Ich habe
Michael Roberts‘ Artikel über
Theories of inflation: part one – the mainstream übersetzen lassen und Text und Grafiken überarbeitet. Die Links sind von mir.
Guglielmo Carchedi und ich arbeiten seit mehreren Jahren an einer Theorie der Inflation. Vor einiger Zeit haben wir eine ausführliche Abhandlung abgeschlossen, die von einer marxistischen Zeitschrift zur Veröffentlichung angenommen wurde. Da es jedoch ewig dauert, bis sie tatsächlich erscheint, habe ich mich entschlossen, eine gekürzte Fassung unserer Arbeit in meinem Blog vorzustellen.
Für den Blog habe ich [Michael Roberts] die Abhandlung in mehrere Teile gegliedert: 1) die herrschenden Inflationstheorien; 2) heterodoxe und andere marxistische Theorien; 3) unsere eigene Theorie, die wir als „Werttheorie der Inflation“ bezeichnen; und schließlich 4) eine Diskussion darüber, wie sich unsere Theorie auf den jüngsten starken Anstieg der Inflation anwenden lässt, der seit Fertigstellung der Abhandlung eingetreten ist.
Zusammenfassung: Der Text kritisiert die drei wichtigsten herrschenden Inflationstheorien als empirisch unzureichend:
Monetarismus: Inflation entsteht nach Friedman durch ein zu starkes Wachstum der Geldmenge. Die Daten zeigen jedoch nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisen. Marx argumentiert umgekehrt: Nicht die Geldmenge bestimmt die Warenpreise, sondern die Warenpreise und die für die Zirkulation benötigte Wertrepräsentation bestimmen die zirkulierende Geldmenge.
Keynesianische Theorien: Weder steigende Löhne und Kosten („cost-push“) noch eine angebliche Übernachfrage erklären Inflation überzeugend. Lohnerhöhungen können zulasten der Profite gehen, ohne dass Preise steigen müssen. Zudem zeigen empirische Untersuchungen kaum Belege für dauerhafte Lohn-Preis-Spiralen. Auch die Phillips-Kurve, die einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation unterstellt, ist empirisch weitgehend flach. Marx hatte bereits 1865 argumentiert, dass Lohnforderungen meist eine „Abwehraktion der Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals“ darstellen.
Erwartungstheorie: Auch die Vorstellung, Inflationserwartungen von Haushalten und Unternehmen verursachten die Inflation, überzeugt nicht. Empirisch folgen die Erwartungen vielmehr der tatsächlichen Preisentwicklung. Sie erklären daher nicht, warum die Preise ursprünglich steigen.
Fazit: Monetarismus, keynesianische Kosten- und Nachfragetheorien sowie die Erwartungstheorie liefern keine überzeugende allgemeine Erklärung der Inflation. Als Alternative soll eine marxistische Werttheorie der Inflation entwickelt werden, die Preisbewegungen aus Veränderungen von Wert und Produktionspreisen erklärt.

Die Frage nach den Ursachen der Inflation stellt die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft seit langem vor ein Problem. Walter Münchau formulierte es 2020 in der Financial Times so: „Die Zentralbanker verstehen nicht wirklich, wie Inflation funktioniert. Es gibt zahlreiche Theorien und Ansätze, theoretische wie statistische, aber keiner davon war bisher in der Lage, dauerhaft zu erklären, was in der realen Welt tatsächlich vor sich geht.“
Charles Goodhart von der London School of Economics äußerte sich 2021 noch schärfer: „Die Welt befindet sich gegenwärtig in einem wirklich ziemlich außergewöhnlichen Zustand, denn wir verfügen über keine allgemeine Theorie der Inflation.“
Warum ist das so? Weil die konventionellen oder herrschenden Inflationstheorien bisher keine tragfähige Erklärung dafür liefern konnten, warum sich die Preise von Waren und Dienstleistungen in modernen kapitalistischen Volkswirtschaften verändern.
Die herrschenden Auffassungen über Inflation lassen sich in drei Gruppen einteilen: 1) die monetaristische Theorie; 2) die keynesianischen Theorien der „Übernachfrage“ beziehungsweise der kostengetriebenen Inflation; und 3) die auf Inflationserwartungen beruhende Theorie der Zentralbanken.
Die monetaristische Inflationstheorie geht davon aus, dass Inflation ein rein monetäres Phänomen ist, das heißt, dass sie durch Veränderungen der Geldmenge im Verhältnis zu Veränderungen des Produktionsvolumens bestimmt wird. Der führende Monetarist Milton Friedman formulierte dies so: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen in dem Sinne, dass sie nur durch einen schnelleren Anstieg der Geldmenge als der Produktion hervorgerufen werden kann.“

Die monetaristische Auffassung beruht auf der mathematischen Identität MV = PY .
Dabei bezeichnet M die Geldmenge, V die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, also die Häufigkeit, mit der das Geld innerhalb der Volkswirtschaft umgesetzt wird, P das allgemeine Preisniveau und Y die reale Wirtschaftsleistung. MV entspricht dem in der Zirkulation befindlichen Geld, während PY die nominale Größe des Einkommens einer Volkswirtschaft ausdrückt.
Der Monetarismus behauptet, dass die linke Seite der Gleichung die rechte Seite bestimmt. Unter der Annahme einer konstanten Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (V) muss demnach ein schnellerer Anstieg von M gegenüber Y zu einer Erhöhung des Preisniveaus führen. Veränderungen von M verursachen somit Veränderungen von P.
Doch bei dieser Gleichung handelt es sich um eine Identität. Aus ihr allein lässt sich keine Richtung der Kausalität ableiten.
Marx vertrat hinsichtlich des Kausalzusammenhangs die entgegengesetzte Auffassung. Für Marx ist Geld nicht selbst Wert, sondern die selbständige Erscheinungsform beziehungsweise Repräsentation des Werts. Daher bestimmt nicht die Geldmenge die Warenpreise; vielmehr bestimmt die Summe der Warenpreise – bei gegebener Umlaufgeschwindigkeit – die für die Zirkulation erforderliche Geldmenge.
Marx formuliert diesen Zusammenhang sinngemäß so: „Ist die Umlaufgeschwindigkeit gegeben, dann wird die Masse der Zirkulationsmittel einfach durch die Preise der Waren bestimmt. Die Preise sind also nicht hoch oder niedrig, weil mehr oder weniger Geld umläuft, sondern es läuft mehr oder weniger Geld um, weil die Preise hoch oder niedrig sind.“
Veränderungen von P, also der Produktionspreise, bestimmen demnach Veränderungen von MV, also der in der Zirkulation befindlichen Geldmenge.
Die Preise wiederum verändern sich infolge der Schwankungen der Wertgrößen. Die Wertgröße der Waren wird durch die zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt. Steigt oder fällt der Wert der Waren – ist also mehr oder weniger gesellschaftlich notwendige Arbeit zu ihrer Produktion erforderlich –, so wird entsprechend mehr oder weniger Geld benötigt, um ihre Zirkulation zu vermitteln.
Das folgt daraus, dass Geld nicht selbst Wert schafft. Es ist Ausdruck und Repräsentation des Werts. Der Wert entspringt der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft beziehungsweise, genauer gesagt, abstrakt menschlicher Arbeit.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wer hat recht – Friedman oder Marx?
Führen Veränderungen von MV zu Veränderungen von PY, oder verläuft der Kausalzusammenhang umgekehrt? Besteht überhaupt ein enger Zusammenhang zwischen Veränderungen der Geldmenge (M) und Veränderungen des Preisniveaus (P)?
Abbildung 1 zeigt die jährlichen prozentualen Veränderungen der US-amerikanischen Geldmenge M2 und der Inflation, gemessen am impliziten BIP-Deflator. Bis in die 1990-er Jahre scheint zwischen beiden Größen ein relativ enger Zusammenhang bestanden zu haben.
Danach jedoch änderte sich das Bild. Das Wachstum der US-Geldmenge beschleunigte sich im längerfristigen Trend, während sich gleichzeitig der Anstieg des Preisdeflators verlangsamte. Zeitweise bestand zwischen beiden Größen sogar eine negative Korrelation.
Über den gesamten Zeitraum seit 1960 betrachtet war die Korrelation zwischen dem Wachstum der Geldmenge und der Preisentwicklung mit 0,21 ausgesprochen gering.
Die empirischen Daten liefern damit jedenfalls keine überzeugende Bestätigung für die monetaristische Behauptung, wonach Veränderungen der Geldmenge die entscheidende Ursache von Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus seien.

Abbildung 1. Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen
Ein entscheidender Grund für die geringe Korrelation zwischen Veränderungen der Geldmenge und Veränderungen der Preise liegt darin, dass Geldmenge und das tatsächlich in der Zirkulation befindliche Geld nicht dasselbe sind. Das Horten von Geld und die Verwendung von Geld zum Erwerb von Finanzanlagen können das Verhältnis zwischen Geldmenge und Preisen erheblich verändern. Wie Abbildung 1 zeigt, deutet die seit Mitte der 1990-er Jahre wachsende Kluft zwischen dem Wachstum der Geldmenge und dem BIP-Deflator tatsächlich darauf hin, dass Geld zunehmend von produktiven Anlagen in Finanzanlagen umgeleitet wurde.
Friedmans monetaristische Theorie ist daher nicht geeignet, die Inflation in den USA in der Nachkriegszeit zu erklären. In einem späteren Beitrag werde ich zeigen, dass es Veränderungen der Produktionspreise beziehungsweise des Werts der Waren sind, die Veränderungen des „zirkulierenden Geldes“ bewirken – also genau das Gegenteil dessen, was der Monetarismus behauptet.
Die zweite vorherrschende Theorie ist die keynesianische. Sie dominiert die gängigen Erklärungen der Inflation. Ein klassisches Beispiel für die Variante der „kostendruckinduzierten Inflation“ (cost-push inflation) lieferte vor kurzem Jason Furman, [er heißt nicht Fulman, sondern Furman] ehemaliger Wirtschaftsberater des Weißen Hauses:
„Wenn die Löhne steigen, führt das zu steigenden Preisen. Wenn Flugzeugtreibstoff oder Lebensmittelzutaten teurer werden, erhöhen Fluggesellschaften oder Restaurants ihre Preise. Ebenso erhöhen sie die Preise, wenn die Löhne von Flugbegleitern oder Servicekräften steigen. Das folgt aus den Grundlagen der Mikroökonomie und dem gesunden Menschenverstand.“ (Furman, 2022)
Die Ursachen der Inflation sind demnach offenbar steigende Rohstoffkosten und die Versuche der Arbeiter, höhere Löhne durchzusetzen. Dies zwinge die Unternehmen dazu, ihre Preise zu erhöhen, um ihre Profite aufrechtzuerhalten. Das ist die Theorie der kostendruckinduzierten Inflation.
Marx setzte sich bereits 1865 mit dieser Auffassung auseinander. In seiner Debatte mit dem Gewerkschafter John Weston, der behauptete, Lohnerhöhungen würden Preissteigerungen verursachen, erklärte Marx, der Kampf um höhere Löhne sei eine „Abwehraktion der Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals“.
Marx formuliert den Zusammenhang ausführlicher: „In allen Fällen, die ich einer Betrachtung unterzogen habe – und sie machen 99 vom Hundert aus –, habt ihr gesehn, dass ein Ringen um Lohnsteigerung nur als Nachspiel vorhergehender Veränderungen vor sich geht und das notwendige Ergebnis ist von vorhergehenden Veränderungen im Umfang der Produktion, der Produktivkraft der Arbeit, des Werts der Arbeit, des Werts des Geldes, der Dauer oder der Intensität der ausgepressten Arbeit, der Fluktuationen der Marktpreise, abhängend von den Fluktuationen von Nachfrage und Zufuhr und bereinstimmend mit den verschiednen Phasen des industriellen Zyklus – kurz, als Abwehraktion der Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals. Indem ihr das Ringen um eine Lohnsteigerung unabhängig von allen diesen Umständen nehmt, indem ihr nur auf die Lohnänderungen achtet und alle andern Veränderungen, aus denen sie hervorgehn, außer acht lasst, geht ihr von einer falschen Voraussetzung aus, um zu falschen Schlussfolgerungen zu kommen.“ (Karl Marx: Lohn, Preis und Profit, 1865, MEW Bd. 16, s. 103ff)
Darüber hinaus übersieht Furman, dass die Auswirkungen höherer Löhne oder höherer Materialkosten auf die Preise durch niedrigere Profite aufgefangen werden können. Bei einer gegebenen Wertgröße gilt: Steigen die Löhne, können die Profite fallen; fallen die Löhne, können die Profite steigen, während die Preise unverändert bleiben.
Marx formuliert diesen Zusammenhang in Lohn, Preis und Profit folgendermaßen: „Da Kapitalist und Arbeiter nur diesen begrenzten Wert zu teilen haben, d.h. den durch die Gesamtarbeit des Arbeiters gemessenen Wert, so wird, je mehr der eine erhält, desto weniger der andre erhalten und umgekehrt. Sobald eine Quantität gegeben ist, wird ein Teil davon zunehmen, wie umgekehrt der andre abnimmt. Ändert sich der Arbeitslohn, so wird sich der Profit in entgegengesetzter Richtung ändern. Fällt der Arbeitslohn, so wird der Profit steigen; und steigt der Arbeitslohn, so wird der Profit fallen.“
Furmans Argument setzt dagegen voraus, dass die Profitabilität „um jeden Preis“ aufrechterhalten werden müsse.
Eine Studie des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2022 untersuchte diese Frage anhand einer länderübergreifenden Datenbank früherer Inflationsperioden in entwickelten Volkswirtschaften, die bis in die 1960er Jahre zurückreicht. Sie kam zu folgendem Ergebnis:
„Lohn-Preis-Spiralen, zumindest wenn man sie als eine anhaltende Beschleunigung von Preisen und Löhnen definiert, sind in den jüngeren historischen Daten nur schwer zu finden. Von den 79 seit den 1960-er Jahren ermittelten Episoden mit sich beschleunigenden Preisen und Löhnen wies nur eine Minderheit nach acht Quartalen eine weitere Beschleunigung auf. Noch schwieriger ist es, eine anhaltende Beschleunigung von Löhnen und Preisen in Situationen zu finden, die der heutigen ähneln und in denen die Reallöhne deutlich gefallen sind.
In diesen Fällen tendierten die Nominallöhne dazu, gegenüber der Inflation aufzuholen, um die Reallohnverluste teilweise auszugleichen; anschließend stabilisierten sich die Wachstumsraten auf einem höheren Niveau als vor der ursprünglichen Beschleunigung. Das Lohnwachstum entsprach schließlich der beobachteten Inflation und der Anspannung auf dem Arbeitsmarkt. Dieser Mechanismus scheint nicht zu einer anhaltenden Beschleunigungsdynamik geführt zu haben, die als Lohn-Preis-Spirale bezeichnet werden könnte.“
In Inflationsperioden versuchen die Löhne also lediglich, den bereits gestiegenen Preisen zu folgen. Aber selbst dann führen Lohnerhöhungen nicht zu einer „Lohn-Preis-Spirale“. Das entspricht im Wesentlichen der Position, die Marx bereits 1865 vertrat.
Eine Variante der keynesianischen Auffassung ist die Theorie der nachfrageinduzierten Inflation (demand-pull inflation). Ihr zufolge entsteht Inflationsdruck durch eine positive „Produktionslücke“ (output gap), bei der das tatsächliche Bruttoinlandsprodukt das „Produktionspotenzial“ (potential GDP) übersteigt. Dieses Produktionspotenzial wird als die Wirtschaftsleistung bei vollständiger Auslastung der Produktionskapazitäten einschließlich Vollbeschäftigung definiert.
Inflation entsteht nach dieser Auffassung also durch eine „übermäßige Nachfrage“ innerhalb einer Volkswirtschaft, das heißt durch eine Nachfrage, die über die vorhandenen Angebots- und Produktionskapazitäten hinausgeht.
Diese „übermäßige Nachfrage“ könnte beispielsweise durch eine expansive staatliche Fiskalpolitik oder – bei Vollbeschäftigung – durch rasch steigende Löhne verursacht werden. Verstärkt werden könnte dies durch einen Rückgang des „Produktionspotenzials“, etwa infolge von Störungen der Lieferketten oder von Energiepreisschocks.
Welche empirischen Belege gibt es für diese Theorie der „übermäßigen Nachfrage“?
Keynesianer verweisen auf einen angeblichen Zielkonflikt (trade-off) zwischen Veränderungen der Löhne und der Preise beziehungsweise zwischen Veränderungen der Arbeitslosigkeit und der Preise. Im ersten Fall müsste eine positive Korrelation bestehen, im zweiten eine negative.
Grafisch dargestellt würde dieser Zusammenhang die Form einer Kurve annehmen. Dies wurde erstmals 1958 von A. W. Phillips mit der später nach ihm benannten sogenannten Phillips-Kurve formuliert.
Die empirischen Daten für die US-Wirtschaft der Nachkriegszeit zeigen jedoch, dass die Phillips-Beziehung keineswegs die Form einer ausgeprägten Kurve – und damit eines entsprechenden Zielkonflikts – aufweist. Vielmehr verläuft sie weitgehend flach.
Hier ist unsere eigene Berechnung für die USA.

Abbildung 2. Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen
Auch andere empirische Untersuchungen zeigen, dass die Phillips-Kurve weitgehend flach verläuft. Mit anderen Worten: Es besteht keine negative Korrelation zwischen Löhnen beziehungsweise Preisen und Arbeitslosigkeit.
Mary Daly, Präsidentin der Federal Reserve Bank of San Francisco, kam zu dem Schluss: „Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation ist inzwischen nur noch sehr schwer auszumachen.“
Der Ökonom Claudio Borio von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) stimmt dem zu: „Die Reaktion der Inflation auf ein Maß für die Unterauslastung des Arbeitsmarktes hat tendenziell abgenommen und ist inzwischen statistisch nicht mehr von null zu unterscheiden.“
In jüngerer Zeit kam er zu dem Ergebnis: „Die Inflation hat sich als unerwartet wenig empfindlich gegenüber einer Unterauslastung der Wirtschaft erwiesen – die Phillips-Kurve verläuft sehr flach.“ (Borio 2021)
Auch der damalige Vorsitzende der US-Notenbank, Jerome „Jay“ Powell, räumte 2021 das Problem ein: „Es gab eine Zeit, in der ein enger Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation bestand. Diese Zeit ist lange vorbei.“
Zu diesem unbequemen Ergebnis waren bereits zuvor zwei prominente Vertreter der herrschenden Wirtschaftswissenschaft gelangt. Robert Solow (2018) bemerkte: „Die Steigung der Phillips-Kurve selbst ist seit den 1980er Jahren immer flacher geworden und inzwischen nur noch sehr gering.“
Robert Gordon (2018) kam zu einem ähnlichen Schluss: „Die kurzfristige Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ist flacher geworden.“
Warum also halten Ökonomen und Zentralbanker weiterhin an einer Theorie fest, für die es kaum empirische Belege gibt?
Gavyn Davies, Keynesianer und ehemaliger Chefökonom von Goldman Sachs, erklärte 2017: „Ohne die Phillips-Kurve erscheint der gesamte komplizierte theoretische Apparat, auf dem die Politik der Zentralbanken beruht, plötzlich äußerst wackelig. Aus diesem Grund werden die politischen Entscheidungsträger die Phillips-Kurve nicht ohne Weiteres aufgeben.“
Doch eine Theorie wird nicht dadurch weniger wackelig, dass man die empirischen Befunde ignoriert, die gegen sie sprechen.
Die dritte vorherrschende Inflationstheorie ist noch schwächer. Sie wird vor allem von Zentralbanken und internationalen Institutionen vertreten. Es handelt sich um die Erwartungstheorie der Inflation.
Nach dieser Theorie wird Inflation durch die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte verursacht. Steigen die Preise, dann steigen auch die Erwartungen der Verbraucher hinsichtlich künftiger Preissteigerungen, was wiederum zu einer Beschleunigung der Inflation führen soll.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) formuliert es folgendermaßen: „Es ist möglich, dass Veränderungen der gegenwärtigen und der erwarteten Inflation gleichermaßen durch veränderte Erwartungen über den zukünftigen Zustand der Wirtschaft verursacht werden. Wenn Unternehmen und Haushalte beispielsweise erwarten, dass sich die Wirtschaft in naher Zukunft in einer Rezession befinden und die Inflation niedriger als heute sein wird, werden sie bereits jetzt damit beginnen, ihre Konsum- und Investitionsausgaben zu reduzieren, wodurch bereits heute ein Abwärtsdruck auf die Inflation entsteht.“
Doch die Erwartung der Verbraucher beziehungsweise der privaten Haushalte, dass die Inflation steigen wird, liefert noch keine Theorie darüber, warum die Preise überhaupt zu steigen beginnen.
Der Ökonom Jeremy Rudd von der Federal Reserve weist darauf hin: „Wenig überraschend deuten die wenigen uns vorliegenden Belege darauf hin, dass Unternehmen Prognosen über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, einschließlich der Inflation, nur wenig Beachtung schenken.“
Wenn die Inflation über einen längeren Zeitraum zurückgeht, werden Haushalte und Unternehmen – wenig überraschend – ebenfalls erwarten, dass die Inflation weiter zurückgeht. Daher bestehe „eine auffällige langfristige Korrelation zwischen einer Schätzung des langfristigen stochastischen Trends der Inflation und den in Umfragen ermittelten langfristigen Inflationserwartungen““.
Die nachstehende Grafik verdeutlicht diesen Zusammenhang: Wenn sich die Inflation abschwächt, folgen auch die Erwartungen beziehungsweise Prognosen einer nachlassenden Inflation.
Die Erwartungen folgen also der tatsächlichen Inflationsrate – und nicht umgekehrt.

Abbildung 2. Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen
Rudd kommt zu folgendem Schluss: „Ökonomen und wirtschaftspolitische Entscheidungsträger sind der Auffassung, dass die Erwartungen von Haushalten und Unternehmen hinsichtlich der künftigen Inflation eine entscheidende Determinante der tatsächlichen Inflation darstellen. Eine Untersuchung der einschlägigen theoretischen und empirischen Literatur legt jedoch nahe, dass diese Auffassung auf äußerst unsicheren Grundlagen beruht. Es lässt sich sogar argumentieren, dass ein unkritisches Festhalten daran leicht zu schwerwiegenden wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen führen könnte.“
Die Zentralbanken sollten sich das zu Herzen nehmen.
Damit haben wir drei vorherrschende Inflationstheorien: den Monetarismus, die keynesianischen Theorien der kostendruckinduzierten Inflation und der „Übernachfrage“ sowie die Theorie der Inflationserwartungen. Keine dieser Theorien ist überzeugend oder wird durch die empirischen Befunde bestätigt.
Kein Wunder also, dass die herrschende Wirtschaftswissenschaft über „keine allgemeine Theorie der Inflation“ verfügt.
Im nächsten Teil werde ich mich mit heterodoxen und anderen marxistischen Theorien über die Ursachen der Inflation befassen.