Rebellischer Überschwang gegen das Heiligtum des sittlichen Staats

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„Die sogenannte Berliner ‚Kartoffelrevolution‘, die in Wirklichkeit eher eine ‚Brotrevolution‘ war, begann am Morgen des 21. April 1847 mit gewöhnlichen Marktunruhen. Um die Mittagszeit griffen die Aktionen auf einzelne Straßen über. Zahlreiche Geschäfte, insbesondere Bäcker- und Schlachterläden, wurden von umherziehenden Volkshaufen angegriffen. Schlüsselszene war die Belagerung und Demolierung eines Bäckerladens in der Charlottenstraße, nachdem der dort ansässige Bäckermeister Blumberg einer Marktfrau, die wegen überhöhter Kartoffelpreise von einer empörten Volksmenge verfolgt worden war, Zuflucht gewährt hatte. Gegen Abend konzentrierten sich die Unruhen, inzwischen von einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge getragen, auf Angriffe unterschiedlichster Orte des Reichtums, des Luxus und der Macht im Stadtzentrum: berühmte Konditoreien wie Kranzler und Spargnapani, mehrere Hotels, Oper und Schauspielhaus sowie das Palais des Kronprinzen. In einigen Straßen, besonders in der Friedrich- und Wilhelmstraße, wurden die Gaslaternen zertrümmert. Polizeikräfte und Militär hatten sich als unfähig erwiesen, dieser Eskalation Einhalt zu gebieten. Am darauffolgenden Tag wurden die Ladenerstürmungen in mehreren Stadtteilen fortgesetzt. Erst gegen Ende des zweiten Tages gelang es einem unter Leitung des Kronprinzen stehenden militärischen Sonderkommando, das die gesamte Stadt generalstabsmäßig besetzen ließ, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.“ (Quelle)

„Ein Augenzeuge schreibt uns: An der Ecke der Schilling-und Großen Frankfurter Straße begegnete mir, von der Landsbergerstraße kommend, ein Zug von arbeitslosen Bauarbeitern. Dieselben holten sich von den dortigen Bauten Steine und warfen, immer im Marsche bleibend, fast sämtliche große Fensterscheiben ein. Der Zug bewegte sich die Blumenstraße und den Grünen Weg entlang. Hier wurden die Schaufenster verschiedener Bäcker- und Zigarrenläden, auch vereinzelter Hut-und Schirmgeschäfte zertrümmert. Die ausliegenden Sachen nahmen die Leute mit sich…Von einigen Ausnahmen abgesehen, machte die Masse durchaus nicht den Eindruck von Menschen, die nur aus Freude am Zerstören handeln. Man sah, es war der Ausdruck der Verzweiflung. Bei der Plünderung hörte man verschiedentlich die Rufe: ‚Gebt uns Arbeit!'“ (Quelle)

„Sie zünden Autos und Häuser an, plündern Geschäfte, attackieren Polizisten: Die dritte Nacht in Folge gab es in London heftige Krawalle, Fußballspiele in der britischen Hauptstadt wurden abgesagt. Mittlerweile erfasst die Gewaltwelle auch andere Großstädte in England, Hunderte Menschen randalierten.“ (Quelle)

„Im Norden Londons wurden drei Randalierer wegen versuchten Polizistenmordes festgenommen. Sie seien im Norden der Stadt geschnappt worden, nachdem ein Beamter von einem Auto angefahren und schwer verletzt worden sei. Der Beamte und ein Kollege, der bei dem Vorfall leicht verletzt wurde, hatten einige Fahrzeuge angehalten, weil sie glaubten, dass die Insassen bei der Plünderung eines nahe gelegenen Elektronikgeschäfts beteiligt gewesen waren. Insgesamt wurden in London und Birmingham bis zum Morgen fast 350 Verdächtige festgenommen. ‚Das ist der Aufstand der Arbeiterklasse. Wir verteilen den Wohlstand um‘, sagte der 28-jährige Bryan Phillips, der sich selbst als Anarchist bezeichnet.“ (Quelle)

„Eine schlotternde Angst ergriff ob dieser Plünderungen und Verheerungen die gesamte bürgerliche Welt. Und mit Recht, hatten doch die Massen ‚das Paladium des sittlichen Staats, das Eigentum angegriffen. Ja, das war ein nicht wieder gut zu machender Frevel! (‚Der Sozialist‚, 8. März 1892)

Kommentare

4 Kommentare zu “Rebellischer Überschwang gegen das Heiligtum des sittlichen Staats”

  1. Kaluptikus am August 9th, 2011 5:08 pm

    „Insgesamt wurden in London und Birmingham bis zum Morgen fast 350 Verdächtige festgenommen. ‘Das ist der Aufstand der Arbeiterklasse. Wir verteilen den Wohlstand um’, sagte der 28-jährige Bryan Phillips, der sich selbst als Anarchist bezeichnet.“
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    Die „Arbeiterklasse“ ist tot! Aufgelöst, zersplittert in Nichtarbeiter, Nocharbeiter, Zeitarbeiter und Gelegentlicharbeiter. „Die Arbeiter“ gibt es schon lange nicht mehr, allenfalls noch als „Mitglieder“ bei den Gewerkschaften. Dies ist kein „Arbeiteraufstand“, das ist ein Aufstand der Abgehängten, der Chancenlosen und der Chaoten.

  2. fosca am August 9th, 2011 11:20 pm

    sensationell, vielen dank.

  3. Kaluptikus am August 10th, 2011 12:32 am

    Und noch was:
    Verdammt, was für ein guter Blog, der Burk`s Blog! Wie konnte ich nur so lange ohne ihn existieren…
    echt krass ey!

  4. admin am August 10th, 2011 9:57 am

    Burks‘, nicht Burk’s…der sächsische Genitiv ist hier verboten.

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