Steinbrück fällt weich oder: Die Kaderakten des Kapitals

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Bei Focus Offline, Spiegel Offline und anderen deutschen Medien erfahren wir, dass der ehemalige Finanzminister Peer Steinbrück weich in den Aufsichtsrat der ThyssenKrupp AG fällt. Kein Link, keine Hintergründe – das nennen die „Online-Journalismus“. Ich nenne das lächerlich. Daher schauen wir nach, ob man mehr erfahren kann über die Kaderakten des Kapitals.

„Der Aufsichtsrat von ThyssenKrupp besteht aus zwanzig Mitgliedern“, schreibt Spiegel Offline. Ich wüsste schon gern, wer das ist. Hier sind sie:

Dr. Gerhard Cromme Vorsitzender (Burschenschaftler, „Hauptverantwortlicher für die Schließung der Hütten- und Bergwerke Rheinhausen“), Prof. Jürgen Hubbert, Sindelfingen, Dr. Martin Kohlhaussen, Bad Homburg, Dr. Heinz Kriwet, ehem. Vorsitzender des Vorstands der Thyssen AG, Prof. Dr. Ulrich Lehner, Düsseldorf, ehem. Vorsitzender der Geschäftsführung der Henkel KGaA („Nach Angaben von Focus betrug sein Jahresgehalt 3,08 Mio Euro“), Prof. Dr. Bernhard Pellens, Professor für Betriebswirtschaft und Internationale Unternehmensrechnung an der Ruhr-Universität Bochum (merkwürdig, dass auf seiner Website der Uni Bochum sein Aufsichtsratsposten verschwiegen wird. Auch der unkritische Jubelbericht in Unicum sagt darüber nichts: „Seine Studenten sind stets begeistert, wenn Sie mit ihm zusammen arbeiten können“), Dr. Kersten von Schenck, Rechtsanwalt und Notar (der mag auch Heimwerkermärkte und Aktiengesellschaften sowieso), Dr. Henning Schulte-Noelle, München, Christian Streiff, Paris, Frankreich (war offenbar nicht ausgelastet, dilettiert auch im Romanfach), ehem. Präsident der PSA Peugeot Citroën S.A., Jürgen R. Thumann, Düsseldorf, Vorsitzender des Gesellschafterausschusses Heitkamp & Thumann KG („Im Oktober 2006 musste sich Jürgen Thumann in Anlehnung an die Heuschreckendebatte dem Vorwurf stellen, er sei ’schlimmer als eine Heuschrecke‘. Der Betriebsratschef Peter Trapp (…) warf Thumann vor, er habe ‚die Firma systematisch ausbluten‘ lassen.“)

Jetzt die Vertreter des Proletariats:
Bertin Eichler, Frankfurt/Main, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der IG Metall, Theo Frielinghaus, Ahlen, Maschinenbautechniker (macht Mut, ohne viel zu bewirken: „Das, was wir hier erleben, entspricht nicht der Unternehmenskultur von Thyssen Krupp, wie ich sie zumindest bis vor einem halben Jahr noch kannte“, sitzt immer noch mit Cromme an einem Tisch), Vorsitzender des Betriebrats der Polysius AG, Markus Grolms, Bochum, Gewerkschaftssekretär im Zweigbüro Düsseldorf der IG Metall, Susanne Herberger, Dresden, Ingenieur (FH) für Informatik, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats der ThyssenKrupp Aufzüge Deutschland GmbH, Bernd Kalwa, Krefeld, Dreher, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der ThyssenKrupp Nirosta GmbH (er ist auch im Aufsichtsrat der Nirosta), Peter Remmler, Wolfsburg, Kaufmann, Vorsitzender des Betriebsrats der ThyssenKrupp Schulte GmbH (Braunschweig), Peter Scherrer, Brüssel, Generalsekretär des Europäischen Metallgewerkschaftsbundes, Thomas Schlenz, Duisburg, Schichtmeister, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats der ThyssenKrupp AG („Als Mitglied des mächtigen Aufsichtsratspräsidiums ist der 52-Jährige in die Pläne der Konzernspitze frühzeitig eingebunden“), Wilhelm Segerath (ja, der steht auch im Telefonbuch von Duisburg!), Karosserie- und Fahrzeugbauer, Vorsitzender des Gesamtbetriebrats der ThyssenKrupp Steel Europe AG und Vorsitzender der Betriebsrätearbeitsgemeinschaft Steel Europe, Klaus Wiercimok, Erkrath, Rechtsanwalt.

Das war jetzt der Mehrwert eines Artikels, der sich „Online-Journalismus“ nennen dürfte, Spiegel und Focus Offline! Aber ihr werdet es nie begreifen, Holzmedien.

Nur die Financial Times Deutschland beglückt uns mit ein paar zusätzlichen Fakten: „Nach Thyssen-Konzernangaben will die Stiftung erstmals ihr satzungsmäßiges Recht ausüben, drei statt bislang zwei Aufsichtsräte zu entsenden. (…) Hintergrund der Satzungsänderung, die der Stiftung mehr Einfluss sichert, war die Aufstockung ihres Aktienanteils in den vergangenen Jahren. Gegen die Satzungsänderung hatten Kleinanleger geklagt, waren am Ende jedoch unterlegen.“

Alles klar? Oder nochmal zum Mitschreiben? Steinbrück soll in den Aufsichtsrat, damit die Stiftung mehr Macht bekommt und die Kleinanleger noch weniger. „Die Stiftung ist mit einem Anteil von 25,33 Prozent größter Einzelaktionär.“ Wikipedia: „Dadurch ist eine feindliche Übernahme der ThyssenKrupp AG so gut wie ausgeschlossen, da die Aufsichtsratsmitglieder der Arbeitnehmerseite mit den drei Aufsichtsratsmitgliedern der Stiftung die Mehrheit im Aufsichtsrat stellen.“

Noch ein Wörtchen: In zahlreichen Medien, u.a. auf stern.de, finden wir einen wortgleichen Artikel (der von der ftd.de stammt): Die Aktionäre sollten zukünftig über die Höhe der Managergehälter bestimmen.

Die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser werden jetzt neugierig fragen: Wieviel verdienen die denn? Der Aufsichtsratvorsitzende Cromme antwortet: „In unserer von der Hauptversammlung genehmigten Satzung ist klar festgelegt, welche fixen und variablen Vergütungen Aufsichtsräte bekommen. Für das zurückliegende Geschäftsjahr waren das für ein einfaches Mitglied rund 40.000 Euro, der Vorsitzende bekam das Doppelte.“

Da kommen mir natürlich die Tränen. So viel ist das nicht. Aber es gibt ja noch die Aktien (vgl. Fotomontage/Ausriss).

Kommentare

One Kommentar zu “Steinbrück fällt weich oder: Die Kaderakten des Kapitals”

  1. baerchenbrueck am November 21st, 2009 1:50 am

    Was soll die Aufregung, Burks ? Der Pöstchenschacher scheint bei diesen Leuten programmiert. Die einzige sinnvolle Behandlung ehemaliger MDB ist doch eigentlich nur Sicherheitsverwahrung – aber in Anlehnung an Orwells Animal Farm wird das in D nicht passieren. Die Masse unserer Wähler ist halt zu feige aufzustehen.

    Bärchen

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