A Man in Full

ein ganzer Kerl„Tom Wolfe macht süchtig“, heißt es auf dem Buchcover. Für mich stimmt es. Ich lese gerade begeistert „Ein ganzer Kerl“ und kann das Buch kaum aus der Hand legen.

Der Plot steht bei Perlentaucher: Der erfolgsverwöhnte, megareiche Tycoon Charlie Croker hat sich verspekuliert: Bei der Planners Banc steht er mit einer halben Milliarde Dollar in der Kreide. Neben Charlie Croker kämpft der elegante Anwalt Roger Too White aus dem schwarzen Atlanta ums Überleben. Er muß einen beliebten Footballspieler, der eine Frau vergewaltigt haben soll, vor dem drohenden Skandal schützen. Und dann ist da noch Conrad Hensley, ein junger Familienvater mit bescheideneren Lebenszielen, der in die brutale Welt eines Männergefängnisses gerät.

Ich verstehe die drögen Rezensionen nicht: Niemand scheint Wolfes Idee begriffen zu haben. (Wieso wurde der Roman in Deutschland nur so selten rezensiert?) Vielleicht muss man auch sein letzten Buch „Ich bin Charlotte Simmons“ dazunehmen, in dem das Thema zynisch und detailversessen abgehandelt wird: Wann gehört man wie dazu – und um welchen Preis?

„Was die Urväter Balzac und Zola in jeweils hundert Büchern kaum zuwege brachten, will Enkel Tom in zwei Anläufen erledigen: die Menschliche Komödie hier und heute, das Epochenporträt, den großen Gesang“, schreibt Andreas Kilb in der „Zeit“. Ja, und nicht nur das: Im Gegensatz zu allen deutschen Autoren stellt Wolfe uns die gesamte US-amerikanische Gesellschaft vor: Ein Mitglied der herrschenden Klasse, einen waschechten Proletarier, Prototypen der schwarzen Mittelschicht und deren politischen Charaktermasken. Man möchte sich hierzulande umsehen und auf die Leute mit dem Finger zeigen und rufen: „Ja, ihr seid gemeint, und ihr kommt nicht gut dabei weg!“

Grandios an Wolfe finde ich, dass er seine Charaktere nicht denunziert – auch nicht die Frauen. Auf die moralischen Kategorien „gut“ und „böse“ kann er mit leichter Hand verzichten, muss doch jeder auf seine Weise in der (jeweiligen) Krise sehen, wo er bleibt. Der Immobilien-Tycoon hat sich verspekuliert und die Aasgeier der Banken umkreisen ihn schon. Der Arbeiter wird gefeuert, weil „gespart“ werden muss (wie dessen Job geschildert wird, ist hochaktuell) und landet mehr oder minder zufällig im Knast. Einem schwarzen Superhelden aka Sportler droht eine Anklage wegen Vergewaltigung. Und alle Schicksale sind miteinander verwoben. Ich kenne keinen deutschen Autor, der das auch nur annähernd so hinbekommt – in der deutschsprachigen Literatur geht es fast immer um die Wehwehchen der Mittelschicht.

Manchmal musste ich losprusten, vor allem dann, wenn Wolfe seine Protagonisten erzählen lässt, wie Politik funktioniert. Es geht nie um die Sache, niemand will die Wahrheit wissen (wie schon in „Fegefeuer der Eitelkeiten“), alle versuchen nur, sich gegenseitig zu benutzen und auszuspielen: Das ist realistisch, recht böse, bis in das kleinste Detail korrekt und ziemlich komisch.

„Ein ganzer Kerl“ kann ich uneingeschränkt empfehlen: Mehr als tausend Seiten uneingeschränktes Lesevergnügen. (Außerdem gefallen mir seine flotten Sprüche über Kollegen und was er über das Schreiben sagt.)

Kommentare

2 Kommentare zu “A Man in Full”

  1. Wolfgang am Juni 20th, 2016 8:37 am

    „Er hat Satteltaschen!“

  2. Last Dandy Standing : Burks' Blog am Mai 15th, 2018 9:25 pm

    […] großartiger Schriftsteller! Ich habe seine Bücher begeistert gelesen. Auf burks.de besprochen: A Man in Full und Ich bin Charlotte Simmons (einfach nur brilliant!). Fegefeuer der Eitelkeiten ist zeitlos und […]

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