Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I
Vorrede 1: Ich hatte am 23.07.25 auf das Thema „Sklavenhandel in Afrika“ und das Buch Egon Flaigs: „Weltgeschichte der Sklaverei: Von der Antike bis zur Gegenwart“ hingewiesen.
Vorrede 2: Ich hätte Flaig schon viel früher lesen sollen, aber ich kannte ihn nicht. Leider müssen wir die Sklavenhaltergesellschaft daher noch einmal aus einer anderen Perspektive durchnehmen betrachten (bevor wir mit dem Needham-Rätsel, wie schon angedeutet, fortfahren). Ich muss auch meine Arbeitshypothese vom 08.05.2025 („Abstrahierte ökonomische Universale, revisited“) ein wenig modifizieren.
Die marxistisch geprägte Geschichtswissenschaft irrte, wenn sie die Abfolge der Gesellschaftsformationen, wie sie in Europa zu beobachten ist, auf den Rest der Welt übertragen wollte. Es gab weder überall eine Sklavenhaltergesellschaft, wie in der Antike, vor allem im römischen Reich, noch ist sie eine notwendige Entwicklungsstufe zum Feudalismus.
Das stimmt noch. Aber man muss die Frage stellen: Waren die muslimischen Staaten Afrikas – vor der europäischen Kolonisierung – Sklavenhaltergesellschaften, vergleichbar mit Sparta oder dem antiken Rom? Wenn nicht – gab es Ansätze von Feudalismus? Die Reiche von Gana, Mali oder Songhai kann man wohl kaum als „asiatische Produktionsweise“ oder gar als eine Form der tribalistischen „Urgesellschaft“ verstehen. Hat die bisherige marxistische Geschichtswissenschaft etwas Wesentliches übersehen – eine bisher unbekannte Gesellschaftsformation – , weil sie zu eurozentrisch dachte? (Vgl. 28.12.2024: „Mansa Musa und unterkomplexe Wahlaufrufe“ und 20.08.2025: „Sklavenhaltergesellschaft und verschleierter Völkermord, revisited“.)

Das Songhai-Reich in Afrika in orthografischer Azimutalprojektion. Source: KarnRedsun / Wikipedia
Wenn ja: Hat sich Afrika – wegen der Intervention der kapitalistischen Kolonialmächte – direkt zum Kapitalismus entwickelt und somit den Feudalismus „übersprungen“?
„Übersprungen“ – das hört sich sich absurd an, ist es aber nicht. Dafür gibt es mehrere Beispiele in der Menschheitsgeschichte. Seit der Ankunft der Europäer in Australien im 18 und frühen 19. Jahrhundert wurde dort der Kapitalismus eingeführt – die indigenen Völker aka Aborigines waren aber, obzwar hoch spezialisiert, technisch noch auf der Stufe der „Urgesellschaft“. Vergleichbar ist das bekannte Schicksal der Ureinwohner Nordamerikas, die weder eine Sklavenhaltergesellschaft noch Feudalismus (in der klassischen Typologie) hervorgebracht haben. Was aber dann?
Merke und ceterum censeo: Meine These, dass die „Gesellschaftsformationen“ – wie zum Beispiel „Sklavenhaltergesellschaft“ – in der marxistischen Diskussion nur analytische Kategorien sind bzw. sein sollten und keineswegs etwas über eine zeitliche Abfolge aussagen, bestätigt sich. „Analytisch“ meint: Wie ist die Beziehung des Menschen zu den Produktionsmitteln?
Das Problem löst sich in Luft auf, wenn wir es von heute aus ansehen – aus der Perspektive des Kapitalismus. Dieser ist die erste Gesellschaftsform, der es gelungen ist, wirklich alle Teile der Welt zu beherrschen (außer zum Beispiel die Sentinelesen und die Mashco-Piro). Alle „älteren“ Gesellschaftsformen waren geografisch begrenzt, vor allem wegen der Ungleichzeitigkeit der ökonomischen Evolution. Die Basis aller Produktion ist aber die bäuerliche Subsistenzwirtschaft. Das galt auch für die klassische antike Form der Sklavenhaltergesellschaft – die Kampf für „Landreform“ war daher systemimmanent. Aber es existierten immer „Inseln“, die sich dem Zugriff der staatlichen Herrschaft entzogen, also keiner „Gesellschaftsform“ zugehörten. Sogar bis heute – die Raramuri aka Tarahumara zum Beispiel.
„Gesellschaftsform“ heißt: Die Form ökonomischer Herrschaft.
Jetzt kommt Flaig ins Spiel:
Sklaverei hat seit Jahrtausenden existiert, fast überall, auch in „vorstaatlichen“ Gesellschaften, ob bei den nordamerikanischen Cherocee [„Irokesen“ bei Karl May], den Tupinamba Südamerikas, den polynesischen Maori oder den alten Germanen; sie bestand in allen Hochkulturen. (S. 11)
Die Conclusio Flaigs in Bezug auf Afrika: Dabei war die antike Sklaverei unter quantitativen Gesichtspunkten nicht herausragend. Die islamische war die umfangreichste der Geschichte; die transatlantische ist bedeutsam, weil sie von Anfang an bekämpft wurde und weil ihre politische und teilweise gewaltsame Abschaffung der Hebel war, um die Sklaverei weitweit zu beseitigen.
Flaig muss hier minimal korrigiert werden: Die Sklaverei ist nicht weltweit beseitigt. Und: Die Sklaverei wurde nicht aus moralischen Gründen abgeschafft, sondern weil sie der kapitalistischen Ökonomie widerspricht.
Für das vorkoloniale Afrika fehlen schriftliche Quellen und Angaben darüber, wie weit Sklavenhandel in die Geschichte zurückreicht. Deshalb spricht Jacques Heers von sehr alten Zeiten, in denen die Völker südlich der Sahara sich in Ethnien und Stämmen gegenüberstanden und oft ihre Krieger in benachbarte Dörfer schickten, um Frauen und Männer zu fangen. „In den meisten Ländern Schwarzafrikas war die Anzahl der Sklaven Kennzeichen des sozialen Ranges.“ Man habe bei einem Reichen nicht dessen Landbesitz, sondern seine Gefangenen und Frauen gezählt. Noch vor der Ausbreitung des Islam hätten in vielen Gegenden die Besiegten und Abgabepflichtigen als Zeichen ihrer Ergebenheit eine bestimmte Anzahl an Frauen und Männern abliefern müssen. Seit dem 7. Jahrhundert lieferten das christliche Äthiopien und Schwarzafrika (Nubien, Sudanregion) Millionen von Sklaven in den arabisch-islamischen Raum, später auch über den Transsaharahandel, vor allem über Ägypten als Handelszentrum.

Eine im 13. Jahrhundert in Bagdad von al-Wasiti angefertigte Buchillustration, die einen Sklavenmarkt in der Stadt Zabid im Jemen zeigt.
Schwarze Sklaven haben im 12., 13. und 14. Jahrhundert im afrikanischen Gao, im Malireich und Songhaireich die Hauptrolle gespielt, und zwar bis in die Zeiten des atlantischen Sklavenhandels. In Benin, einem wichtigen Sklavenhalterstaat und Lieferant von Gefangenen für die europäischen und amerikanischen Menschenhändler, habe zum Beispiel im Jahre 1778 Jabou [dazu hat die KI großartig recherchiert, was ich so nie hinbekommen hätte], ein wichtiger Kriegsherr, mehr als 10000 Sklaven besessen, die er nie verkaufte. Sei er in den Krieg gezogen, habe er immer 5000 bis 6000 Sklaven befehligt.
Für den Norden Afrikas hat Flaig den Begriff „intrusive Sklaverei“ geprägt:
Intrusive Sklaverei entzieht ihrer geopolitischen Umwelt permanent Menschen, also die kostbarste soziale Ressource überhaupt. Sie erzeugt geographische Zonen, die Menschen liefern, also «Lieferzonen». Solche Lieferzonen fungieren als «Peripherie», welche unablässig Menschen an die «Metropole» abgibt. Damit ist eine dichotomische Entwicklung eingeleitet:
a) In den Lieferzonen nehmen die Versklavungen zu. Das geschieht teils indirekt, indem die gerichtliche Praxis, Verurteilte zu versklaven, stimuliert wird, ebenso wie die Gewohnheit, Familienangehörige zu verkaufen; teils geschieht es «direkt», indem diejenigen Kriege sich vervielfachen, bei denen die Aussicht besteht, Gefangene zu machen. Solche Versklavungsprozesse können längst intern bestanden haben; doch die Nachfrage von außen beschleunigt und intensiviert sie. Die sklavenimportierende Metropole verändert also die sozialen Abläufe im Innern der betroffenen Kulturen.
b) Eine militärisch überlegene Metropole braucht die Sklaven nicht unbedingt zu kaufen. Will sie ihren Militärapparat beschäftigen, dann beschafft sie sich Sklaven mit kriegerischen Einfällen in die Lieferzone.
c) Sie kann ihren Militärapparat auch schonen für «wichtigere» Zwecke. Sie muß dann ihre Überlegenheit in eine dauerhafte politische Überordnung transformieren, um Tributeleistungen in Form von Sklaven zu verlangen. Islamische Emirate und Sultanate praktizierten diesen Brauch in großem Stil. Tributpflichtige Stämme werden versuchen, auf Kosten schwächerer Nachbarn die geforderte Sklavenzahl zu besorgen; damit erfolgt der Prozeß des Versklavens de facto durch Krieg, den die Metropole stimuliert, ohne daß er sie etwas kostet. Solche Tributeleistungen deformieren die politischen Vorgänge und Verhältnisse in der Lieferzone erheblich.
d) In jedem Falle spaltet sich die Lieferzone politisch: die siegreichen Stämme oder Staaten werden zu Sklavenjägern; die unterliegenden Völker werden zu dauerhaften Opfern von regelmäßigen Razzien. Ist diese Spaltung eingetreten, dann ist die Nachfrage aus der Metropole kein wichtiger Faktor mehr, um die Versklavungen in Gang zu halten. Denn die sklavenjagenden Staaten verändern sich dermaßen, daß ihre neue soziale Struktur sie aus häufiges Kriegführen festlegt.“ (Übrigens spricht Flaig in diesem Abschnitt vom „Sonderfall China“!)
Als die Muslime ihr Weltreich eroberten, errichteten sie das größte und langlebigste sklavistische System der Weltgeschichte.
Die Sklaverei ergriff über 12 Jahrhunderte hinweg in schwankender Intensität weite soziale und ökonomische Bereiche. In den Sultanaten am Westmittelmeer des 9. und 10. Jahrhundert herrschte Sklaverei auch in mittleren und selbst kleineren Betrieben, sowohl in den Städten als auch auf dem Land. In manchen Regionen basierten einzelnen Produktionszweige auf Sklavenarbeit.
Dazu kommt die islamischen Besonderheit der Militärsklaverei – die Mameluken, die Militärsklaverei („die in Besitz Genommenen“).

Arabische Sklavenhandelskarawane, die Sklaven aus Subsahara-Afrika durch die Sahara nach Nordafrika transportiert, Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert
Der Nordwesten Europas wurde nur deshalb nicht zur „Lieferzone“ für den islamisierten Mittelmeerraum – wie die russischen Steppengebiete und Zentralafrika, weil die Karolinger- und Frankenreiche das – auch militärisch – nicht zuließen und ökonomisch auf dem „Weg“ zum progressiveren Feudalismus waren. Schwarzafrika hingegen wurde zum größen Sklavenlieferanten der Weltgeschichte, das sei, so Flaig, mittlerweile Konsens in der wissenschaftlichen Literatur [Es gibt außer Flaig so gut wie keine deutschen Bücher zum Thema – aber Flaigs Literaturliste umfasst mehr als hundert Werke in Englisch und Französisch.]
Die Sklaverei war in Zentralafrika nicht neu. Die drei Großreiche wurden von einer Militäraristokratie regiert – wie im römischen Kaiserreich. Es kam sogar soweit, dass die – durch den Islam eingeführten – Militärsklaven die traditionelle Aristokratie verdrängten, wie im Königreich Waalo – nur dass die Bauern rebellierten und das System zum Einsturz brachten. [Auch hierzu eine ausführliche Recherche der KI mit Quellen mit dem fast schon intelligenten Kommmentar: „ein paradigmatisches Beispiel für die strukturellen Grenzen militärischer Sklavensysteme“.]
Teil II folgt.
____________________________________
Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)
Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)
