm

    Gibs das schon:
    „Die marxenschene Revolution
    -eine Jahrzehnte dauernde Fingerübung in Prokrationation oder
    das gescheiterte Verständnis von Dummheit und Gier als grundlegende Motivationen des Menschen
    als Hindernis der Revolutiom

    Muss ich noch dran feilen!

    Wer von „kleinen Mädchen“ mehr erwartet als man bisher selbst „revolutionäres“ geleistet hat…
    sollte mal wenn (noch) möglich seine Wahrnehmungsparameter neu justieren…
    Diese jungen Menschen sollte man,nein,
    muss man sich noch mal in die graue Zellen rein reinziehen äh hämmern,
    sind keine abgewichsten verknöcherten Realzyniker wie wir alten und obsoleten untätigen Säcke!
    Ich bin nur der Überbringer der formvollendetformulierten Botschaft…
    (bin das medium „rare“)
    ist nicht böse gemeint!
    Aber wenn die weisen alten Männer tatsächlich fähig wären,dann hätten sie wirklich was zum guten gewendet…
    das die kleinen Mädchen keine Notwendigkeit sehen sehen bräuchten etwas unternehmen,oder…
    Denn wenn jemand denkt die kleinen Mädchen würden das zum Spass machen,sorry,ist sehr blind und nicht mehr messbar blöde!
    Die Deskreditierung der „Fridays for future“ durch alte Männer hat der Geschmack und Geruch von lange nicht gewechselten Windeln
    und altem Mietshauskohltreppenhaus!

  5. Godwin am Juni 2nd, 2019 5:59 pm

    mmmh
    ich entdecke erneut einen burksschen Widerspruch:

    Einerseits die „working class“ propagieren, deren Verhalten, Werte etc. ernst genommen weren sollen – auf der anderen Seite der mehr als bourgeoise Anspruch, dass bitte erst mal alle Marx gelesen und auch halbwegs verstanden haben müssen, um auch nur irgendwie als Gesprächspartner akzeptabel zu sein.

    NEIN!

    Der Bengel bringt schon ein Problem gut auf den Punkt:
    lange Abhandlungen etc. liest eh keiner – also wozu die Zeit verplempern? Sieh dir die Partei-Linken an – die glauben ja auch, dass die Leute sich alle Parteiprogramme durchlesen und dann die Linke wählen, weil die ja am besten ihre Interessen vertrete…
    Pustekuchen.
    Läuft nicht.
    Teile der Wirtschaft sind da weiter. Es gibt inzwischen echt gute „Manuals“, die kurz, knapp, anschaulich und auf hey du verfasst sind.
    Die 20 Seiten Kleingedrucktes dienen nur noch der rechtlichen Absicherung. Da weiß jeder, dass die niemand liest.

    Im Rahmen zunehmender Kapitalkonzentration wird auch die Riege der Eliten kleiner. DIE müssen natürlich Lesen und alles verstehen, bzw. müssen die mit ihren Spezialwissen so gut vernetzt sein, dass das System reibungslos läuft. Der Rest braucht eben nicht mehr Denken.

    @kikujiro: Ein beliebter Jobwunsch ist übrigens „Hartzer“.

    Kleines Problem dabei – wer behält dann noch den Überblick und bestimmt wie „das System“ überhaupt aussehen soll??

    PS
    das * hört man in Gesprächen sehr gut. Klingt halt je nach Übung wie ein Verschlucken oder ein kleiner Sprachfehler…

  6. parker030 am Juni 4th, 2019 11:00 am

    wow. wie menschenfeindlich, endlos frustriert, zynisch und abgrundtief traurig dieser blog und der aktuelle post hier rüberkommen rafft der autor anscheinend nicht.

    „ich bin keine junge Frau, der man automatisch alles glaubt, wenn sie nur treudoof guckt.“

    ich schäme mich dafür, dass sie als „mensch“ bezeichnet werden dürfen. das die causa hingst aktuell aufkommt, ist ja der klare gegenbeweis zu ihrer absolut dummen, frauenverachtenden, menschenfeindlichen, sexistischen, faschistoiden aussage.

    aber keine angst, dass einem so hasserfüllten wesen wie sie es sind jemals abgekauft wird, dass er jemals irgendeinem menschen geholfen habe außer sich selbst, wird ihnen persönlich niemand glauben. man schaue einfach nur in diesen blogpost und erkenne die absolute traurigkeit ihrer existenz und alles ist gesagt.

    ich wünsche ihnen ein schönes leben. sie haben es nötig.

  7. admin am Juni 4th, 2019 11:55 am

    Deutsche Rechtschreibung wird auch oft überschätzt. Oder schreibt hier die RAF?

  8. andreas am Juni 5th, 2019 11:36 am

    Hab ich eben gesehen und fand´s interessant.
    https://twitter.com/AWAKEALERT/status/1136128577349439493

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