Oppa erzählt wieder aus dem Internet

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Der Heise-Newsticker weckt heute nostalgische Gefühle in mir. “22 Prozent der Deutschen nutzen kein E-Mail”. Ich würde zu gern wissen, ob unter “E-Mail-Nutzen” auch “Facebook-Vollschreiben” gemeint war. Für mich gehörte das eben nicht zum “Nutzen von E-Mail”. Viele, zu viele Leute kennen heute den Unterschied zwischen Webmail und einem E-Mai-Programm gar nicht (mehr). Heise schreibt:

Ein Blick auf den ersten E-Mail-Account und das Alter zeigt ebenfalls, dass die heute 30- bis 49-Jährigen im Durchschnitt am längsten ein Konto besitzen: Vor 11 Jahren haben sie es bereits angelegt. Die gerade 50- bis 64-Jährigen folgen mit 10 Jahren und die Senioren mit 9 Jahren. Am kürzesten verfügen die heute 14- bis 29-Jährigen mit 6 Jahren im Mittel über einen E-Mail-Zugang.

Die wohlwollenden Stammleserinnen und geneigten Stammleser werden schon ahnen, was jetzt kommt. Erst elf Jahre ein E-Mail-Konto besitzen? Das hieße ja, der Durchschnitt ist erst seit Mitte des letzten Jahrzehnts online? Ich habe seit mehr als zwanzig Jahren ein E-Mail-Konto. Und was sage ich der nachgeborenen Generation, die erst sechs Jahre ein E-Mail-Konto ihr eigen nennt? “Ich verschlüssele meine E-Mails seit 1995!” (Vgl. Screenshot oben). Die werden natürlich nur antworten: “Oppa erzählt wieder aus dem Krieg Internet”.

Ich habe ein wenig mit groups.google.com (das mittlerweile als Recherche-Instrument weitgehend untauglich ist – dank Google, u.a. weil Javascript erzwungen wird) im Usenet herumrecherchiert. 1994 habe ich das E-Mail-Programm Crosspoint benutzt, sowohl für Mail als auch als Newsreader, später in Kombination mit Hamster, einem lokaler News- und E-Mail-Server für Windowssysteme mit dem Feature, News und Mails von mehreren Servern einzusammeln und sie gegebenenfalls zu filtern und nachzubearbeiten. Jaja, man konnte mit Hamster E-Mail-Header bearbeiten und fälschen! Damals waren die Nutzerzahlen für bestimmte Programme in Deutschland noch vier- oder gar dreistellig.

Meine erste E-Mail-Adresse war b.schroeder@IPN-B.comlink.apc.org. APC ist/war die “Association for Progressive Communications” in Südafrika, der sich Mitte der 90-er Jahre wiederum viele deutschen Mailboxen des CL-Netzes angeschlossen hatten, um ihre Nachrichten verbreiten zu können. Ich hatte meinen Account bei der Mailbox Info Pool Network (IPN) – das erklärt, warum die E-mail-Adresse genau so aufgebaut war.

usenet-posting

Wenn man nach sich selbst sucht, findet man lustige Dinge, zum Beispiel die denkwürdigen Auftritte von Kim Schmitz (heute Kim Dotcom, früher auch bekannt als King Kimble the First, Ruler of the Kimpire) im Usenet, die Usenet-Threads zu “Tron” (damals hatte ich schon meine heutige E-Mail-Adresse) sowie diverse andere Flame-Wars. Ich möchte das alles damals nicht missen, es hatte einen hohen Unterhaltungswert. Aber die Leute, mit denen man darüber reden könnte, lassen sich an zwei Händen abzählen.

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