Die Schuldenmaschine

Ce qu’il y a de certain, c’est que moi, je ne suis pas marxiste.“ („Wenn es etwas Gewisses gibt, so ist es, dass ich kein Marxist bin.“) (Karl Marx, MEW 35, S. 388)

staatsschulden USA

Der Befehl an ChatGPT lautete: „Schreibe einen journalistischen Artikel aus marxistischer Sicht über die gegenwärtige Entwicklung der Staatsschulden der USA und wie sich das entwickeln wird.“

Natürlich weiß die Künstliche Intelligenz nicht, was „marxistisch“ ist – genausowenig wie Marx. Aber einen Versuch ist es wert.

Michael Linden schrieb am 10.03.2026 auf Golem: „Sollte künstliche Intelligenz in wenigen Jahren nahezu alle intellektuellen Tätigkeiten übernehmen können, stellt sich eine unbequeme Frage: Was bleibt dann noch für den Menschen zu tun?“

Zum Beispiel: die KI zu kritisieren, ihr zu widersprechen und deren bürokratische Sprache zu verbessern. Ich müsste aber sehr lange daran arbeiten. Das mache ich nicht, weil mir niemand das bezahlt.

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Die Schuldenmaschine

Wie der amerikanische Staat seine Krise finanziert – und wer dafür bezahlen soll

Die Vereinigten Staaten steuern auf einen historischen Schuldenstand zu. Für das Haushaltsjahr 2026 erwartet das überparteiliche Congressional Budget Office (CBO) ein Defizit von rund 1,9 Billionen US-Dollar. Die von privaten Anlegern, Banken, Fonds, ausländischen Staaten und der Zentralbank gehaltenen Bundesschulden sollen zum Ende des Haushaltsjahres etwa 32,1 Billionen Dollar beziehungsweise 101 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erreichen. Bis 2036 prognostiziert das CBO einen Anstieg auf 56 Billionen Dollar oder 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 1946 wäre damit überschritten. Unter unveränderter Gesetzeslage könnten es 2056 bereits 175 Prozent des BIP sein. ([CBO, Haushaltsausblick 2026–2036]

In der öffentlichen Debatte erscheinen diese Zahlen meist als technisches Problem: Der Staat gebe mehr aus, als er einnehme, und müsse irgendwann „sparen“. Aus marxistischer Sicht greift diese Darstellung zu kurz. Staatsschulden sind nicht bloß das Ergebnis einer schlechten Buchführung. Sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ihnen stehen immer Forderungen gegenüber – und damit Eigentümer, die Anspruch auf Zinszahlungen aus den künftigen Staatseinnahmen erheben.

Wenn etwas „Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse“ sein soll, muss man misstrauisch werden. Das ist ein sinnfreier Textbaustein. Aber vielleicht erklärt uns die KI das jetzt?

Schulden als Klassenverhältnis

Eine Staatsanleihe verwandelt zukünftige Steuereinnahmen in einen heute handelbaren Vermögenstitel. Der Staat leiht sich Geld und garantiert dessen Rückzahlung samt Zinsen. Für Banken, Investmentfonds, Versicherungen, Unternehmen und vermögende Haushalte werden Staatsschulden dadurch zu relativ sicheren Finanzanlagen. Was auf der Passivseite des Staates als Schuld erscheint, steht auf der anderen Seite als Vermögen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie hoch sind die Schulden? Sie lautet auch: Wer besitzt die Forderungen – und wer bringt die Mittel für Zins und Tilgung auf?

Das gefällt mir: Dieser Satz würde so nie in einem Wirtschaftsteil der bürgerlichen Presse stehen. Die Lohnschreiber haben einen gesunden Klasseninstinkt und vermeiden, dass das dumme Volk auf dumme Gedanken kommt dergestalt, dass die Arbeiterklasse („breite Bevölkerung“) immer bezahlt. Ich würde so einen Artikel, obzwar harmlos, auch nie irgendwo unzensiert unterbringen können.

Die Bedienung der Schulden erfolgt aus dem Staatshaushalt, also insbesondere aus Steuern. Ist das Steuersystem so gestaltet, dass Arbeitseinkommen und Massenkonsum stärker belastet werden als große Vermögen und hohe Kapitaleinkommen, findet über den Schuldendienst eine Umverteilung statt: von der breiten Bevölkerung zu den Besitzern staatlicher Wertpapiere.

Das bedeutet nicht, dass jede Staatsverschuldung automatisch gegen die arbeitende Bevölkerung gerichtet wäre. Mit Krediten lassen sich Schulen, Krankenhäuser, öffentlicher Wohnungsbau oder der ökologische Umbau finanzieren. Entscheidend sind der Zweck der Ausgaben, die Eigentumsverhältnisse und die spätere Verteilung der Finanzierungslasten. In den USA wurden Defizite jedoch über Jahrzehnte auch durch Steuersenkungen, militärische Ausgaben, Krisenrettungen und Subventionen für private Akkumulation vergrößert.

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Eine Billion Dollar Zinsen

Die Dynamik hat inzwischen eine neue Qualität erreicht. Für 2026 erwartet das CBO Nettozinsausgaben von mehr als einer Billion Dollar. Bis 2036 sollen sie auf rund 2,1 Billionen Dollar oder 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Dann wären die Zinskosten fast so hoch wie sämtliche sogenannten diskretionären Ausgaben des Bundes – also jener Teil des Haushalts, über den der Kongress regelmäßig entscheidet. Für 2056 prognostiziert das CBO Zinsausgaben von 6,9 Prozent des BIP, mehr als jeweils für Social Security oder Medicare.

Damit entsteht eine sich selbst verstärkende Bewegung: Der Staat macht Defizite, nimmt neue Kredite auf und muss auf den wachsenden Schuldenberg Zinsen zahlen. Ein Teil dieser Zinsen wird wiederum durch neue Schulden finanziert. Gleichzeitig werden ältere, niedrig verzinste Anleihen bei Fälligkeit durch neue Papiere ersetzt. Das CBO erwartet deshalb, dass der durchschnittliche Zinssatz auf die öffentlich gehaltenen Bundesschulden von etwa 3,4 Prozent im Jahr 2026 auf rund 3,9 Prozent gegen Ende des kommenden Jahrzehnts steigt.

Im bürgerlichen Sprachgebrauch heißt das, steigende Zinskosten würden den „finanziellen Spielraum“ des Staates einschränken. Klassenpolitisch übersetzt bedeutet es: Ein wachsender Teil des Haushalts wird vorab für die Ansprüche von Gläubigern reserviert. Der Schuldendienst erhält Vorrang vor politisch verhandelbaren Ausgaben.

Warum die USA nicht Griechenland sind

Trotzdem steht ein unmittelbarer Staatsbankrott nicht bevor. Die Vereinigten Staaten verschulden sich überwiegend in ihrer eigenen Währung.

Der Dollar ist zugleich die wichtigste Reserve-, Handels- und Finanzierungswährung der Welt. US-Staatsanleihen dienen im globalen Finanzsystem als zentrale Sicherheiten und als Aufbewahrungsmittel für überschüssiges Kapital.

Diese Sonderstellung gibt Washington erheblich mehr Spielraum als Ländern, die sich in einer fremden Währung verschulden oder von ausländischen Kreditgebern abhängig sind. Die US-Regierung kann Dollarzahlungen grundsätzlich leisten, solange das eigene politische System die Ausgabe neuer Schuldtitel erlaubt.

Die größere unmittelbare Gefahr ist daher nicht die technische Zahlungsunfähigkeit aus Geldmangel, sondern eine politisch herbeigeführte Blockade– etwa ein Konflikt um die Schuldenobergrenze.

Auch ausländische Investoren ziehen sich bislang nicht geschlossen zurück. Im Mai 2026 verzeichnete das US-Finanzministerium sogar umfangreiche Nettokäufe langfristiger amerikanischer Wertpapiere durch ausländische Anleger. Allerdings verkauften ausländische staatliche Institutionen per saldo andere US-Anlagen, während private Investoren den Zufluss trugen. Solche Monatswerte schwanken stark; sie zeigen aber, dass von einer allgemeinen Flucht aus dem Dollar gegenwärtig keine Rede sein kann. [Quelle: US-Finanzministerium]

Der Dollar ist jedoch keine Naturgewalt. Seine Stellung beruht auf der Größe der US-Wirtschaft, der Macht ihrer Finanzmärkte, den militärischen und politischen Bündnissen des Landes und dem Fehlen einer gleichwertigen Alternative. Eine zunehmende geopolitische Fragmentierung kann diese Vorherrschaft langfristig abschwächen. Ein abrupter Zusammenbruch ist weniger wahrscheinlich als eine langsame Erosion, die höhere Zinsen und stärkere Wechselkursschwankungen zur Folge haben könnte.

Die kommende Verteilungsauseinandersetzung

Die Schuldenentwicklung wird in den nächsten Jahren voraussichtlich nicht durch einen spektakulären Zusammenbruch entschieden, sondern durch politische Kämpfe um ihre gesellschaftlichen Kosten. Vier Wege sind denkbar, die sich miteinander verbinden können.

Erstens kann der Staat Einnahmen erhöhen. Dabei wäre entscheidend, ob er hohe Einkommen, Vermögen, Erbschaften und Unternehmensgewinne stärker besteuert oder die Belastung über Verbrauchsteuern und Abgaben nach unten weitergibt.

Zweitens kann die Regierung Ausgaben kürzen. Politisch werden dabei Sozialprogramme und öffentliche Dienstleistungen häufig als erstes Sparfeld dargestellt, obwohl auch Militärhaushalt, Unternehmenssubventionen und Steuervergünstigungen enorme Mittel binden. Austerität wäre keine neutrale Haushaltskorrektur, sondern eine Entscheidung darüber, welche Klasse auf Einkommen und Leistungen verzichten soll.

Drittens können Inflation und finanzielle Repression einen Teil der realen Schuldenlast entwerten. Bleiben die Zinsen zeitweise unter der Inflationsrate, verlieren die Forderungen der Gläubiger real an Wert. Gleichzeitig trifft Inflation Beschäftigte besonders hart, wenn ihre Löhne nicht entsprechend steigen. Auch dieser Weg führt daher zu einem Verteilungskonflikt zu einem verschärften Klassenkampf.

Viertens könnten Wirtschaftswachstum und produktive öffentliche Investitionen die Schuldenquote stabilisieren. Steigt die Wirtschaftsleistung schneller als die Schulden, sinkt deren relatives Gewicht. Doch Wachstum allein löst weder die ökologische Krise noch die Frage, wem die Ergebnisse der Produktion gehören.

Kein automatisches Ende des Kapitalismus

Eine marxistische Analyse sollte sich vor der verlockenden, aber falschen Prophezeiung hüten, der Kapitalismus werde unter seiner Schuldenlast automatisch zusammenbrechen. Hohe Staatsschulden können das System destabilisieren, sie können es aber ebenso stützen. In Krisen übernimmt der Staat private Verluste, stabilisiert Banken, garantiert Märkte und schafft sichere Anlagen für Kapitalbesitzer. Die Verschuldung ist damit zugleich Krisensymptom und Kriseninstrument.

Wahrscheinlicher als ein plötzlicher Zahlungsausfall ist deshalb folgende Entwicklung: Die Schulden und Zinsausgaben steigen weiter; Finanzmärkte verlangen zeitweise höhere Renditen; der politische Druck zu Einschnitten wächst; und die herrschenden Parteien versuchen, diese Einschnitte als alternativlose Sachzwänge darzustellen. Gleichzeitig bleibt die US-Regierung aufgrund des Dollars und der Tiefe ihrer Kapitalmärkte über längere Zeit handlungsfähig.

Das CBO weist selbst darauf hin, dass seine Zahlen keine Vorhersage im engeren Sinn sind. Sie beschreiben, was unter der Annahme weitgehend unveränderter Gesetze geschehen könnte. Rezessionen, Kriege, Finanzkrisen, Steuersenkungen oder neue Sozialprogramme können die Entwicklung erheblich verändern. Nach der gegenwärtigen Basisprojektion steigt das jährliche Defizit jedoch bis 2036 auf etwa 3,1 Billionen Dollar.

Die eigentliche Grenze der US-Staatsverschuldung ist daher nicht eine magische Schuldenquote. Sie liegt dort, wo Inflation, Zinslast, politische Instabilität und nachlassendes Vertrauen die Handlungsmöglichkeiten des Staates einengen. Wann dieser Punkt erreicht wird, lässt sich seriös nicht datieren.

Sicherer ist eine andere Prognose: Je größer die Zinslast wird, desto schärfer wird der Kampf um den Staatshaushalt.

Die politische Kernfrage der kommenden Jahre wird nicht lauten, ob die amerikanische Bevölkerung für die Schulden bezahlen muss. Sie wird lauten, welcher Teil der Bevölkerung bezahlt – durch höhere Steuern, schlechtere öffentliche Leistungen, sinkende Reallöhne oder den Verlust von Vermögen.

Genau darin zeigt sich der Klassencharakter der Schuldenfrage.




Theorien der Inflation (Teil IV)

KI
„Steigende Arbeitsproduktivität wirkt grundsätzlich preissenkend. Sinkende Profitabilität bremst jedoch produktive Investitionen und damit das Produktivitätswachstum. Wird dies durch eine Ausweitung von Geld und Kredit kompensiert, entsteht Inflationsdruck.“

Ich habe Michael Roberts‘ Artikel über Theorien der Inflation Part four: post pandemic inflation übersetzen lassen und Text und Grafiken überarbeitet. Die Links sind von mir.

In diesem letzten Teil der Reihe über die Ursachen der Inflation befasse ich mich [Michael Roberts] mit dem Zeitraum seit dem Ende des pandemiebedingten Einbruchs im Jahr 2020.

Zusammenfassung

Der Artikel untersucht die Ursachen der seit dem Ende des Pandemieeinbruchs 2020 wieder deutlich gestiegenen Inflation. In den USA lag die Verbraucherpreisinflation in den 2020er Jahren bislang durchschnittlich bei 3,9 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie in den 2010er Jahren. Seit Januar 2020 stiegen die Verbraucherpreise annualisiert um etwa vier Prozent; damit hat die Fed ihr Inflationsziel von zwei Prozent deutlich verfehlt.

Nach Ansicht des Autors [Michael Roberts] haben die herrschenden Inflationstheorien versagt. Zunächst wurde die Inflation als vorübergehende Folge pandemiebedingter Lieferengpässe betrachtet. Als sie anhielt, griffen Ökonomen wieder auf bekannte Erklärungen zurück: Monetaristen machten eine zu lockere Geldpolitik verantwortlich, Keynesianer Lohnsteigerungen und die Phillips-Kurve, andere zu hohe Staatsausgaben oder Inflationserwartungen. Der Autor hält keine dieser Erklärungen für überzeugend. Insbesondere seien Inflationserwartungen eher Folge als Ursache steigender Preise. Selbst Ökonomen wie Larry Summers und der ehemalige Bank-of-England-Chef Mervyn King räumten grundlegende Probleme der bisherigen Inflationstheorien ein.

Auch heterodoxe Erklärungen, die Inflation auf steigende Unternehmensgewinne und „Preistreiberei“ durch Monopole zurückführen, hält der Autor für unzureichend. Unternehmen mit Marktmacht konnten während der Lieferengpässe 2020/21 zwar ihre Preise und Gewinne erhöhen. Als sich die Lieferketten normalisierten und der Wettbewerb zunahm, ließ sich dies jedoch nicht fortsetzen. Entscheidend sei deshalb die jeweilige Phase des Konjunkturzyklus und nicht die Existenz von Monopolen an sich. Preiskontrollen seien ebenfalls keine dauerhafte Lösung; der Autor plädiert stattdessen für öffentliches Eigentum an großen Energie- und Lebensmittelkonzernen.

Die tiefer liegende Ursache der Inflation sieht der Artikel in der bereits vor der Pandemie bestehenden Schwäche der kapitalistischen Produktion: Seit Jahrzehnten verlangsamten sich Produktivitätswachstum und produktive Investitionen. Die großen Volkswirtschaften befanden sich schon vor COVID nahe an einem Abschwung und konnten deshalb die pandemiebedingten Angebots-, Energie- und Lebensmittelschocks schlecht verkraften.

Hier knüpft die marxistische Werttheorie der Inflation von Guglielmo Carchedi, Michael Roberts und ähnlich auch Paul Mattick Jr. an. Steigende Arbeitsproduktivität wirkt grundsätzlich preissenkend. Sinkende Profitabilität bremst jedoch produktive Investitionen und damit das Produktivitätswachstum. Wird dies durch eine Ausweitung von Geld und Kredit kompensiert, entsteht Inflationsdruck. Entscheidend für die sogenannte Value Rate of Inflation (VRI) ist dabei die Differenz zwischen dem Wachstum der umlaufenden Geldmenge und dem Wachstum der geleisteten Arbeitsstunden in den produktiven Wirtschaftssektoren.

Nach dieser Berechnung sei die tatsächliche Inflation langfristig erheblich höher als die offiziell ausgewiesene. Für 1949–2019 liege die durchschnittliche VRI ungefähr doppelt so hoch wie CPI und BIP-Deflator. Ein Grund seien unter anderem hedonische Qualitätsbereinigungen und Veränderungen des Warenkorbs. Corbin Trent kommt mit einem anderen, auf der zum Erwerb lebensnotwendiger Güter erforderlichen Arbeitszeit beruhenden Verfahren zu einem ähnlichen Ergebnis: Ein Medianeinkommen von 42.220 Dollar 2023 hätte etwa 102.024 Dollar betragen müssen, um dieselbe Kaufkraft für grundlegende Bedürfnisse wie 1950 zu erreichen.

Auch die eigene VRI-Berechnung des Autors ergibt ein wesentlich schlechteres Bild der Einkommensentwicklung: Während offizielle Daten einen Anstieg des realen Medianeinkommens amerikanischer Familien von 62 Prozent zwischen 1960 und 2024 ausweisen, ergibt sich nach der werttheoretischen Inflationsmessung ein Rückgang um 20 Prozent. Reale Einkommenszuwächse habe es demnach hauptsächlich im „Goldenen Zeitalter“ 1960–73 gegeben; danach seien die Realeinkommen gesunken.

2022 stieg die VRI auf fast 11 Prozent, während die bereinigte Geldmenge M2 um mehr als 14 Prozent zunahm und sich das Wachstum der Arbeitsstunden verlangsamte. Die geldpolitische Straffung 2023/24 ließ sowohl VRI als auch offizielle Inflation wieder sinken, allerdings nicht auf das Niveau vor der Pandemie.

Für die Zukunft erwartet der Autor erneut stärkeren Inflationsdruck: Die Arbeitsstunden wachsen nur um etwa 0,5 Prozent jährlich, während die umlaufende Geldmenge inzwischen um mehr als 8 Prozent zunimmt. Daraus prognostiziert er für 2026 eine VRI von etwa 7,5 Prozent und für 2027 eine offizielle Inflation von 4,5–5 Prozent. Bei einem US-Wirtschaftswachstum von nur etwa 1,5 Prozent drohe damit Stagflation.

Eine mögliche Gegenkraft wäre ein kräftiger Produktivitätsschub durch KI. Darauf setzt Fed-Chef Kevin Warsh. Der Autor bezweifelt jedoch, dass dies ausreichen wird, zumal die höhere Profitabilität bislang stark auf IT, Energie und Finanzwirtschaft konzentriert sei. Bleiben Produktivitäts- und Investitionsschub aus, werde die Kombination aus schwachem Wachstum und starker Geldmengenausweitung die höhere Inflation verstetigen. Der seit 2020 deutliche Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen wird als Zeichen dafür gewertet, dass auch die Finanzmärkte mit dauerhaft höherer Inflation rechnen.

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Teil vier: Inflation nach der Pandemie

Mit der Pandemie endete die Phase der Disinflation, und die Inflation kehrte zurück. In den USA lag der durchschnittliche jährliche Anstieg der Verbraucherpreise in den 2020er Jahren bislang bei 3,9 Prozent. Diese Rate dürfte angesichts der Auswirkungen des Iran-Krieges auf die Weltmarktpreise für Energie, Lebensmittel und andere Rohstoffe weiter steigen. Der bisherige Preisanstieg in den 2020er Jahren ist damit mehr als doppelt so hoch wie in den von Disinflation geprägten 2010er Jahren und der höchste seit den 1980er Jahren.

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Die US-Notenbank Fed hat sich ein Inflationsziel von 2 Prozent pro Jahr gesetzt. Sie ist kläglich daran gescheitert, dieses Ziel zu erreichen. Seit Januar 2020 ist der offizielle Verbraucherpreisindex mit einer annualisierten Rate von 4,0 Prozent gestiegen und liegt inzwischen 13 Prozent über dem Preisniveau, das sich bei einer Inflationsrate von 2 Prozent ergeben hätte. Das zeigt ein massives Versagen der herrschenden Wirtschaftstheorie und der darauf beruhenden Inflationspolitik.

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Doch die Vertreter der herrschenden Wirtschaftslehre und die Verantwortlichen für das Geldsystem führen weiterhin dieselben Ursachen für die Inflation an und ergreifen dieselben wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie vor 2020. Zunächst argumentierten sie – wie Jay Powell, der damalige Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve –, der Anstieg der Inflation sei nur vorübergehend und durch den „Schock“ der Engpässe in der weltweiten Produktion und im Handel mit Waren und Dienstleistungen verursacht worden. Später mussten sie zunehmend anerkennen, dass die Inflation keineswegs nachließ, sondern sich beschleunigte und von Dauer war. Daraufhin wurden erneut die altbekannten Erklärungen der herrschenden Wirtschaftslehre für die Inflation bemüht – obwohl, wie wir im ersten Teil dieser Reihe gesehen haben, sowohl die monetaristischen als auch die keynesianischen Theorien sich als unzureichend erwiesen hatten.

Huw Pill, Chefökonom der Bank of England, bekräftigte erneut das übliche Rezept der Zentralbanken zur Senkung der Inflationsraten nach der Pandemie: Die Zinserhöhungen in den USA und im Vereinigten Königreich im vergangenen Jahr sollten die Kaufkraft dämpfen und die Möglichkeiten von Unternehmen und Privatpersonen einschränken, die Belastungen durch die Inflation auf andere abzuwälzen. Wer genau diese Belastungen tragen sollte, sagte er nicht. Klar ist jedoch, dass es die Realeinkommen der Beschäftigten waren.

Der führende keynesianische Makroökonom Gauti Eggertsson bemühte sich nach Kräften, die gescheiterte Phillips-Kurve wiederzubeleben. Diese besagt, dass ein Rückgang der Arbeitslosigkeit in Richtung Vollbeschäftigung die Löhne steigen lässt und dies wiederum zu einer höheren Inflation führt. Eggertsson räumte ein, dass die traditionelle Phillips-Kurve auf die gegenwärtige Inflation nicht anwendbar sei. Aber, so seine Argumentation, die Kurve sei inzwischen „nichtlinear“ geworden: Die Arbeitslosigkeit könne also stark sinken, ohne dass dies irgendeinen Einfluss auf die Inflation habe, bis plötzlich ein Wendepunkt erreicht werde und die Inflation sprunghaft ansteige – womit es faktisch überhaupt keine „Kurve“ mehr gibt.

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Auch die Monetaristen versuchten, ihre Theorie wiederzubeleben, um den Inflationsschub nach der Pandemie zu erklären. John Taylor, der Urheber der Taylor-Regel, die angeblich vorgibt, wie sich durch die Festlegung des „richtigen“ Zinssatzes durch die Fed sowohl Inflation als auch Arbeitslosigkeit vermeiden beziehungsweise begrenzen lassen, vertrat die Auffassung, die Inflationsspirale sei darauf zurückzuführen, dass die Fed bereits vor der Pandemie die Zinsen zu spät angehoben und anschließend seine Taylor-Regel nicht befolgt habe. Als die Fed ihren Leitzins dann jedoch tatsächlich erhöhte, gelang es ihr nicht, die Inflation auf ihr Zielniveau zu senken (wie wir oben gesehen haben).

Eine Variante sowohl der monetaristischen als auch der keynesianischen Theorie lautete, der Inflationsschub sei durch „zu hohe“ Staatsausgaben verursacht worden. Robert Barro, ein konservativer Ökonom aus Harvard, der seit jeher darauf bedacht ist, die Staatsausgaben zu senken, weil sie seiner Ansicht nach den privaten Sektor „verdrängen“ (crowding out), legte Daten für 37 OECD-Länder vor, denen zufolge die fiskalische Expansion dem Inflationsschub von 2020 bis 2022 zugrunde liegt. Christopher Sims von der Princeton University vertrat gegenüber den Keynesianern ebenfalls diese fiskalische Theorie der Inflation. Er argumentierte, die USA hätten seit 1950 drei Phasen hoher Inflation erlebt, die jeweils durch fiskalische Expansionen verursacht worden seien: Nicht eine zu lockere Geldpolitik, sondern übermäßige Staatsausgaben verursachten demnach eine hohe Inflation – im Gegensatz zu Taylors oben dargestellter Auffassung. Dies ist ein klassischer Fall, in dem die Richtung des Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs verkannt wird. Während der Pandemie stiegen die Staatsausgaben und Haushaltsdefizite im Verhältnis zur gesamten Wirtschaftsleistung stark an, weil die Volkswirtschaften heruntergefahren wurden und die Gesamtproduktion sank. Als sich die Wirtschaft wieder zu erholen begann, gingen die jährlichen Haushaltsdefizite im Verhältnis zum BIP wieder zurück.

Schließlich wurde auch die Theorie der Inflationserwartungen wiederbelebt. Der IWF unter seiner damaligen Direktorin Gita Gopinath hatte eingeräumt, dass weder die monetaristische und fiskalische Theorie noch die Theorie der Phillips-Kurve die jüngste Inflation erklären konnten, und wandte sich daher erneut den „Inflationserwartungen“ zu. Die Ökonomen des IWF behaupteten, seit 2020 seien die „kurzfristigen Inflationserwartungen“ in den entwickelten Volkswirtschaften der wichtigste Treiber der Preissteigerungen und in den Schwellenländern der zweitwichtigste Faktor gewesen. Der MIT-Professor Ivan Werning vertrat die Auffassung, die steigende Inflation sei das Ergebnis irrationaler Erwartungen der Verbraucher. Damit wurde die Inflationstheorie erneut auf Psychologie reduziert.

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Wenn man sich in der oben stehenden Grafik des IWF die Belege für die Bedeutung der Erwartungen ansieht, erkennt man, dass zunächst die „anderen Faktoren“ – etwa Lieferengpässe und weitere nicht näher bestimmte Faktoren (grauer Block) – die Hauptursache für den einsetzenden Inflationsanstieg waren. Die „Erwartungen“ (blauer Block) kamen erst später ins Spiel, nachdem die Menschen erkannt hatten, dass die Preise weiterhin stark steigen würden. Als die Inflationsrate zurückging, begannen auch die Inflationserwartungen wieder zu sinken. Die Erwartungen folgten also den realen Ursachen und nicht umgekehrt.

Der Keynesianer Larry Summers fasste das folgendermaßen zusammen: Die Theorie, der sich viele Ökonomen inzwischen zuzuwenden scheinen, besagt, dass die Phillips-Kurve im Grunde flach ist, dass die Inflation durch Inflationserwartungen bestimmt wird und dass die Inflationserwartungen wiederum von den Menschen bestimmt werden, die Inflationserwartungen bilden. Das ist ein wenig so wie die Theorie, dass sich die Planeten aufgrund der Umlaufkraft um das Universum bewegen. Das ist eher eine Theorie, die einem Phänomen einen Namen gibt, als eine wirkliche Theorie. Ich denke daher, dass sich die Inflationstheorie in erheblicher Unordnung befindet – sowohl wegen der Probleme mit der Phillips-Kurve als auch deshalb, weil wir keinen wirklich überzeugenden Nachfolger für eine Theorie monetaristischer Art haben.

[Iván] Werning versuchte, eine Inflationstheorie zu entwickeln, die sämtliche möglichen Ursachen berücksichtigt. Inflation steigt demnach, wenn eine übermäßige Nachfrage entsteht, die durch zu große Geldspritzen der Zentralbank und zu hohe Staatsausgaben verursacht wird. Hinzu kommen verschiedene Verkrustungen und Starrheiten – etwa Monopole und Gewerkschaften –, die die Preise nach oben treiben, außerdem Energiepreisschocks und schließlich Inflationserwartungen. Dieser Cocktail von Ursachen liefert uns letztlich überhaupt keine Erklärung. Kein Wunder, dass Werning seine Arbeit mit den Worten zusammenfasste, dass wir am Ende oft weniger wissen als zuvor.

In einer jüngeren Mea culpa rückte der frühere Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, von seinen früheren Auffassungen ab und räumte ein: Die Zentralbanken verfügen nicht mehr über eine Theorie der Inflation. Die heute verbreitete Ausgestaltung von Inflationszielen unterscheidet sich völlig von ihrem ursprünglichen Zweck. Der Ökonom Milton Friedman vertrat bekanntlich die Auffassung, Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen, das durch die Geldschöpfung der Zentralbanken bestimmt werde. Dieser monetaristische Ansatz ist jedoch nur begrenzt aussagekräftig, „da sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes verändern kann und private Akteure Geld schaffen“ – ein Echo auf unsere Argumentation im ersten Teil dieser Reihe. King griff auch die Theorie der Inflationserwartungen an: Das ist die König-Knut-Theorie der Inflation, sagte er in Anspielung auf den englischen König des 11. Jahrhunderts, der der Überlieferung nach versucht haben soll, den Wellen mit Worten Einhalt zu gebieten – und daran scheiterte. Oder, um eine andere Metapher zu verwenden: Schamanen, die versuchen, durch verbale Interventionen die Preise zu beeinflussen.

Im vergangenen Jahr legte Michael Bordo von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich eine umfangreiche Studie für die Bank of England vor, um die Inflation nach der Pandemie im Vereinigten Königreich zu erklären. Nach einer Fülle von Seiten und Grafiken gelangte er jedoch offenbar zu keinem wesentlichen Ergebnis. Die Inflation entstand demnach anscheinend deshalb, weil die Angebotsseite der britischen Wirtschaft zu wenig produktiv war und nicht in der Lage war, eine Wirtschaft mit niedriger Inflation hervorzubringen, die nachhaltiges Wachstum gewährleisten kann … Dies führt uns im Fazit dieser Studie zu grundlegenderen Fragen. Wie viel von der Inflationserfahrung war angesichts des Zusammenbruchs von Bretton Woods als disziplinierendem Mechanismus, der strukturellen Probleme auf der Angebotsseite der britischen Wirtschaft und ihrer Offenheit – die das Vereinigte Königreich anfällig für Schocks aus dem Ausland machte – unvermeidlich? In welchem Umfang handelte es sich um ein Versagen des institutionellen Rahmens der britischen Geld- und Fiskalpolitik, der sich nicht schnell genug an diese Veränderungen anpasste? Und in welchem Umfang lag es daran, dass politische Entscheidungsträger und Politiker die grundlegenden Veränderungen im ökonomischen Denken der 1960er Jahre nur langsam erkannten und aufnahmen? Antworten auf diese Fragen gab es keine.

Auch heterodoxe Ökonomen griffen auf ihre bisherigen Theorien zurück, um die Inflation nach der Pandemie zu erklären. Die Postkeynesianer verwiesen auf die Gewinnaufschläge. Demnach war es die Fähigkeit von (Monopol-)Unternehmen, ihre Preise durch Aufschläge zu erhöhen und Preistreiberei zu betreiben, die die Inflation nach der Pandemie verursachte. Wie wir jedoch im zweiten Teil unserer Reihe argumentiert haben, gibt es monopolistische oder oligopolistische Kartelle bereits seit der Entwicklung des reifen Kapitalismus. Zwar haben Konzentration und Zentralisation des Kapitals zugenommen, wie Marx vorausgesagt hatte, doch darauf folgte keineswegs immer eine Beschleunigung der Inflation. Eine höhere Inflation kann sowohl bei relativ wettbewerbsintensiven als auch bei oligopolistischen Marktstrukturen auftreten. Im späten 19. Jahrhundert war das sogenannte Gilded Age durch den Aufstieg von Kartellen gekennzeichnet – gleichzeitig herrschte jedoch Preisdeflation. Und in den 1990er Jahren, die häufig als zweites Gilded Age mit zunehmender Marktkonzentration betrachtet werden, kam es bei der Preisinflation zur sogenannten Great Moderation, also zu einer Disinflation. Während der letzten großen Inflationsspirale in den 1970er Jahren gingen die Gewinne sogar zurück.

Auch die Gewinnaufschlagstheorie der Inflation wird durch die empirischen Befunde nicht bestätigt. James Crotty formulierte es so: Das Kalecki-Modell der Gewinnbestimmung mit konstantem Gewinnaufschlag, das vom postkeynesianischen Vordenker Minsky verwendet wurde, ist offensichtlich unbefriedigend. Crotty zufolge zeigt der überwiegende Teil der empirischen Befunde, dass sowohl der Gewinnaufschlag als auch der Gewinnanteil erheblichen konjunkturellen Schwankungen unterliegen. Mit anderen Worten: Die Fähigkeit der Unternehmen, ihre Preise zu erhöhen und einen größeren Anteil der Gewinne für sich zu beanspruchen, hänge vom Expansionstempo der Wirtschaft ab. Vor dem pandemiebedingten Einbruch entfielen lediglich 11 Prozent der Veränderungen der Stückpreise auf Unternehmensgewinne.

Die bedeutendste heterodoxe Erklärung für den Inflationsschub nach der Pandemie stammt von Isabella Weber und Evan Wasner. Sie weisen darauf hin, dass vor der Pandemie über einen langen Zeitraum eine relative makroökonomische Preisstabilität herrschte: Die Inflation war niedrig, und der Zuwachs der nominalen Wertschöpfung verteilte sich im Allgemeinen auf Löhne und Gewinne. Erst in den beiden Jahren nach der Pandemie beanspruchten die Gewinne einen größeren Anteil des durch Preissteigerungen je Produktionseinheit entstandenen Wertzuwachses.

Wie ihre unten stehende Tabelle jedoch zeigt, waren es im ersten Teil des Jahres 2020 zunächst die Löhne, die am stärksten von den Preissteigerungen profitierten, während die Gewinne während des pandemiebedingten Einbruchs abstürzten. Im Verlauf des Jahres 2021 kehrte sich dieses Verhältnis allmählich um, und die Gewinne erhielten den Löwenanteil. Doch bereits 2022 verteilte sich der durch Preissteigerungen entstandene Wertzuwachs wieder ungefähr gleichmäßig auf Löhne und Gewinne. Im dritten Quartal 2022 war der Anteil der Arbeit an den Preissteigerungen sogar größer.

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Es hängt also alles davon ab, an welchem Punkt im Zyklus von Expansion und Kontraktion sich eine kapitalistische Wirtschaft befindet, und nicht von der Fähigkeit der Monopole zur „Preistreiberei“ an sich. Die Daten deuten darauf hin, dass Unternehmen mit Preissetzungsmacht in der Phase der Lieferkettenengpässe und stark steigender Preise für grundlegende Rohstoffe und Güter – insbesondere Lebensmittel und Energie – ihre Preise erhöhten, um ihre Gewinne zu sichern oder sogar zu steigern (2020–2021). Als die Lieferengpässe jedoch nachließen und die Produktion 2021–2022 wieder anzog, verschärfte sich der Wettbewerb, sodass weitere Gewinnaufschläge nicht aufrechterhalten werden konnten.

Indem Weber und andere Linke die Ursache der steigenden Inflation in den wachsenden Gewinnen sehen, haben sie als Alternative zur Geldpolitik der Zentralbanken die Einführung von Preiskontrollen gefordert. Eine Begrenzung der Energiepreise für die privaten Endverbraucher würde jedoch die Preissteigerungen auf der Produzentenseite nicht beseitigen, sondern lediglich private Energieversorger in den Bankrott treiben. Die Regierungen wären dann gezwungen, entweder die Preiskontrollen aufzuheben oder die scheiternden Unternehmen zu übernehmen. Tatsächlich wäre die letztgenannte Lösung die beste politische Antwort: die Überführung der internationalen Energie- und Lebensmittelkonzerne, die entlang der gesamten globalen Lieferkette tätig sind, in öffentliches Eigentum. Eine solche Politik steht bei den heterodoxen Ökonomen jedoch nicht auf der Tagesordnung.

Was weder die herrschenden noch die heterodoxen Theorien beantworten, ist die Frage, warum die großen Volkswirtschaften nicht in der Lage waren, die Energie- und Lebensmittelschocks zu bewältigen, die durch die nach COVID verbliebenen Schäden an Lieferketten und Handelsverbindungen verursacht wurden. Die Antwort liegt in der allgemeinen Verlangsamung des Produktivitätswachstums und der produktiven Investitionen während der beiden vorangegangenen Jahrzehnte und insbesondere in der Zeit unmittelbar vor dem COVID-Einbruch. Entscheidend ist hier, dass die großen kapitalistischen Volkswirtschaften bereits vor Ausbruch der COVID-Pandemie kurz vor einem Abschwung standen. Die Angebotsseite war also bereits geschwächt, als die weltweiten Lieferengpässe einsetzten.

Dies ist eine von mehreren wichtigen Erkenntnissen, die der marxistische Ökonom Paul Mattick Jr. in seinem ausgezeichneten kurzen Buch über die Ursachen der Inflationsspirale nach der Pandemie herausarbeitet. Mattick schrieb 2011 außerdem eines der besten kurzen Bücher über die Ursachen des weltweiten Finanzcrashs und der Großen Rezession. In seinem neuen Buch vertritt Mattick denselben Gedanken, den Carchedi und ich mit unserer werttheoretischen Erklärung der Inflation entwickelt haben: Eine steigende Arbeitsproduktivität hat die Tendenz, die Preise zu senken. Doch das Produktivitätswachstum gerät in Konflikt mit der Profitabilität. Verlangsamt sich das Wachstum der Profitabilität, gehen die produktiven Investitionen zurück, und damit verlangsamt sich auch das Produktivitätswachstum. Die Währungsbehörden und das Finanzsystem versuchen dies durch eine Ausweitung des Kredits zu kompensieren, doch dadurch wird lediglich die Inflation angeheizt.

Es ist der tendenzielle Rückgang der globalen Profitabilität, der sich im allgemeinen Rückgang der Wachstumsraten seit den 1970er Jahren zeigt – wobei diese Wachstumsraten nur durch eine stetige Zunahme der Verschuldung des Staates, der Unternehmen und der privaten Haushalte auf ihrem tatsächlichen Niveau gehalten wurden –, den ich zur Erklärung der inflationären Tendenz des Kapitalismus seit dem Zweiten Weltkrieg heranziehe.

Damit gelangen wir zurück zu unserer Werttheorie der Inflation, wie sie im dritten Teil dieser Reihe dargestellt wurde. Wir stellten fest, dass die durchschnittliche Rate der werttheoretisch bestimmten Inflation im Zeitraum von 1949 bis 2019 etwa doppelt so hoch war wie die offiziellen Inflationsraten, gemessen am Verbraucherpreisindex (CPI) und am BIP-Deflator. Das deutet darauf hin, dass die offiziellen Messgrößen der Preisinflation die tatsächliche Inflation erheblich unterschätzen.

Corbin Trent analysierte die Realeinkommen in den USA anhand eines anderen Maßes für die Preisinflation. Nach den offiziellen Statistiken der US-Regierung sind die durchschnittlichen Reallöhne seit 1950 um 252 Prozent gestiegen. Trent argumentiert dagegen, dass die Realeinkommen gegenüber 1950 tatsächlich 61 Prozent ihrer Kaufkraft verloren hätten. Wie erklärt sich dieser Unterschied? Die amtlichen Statistiker „bereinigen“ die Preise vieler Waren, um deren gestiegene Leistungsfähigkeit beziehungsweise verbesserte Qualität zu berücksichtigen. Diese sogenannten hedonischen Qualitätsbereinigungen reduzieren die gemessene tatsächliche Inflation laut dieser Argumentation um etwa 50 bis 60 Prozent. Außerdem sei der für die Inflationsmessung verwendete „Warenkorb“ zugunsten von Gütern verzerrt, deren Preise sinken, und zulasten von Dienstleistungen, deren Preise steigen.

Trent untersuchte stattdessen die inflationsbereinigten Einkommen danach, wie viele Arbeitsstunden erforderlich sind, um bestimmte Waren und Dienstleistungen zu kaufen:

Ich habe die statistischen Spielereien beiseitegelassen. Keine hedonischen Anpassungen. Keine theoretischen Mietäquivalente. Keine Neugewichtung des Warenkorbs. Nur einfache Mathematik. Wie viel verdienen wir, und wie viel kosten die grundlegenden Dinge des Lebens? Ich habe die offiziellen Daten der Regierung untersucht: Medianeinkommen von der US-Steuerbehörde IRS und dem Census Bureau sowie die tatsächlichen Preise lebensnotwendiger Güter aus den Daten des HUD und anderen Bundesbehörden. Dann stellte ich eine einzige einfache Frage: Wie viele Jahre, Wochen oder Monate müssen wir arbeiten, um das kaufen zu können, was wir benötigen?

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Trent berechnete die Auswirkungen der Preisinflation auf die Einkommen also danach, wie viel Arbeitszeit erforderlich ist, um Waren und Dienstleistungen zu kaufen. Diese Berechnung zeigt: Um sich die lebensnotwendigen Güter leisten zu können, die sich die Großeltern der heutigen Amerikaner im Jahr 1950 tatsächlich leisten konnten, hätte das offizielle Medianeinkommen von 42.220 Dollar im Jahr 2023 bei 102.024 Dollar liegen müssen. Nach diesem werttheoretischen Maßstab ergibt sich somit ein Verlust des Realeinkommens von 60 Prozent.

Unsere Theorie der werttheoretischen Inflationsrate verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Nach den offiziellen Daten stieg das reale Medianeinkommen amerikanischer Familien von 1960 bis 2024 um 62 Prozent. Zieht man jedoch die werttheoretisch bestimmte Inflationsrate vom Nominaleinkommen ab, lag das Realeinkommen 20 Prozent niedriger als 1960. Tatsächlich stiegen die Realeinkommen nach unserem werttheoretischen Maßstab nur im sogenannten Goldenen Zeitalter von 1960 bis 1973.

In der neoliberalen Periode von 1974 bis 2000 sanken die Realeinkommen um 14 Prozent, und während der langen Depression von 2000 bis 2019 gingen sie um weitere 10 Prozent zurück. In der Zeit nach der Pandemie gab es selbst nach den offiziellen Daten praktisch keinen Anstieg mehr. Kein Wunder also, dass das Verbrauchervertrauen in den USA nahe seinem historischen Tiefstand liegt.

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Die werttheoretische Inflationsrate (VRI) stieg 2022 stark auf fast 11 Prozent an; auch der BIP-Deflator verzeichnete einen deutlichen Anstieg. Die bereinigte Geldmenge M2 nahm 2022 um mehr als 14 Prozent zu, da die geldpolitischen Mittelzuführungen größtenteils in den Wirtschaftskreislauf gelangten. Gleichzeitig verlangsamte sich das Wachstum der geleisteten Arbeitsstunden, sodass die VRI kräftig anstieg.

In den darauffolgenden Jahren 2023 und 2024 drosselten die Währungsbehörden das Wachstum der Geldmenge. Sie gingen also von der quantitativen Lockerung (Quantitative Easing, QE) der Jahre 2020–2021 zur quantitativen Straffung (Quantitative Tightening, QT) über. Der anschließende Rückgang der VRI in den Jahren 2023 und 2024 ging mit einem ähnlichen Rückgang der offiziellen Inflationsrate einher. Beide Inflationsmaße liegen jedoch weiterhin deutlich über dem Niveau vor der Pandemie und über dem offiziellen Inflationsziel der US-Notenbank von 2 Prozent pro Jahr.

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Ist die Inflation gekommen, um zu bleiben? Erinnern wir uns an die entscheidenden Faktoren, die Inflation verursachen, wie sie im dritten Teil dieser Reihe dargestellt wurden. Die Theorie der werttheoretischen Inflationsrate besagt, dass die Inflationsrate von der Differenz zwischen der Veränderung des Wachstums der umlaufenden Geldmenge und dem Wachstum der geleisteten Arbeitsstunden in den produktiven Sektoren der Wirtschaft abhängt. Letzteres wiederum hängt von der Ausweitung der Investitionen in produktives Kapital und Arbeitskraft ab, die ihrerseits von der Profitrate des Kapitals beeinflusst wird.

Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden steigt derzeit um etwa 0,5 Prozent pro Jahr, wobei sich das Wachstum infolge des schwächeren Beschäftigungszuwachses verlangsamt. Die umlaufende Geldmenge wächst dagegen inzwischen um mehr als 8 Prozent pro Jahr, nachdem sich ihr Wachstum 2024 auf etwa 4,5 Prozent verlangsamt hatte. Daher dürfte die werttheoretische Inflationsrate im Jahr 2026 durchschnittlich 7,5 Prozent betragen. Das würde auf eine offizielle Preisinflationsrate von 4,5 bis 5,0 Prozent im Jahr 2027 hindeuten. Da das Wirtschaftswachstum in den USA in diesem Jahr nur bei etwa 1,5 Prozent liegt, ist die „Stagflation“ – niedriges oder ausbleibendes Wachstum bei gleichzeitig hoher und steigender Inflation – zurückgekehrt.

Für diese Prognose gibt es allerdings einige Vorbehalte. Die Profitabilität des US-Kapitals ist seit 2020 gestiegen. Dies müsste eigentlich ein stärkeres Investitionswachstum und eine Zunahme der geleisteten Arbeitsstunden fördern. Ein großer Teil dieser gestiegenen Profitabilität konzentriert sich jedoch auf nur wenige Sektoren: Informationstechnologie, Energie und Finanzwirtschaft. In weiten Teilen der nichtfinanziellen US-Wirtschaft ist dagegen kein nennenswerter Anstieg der Profitabilität zu verzeichnen. Und wie bereits in früheren Beiträgen dargelegt wurde, hängt ein anhaltender Anstieg der Investitionen und des Produktivitätswachstums inzwischen fast vollständig von der Künstlichen Intelligenz (KI) ab.

Der derzeitige Fed-Vorsitzende Kevin Warsh setzt dabei ganz auf KI: KI ist vielleicht die bedeutendste Veränderung unserer Wirtschaft, die ich in meinem Erwachsenenleben erlebt habe. KI wird eine bedeutende disinflationäre Kraft sein, die Produktivität steigern und die Wettbewerbsfähigkeit der USA stärken.

Sollte dies nicht eintreten, werden das gegenwärtige Ausmaß der Geldmengenausweitung und eine sich abschwächende Wirtschaft dafür sorgen, dass die höhere Inflation von Dauer sein wird.

Besonders für Anleihebesitzer ist Inflation problematisch, da sie für ihre Anleihen einen festen Zinssatz erhalten. Steigt die Inflation, schmälert sie die reale Rendite ihrer Anlage. Der gegenwärtige Anstieg der Anleiherenditen deutet darauf hin, dass Investoren nur noch bereit sind, niedrigere Preise für Anleihen zu zahlen, weil sie befürchten, dass deren reale Rendite langfristig sinken wird.

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Deshalb haben die Renditen US-amerikanischer Staatsanleihen seit 2020 deutlich nach oben gedreht. Die Finanzinvestoren glauben nicht, dass Kevin Warsh recht hat.




Theorien der Inflation (Teil III)

Ich habe Michael Roberts‘ Artikel über Theories of inflation part three – a value theory of inflation übersetzen lassen und Text und Grafiken überarbeitet. Die Links sind von mir.

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In diesem Beitrag setze ich [Michael Roberts] meine Untersuchung der Theorien über die Ursachen der Inflation in modernen Volkswirtschaften fort. Im ersten Teil befasste ich mich mit den vorherrschenden Theorien, im zweiten Teil mit heterodoxen und anderen marxistischen Theorien. In diesem dritten Teil stelle ich eine von Guglielmo Carchedi und mir entwickelte Werttheorie der Inflation vor.

Der Artikel entwickelt eine marxistische Werttheorie der Inflation, die Guglielmo Carchedi und der Autor gemeinsam erarbeitet haben. Anders als konventionelle, heterodoxe und viele marxistische Erklärungen stellt sie die Wertschöpfung durch produktive Arbeit in den Mittelpunkt.

Nach Marx entsteht Wert durch menschliche Arbeit und wird in Arbeitszeit gemessen. Dabei schafft nur produktive Arbeit neuen Wert und Mehrwert, während unproduktive Tätigkeiten vorhandenen Wert lediglich umverteilen. Als Maß für die Wertproduktion verwenden die Autoren daher die in den produktiven Wirtschaftssektoren geleisteten Arbeitsstunden.

Inflation wird hier nicht einfach als Anstieg der Warenpreise verstanden, sondern als Differenz zwischen dem Wachstum der umlaufenden Geldmenge und dem Wachstum der Wertproduktion. Wächst die Geldmenge schneller als die produktive Arbeitszeit, entsteht Inflation. Verkleinert sich diese Differenz, kommt es zur Disinflation; wächst die Wertproduktion schneller, entsteht Deflation.

Da nicht die gesamte Geldmenge für Waren und Dienstleistungen ausgegeben wird, bereinigen die Autoren sie um Bankreserven, Geldhortung und Finanzspekulation und berücksichtigen außerdem die Umlaufgeschwindigkeit. Besonders nach 2008 floss ein großer Teil der neu geschaffenen Liquidität in Finanzanlagen, statt für Waren und Dienstleistungen ausgegeben zu werden. Deshalb stiegen die Vermögenspreise stark, während die Verbraucherpreisinflation niedrig blieb.

Zwischen 1949 und 2022 wuchs die bereinigte Geldmenge in den USA durchschnittlich um 6,6 Prozent pro Jahr, die produktiven Arbeitsstunden jedoch nur um 1,4 Prozent. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche werttheoretische Inflationsrate von 5,2 Prozent.

Die Autoren unterscheiden zwei Phasen. Von 1949 bis 1981 stieg die werttheoretische Inflationsrate, weil die Geldmenge schneller wuchs als die produktive Arbeitszeit. In den 1970er-Jahren stagnierten oder sanken die Arbeitsstunden, während die Inflation zunahm – es kam zur Stagflation. Unter dem Vorsitzenden der US-Notenbank Paul Volcker wurde die Geldpolitik anschließend stark gestrafft. Von 1982 bis 2019 folgte daher eine lange Phase der Disinflation.

Die Wertproduktion ist für die Autoren der objektive Faktor der Inflation. Sie hängt von Beschäftigung, Arbeitsstunden, Investitionen, der organischen Zusammensetzung des Kapitals und der Profitrate ab. Die Geldpolitik bildet dagegen den subjektiven Faktor: Zentralbanken reagieren auf wirtschaftliche Schwäche mit einer Lockerung und auf steigende Inflation mit einer Straffung ihrer Politik.

Statistische Korrelationen und ein Granger-Kausalitätstest deuten nach Ansicht der Autoren darauf hin, dass Veränderungen der Wertproduktion Veränderungen des Geldumlaufs verursachen und nicht umgekehrt. Die Wertproduktion sei somit die objektive Triebkraft der Inflation, während die Geldpolitik darauf reagiere.

Die werttheoretische Inflationsrate liegt deutlich über den offiziellen Inflationsmaßen. Daraus schließen die Autoren, dass die Reallöhne der Beschäftigten – gemessen an der zum Erwerb von Waren notwendigen Arbeitszeit – weniger gestiegen sind, als die offiziellen Preisindizes vermuten lassen.

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Eine Werttheroie der Inflation

Unserer Ansicht nach muss jede Erklärung der Inflation in modernen kapitalistischen Volkswirtschaften bei der Marxschen Werttheorie ansetzen. In sämtlichen konventionellen und heterodoxen Theorien und sogar in den meisten Theorien, die für sich in Anspruch nehmen, marxistisch zu sein, fehlt die Rolle der Wertschöpfung. Dadurch entsteht in jeder Inflationsanalyse ein schwarzes Loch. Für Marx ist Wert die Verausgabung menschlicher Arbeitskraft in abstrakter Form; er wird in Arbeitszeit gemessen, also in der Zeit, während der die Arbeitskräfte für das Kapital arbeiten. Dabei handelt es sich um die tatsächlich für die Warenproduktion geleistete Arbeitszeit. Nicht jede abstrakte Arbeit ist wertschöpfend: Ein Teil der Arbeit ist unproduktiv – im Wesentlichen Arbeit im Handel, im Finanzsektor sowie in der Rüstungs- und Immobilienbranche. Unproduktive Arbeit verteilt Wert lediglich um. Produktive Arbeit hingegen schafft neuen Wert und Mehrwert. In unserer Werttheorie der Inflation wird der Wert daher anhand der in den produktiven Sektoren geleisteten Arbeitsstunden gemessen.

Die Realisierung des Werts erfordert den Austausch der verschiedenen Waren, wobei Geld als Tauschmittel fungiert. Geld ermöglicht den Austausch und repräsentiert somit Wert. Wenn Geld Wert repräsentiert, werden Veränderungen des Geldes durch Wertveränderungen bestimmt. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen der monetaristischen und der werttheoretischen Erklärung der Inflation, wie ich im ersten Teil dargelegt habe. Die Währungsbehörden reagieren auf Wertveränderungen lediglich, indem sie die Geldmenge erhöhen oder verringern beziehungsweise die Zinsen auf Geldbestände oder Kredite anheben oder senken; den Wert selbst verändern sie dadurch jedoch nicht.

In der vorherrschenden Wirtschaftswissenschaft wird Inflation als Veränderung der Marktpreise von Waren definiert. In unserer Werttheorie der Inflation hingegen verstehen wir unter Inflation die Differenz zwischen den Veränderungen der umlaufenden Geldmenge und den Veränderungen der Wertproduktion. Diese Differenz wird bei der Betrachtung der Auswirkungen auf die Löhne der Beschäftigten von Bedeutung sein.

Wir definieren und messen Wert als die Anzahl der in einem bestimmten Zeitraum geleisteten produktiven Arbeitsstunden. Die Geldmenge definieren und messen wir als das im Umlauf befindliche Geld. Nicht die gesamte Geldmenge einer kapitalistischen Volkswirtschaft zirkuliert zum Zweck des Erwerbs von Waren und Dienstleistungen. Ein Teil wird gehortet, das heißt von den Kapitalisten als Reserve zurückgehalten. Ein anderer Teil wird zum Kauf von Finanzanlagen – etwa Anleihen und Aktien – sowie von Immobilien – Grundstücken und Gebäuden –-verwendet. Dieses Geld zirkuliert nicht zum Erwerb von Waren und Dienstleistungen und beeinflusst daher auch nicht die Veränderung der Preise der von den Beschäftigten konsumierten Waren und Dienstleistungen.

Bei unserer Messung der Geldmenge bereinigen wir daher die Geldmenge – die Bankeinlagen – um die Höhe der von den Banken bei der Zentralbank gehaltenen Geldreserven und um die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes im jeweiligen Zeitraum. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist ein Maß dafür, wie häufig die Geldmenge umgesetzt wird. Liegt sie über eins, bedeutet dies, dass die Geldmenge innerhalb eines bestimmten Zeitraums mehr als einmal verwendet wurde und somit die gesamte umlaufende Geldmenge erhöht. Liegt die Umlaufgeschwindigkeit unter eins, deutet dies darauf hin, dass die Geldbesitzer einen größeren Teil der Geldmenge horten, anstatt ihn auf dem Markt für Waren und Dienstleistungen in Umlauf zu bringen. Unter Berücksichtigung dieser Bereinigungen erhalten wir ein Maß für das in einem bestimmten Zeitraum „im Umlauf befindliche Geld“.

Das Ausmaß der Geldhortung und der Finanzspekulation können wir anhand der Differenz zwischen der Veränderungsrate der Geldmenge und ihrer um Geldhortung und Spekulation mit Finanzanlagen bereinigten Veränderungsrate messen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestand in den USA nur ein geringer Unterschied zwischen der Veränderungsrate der Geldmenge – Bankeinlagen usw., in der US-Finanzstatistik als M2 bezeichnet – und der bereinigten umlaufenden Geldmenge. Tatsächlich stieg die um Geldhortung und Spekulation bereinigte Geldmenge M2 im Allgemeinen schneller als M2 selbst. Der Grund dafür war, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes gewöhnlich über eins lag und Geldhortung sowie Finanzspekulation nur eine geringe Rolle spielten. Nach dem Jahr 2000 und insbesondere nach 2008 sowie im Verlauf der 2010er-Jahre vergrößerte sich jedoch die Kluft zwischen dem Wachstum der Geldmenge und dem Wachstum des umlaufenden Geldes erheblich. In diesen Zeitraum fiel die von der US-amerikanischen Notenbank eingeführte sogenannte „quantitative Lockerung„. Ein großer Teil der von der Fed bereitgestellten zusätzlichen Geldmittel wurde überwiegend gehortet oder zur Spekulation mit Finanzanlagen verwendet, anstatt für den Kauf von Waren und Dienstleistungen ausgegeben zu werden. Die anhand des US-Verbraucherpreisindex gemessene Inflation sank in diesem Zeitraum auf nahezu null, während die Preise von Finanzanlagen in die Höhe schnellten.

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M2 − M2adj bedeutet: Differenz zwischen der gewöhnlichen Geldmenge M2 und der bereinigten Geldmenge M2. Positive Werte deuten darauf hin, dass M2 stärker wächst als das tatsächlich für Waren und Dienstleistungen umlaufende Geld. Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

Um die werttheoretische Inflationsrate zu ermitteln, messen wir die Differenz zwischen der Veränderung der bereinigten Geldmenge und der Veränderung der in den produktiven Sektoren einer Volkswirtschaft geleisteten Arbeitsstunden. Besteht keine Differenz, gibt es auch keine Inflation. Inflation entsteht, wenn die prozentuale Veränderung des umlaufenden Geldes größer ist als die Veränderung des geschaffenen Werts. Deflation entsteht, wenn die Veränderungsrate des Geldumlaufs unter die Wachstumsrate des Werts fällt. Die Inflation steigt, wenn sich die Differenz zwischen der Veränderungsrate des umlaufenden Geldes und der Veränderungsrate der geleisteten Arbeitsstunden vergrößert. Verkleinert sich diese Differenz, geht die Inflation zurück – es kommt zur Disinflation.

Wodurch werden diese beiden Faktoren bestimmt, und welcher von ihnen ist der bestimmende beziehungsweise der bestimmte Faktor? Beginnen wir mit den geleisteten produktiven Arbeitsstunden, unserem Maß für den geschaffenen Wert. Über den gesamten untersuchten Zeitraum von 1949 bis 2022 nahm die Zahl der in den produktiven Sektoren der US-Wirtschaft geleisteten Arbeitsstunden zu. Der Grund dafür ist, dass der Anstieg der Zahl der Beschäftigten mehr als ausreichte, um einen etwaigen Rückgang der pro Beschäftigtem geleisteten Arbeitsstunden auszugleichen. Eine Ausnahme bildeten Rezessionen, in denen Arbeitskräfte entlassen wurden – 1957–1958, 1974–1975, 1980–1982, 1991, 2001, 2008–2009 und 2020. In diesen Zeiträumen ging die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden zurück.

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Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

In der marxistischen Theorie führt das Wachstum der Investitionen zu einem Anstieg des Verhältnisses des konstanten Kapitals – der Produktionsmittel – zur eingesetzten Arbeit, das heißt zu einer Erhöhung der „organischen Zusammensetzung des Kapitals„. Die Kehrseite einer steigenden organischen Zusammensetzung ist ein Rückgang des je investierter Kapitaleinheit geschaffenen Werts – mit anderen Worten: ein Sinken der Profitrate auf das investierte Kapital. Über den gesamten Zeitraum von 1949 bis 2022 besteht eine positive Korrelation zwischen dem Rückgang der Profitrate und der Verlangsamung des Wachstums der geleisteten Arbeitsstunden im Verhältnis zum investierten Kapital.

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Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

Die jährliche „werttheoretische Inflationsrate“ entspricht der Differenz zwischen der jährlichen Veränderung der bereinigten Geldmenge und der jährlichen Veränderung der geleisteten produktiven Arbeitsstunden. Im gesamten Zeitraum von 1949 bis 2022 wuchs die bereinigte Geldmenge durchschnittlich um 6,6 Prozent pro Jahr, während die Zahl der in den produktiven Sektoren geleisteten Arbeitsstunden jährlich um durchschnittlich 1,4 Prozent zunahm. Somit betrug die werttheoretische Inflationsrate im Jahresdurchschnitt 5,2 Prozent (6,6 Prozent minus 1,4 Prozent).

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Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

Über den gesamten Zeitraum ging die Wachstumsrate der Geldmenge zurück, während die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden – wenn auch langsam – zunahm. Infolgedessen sank die werttheoretische Inflationsrate während des gesamten Zeitraums; faktisch kam es zu einer Disinflation, also zu einem Rückgang der Inflationsrate. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Ende der 2010er-Jahre war Disinflation der langfristige Trend.

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Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

Innerhalb des Zeitraums von 1949 bis 2022 lassen sich jedoch zwei Teilperioden unterscheiden. Die erste reicht von 1949 bis 1981, die zweite von 1982 bis 2019. In der ersten Periode stieg die jährliche werttheoretische Inflationsrate, sodass es sich um eine inflationäre Periode handelte. In der zweiten Periode sank sie, sodass eine disinflationäre Periode vorlag. In der ersten Periode beschleunigte sich die werttheoretische Inflationsrate, weil die bereinigte Geldmenge schneller wuchs als die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden (siehe Abbildung oben). Dies galt insbesondere für die 1970er-Jahre, als die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden stagnierte oder zurückging (siehe die entsprechende Abbildung oben). Die werttheoretische Inflationsrate stieg in den 1970er-Jahren stark an, während die geleisteten Arbeitsstunden nur sehr langsam zunahmen und während der Rezessionen von 1974–1975 und 1980–1982 sogar deutlich zurückgingen. Die Wirtschaft litt somit unter dem, was als „Stagflation“ bezeichnet wird.

Die Währungsbehörden reagierten auf das verlangsamte Wertwachstum mit einer Ausweitung der Geldmenge, um die wirtschaftliche Aktivität anzukurbeln. Dies führte zu einer Beschleunigung des Wachstums der umlaufenden Geldmenge, nicht jedoch zu einem schnelleren Wachstum der geleisteten Arbeitsstunden. Infolgedessen stieg die werttheoretische Inflationsrate Ende der 1970er-Jahre um mehr als 10 Prozent pro Jahr (siehe Abbildung oben). Daraufhin vollzogen die US-Währungsbehörden unter dem damaligen Vorsitzenden der US-Notenbank, Paul Volcker, einen drastischen Kurswechsel und strafften die Geldpolitik. Bis zum Ende der 1980er-Jahre wurde die Wachstumsrate der umlaufenden Geldmenge um mehr als die Hälfte reduziert. An die Stelle der Inflation – sich beschleunigender Preissteigerungen – trat die Disinflation – sich verlangsamende Preissteigerungen. Nach dem Ende der Großen Rezession verschwand die Inflation im Laufe der 2010er-Jahre sogar nahezu vollständig (siehe Abbildung oben).

Wertveränderungen hängen von den objektiven Faktoren einer wachsenden Erwerbsbevölkerung – mehr Arbeitsstunden – und einer sinkenden Profitrate – ein geringeres Wachstum der geleisteten Arbeitsstunden – ab. Veränderungen der umlaufenden Geldmenge hingegen hängen von der subjektiven Reaktion der Währungsbehörden und des Finanzsektors auf diese objektiven Veränderungen in der Wirtschaft ab. Die US-Notenbank lockert ihre Geldpolitik, wenn sie zu der Einschätzung gelangt, dass sich die Wirtschaft abschwächt, und strafft sie, wenn sie der Ansicht ist, dass sich die Inflation beschleunigt.

Unserer Ansicht nach ist die Veränderung der Wertschöpfung – der objektive Faktor der Preisentwicklung – ausschlaggebend für die subjektive Reaktion der Währungsbehörden. Diese glauben, einer Verschlechterung der Wirtschaftslage durch eine Ausweitung der Geldmenge entgegenwirken zu können. Dabei unterliegen sie der irrigen Annahme, zusätzliches Geld könne einen Rückgang der Investitionen und des BIP-Wachstums aufhalten. Daher erhöhen die Behörden die Geldmenge schneller als die Menge des geschaffenen Werts. Durch eine aktive Geldpolitik wird Inflation somit zu einem dauerhaften Merkmal moderner Volkswirtschaften. Die Rate der Preisinflation schwankt allerdings: erstens aufgrund von Veränderungen im Wachstum des neu geschaffenen Werts – der geleisteten Arbeitsstunden – und zweitens aufgrund des relativen Umfangs der Reaktion der Währungsbehörden, die das Wachstum der umlaufenden Geldmenge verändern.

Gibt es empirische Belege für die Auffassung, dass Wertveränderungen – Veränderungen der geleisteten Arbeitsstunden – die wichtigste Triebkraft der werttheoretischen Inflationsrate sind? Erstens besteht eine relativ hohe Korrelation zwischen der Profitrate auf das Kapital und der Veränderung der geleisteten Arbeitsstunden (0,66). Zweitens besteht eine relativ hohe Korrelation zwischen der Veränderung der geleisteten Arbeitsstunden und den Veränderungen der umlaufenden Geldmenge (0,60). Eine Korrelation beweist keine Kausalität. Diese hohen Korrelationen weisen jedoch auf die „Möglichkeit“ eines kausalen Zusammenhangs hin. Darüber hinaus gibt es gewichtige theoretische Gründe für die Annahme, dass Wertveränderungen Veränderungen des Geldumlaufs verursachen und nicht umgekehrt.

Ergänzend lässt sich ein statistischer Kausalitätstest heranziehen. Ein Granger-Kausalitätstest zur Richtung des kausalen Zusammenhangs zwischen Wertveränderungen – den geleisteten Arbeitsstunden – und Veränderungen der umlaufenden Geldmenge ergibt, dass die „Nullhypothese“ für den Einfluss von Wertveränderungen auf Veränderungen des Geldumlaufs verworfen wird, was auf einen kausalen Zusammenhang hindeutet. Für den umgekehrten Einfluss – Veränderungen des Geldumlaufs als Ursache von Wertveränderungen – wird die Nullhypothese hingegen nicht verworfen, was gegen einen kausalen Zusammenhang spricht. Dies bestätigt tendenziell auf empirischer Ebene die These, dass das Wertwachstum die objektive Triebkraft der Inflation darstellt, während Geldzuführungen die subjektive Reaktion der Behörden sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nur unser Inflationsmodell auf der Marxschen Werttheorie beruht. Wir bilden eine werttheoretische Inflationsrate, die als Differenz zwischen der prozentualen Veränderung der umlaufenden Geldmenge in der Gesamtwirtschaft und der prozentualen Veränderung des Werts gemessen wird, das heißt der für die Produktion von Waren aufgewendeten Arbeitsstunden. Wertveränderungen ergeben sich aus dem Zusammenspiel zweier gegenläufiger Kräfte: einer Zunahme der Arbeitsstunden infolge der erweiterten Reproduktion des Kapitals – durch mehr Arbeitskräfte sowie längere Arbeitstage oder Arbeitsjahre – und einer Verlangsamung des Wachstums der geleisteten Arbeitsstunden infolge der steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals und der sinkenden Profitrate.

Die Werttheorie der Inflation berücksichtigt somit sowohl die Bedeutung der Profitabilität und des Investitionswachstums, die von Mavroudeas et al. im zweiten Teil dieser Beitragsreihe hervorgehoben wurde, als auch die dort von Shaikh thematisierte Rolle des Geldes. Aus der Verbindung beider Aspekte ergibt sich unsere Theorie. In modernen Volkswirtschaften wird das Geld mit einem gewissen Maß an relativer Autonomie durch das Geldsystem – Zentralbanken und Geschäftsbanken – gesteuert. Die Währungsbehörden beeinflussen die Geldmenge entsprechend ihrer Einschätzung der wirtschaftlichen Lage. Dies ist das subjektive Element, das gemeinsam mit dem objektiven Element – dem Wertwachstum – die Inflation bestimmt.

Daraus ergibt sich eine interessante Schlussfolgerung: Sowohl der offizielle Verbraucherpreisindex als auch der BIP-Deflator weisen eine hohe Korrelation mit unserer werttheoretischen Inflationsrate auf. Die durchschnittliche jährliche werttheoretische Inflationsrate lag zwischen 1949 und 2019 mit 5,2 Prozent jedoch deutlich über der anhand des Verbraucherpreisindex gemessenen Rate von 3,4 Prozent und der anhand des BIP-Deflators gemessenen Rate von 3,1 Prozent.

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Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

Dies deutet darauf hin, dass die Reallöhne der Beschäftigten, in Wertgrößen gemessen – also anhand der Arbeitsstunden, die für den Erwerb von Waren aufgewendet werden müssen –, deutlich weniger gestiegen sind, als es eine Messung anhand der offiziellen Preisinflation nahelegt. Im vierten Teil werden wir diese Frage eingehender untersuchen. Dort werden wir uns außerdem damit befassen, warum die Inflation nach dem Ende des pandemiebedingten Einbruchs im Jahr 2020 sprunghaft anstieg und ob sie nach der Disinflationsperiode von 1982 bis 2019 nun dauerhaft erhöht bleiben wird.




Theorien der Inflation (Teil II)

Ich habe Michael Roberts‘ Artikel über Theories of inflation part two – heterodox and Marxist übersetzen lassen und Text und Grafiken überarbeitet. Die Links sind von mir.

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Inflation in Bolivien 1984. Alle Geldscheine zusammen sind ungefähr 100 US $ wert.

Dies ist der zweite Teil meiner Erörterung der Ursachen der Inflation in modernen kapitalistischen Volkswirtschaften. Grundlage ist ein unveröffentlichtes Papier von Guglielmo Carchedi und mir [Michael Roberts].

Zusammenfassung: Der Artikel diskutiert heterodoxe und marxistische Erklärungen der Inflation und fragt vor allem, ob Inflation durch Monopolmacht, Klassenkonflikte, Geldmengenwachstum oder Veränderungen der Profitabilität des Kapitals erklärt werden kann.

Die wichtigsten Aussagen sind:

Monopol- und Mark-up-Theorien: Eine verbreitete heterodoxe Erklärung führt Inflation auf die Marktmacht großer Unternehmen zurück. Angebotsengpässe können es ihnen ermöglichen, ihre Preisaufschläge zu erhöhen und Preissteigerungen durch die gesamte Wirtschaft weiterzugeben. Der Artikel hält dies für eine mögliche Erklärung einzelner Inflationsschübe, etwa nach der Pandemie, aber nicht für eine allgemeine Inflationstheorie. Monopole und Kartelle existierten schließlich auch in Perioden mit niedriger Inflation oder sogar Deflation.
Marx und die Produktionspreise: Marktpreise können von den Produktionspreisen abweichen. Diese Abweichung ist wegen der Konkurrenz jedoch begrenzt. Sinkt der auf der durchschnittlichen Profitrate beruhende Produktionspreis, sollten tendenziell auch die Marktpreise sinken. Monopolmacht kann diese Bewegung verändern, aber nicht dauerhaft außer Kraft setzen.
Klassenkonflikt: Nach einer zweiten heterodoxen Theorie entsteht eine Inflationsdynamik durch den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital: Arbeiter reagieren auf steigende Preise mit Lohnforderungen, worauf Unternehmen wiederum ihre Preise erhöhen. Das erklärt jedoch nicht, warum die Preise ursprünglich zu steigen beginnen.
Profitabilität als entscheidender Faktor: Verschiedene marxistische Autoren – Mattick, Mandel, Harman und Choonara – versuchen, Profitrate, Geld, Wertproduktion und Inflation miteinander zu verbinden. Besonders Choonara sieht Inflation als Ergebnis des Zusammenspiels von Wertschöpfung, Geld- bzw. Kreditschöpfung, Kapitalakkumulation und Profitraten.
Anwar Shaikh: Seine Theorie verbindet Nachfrage und Profitabilität. Neue Kaufkraft entsteht durch Kredit- und Geldschöpfung. Ob diese zusätzliche Nachfrage inflationär wirkt, hängt von der Produktionskapazität ab. Hohe Profitabilität fördert Investitionen und Produktionswachstum; sinkende Profitabilität schwächt die Erweiterung des Angebots. Übersteigt die Nachfrage dadurch die Angebotskapazität, entsteht Inflation. Für die USA wird dies mit fallender Profitabilität und steigender Inflation 1964–1982 sowie steigender Profitabilität und sinkender Inflation 1982–2007 begründet.
Mavroudeas und Chatzirafailidis: Sie erklären Inflation stärker mit Marx’ Werttheorie. Durch Überakkumulation und steigende organische Zusammensetzung des Kapitals fällt schließlich die Profitabilität, Investitionen und Produktionswachstum werden gebremst. Die Nachfrage übersteigt das Angebot, sodass die Marktpreise über die Produktionspreise steigen. Der Warenwert bleibt dabei der „Anker“ der Preise.

Der Artikel sieht allerdings bei beiden Ansätzen eine Lücke. Shaikh berücksichtigt Geld und Profitabilität, erklärt aber nicht ausreichend, weshalb die Nachfrage bei sinkender Produktionskapazität nicht ebenfalls zurückgeht. Mavroudeas und Chatzirafailidis verankern die Preise dagegen konsequent in der marxistischen Werttheorie, berücksichtigen aber die eigenständige Rolle modernen Fiatgeldes nicht.

Kernaussage: Eine umfassende marxistische Inflationstheorie müsste deshalb drei Faktoren miteinander verbinden: Profitabilität des Kapitals, Entwicklung des Warenwerts und Geld- bzw. Kreditschöpfung. Weder Unternehmensmacht noch Lohnkämpfe oder Geldmengenwachstum allein reichten als allgemeine Erklärung der Inflation aus.

Theories of inflation part two – heterodox and Marxist

Es gibt verschiedene heterodoxe Auffassungen über die Ursachen der Inflation. Im Allgemeinen wenden sie sich gegen die im ersten Teil erörterte Konzentration der herrschenden Wirtschaftslehre auf Monetarismus, Überschussnachfrage und Inflationserwartungen. Die heterodoxen Ansätze lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Erstens gibt es jene, die den Schwerpunkt auf die sektorale Struktur der Wirtschaft legen, also darauf, wie Angebotsengpässe in bestimmten Wirtschaftssektoren zu Preissprüngen führen und sich diese dann über Input-Output-Verflechtungen und Veränderungen im Preissetzungsverhalten der Unternehmen auf die gesamte Wirtschaft ausbreiten. Zweitens gibt es Theorien, die davon ausgehen, dass Inflation durch Klassenkonflikte verursacht wird, also durch die Forderungen der Arbeiter nach höheren Löhnen und die Reaktion der Kapitalisten darauf.

Nach der sektoralen Auffassung werden teilweise die Preisaufschläge („Mark-ups“) der Unternehmen als Erklärung für Inflation herangezogen. Demnach wird Inflation durch Monopole und deren Fähigkeit verursacht, Marktpreise oberhalb der Preise bei „freier Konkurrenz“ durchzusetzen. Monopole können ihre Gewinnaufschläge und Verkaufspreise erhöhen, wenn die Kosten steigen, einschließlich der Arbeitskosten. Stephanie Kelton, die bekannte Vertreterin der Modern Monetary Theory, erklärt, dass Unternehmen mit ausreichender Marktmacht auch einseitig die Preise erhöhen könnten, um immer höhere Gewinne zu erzielen.

Marx würde dem widersprechen. Ja, der Marktpreis der verkauften Waren kann und wird vom Produktionspreis abweichen, also von jenem Preis, bei dem alle Kapitale Waren mit derselben durchschnittlichen Profitrate produzieren – einer Rate, die sich ständig verändert. Sinkt der auf der durchschnittlichen Profitrate der Wirtschaft beruhende Produktionspreis, dann sollten auch alle individuellen Preise, die sich um diesen Preis bewegen, sinken. Es gibt jedoch einen gewissen Spielraum, innerhalb dessen einige Unternehmen ihre Preise weniger stark senken als der Durchschnitt oder sie sogar erhöhen können. Diese „monopolistische“ Fähigkeit hat jedoch stets Grenzen. Die Konkurrenz wird sich tendenziell durchsetzen, selbst bei Oligopolen. Deshalb kann der monopolistische Marktpreis nicht dauerhaft vom Produktionspreis abweichen.

Theorien der Inflation

Beim jüngsten Inflationsschub nach dem pandemiebedingten Einbruch hat die sektorale Theorie eine andere Form angenommen. Nach dieser Auffassung entsteht Inflation durch Angebotsengpässe in wichtigen Wirtschaftssektoren, die anschließend dadurch verstärkt werden, dass Unternehmen aufgrund ihrer Marktmacht ihre Preisaufschläge erhöhen. Lieferengpässe, die sich durch verschiedene Wirtschaftssektoren ausbreiten, setzen den Inflationsprozess in Gang. Anschließend können die Preisaufschläge der Unternehmen über den Durchschnitt steigen und so zusätzlichen Preisdruck erzeugen. Isabella Weber und Evan Wasner argumentieren, dass steigende Preise in bestimmten „systemisch bedeutsamen vorgelagerten Sektoren“ einen Impuls für weitere Preiserhöhungen geben. Um ihre Gewinnmargen gegenüber steigenden Kosten zu schützen, geben nachgelagerte Sektoren den Preisdruck weiter oder verstärken ihn – etwa bei vorübergehenden Monopolen infolge von Engpässen.

Für eine profitgetriebene, sektoral verursachte Inflation gibt es beim jüngsten Inflationsschub nach der Pandemie durchaus empirische Anhaltspunkte. Aber kann dies als allgemeine Erklärung der Inflation in kapitalistischen Volkswirtschaften gelten? Inflation hat in den großen Volkswirtschaften langfristig auch dann existiert, wenn Unternehmen ihre Preisaufschläge nicht erhöhten oder wenn es keine sprunghaften Anstiege der Rohstoffpreise gab. Natürlich dürften Preise auf oligopolistischen Märkten höher sein als auf stärker wettbewerblich geprägten Märkten. Eine höhere Inflation kann jedoch sowohl bei relativ wettbewerblichen als auch bei oligopolistischen Marktstrukturen auftreten.

Das sogenannte Gilded Age des späten 19. Jahrhunderts war durch den Aufstieg von Kartellen gekennzeichnet – und dennoch herrschte Preisdeflation. Die 1990er Jahre wiederum, die häufig als ein zweites Gilded Age mit zunehmender Marktkonzentration betrachtet werden, waren durch die sogenannte „Great Moderation“ der Preisinflation, also durch Disinflation, gekennzeichnet. Beim letzten großen Inflationsschub der 1970er Jahre gingen die Profite sogar zurück. Sylos-Labini schrieb damals: Der Rückgang des Profitanteils in mehreren kapitalistischen Ländern lasse sich vor allem auf den anhaltenden Anstieg der direkten Kosten für Arbeit, Rohstoffe und Energie zurückführen. (Auf die Diskussion über die so genannte Sellers’ Inflation, Profitaufschläge und sektoral verursachte Inflation werde ich im vierten Teil zurückkommen, wenn ich den Inflationsschub nach der Pandemie analysiere.)

Die zweite heterodoxe Erklärung lautet, Inflation sei das Ergebnis von Klassenkonflikten. Diese Theorie verwirft die keynesianische Auffassung, wonach Inflation auf einen Lohndruck zurückzuführen ist, der durch Überschussnachfrage und die Verhandlungsmacht der Arbeiter entsteht. Stattdessen geht diese Theorie – wie Marx – davon aus, dass die Löhne als Reaktion auf Preissteigerungen steigen.

Doch was verursacht den ursprünglichen Inflationsschub? Dieser soll auf Angebotsstörungen oder die Fähigkeit von Monopolen zu höheren Preisaufschlägen zurückgehen – womit wir wieder bei der ersten heterodoxen Theorie wären. Ob die Inflation anhält, hängt dann davon ab, ob die Arbeiter über genügend Macht verfügen, um darauf zu reagieren, was wiederum die Unternehmen zu weiteren Preiserhöhungen veranlassen kann. Die Inflation hängt somit vom Kräfteverhältnis zwischen Arbeitern und Kapitalisten ab. Diese Theorie erklärt jedoch nicht den ursprünglichen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, außer durch den zufälligen Faktor einer Angebotsstörung oder eines „Schocks“. Damit greift sie letztlich wieder auf Preisaufschläge oder Angebotsengpässe als Auslöser zurück.

Es gibt auch ausdrücklich marxistische Inflationstheorien. Eine „marxistische“ Erklärung ist im Grunde lediglich die bereits beschriebene Theorie monopolistischer Preisaufschläge. Baran und Sweezy (1966) erklärten die Ursache der Inflation folgendermaßen: „Die keynesianische Theorie ging von freier Konkurrenz aus; unter oligopolistischen Bedingungen führt eine steigende Nachfrage zu Preissteigerunge(…) und schließlich – infolge der steigenden Lebenshaltungskosten – zu höheren Löhnen, statt zu einer Ausweitung der Produktion. Das Ergebnis ist eine allgemeine Inflation.“

Ähnlich argumentierte Kotz (1982), dass Monopole Marktpreise festsetzen können, die über den Produktionspreisen liegen. Doch Monopole existierten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sowohl während der Inflationsperiode von 1949 bis 1979 als auch während der Disinflationsperiode von 1980 bis 2021, in der ihre Marktmacht sogar zunahm. Eine allgemeine Inflation muss daher unabhängig von Monopolen erklärt werden. Wenn Monopole tatsächlich die Macht besitzen, ihre Marktpreise praktisch unbegrenzt zu erhöhen, warum tun sie dies dann nur unter ganz bestimmten Umständen? In der jüngeren Wirtschaftsgeschichte erhöhten sie ihre Preise nur zweimal besonders stark – Ende der 1970er Jahre und 2021 –, und zwar jeweils zu Zeiten niedriger Profitabilität.

Paul Mattick Sr. argumentierte, Inflation sei Ausdruck unzureichender Profite, die durch Preis- und Geldpolitik ausgeglichen werden müssten: „Steigen die Preise schneller als die Löhne, wird den Arbeitern im Zirkulationsprozess genommen, was ihnen im Produktionsprozess nicht entzogen werden konnte.“ (1977, Kapitel 3)

Das ist offensichtlich. Steigen die Preise schneller als die Löhne, findet eine Umverteilung zugunsten des Kapitals und zulasten der Löhne statt. Steigen die Preise dagegen langsamer als die Löhne, erfolgt eine Umverteilung zugunsten der Arbeit und zulasten der Profite. Doch beides erklärt nicht die Ursache des ursprünglichen Anstiegs des allgemeinen Preisniveaus.

Ernest Mandel (1987) versuchte eine marxistische Erklärung, die das Geld einbezieht: Wenn „der Papiergeldumlauf sich verdoppelt hat, ohne dass die insgesamt in der Wirtschaft verausgabte Arbeitszeit wesentlich gestiegen ist, dann wird sich tendenziell auch das Preisniveau verdoppeln“. Doch warum passt sich das umlaufende Geld nicht einfach der Veränderung des Werts der Waren an, gemessen an der gesamten Arbeitszeit? Mandel kommt den für die Inflation relevanten Faktoren nahe, analysiert jedoch nicht, wie diese Faktoren zusammenwirken.

Harman (1979) erkannte zutreffend, dass die Profitabilität des Kapitals eine wesentliche Ursache der Inflation ist. Harman vertrat jedoch eine subjektive Analyse: „In einem Boom sind die Kapitalisten zuversichtlich, dass sie ihre Waren auch dann verkaufen können, wenn sie die Preise erhöhen. […] Sobald die Rezession einsetzt, müssen die Kapitalisten reagiere […] [auf] schrumpfende Märkte [und] die Preise drastisch senken.“

Damit wird zwar die Reaktion der Kapitalisten auf einen Boom und die Preisinflation beschrieben, aber nicht erklärt, wodurch inflationäre beziehungsweise disinflationäre Perioden verursacht werden. So lässt sich damit beispielsweise die anhaltende Disinflation von den 1980er Jahren bis 2019 nicht erklären. Es fehlt sowohl eine Erklärung dafür, wie Veränderungen der Profitabilität wirken, als auch eine Berücksichtigung des Einflusses der Geldbehörden.

Choonara (2021) unterstreicht ebenfalls die Rolle der Profitabilität als zentrale Ursache steigender Preise: „Inflation hängt vom Zusammenspiel zwischen der Wertschöpfung durch die Verausgabung von Arbeitskraft, der Geldschöpfung – vor allem durch das Kreditsystem – und dem Verhältnis zwischen Kapitalakkumulation und Profitraten ab.“ Dies kommt unserer „Werttheorie der Inflation“, auf die ich in einem späteren Beitrag eingehen werde, am nächsten.

Die beiden umfassendsten marxistischen Erklärungen der Inflationsursachen stammen von Anwar Shaikh sowie – in jüngerer Zeit – von den griechischen marxistischen Ökonomen Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis.

Shaikh bezeichnet seine Theorie ungern als marxistisch und bevorzugt den Begriff „klassisch“. Er argumentiert, dass „die moderne Inflation das Ergebnis des Gleichgewichts zwischen einem durch neue Kaufkraft erzeugten Nachfragesog und einer Angebotsreaktion ist, die von der Profitabilität und dem Grad der Wachstumsauslastung abhängt“.

Die Kombination dieser beiden Faktoren ergibt „eine allgemeine Theorie, in der die Inflation positiv auf neue Kaufkraft reagiert, weil der Teil davon, der nicht vom gegenwärtigen Angebot absorbiert wird, in Preissteigerungen mündet; negativ auf die Nettoprofitabilität, da diese das reale Produktionswachstum erhöht; und positiv auf die Wachstumsauslastungsrate, soweit diese das reale Produktionswachstum hemmt“.

Woher kommt diese „neue Kaufkraft“, die die Nachfrage darstellt? Sie entsteht durch neue inländische Kredite privater Banken und der Zentralbanken, also faktisch durch eine Zunahme des umlaufenden Geldes.

Die Fähigkeit des Angebots, mit dieser steigenden Nachfrage Schritt zu halten, hängt von der Profitabilität des Kapitals ab, die den „Anreiz“ für Investitionen bildet. Wächst der Kapitalstock, erhöht sich die Produktionskapazität, wodurch eine stärkere „Wachstumsauslastung“, also eine höhere reale Produktion, möglich wird. Sinkt der Kapitalstock, nimmt die Produktionskapazität ab.

Mit anderen Worten: Shaikh zufolge entsteht Inflation dadurch, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage die Angebotskapazität übersteigt. Steigt die Profitabilität des Kapitals, erhöhen die Kapitalisten das Angebot, und Inflation kann vermieden werden. Sinkt dagegen die Profitabilität, verringert sich die Angebotskapazität, und Inflation entsteht.

Inflation wird somit durch eine steigende Nachfrage – also neue Kaufkraft – und eine geringe Angebotskapazität nach oben getrieben, wobei Letztere durch sinkende Profitabilität verursacht wird. Die Inflation verlangsamt sich oder verschwindet, wenn die zusätzliche Kaufkraft durch ein steigendes Angebot befriedigt wird; dies geschieht tendenziell dann, wenn die Profitabilität steigt.

In der Periode, in der die Profitabilität in den USA sank (1964–1982), verlangsamte sich daher das Wachstum der Angebotskapazität und die Inflation beschleunigte sich. In der Periode von 1982 bis 2007, als die Profitabilität stieg, nahm die Angebotskapazität zu und die Inflation verlangsamte sich. Shaikh liefert empirische Belege für diese Theorie und widerlegt zugleich die keynesianische Phillips-Kurve. Ich habe seine Grafik 15.10 aus seinem Hauptwerk Capitalism, S. 711, reproduziert und neu berechnet. [Übersetzt von mir und ChatGPT]

Theorien der Inflation
Die Grafik zeigt eine hohe Korrelation (0,63) zwischen steigender Inflation und der Auslastung der Produktionskapazitäten (d. h. einem verlangsamten Angebotswachstum) und umgekehrt. Die Korrelation ist im inflationären Zeitraum (beschleunigte Inflation) von 1948 bis 1981 sehr hoch (0,83) und auch im disinflationären Zeitraum (verlangsamte Inflation) von 1982 bis 2010 noch relativ stark (0,59).

Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis definieren Inflation als ein Phänomen, „bei dem die Gesamtsumme der Marktpreise über einen längeren Zeitraum in einer Volkswirtschaft die Gesamtsumme der Produktionspreise deutlich übersteigt“. Ein starkes und anhaltendes Inflationsphänomen – also der Anstieg der gesamten Marktpreise über die gesamten Produktionspreise – entstehe, wenn die Nachfrage der Kapitalisten nach zusätzlichen Produktionsmitteln über einen längeren Zeitraum die Investitionen deutlich übersteige.

Warum sollte die Nachfrage zeitweise die Investitionen übersteigen? Mavroudeas und Chatzirafailidis greifen auf Marx’ Reproduktionsschemata aus dem zweiten Band des Kapital zurück. Für sie ist Inflation die Folge einer systematischen Überakkumulation von Kapital und insbesondere einer unablässigen Nachfrage nach zusätzlichen Produktionsmitteln. Werden im Verhältnis zur Arbeit mehr Produktionsmittel eingesetzt, steigt die organische Zusammensetzung des Kapitals. Dies führe schließlich zu einem Rückgang der Profitabilität, wodurch sich die Investitionen verlangsamten und das Produktionswachstum abschwäche. Die Nachfrage übersteigee somit das Angebot, die Marktpreise stiegen über die Produktionspreise, und es komme zur Inflation.

Beide Theorien haben den Vorzug, die Profitabilität des Kapitals in den Mittelpunkt der Erklärung der Inflation zu stellen. Anders als Shaikh betonen Mavroudeas und Chatzirafailidis, dass die Angebotsseite marxistisch betrachtet vom Wachstum des Warenwerts abhängt: „Inflation sollte nicht einfach als ein Prozess verstanden werden, bei dem die Marktpreise der Waren auf unbestimmte Weise über irgendein willkürliches ‚normales‘ Preisniveau steigen. Vielmehr sollten die Werte der Waren als ihr ‚Anker‘ dienen.“

Meiner Ansicht nach liefert jedoch keine der beiden Theorien eine vollständige marxistische Inflationstheorie. Shaikh geht davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch das Wachstum des Kredits beziehungsweise der umlaufenden Geldmenge angetrieben wird, was meiner Ansicht nach richtig ist. Er erklärt jedoch nicht, warum sich diese Nachfrage beschleunigen oder verlangsamen sollte. Insbesondere erklärt er nicht, warum die Nachfrage bei einem Rückgang der Angebotskapazität nicht ebenfalls sinkt und dadurch Inflation vermieden wird. Schließlich geschieht genau dies in einer Wirtschaftskrise. Auch seine Betonung der Kapazitätsauslastung anstelle der Wachstumsrate des Werts auf der Angebotsseite der Inflationsgleichung deutet eher auf eine keynesianische Theorie der Überschussnachfrage als auf eine marxistische Werttheorie hin.

Mavroudeas und Chatzirafailidis hingegen betrachten den Wert der Waren eindeutig als Anker der Produktionspreise, um den herum die Marktpreise schwanken. Doch in ihrer Theorie spielt das Geld keine Rolle. Für sie ist Preisinflation in einer kapitalistischen Wirtschaft ein rein reales und kein monetäres Phänomen. Sie gehen von der Annahme aus, dass Geld eine Ware – Gold – ist, wodurch eine eigenständige Rolle des Geldes bei der Inflation ausgeschlossen wird.

Theorien der Inflation
Fiatgeld – Assignat über 500 Livres von 1794.- Auch die heutigen Staatsanleihen kann indirekt man als „Fiatgeld“ bezeichnen. Genauer: Eine Zentralbank kann Staatsanleihen mit neu geschaffenem Zentralbankgeld kaufen. Der Staat gibt Anleihen aus → die Zentralbank kauft Anleihen → die Zentralbank schafft dafür Zentralbankgeld. Dabei ist die Staatsanleihe selbst nicht das Fiatgeld. Das bei ihrem Ankauf von der Zentralbank geschaffene Geld ist Fiatgeld.

Dies ist für moderne Volkswirtschaften unrealistisch, in denen Zentralbanken und Regierungen Geld schaffen können – Fiatgeld –, das nicht an den Wert der Ware Gold gebunden ist. In modernen Volkswirtschaften kann das Wachstum der Geldmenge vom Wachstum des Warenwerts abweichen und dadurch die Marktpreise beeinflussen. Ohne die Rolle des Geldes lässt sich nicht erklären, warum die Nachfrage das Angebot übersteigen und Inflation verursachen sollte.

Im dritten Teil werde ich die von Carchedi und mir so bezeichnete Werttheorie der Inflation vorstellen. Sie berücksichtigt sowohl die Rolle der Profitabilität des Kapitals als auch Veränderungen des Warenwerts und die Rolle des Geldes. Die Verbindung dieser Faktoren ermöglicht eine umfassendere Theorie.




Theorien der Inflation (Teil I)

Ich habe Michael Roberts‘ Artikel über Theories of inflation: part one – the mainstream übersetzen lassen und Text und Grafiken überarbeitet. Die Links sind von mir.

Guglielmo Carchedi und ich arbeiten seit mehreren Jahren an einer Theorie der Inflation. Vor einiger Zeit haben wir eine ausführliche Abhandlung abgeschlossen, die von einer marxistischen Zeitschrift zur Veröffentlichung angenommen wurde. Da es jedoch ewig dauert, bis sie tatsächlich erscheint, habe ich mich entschlossen, eine gekürzte Fassung unserer Arbeit in meinem Blog vorzustellen.

Für den Blog habe ich [Michael Roberts] die Abhandlung in mehrere Teile gegliedert: 1) die herrschenden Inflationstheorien; 2) heterodoxe und andere marxistische Theorien; 3) unsere eigene Theorie, die wir als „Werttheorie der Inflation“ bezeichnen; und schließlich 4) eine Diskussion darüber, wie sich unsere Theorie auf den jüngsten starken Anstieg der Inflation anwenden lässt, der seit Fertigstellung der Abhandlung eingetreten ist.

Zusammenfassung: Der Text kritisiert die drei wichtigsten herrschenden Inflationstheorien als empirisch unzureichend:

Monetarismus: Inflation entsteht nach Friedman durch ein zu starkes Wachstum der Geldmenge. Die Daten zeigen jedoch nur einen schwachen Zusammenhang zwischen Geldmenge und Preisen. Marx argumentiert umgekehrt: Nicht die Geldmenge bestimmt die Warenpreise, sondern die Warenpreise und die für die Zirkulation benötigte Wertrepräsentation bestimmen die zirkulierende Geldmenge.

Keynesianische Theorien: Weder steigende Löhne und Kosten („cost-push“) noch eine angebliche Übernachfrage erklären Inflation überzeugend. Lohnerhöhungen können zulasten der Profite gehen, ohne dass Preise steigen müssen. Zudem zeigen empirische Untersuchungen kaum Belege für dauerhafte Lohn-Preis-Spiralen. Auch die Phillips-Kurve, die einen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation unterstellt, ist empirisch weitgehend flach. Marx hatte bereits 1865 argumentiert, dass Lohnforderungen meist eine „Abwehraktion der Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals“ darstellen.

Erwartungstheorie: Auch die Vorstellung, Inflationserwartungen von Haushalten und Unternehmen verursachten die Inflation, überzeugt nicht. Empirisch folgen die Erwartungen vielmehr der tatsächlichen Preisentwicklung. Sie erklären daher nicht, warum die Preise ursprünglich steigen.

Fazit: Monetarismus, keynesianische Kosten- und Nachfragetheorien sowie die Erwartungstheorie liefern keine überzeugende allgemeine Erklärung der Inflation. Als Alternative soll eine marxistische Werttheorie der Inflation entwickelt werden, die Preisbewegungen aus Veränderungen von Wert und Produktionspreisen erklärt.

Inflation

Die Frage nach den Ursachen der Inflation stellt die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft seit langem vor ein Problem. Walter Münchau formulierte es 2020 in der Financial Times so: „Die Zentralbanker verstehen nicht wirklich, wie Inflation funktioniert. Es gibt zahlreiche Theorien und Ansätze, theoretische wie statistische, aber keiner davon war bisher in der Lage, dauerhaft zu erklären, was in der realen Welt tatsächlich vor sich geht.“

Charles Goodhart von der London School of Economics äußerte sich 2021 noch schärfer: „Die Welt befindet sich gegenwärtig in einem wirklich ziemlich außergewöhnlichen Zustand, denn wir verfügen über keine allgemeine Theorie der Inflation.“

Warum ist das so? Weil die konventionellen oder herrschenden Inflationstheorien bisher keine tragfähige Erklärung dafür liefern konnten, warum sich die Preise von Waren und Dienstleistungen in modernen kapitalistischen Volkswirtschaften verändern.

Die herrschenden Auffassungen über Inflation lassen sich in drei Gruppen einteilen: 1) die monetaristische Theorie; 2) die keynesianischen Theorien der „Übernachfrage“ beziehungsweise der kostengetriebenen Inflation; und 3) die auf Inflationserwartungen beruhende Theorie der Zentralbanken.

Die monetaristische Inflationstheorie geht davon aus, dass Inflation ein rein monetäres Phänomen ist, das heißt, dass sie durch Veränderungen der Geldmenge im Verhältnis zu Veränderungen des Produktionsvolumens bestimmt wird. Der führende Monetarist Milton Friedman formulierte dies so: „Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen in dem Sinne, dass sie nur durch einen schnelleren Anstieg der Geldmenge als der Produktion hervorgerufen werden kann.“

Inflation

Die monetaristische Auffassung beruht auf der mathematischen Identität MV = PY .

Dabei bezeichnet M die Geldmenge, V die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, also die Häufigkeit, mit der das Geld innerhalb der Volkswirtschaft umgesetzt wird, P das allgemeine Preisniveau und Y die reale Wirtschaftsleistung. MV entspricht dem in der Zirkulation befindlichen Geld, während PY die nominale Größe des Einkommens einer Volkswirtschaft ausdrückt.

Der Monetarismus behauptet, dass die linke Seite der Gleichung die rechte Seite bestimmt. Unter der Annahme einer konstanten Umlaufgeschwindigkeit des Geldes (V) muss demnach ein schnellerer Anstieg von M gegenüber Y zu einer Erhöhung des Preisniveaus führen. Veränderungen von M verursachen somit Veränderungen von P.

Doch bei dieser Gleichung handelt es sich um eine Identität. Aus ihr allein lässt sich keine Richtung der Kausalität ableiten.

Marx vertrat hinsichtlich des Kausalzusammenhangs die entgegengesetzte Auffassung. Für Marx ist Geld nicht selbst Wert, sondern die selbständige Erscheinungsform beziehungsweise Repräsentation des Werts. Daher bestimmt nicht die Geldmenge die Warenpreise; vielmehr bestimmt die Summe der Warenpreise – bei gegebener Umlaufgeschwindigkeit – die für die Zirkulation erforderliche Geldmenge.

Marx formuliert diesen Zusammenhang sinngemäß so: „Ist die Umlaufgeschwindigkeit gegeben, dann wird die Masse der Zirkulationsmittel einfach durch die Preise der Waren bestimmt. Die Preise sind also nicht hoch oder niedrig, weil mehr oder weniger Geld umläuft, sondern es läuft mehr oder weniger Geld um, weil die Preise hoch oder niedrig sind.“

Veränderungen von P, also der Produktionspreise, bestimmen demnach Veränderungen von MV, also der in der Zirkulation befindlichen Geldmenge.

Die Preise wiederum verändern sich infolge der Schwankungen der Wertgrößen. Die Wertgröße der Waren wird durch die zu ihrer Produktion gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt. Steigt oder fällt der Wert der Waren – ist also mehr oder weniger gesellschaftlich notwendige Arbeit zu ihrer Produktion erforderlich –, so wird entsprechend mehr oder weniger Geld benötigt, um ihre Zirkulation zu vermitteln.

Das folgt daraus, dass Geld nicht selbst Wert schafft. Es ist Ausdruck und Repräsentation des Werts. Der Wert entspringt der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft beziehungsweise, genauer gesagt, abstrakt menschlicher Arbeit.

Die entscheidende Frage lautet daher: Wer hat recht – Friedman oder Marx?

Führen Veränderungen von MV zu Veränderungen von PY, oder verläuft der Kausalzusammenhang umgekehrt? Besteht überhaupt ein enger Zusammenhang zwischen Veränderungen der Geldmenge (M) und Veränderungen des Preisniveaus (P)?

Abbildung 1 zeigt die jährlichen prozentualen Veränderungen der US-amerikanischen Geldmenge M2 und der Inflation, gemessen am impliziten BIP-Deflator. Bis in die 1990-er Jahre scheint zwischen beiden Größen ein relativ enger Zusammenhang bestanden zu haben.

Danach jedoch änderte sich das Bild. Das Wachstum der US-Geldmenge beschleunigte sich im längerfristigen Trend, während sich gleichzeitig der Anstieg des Preisdeflators verlangsamte. Zeitweise bestand zwischen beiden Größen sogar eine negative Korrelation.

Über den gesamten Zeitraum seit 1960 betrachtet war die Korrelation zwischen dem Wachstum der Geldmenge und der Preisentwicklung mit 0,21 ausgesprochen gering.

Die empirischen Daten liefern damit jedenfalls keine überzeugende Bestätigung für die monetaristische Behauptung, wonach Veränderungen der Geldmenge die entscheidende Ursache von Veränderungen des allgemeinen Preisniveaus seien.

Inflation
Abbildung 1. Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

Ein entscheidender Grund für die geringe Korrelation zwischen Veränderungen der Geldmenge und Veränderungen der Preise liegt darin, dass Geldmenge und das tatsächlich in der Zirkulation befindliche Geld nicht dasselbe sind. Das Horten von Geld und die Verwendung von Geld zum Erwerb von Finanzanlagen können das Verhältnis zwischen Geldmenge und Preisen erheblich verändern. Wie Abbildung 1 zeigt, deutet die seit Mitte der 1990-er Jahre wachsende Kluft zwischen dem Wachstum der Geldmenge und dem BIP-Deflator tatsächlich darauf hin, dass Geld zunehmend von produktiven Anlagen in Finanzanlagen umgeleitet wurde.

Friedmans monetaristische Theorie ist daher nicht geeignet, die Inflation in den USA in der Nachkriegszeit zu erklären. In einem späteren Beitrag werde ich zeigen, dass es Veränderungen der Produktionspreise beziehungsweise des Werts der Waren sind, die Veränderungen des „zirkulierenden Geldes“ bewirken – also genau das Gegenteil dessen, was der Monetarismus behauptet.

Die zweite vorherrschende Theorie ist die keynesianische. Sie dominiert die gängigen Erklärungen der Inflation. Ein klassisches Beispiel für die Variante der „kostendruckinduzierten Inflation“ (cost-push inflation) lieferte vor kurzem Jason Furman, [er heißt nicht Fulman, sondern Furman] ehemaliger Wirtschaftsberater des Weißen Hauses:

„Wenn die Löhne steigen, führt das zu steigenden Preisen. Wenn Flugzeugtreibstoff oder Lebensmittelzutaten teurer werden, erhöhen Fluggesellschaften oder Restaurants ihre Preise. Ebenso erhöhen sie die Preise, wenn die Löhne von Flugbegleitern oder Servicekräften steigen. Das folgt aus den Grundlagen der Mikroökonomie und dem gesunden Menschenverstand.“ (Furman, 2022)

Die Ursachen der Inflation sind demnach offenbar steigende Rohstoffkosten und die Versuche der Arbeiter, höhere Löhne durchzusetzen. Dies zwinge die Unternehmen dazu, ihre Preise zu erhöhen, um ihre Profite aufrechtzuerhalten. Das ist die Theorie der kostendruckinduzierten Inflation.

Marx setzte sich bereits 1865 mit dieser Auffassung auseinander. In seiner Debatte mit dem Gewerkschafter John Weston, der behauptete, Lohnerhöhungen würden Preissteigerungen verursachen, erklärte Marx, der Kampf um höhere Löhne sei eine „Abwehraktion der Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals“.

Marx formuliert den Zusammenhang ausführlicher: „In allen Fällen, die ich einer Betrachtung unterzogen habe – und sie machen 99 vom Hundert aus –, habt ihr gesehn, dass ein Ringen um Lohnsteigerung nur als Nachspiel vorhergehender Veränderungen vor sich geht und das notwendige Ergebnis ist von vorhergehenden Veränderungen im Umfang der Produktion, der Produktivkraft der Arbeit, des Werts der Arbeit, des Werts des Geldes, der Dauer oder der Intensität der ausgepressten Arbeit, der Fluktuationen der Marktpreise, abhängend von den Fluktuationen von Nachfrage und Zufuhr und bereinstimmend mit den verschiednen Phasen des industriellen Zyklus – kurz, als Abwehraktion der Arbeit gegen die vorhergehende Aktion des Kapitals. Indem ihr das Ringen um eine Lohnsteigerung unabhängig von allen diesen Umständen nehmt, indem ihr nur auf die Lohnänderungen achtet und alle andern Veränderungen, aus denen sie hervorgehn, außer acht lasst, geht ihr von einer falschen Voraussetzung aus, um zu falschen Schlussfolgerungen zu kommen.“ (Karl Marx: Lohn, Preis und Profit, 1865, MEW Bd. 16, s. 103ff)

Darüber hinaus übersieht Furman, dass die Auswirkungen höherer Löhne oder höherer Materialkosten auf die Preise durch niedrigere Profite aufgefangen werden können. Bei einer gegebenen Wertgröße gilt: Steigen die Löhne, können die Profite fallen; fallen die Löhne, können die Profite steigen, während die Preise unverändert bleiben.

Marx formuliert diesen Zusammenhang in Lohn, Preis und Profit folgendermaßen: „Da Kapitalist und Arbeiter nur diesen begrenzten Wert zu teilen haben, d.h. den durch die Gesamtarbeit des Arbeiters gemessenen Wert, so wird, je mehr der eine erhält, desto weniger der andre erhalten und umgekehrt. Sobald eine Quantität gegeben ist, wird ein Teil davon zunehmen, wie umgekehrt der andre abnimmt. Ändert sich der Arbeitslohn, so wird sich der Profit in entgegengesetzter Richtung ändern. Fällt der Arbeitslohn, so wird der Profit steigen; und steigt der Arbeitslohn, so wird der Profit fallen.“

Furmans Argument setzt dagegen voraus, dass die Profitabilität „um jeden Preis“ aufrechterhalten werden müsse.

Eine Studie des Internationalen Währungsfonds aus dem Jahr 2022 untersuchte diese Frage anhand einer länderübergreifenden Datenbank früherer Inflationsperioden in entwickelten Volkswirtschaften, die bis in die 1960er Jahre zurückreicht. Sie kam zu folgendem Ergebnis:

„Lohn-Preis-Spiralen, zumindest wenn man sie als eine anhaltende Beschleunigung von Preisen und Löhnen definiert, sind in den jüngeren historischen Daten nur schwer zu finden. Von den 79 seit den 1960-er Jahren ermittelten Episoden mit sich beschleunigenden Preisen und Löhnen wies nur eine Minderheit nach acht Quartalen eine weitere Beschleunigung auf. Noch schwieriger ist es, eine anhaltende Beschleunigung von Löhnen und Preisen in Situationen zu finden, die der heutigen ähneln und in denen die Reallöhne deutlich gefallen sind.

In diesen Fällen tendierten die Nominallöhne dazu, gegenüber der Inflation aufzuholen, um die Reallohnverluste teilweise auszugleichen; anschließend stabilisierten sich die Wachstumsraten auf einem höheren Niveau als vor der ursprünglichen Beschleunigung. Das Lohnwachstum entsprach schließlich der beobachteten Inflation und der Anspannung auf dem Arbeitsmarkt. Dieser Mechanismus scheint nicht zu einer anhaltenden Beschleunigungsdynamik geführt zu haben, die als Lohn-Preis-Spirale bezeichnet werden könnte.“

In Inflationsperioden versuchen die Löhne also lediglich, den bereits gestiegenen Preisen zu folgen. Aber selbst dann führen Lohnerhöhungen nicht zu einer „Lohn-Preis-Spirale“. Das entspricht im Wesentlichen der Position, die Marx bereits 1865 vertrat.

Eine Variante der keynesianischen Auffassung ist die Theorie der nachfrageinduzierten Inflation (demand-pull inflation). Ihr zufolge entsteht Inflationsdruck durch eine positive „Produktionslücke“ (output gap), bei der das tatsächliche Bruttoinlandsprodukt das „Produktionspotenzial“ (potential GDP) übersteigt. Dieses Produktionspotenzial wird als die Wirtschaftsleistung bei vollständiger Auslastung der Produktionskapazitäten einschließlich Vollbeschäftigung definiert.

Inflation entsteht nach dieser Auffassung also durch eine „übermäßige Nachfrage“ innerhalb einer Volkswirtschaft, das heißt durch eine Nachfrage, die über die vorhandenen Angebots- und Produktionskapazitäten hinausgeht.

Diese „übermäßige Nachfrage“ könnte beispielsweise durch eine expansive staatliche Fiskalpolitik oder – bei Vollbeschäftigung – durch rasch steigende Löhne verursacht werden. Verstärkt werden könnte dies durch einen Rückgang des „Produktionspotenzials“, etwa infolge von Störungen der Lieferketten oder von Energiepreisschocks.

Welche empirischen Belege gibt es für diese Theorie der „übermäßigen Nachfrage“?

Keynesianer verweisen auf einen angeblichen Zielkonflikt (trade-off) zwischen Veränderungen der Löhne und der Preise beziehungsweise zwischen Veränderungen der Arbeitslosigkeit und der Preise. Im ersten Fall müsste eine positive Korrelation bestehen, im zweiten eine negative.

Grafisch dargestellt würde dieser Zusammenhang die Form einer Kurve annehmen. Dies wurde erstmals 1958 von A. W. Phillips mit der später nach ihm benannten sogenannten Phillips-Kurve formuliert.

Die empirischen Daten für die US-Wirtschaft der Nachkriegszeit zeigen jedoch, dass die Phillips-Beziehung keineswegs die Form einer ausgeprägten Kurve – und damit eines entsprechenden Zielkonflikts – aufweist. Vielmehr verläuft sie weitgehend flach.

Hier ist unsere eigene Berechnung für die USA.

Inflation
Abbildung 2. Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

Auch andere empirische Untersuchungen zeigen, dass die Phillips-Kurve weitgehend flach verläuft. Mit anderen Worten: Es besteht keine negative Korrelation zwischen Löhnen beziehungsweise Preisen und Arbeitslosigkeit.

Mary Daly, Präsidentin der Federal Reserve Bank of San Francisco, kam zu dem Schluss: „Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation ist inzwischen nur noch sehr schwer auszumachen.“

Der Ökonom Claudio Borio von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) stimmt dem zu: „Die Reaktion der Inflation auf ein Maß für die Unterauslastung des Arbeitsmarktes hat tendenziell abgenommen und ist inzwischen statistisch nicht mehr von null zu unterscheiden.“

In jüngerer Zeit kam er zu dem Ergebnis: „Die Inflation hat sich als unerwartet wenig empfindlich gegenüber einer Unterauslastung der Wirtschaft erwiesen – die Phillips-Kurve verläuft sehr flach.“ (Borio 2021)

Auch der damalige Vorsitzende der US-Notenbank, Jerome „Jay“ Powell, räumte 2021 das Problem ein: „Es gab eine Zeit, in der ein enger Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation bestand. Diese Zeit ist lange vorbei.“

Zu diesem unbequemen Ergebnis waren bereits zuvor zwei prominente Vertreter der herrschenden Wirtschaftswissenschaft gelangt. Robert Solow (2018) bemerkte: „Die Steigung der Phillips-Kurve selbst ist seit den 1980er Jahren immer flacher geworden und inzwischen nur noch sehr gering.“

Robert Gordon (2018) kam zu einem ähnlichen Schluss: „Die kurzfristige Beziehung zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit ist flacher geworden.“

Warum also halten Ökonomen und Zentralbanker weiterhin an einer Theorie fest, für die es kaum empirische Belege gibt?

Gavyn Davies, Keynesianer und ehemaliger Chefökonom von Goldman Sachs, erklärte 2017: „Ohne die Phillips-Kurve erscheint der gesamte komplizierte theoretische Apparat, auf dem die Politik der Zentralbanken beruht, plötzlich äußerst wackelig. Aus diesem Grund werden die politischen Entscheidungsträger die Phillips-Kurve nicht ohne Weiteres aufgeben.“

Doch eine Theorie wird nicht dadurch weniger wackelig, dass man die empirischen Befunde ignoriert, die gegen sie sprechen.

Die dritte vorherrschende Inflationstheorie ist noch schwächer. Sie wird vor allem von Zentralbanken und internationalen Institutionen vertreten. Es handelt sich um die Erwartungstheorie der Inflation.

Nach dieser Theorie wird Inflation durch die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte verursacht. Steigen die Preise, dann steigen auch die Erwartungen der Verbraucher hinsichtlich künftiger Preissteigerungen, was wiederum zu einer Beschleunigung der Inflation führen soll.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) formuliert es folgendermaßen: „Es ist möglich, dass Veränderungen der gegenwärtigen und der erwarteten Inflation gleichermaßen durch veränderte Erwartungen über den zukünftigen Zustand der Wirtschaft verursacht werden. Wenn Unternehmen und Haushalte beispielsweise erwarten, dass sich die Wirtschaft in naher Zukunft in einer Rezession befinden und die Inflation niedriger als heute sein wird, werden sie bereits jetzt damit beginnen, ihre Konsum- und Investitionsausgaben zu reduzieren, wodurch bereits heute ein Abwärtsdruck auf die Inflation entsteht.“

Doch die Erwartung der Verbraucher beziehungsweise der privaten Haushalte, dass die Inflation steigen wird, liefert noch keine Theorie darüber, warum die Preise überhaupt zu steigen beginnen.

Der Ökonom Jeremy Rudd von der Federal Reserve weist darauf hin: „Wenig überraschend deuten die wenigen uns vorliegenden Belege darauf hin, dass Unternehmen Prognosen über die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, einschließlich der Inflation, nur wenig Beachtung schenken.“

Wenn die Inflation über einen längeren Zeitraum zurückgeht, werden Haushalte und Unternehmen – wenig überraschend – ebenfalls erwarten, dass die Inflation weiter zurückgeht. Daher bestehe „eine auffällige langfristige Korrelation zwischen einer Schätzung des langfristigen stochastischen Trends der Inflation und den in Umfragen ermittelten langfristigen Inflationserwartungen““.

Die nachstehende Grafik verdeutlicht diesen Zusammenhang: Wenn sich die Inflation abschwächt, folgen auch die Erwartungen beziehungsweise Prognosen einer nachlassenden Inflation.

Die Erwartungen folgen also der tatsächlichen Inflationsrate – und nicht umgekehrt.

Inflation
Abbildung 2. Quelle: FRED, Michael Robert’s Berechnungen

Rudd kommt zu folgendem Schluss: „Ökonomen und wirtschaftspolitische Entscheidungsträger sind der Auffassung, dass die Erwartungen von Haushalten und Unternehmen hinsichtlich der künftigen Inflation eine entscheidende Determinante der tatsächlichen Inflation darstellen. Eine Untersuchung der einschlägigen theoretischen und empirischen Literatur legt jedoch nahe, dass diese Auffassung auf äußerst unsicheren Grundlagen beruht. Es lässt sich sogar argumentieren, dass ein unkritisches Festhalten daran leicht zu schwerwiegenden wirtschaftspolitischen Fehlentscheidungen führen könnte.“

Die Zentralbanken sollten sich das zu Herzen nehmen.

Damit haben wir drei vorherrschende Inflationstheorien: den Monetarismus, die keynesianischen Theorien der kostendruckinduzierten Inflation und der „Übernachfrage“ sowie die Theorie der Inflationserwartungen. Keine dieser Theorien ist überzeugend oder wird durch die empirischen Befunde bestätigt.

Kein Wunder also, dass die herrschende Wirtschaftswissenschaft über „keine allgemeine Theorie der Inflation“ verfügt.

Im nächsten Teil werde ich mich mit heterodoxen und anderen marxistischen Theorien über die Ursachen der Inflation befassen.




Chinas Wirtschaft verliert an Tempo

Ich habe mir Michael Roberts‘ informativen Artikel China’s slowdown vom 13,06. übersetzen lassen, Links hinzugefügt und einiges umformuliert. Die Grafiken stammen auch von dort.

Das Wachstum des chinesischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) hat sich im zweiten Quartal deutlich abgeschwächt. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg die Wirtschaftsleistung nur noch um 4,3 Prozent, nach 5,0 Prozent im ersten Quartal. Damit fiel das Ergebnis schwächer aus als von den meisten Analysten erwartet und markiert das geringste Quartalswachstum seit den pandemiebedingten Lockdowns im Jahr 2022. Trotz dieser Schwächephase liegt das reale BIP-Wachstum im ersten Halbjahr 2026 mit 4,7 Prozent im Jahresvergleich weiterhin innerhalb der von der chinesischen Regierung angestrebten Zielspanne.

economy china

Dennoch sehen sich viele westliche „Experten“ durch diese Entwicklung in ihrer Auffassung bestätigt, China steuere unausweichlich auf eine Phase der Stagnation zu. So schrieb etwa Ruchir Sharma bereits vor Veröffentlichung der jüngsten Wachstumszahlen in der Financial Times:

Obwohl viele Prognosen weiterhin davon ausgehen, dass China die USA als größte Volkswirtschaft der Welt überholen wird, erreichte das chinesische Wachstum bereits 2021 seinen Höhepunkt. Seither ist Chinas Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt zu laufenden Preisen von 18 auf 16,5 Prozent gesunken, während der Anteil der USA auf 26 Prozent gestiegen ist. Chinas Wachstumstempo liegt inzwischen unter dem des übrigen Weltwirtschaft, einschließlich der Vereinigten Staaten. Unabhängige Schätzungen gehen inzwischen davon aus, dass das reale Wachstum Chinas näher bei null liegt als beim offiziellen Zielkorridor von 4,5 bis 5 Prozent.

Diese Argumente verdienen genauer geprüft zu werden.

Erstens mag Chinas reales Wirtschaftswachstum bereits 2014 seinen Höchststand erreicht haben. Doch der Abstand zu den führenden westlichen Industriestaaten ist keineswegs verschwunden. Im Durchschnitt lag Chinas Wachstumsrate seit 2014 mehr als vier Prozentpunkte über dem Mittelwert der G7-Staaten. Das Land expandierte also trotz sinkender Dynamik weiterhin deutlich schneller als die großen entwickelten Volkswirtschaften.

economy china

Ja, gemessen zu nominalen Preisen ist Chinas Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt tatsächlich zurückgegangen. Real, also kaufkraftbereinigt, zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Sharma argumentiert hier daher zumindest einseitig.

Der Rückgang des nominalen Anteils ist vor allem auf die Abwertung des chinesischen Yuan gegenüber dem ungewöhnlich starken US-Dollar sowie auf die Deflation im Inland zurückzuführen. Da das nominale BIP in aktuellen US-Dollar berechnet wird, führen Wechselkurs- und Preisveränderungen dazu, dass die Größe der chinesischen Volkswirtschaft im internationalen Vergleich künstlich kleiner erscheint.

Betrachtet man die Wirtschaftsleistung dagegen auf Basis der Kaufkraftparität (Purchasing Power Parity, PPP), werden die Verzerrungen durch Wechselkursschwankungen weitgehend ausgeblendet. Nach diesem Maßstab ist Chinas Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung nicht um 1,5 bis 2 Prozentpunkte gesunken, sondern um rund 1,4 Prozentpunkte gestiegen.

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Auch die Behauptung Sharmas, Chinas Wirtschaft wachse inzwischen langsamer als der Rest der Welt, hält der Autor [Michael Roberts] für nicht überzeugend. Zur Untermauerung verweist Sharma auf angeblich „unabhängige Schätzungen“, wonach das reale Wachstum Chinas eher bei null Prozent liege als im offiziellen Zielkorridor von 4,5 bis 5 Prozent.

Doch worauf stützen sich diese „unabhängigen“ Schätzungen? Nach Ansicht des Autors im Wesentlichen auf eine einzige Quelle: die westliche Denkfabrik Rhodium Group, die sich auf China-Analysen spezialisiert hat. Die Rhodium Group verwirft die offiziellen chinesischen BIP-Daten mit der Begründung, sie seien systematisch zu hoch angesetzt und spiegelten die schwache Binnennachfrage nicht angemessen wider.

Stattdessen versucht Rhodium, das Wirtschaftswachstum von unten nach oben zu berechnen, indem die Ausgaben einzelner Wirtschaftssektoren getrennt analysiert werden – und zwar auf Basis der Ausgaben, nicht der Produktion. Nach Auffassung des Autors läuft diese Methode letztlich darauf hinaus, die offiziellen Investitionszahlen stark nach unten zu korrigieren und sie weitgehend am Immobiliensektor auszurichten.

Gerade dieser Sektor befindet sich jedoch seit Jahren in einer tiefen Krise. Während die gesamten Anlageinvestitionen Chinas im Jahresvergleich um 5,7 Prozent wachsen, sind die Investitionen in Immobilien um 18 Prozent eingebrochen. Indem Rhodium die Entwicklung des Immobilienmarktes praktisch zum Maßstab für die gesamte Investitionstätigkeit macht, werde das gesamtwirtschaftliche Wachstum zwangsläufig nach unten gezogen. Wer die Immobilieninvestitionen als Stellvertreter für die gesamte chinesische Investitionsdynamik verwende, müsse sich daher nicht wundern, am Ende nahezu kein Wirtschaftswachstum mehr zu errechnen.

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Die Rhodium Group stützt ihre Wachstumsberechnungen fast ausschließlich auf Nachfrageindikatoren wie Einzelhandelsumsätze, Kreditwachstum und das Konsumklima. Angebotsseitige Kennzahlen – etwa die Industrieproduktion, die Exporte oder die Entwicklung des verarbeitenden Gewerbes – blieben dagegen weitgehend unberücksichtigt.

Allerdings folgen nicht alle westlichen Institutionen diesem Ansatz. So übernimmt auch die Bank von Finnland die offiziellen chinesischen BIP-Daten nicht ungeprüft. Stattdessen orientiert sie sich an Produktionsindikatoren wie der Stromerzeugung, dem Schienengüterverkehr und den Nettoexporten. Auf dieser Grundlage kommt sie zwar zu dem Ergebnis, dass Chinas reales Wirtschaftswachstum etwa einen Prozentpunkt unter den offiziellen Angaben liegt. Doch selbst danach würde die chinesische Wirtschaft derzeit noch rund vier Prozent pro Jahr wachsen.

Auch die aktuellen Produktionsdaten sprechen gegen die These eines nahezu stagnierenden Wirtschaftswachstums. Im ersten Halbjahr 2026 stieg die chinesische Industrieproduktion um 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das verarbeitende Gewerbe legte um 6 Prozent zu, während der Technologiesektor sogar ein Wachstum von 14 Prozent verzeichnete.

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Ein Blick auf die chinesische Industrie zeigt deutlich, dass vor allem die Auslandsnachfrage den jüngsten Aufschwung trägt. Besonders kräftig expandierten die Branchen Schienenfahrzeuge, Schiffbau und Luft- und Raumfahrt mit einem Plus von 18,2 Prozent. Die Automobilindustrie legte um 8,7 Prozent zu, während die Produktion von Computern, Kommunikations- und Elektroniktechnik um 15,7 Prozent wuchs.

Besonders dynamisch entwickelte sich die Halbleiterproduktion. Sie erreichte mit einem Anstieg von 25,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum den höchsten Zuwachs seit 17 Monaten – ein weiterer Hinweis auf den anhaltenden Boom im chinesischen Technologiesektor.

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Allerdings wäre es verfehlt, die gegenwärtige Abschwächung der Investitionstätigkeit zu ignorieren. Die Anlageinvestitionen gingen im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 5,7 Prozent zurück und erreichten damit den niedrigsten Stand seit Mai 2020. Die Investitionen des privaten Sektors sanken um 8,5 Prozent, während auch die Investitionen staatseigener Unternehmen weiter nachgaben und nur noch 2,3 Prozent zulegten. Sowohl private als auch staatliche Unternehmen scheinen größere Investitionsvorhaben aufzuschieben, was das ohnehin schwache Investitionsklima zusätzlich belastet.

Die Ursachen liegen vor allem in der anhaltenden Krise des Immobiliensektors sowie in den finanziellen Problemen vieler Lokalregierungen, die noch immer unter der hohen Verschuldung leiden, die während des Immobilienbooms aufgebaut wurde. Diese beiden Faktoren seien die Hauptgründe für die vergleichsweise schwache Binnennachfrage.

Zwar fallen die Immobilienpreise weiterhin, allerdings deutlich langsamer als zuvor; in einigen Städten sind inzwischen sogar wieder leichte Preissteigerungen zu beobachten. Dennoch bleibt die Investitionsschwäche bestehen. Selbst wenn der Immobiliensektor ausgeklammert wird, lagen die Anlageinvestitionen in den sechs Monaten bis Juni 2,7 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Damit hat sich der Rückgang gegenüber den ersten fünf Monaten des Jahres, als er noch 1,2 Prozent betrug, weiter verstärkt.

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Ein weiterer Faktor, der die Binnennachfrage belastet, ist der Schuldenüberhang, den der Zusammenbruch des Immobilienbooms hinterlassen hat. Die Hauptlast tragen inzwischen die Lokalregierungen. Viele der Kredite, die sie während der Boomjahre an private Immobilienentwickler vergaben oder absicherten, belasten noch immer ihre Haushalte. Dadurch fehle zahlreichen Kommunen der finanzielle Spielraum für neue Investitionen.

Während die Zentralregierung und die staatlichen Banken ihre Investitionen sowie die Kreditvergabe gezielt auf die sogenannten „neuen Produktivkräfte“ – insbesondere Hochtechnologie und Solarindustrie – ausweiten, können viele Lokalregierungen diesen Kurs wegen ihrer hohen Verschuldung nicht mitgehen.

Der deutliche Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Investitionen sei deshalb zu einem erheblichen Teil eine Spätfolge des Immobilienbooms und der damaligen expansiven Finanzierungspolitik der Kommunen. Der Autor sieht darin einen grundlegenden politischen Fehler der chinesischen Führung: Sie habe die Urbanisierung des Landes und den Wohnungsbau weitgehend dem privaten Sektor überlassen, anstatt frühzeitig ein staatlich gesteuertes, landesweites Wohnungsbauprogramm aufzulegen. Stattdessen finanzierten viele Lokalregierungen private Bauträger und förderten damit einen massiven Ausbau spekulativer Investitionen.

Zwar musste angesichts der rasanten Verstädterung dringend neuer Wohnraum geschaffen werden. Doch anstatt vor allem Mietwohnungen zu errichten, setzte China weitgehend auf den Markt und auf private Bauträger, die Wohnungen zum Verkauf entwickelten. Präsident Xi Jinping brachte die daraus entstandene Fehlentwicklung später selbst mit dem Satz auf den Punkt: „Wohnungen sind zum Wohnen da, nicht zum Spekulieren.“

Das erklärt auch, weshalb sich heute der Großteil der chinesischen „Zombie-Unternehmen“ im Immobiliensektor befindet. Viele dieser hoch verschuldeten Bauträger bremsen weiterhin Investitionen und Wachstum. Gleichzeitig mussten die Lokalregierungen einen erheblichen Teil der faulen Kredite übernehmen, obwohl ihre Möglichkeiten zur Neuverschuldung begrenzt sind und die Unterstützung aus Peking bislang nur begrenzt ausfällt.

Trotz dieser strukturellen Probleme setzt sich Chinas wirtschaftliche Expansion fort – sie stützt sich derzeit jedoch vor allem auf den Außenhandel. Ungeachtet der von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle und weiterer Sanktionen erreichten die chinesischen Exporte neue Rekordwerte. Im Juni 2026 stiegen sie gegenüber dem Vorjahresmonat um 27 Prozent auf den historischen Höchststand von 412 Milliarden US-Dollar. Für das gesamte erste Halbjahr summierten sich die Ausfuhren auf 2,12 Billionen US-Dollar, was einem Zuwachs von 17,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Angetrieben wurde diese Entwicklung vor allem durch zwei Trends: den weltweiten Boom beim Ausbau von Infrastrukturen für Künstliche Intelligenz sowie den starken Anstieg der Exporte von grünen Technologien.

Auf die in westlichen Medien häufig erhobenen Vorwürfe, China verschärfe mit seinen Exporterfolgen globale Ungleichgewichte oder überschwemme die Weltmärkte mit Billigprodukten aus angeblichen Überkapazitäten, geht der Autor an dieser Stelle nicht näher ein; diese Kritik habe er bereits früher ausführlich behandelt.

Stattdessen nimmt er eine neuere Argumentationslinie aufs Korn. Danach verdränge Chinas wachsender Anteil am Welthandel zunehmend andere Exportländer des Globalen Südens. Der Autor hält diese These für wenig überzeugend. Vor zwei Jahrzehnten hätten westliche Beobachter Chinas Exporterfolge kaum kritisiert, solange diese vor allem als Ergebnis westlicher Unternehmen galten, die in China produzierten. Erst seit chinesische Unternehmen selbst in zahlreichen Schlüsselindustrien die technologische Führung übernommen hätten, werde behauptet, ihr Erfolg schade ärmeren Entwicklungsländern.

Ein Gegenbeispiel ist Vietnam. Das Land verfolge ein ähnliches Wirtschaftsmodell mit einem starken staatlichen Sektor neben privatwirtschaftlichen Unternehmen. Dennoch habe Vietnam seinen Anteil an den weltweiten Exporten in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich ausgebaut – von rund 1,2 Prozent auf etwa 1,35 Prozent. Dies spricht gegen die Behauptung, Chinas Exporterfolge würden zwangsläufig andere Volkswirtschaften des Globalen Südens vom Weltmarkt verdrängen.

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Nach Auffassung des Autors verdrängt China Vietnam keineswegs vom Weltmarkt. Dass viele andere Länder des Globalen Südens ihre Exportanteile nicht ausbauen konnten, liege vielmehr daran, dass ihre Volkswirtschaften weitgehend von ausländischen multinationalen Konzernen dominiert würden und weder über einen starken staatlichen Wirtschaftssektor noch über eine eigenständige industriepolitische Strategie verfügten. Verantwortlich für das ausbleibende wirtschaftliche Aufholen des Globalen Südens sei daher nicht China, sondern die fortbestehenden Strukturen des Imperialismus.

Chinas Binnenwirtschaft wächst derzeit nicht so dynamisch wächst, wie es wünschenswert wäre. Dennoch ist die Entwicklung des privaten Konsums keineswegs schwach: Seit 2014 hat der reale Konsum durchschnittlich mehr als sechs Prozent pro Jahr zugelegt – ein Tempo, das deutlich über dem der G7-Staaten liege.

Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass die Krise des Immobilienmarktes ihren Tiefpunkt erreicht hat und die Lokalregierungen beginnen, ihren hohen Schuldenbestand schrittweise abzubauen. Gleichzeitig verzeichnen die Investitionen in Zukunftsbranchen, insbesondere im Technologiesektor, ein außerordentlich starkes Wachstum. Vor diesem Hintergrund sieht er gute Gründe für die Erwartung, dass China sein offizielles Wachstumsziel von 4,5 bis 5,0 Prozent im laufenden Jahr erreichen wird.




Reiches China, armes Indien

Ich habe mir einen höchst interessanten Artikel von David Oks übersetzen lassen: „Why China got rich and India didn’t“. („Oks was born to a family of Jewish immigrants from Argentina, who have been described as „socialist“ in regards to his views“) Darauf muss ich irgendwann ausführlich antworten – ich interpretiere vieles anders. Die Links sind teilweise von mir.

großer sprung nach vorn
Kampagne Großer Sprung nach vorn, 1958

Im Jahr 1950 waren – ebenso wie heute – die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt China und Indien. China war damals deutlich größer und stellte 22 Prozent der Weltbevölkerung gegenüber 15 Prozent für Indien. Dennoch befanden sich beide Länder in einer sehr ähnlichen Ausgangslage. Beide waren riesige Staaten, die ihre heutige Form erst in den vorangegangenen drei Jahren angenommen hatten – Indien als unabhängige Republik Indien, China als Volksrepublik China. Beide gehörten zu den ärmsten Ländern der Erde. Und beide standen vor der Aufgabe, in den kommenden Jahrzehnten auf sehr unterschiedliche Weise Wohlstand zu schaffen.

Für China wurde dieser Weg zu einem einzigen langen Albtraum. Das Land war bereits durch einen langwierigen Bürgerkrieg und die brutale japanische Invasion der vorangegangenen Jahrzehnte verwüstet worden; zusammen kosteten diese Ereignisse viele Millionen Menschen das Leben. Der Bürgerkrieg endete 1949 mit dem Sieg der Kommunisten, doch das, was danach folgte, war nicht weniger verheerend.

Der kommunistische Führer Mao Zedong begann sofort mit Vergeltungskampagnen gegen tatsächliche oder vermeintliche Gegner aller Art und ließ dabei weit über eine Million Menschen töten. Anschließend leitete er ein verhängnisvolles Programm zur Modernisierung der Landwirtschaft ein – den „Großen Sprung nach vorn“ –, das die größte Hungersnot der Geschichte auslöste und schätzungsweise zwischen 30 und 45 Millionen Menschen das Leben kostete. Danach folgte die fanatische Phase der ideologischen Radikalisierung, die Kulturrevolution, welche das öffentliche Leben des Landes für ein Jahrzehnt praktisch lahmlegte und weitere rund 1,6 Millionen Menschen tötete. Als Mao 1976 starb, war China international isoliert, wirtschaftlich stagnierend und immer noch hoffnungslos arm.

Für Indien verlief dieselbe Zeit wesentlich friedlicher. Indien war eine britische Kolonie gewesen und konnte seine Unabhängigkeit ohne bewaffneten Befreiungskrieg erreichen. Britische Institutionen wie der Indian Civil Service – die koloniale Verwaltung, die später als Indian Administrative Service weitergeführt wurde – blieben im neuen Staat weitgehend erhalten. Zwar kam es Ende der 1940er Jahre im Zuge der Teilung des Landes in das mehrheitlich hinduistische Indien und das mehrheitlich muslimische Pakistan zu extremer Gewalt, doch selbst diese war mit den Ereignissen in China nicht vergleichbar.

Nach dieser Phase erlebte Indien jahrzehntelang Frieden, politische Stabilität und demokratische Herrschaft. Das Land wurde von dem weltoffenen Säkularisten Jawaharlal Nehru geführt, der an den angesehensten britischen Bildungseinrichtungen ausgebildet worden war und im Namen von Wissenschaft, Vernunft und gesellschaftlichem Fortschritt regierte. Während der gesamten Zeit nach der Unabhängigkeit verfügte Indien über freie Wahlen, eine unabhängige Justiz und eine freie Presse. Nichts Vergleichbares zum Großen Sprung nach vorn oder zur Kulturrevolution ereignete sich dort jemals.

Ich vermute, wäre ich 1950 am Leben gewesen, hätte es mir selbstverständlich erschienen, dass Indien Erfolg haben würde und China nicht. Dieselbe Wette hätte ich 1960 abgeschlossen, als China Millionen seiner eigenen Bürger verhungern ließ und gleichzeitig Getreide exportierte. Und ich hätte sie 1970 während des Wahnsinns der Kulturrevolution erneut abgeschlossen.

Damit wäre ich keineswegs allein gewesen. Noch 1985 veröffentlichten namhafte Ökonomen Artikel in der New York Times, in denen sie schrieben, Indien sei – weit mehr als China – „ein Wirtschaftswunder, das nur darauf wartet, zu geschehen“.

Doch sie irrten sich.

In den fünf Jahrzehnten seit dem Tod Mao Zedongs ist China wesentlich schneller gewachsen als sein asiatischer Rivale. Das Land entwickelte sich zu einer industriellen Supermacht und zur am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft der vergangenen fünfzig Jahre. Das Pro-Kopf-BIP, das 1976 noch ungefähr auf dem Niveau Indiens lag, ist heute rund zweieinhalbmal so hoch.

Dadurch geht es den Menschen in China heute deutlich besser als ihren indischen Nachbarn. 1987 betrug das kaufkraftbereinigte Medianeinkommen in China lediglich 1,88 US-Dollar pro Tag, gegenüber 2,94 Dollar in Indien. Anfang der 2000er Jahre überholten die chinesischen Medianlöhne die indischen. Bis 2022 war das Medianeinkommen in China auf 13,36 Dollar gestiegen, während Indien lediglich 5,54 Dollar erreichte.

Zwischen 1987 und 2022 stieg das Medianeinkommen in China um 611 Prozent, in Indien dagegen nur um 88 Prozent.

mao
Mao Zedong, 30-er Jahre, KI-enhanced

Was also ist geschehen? Warum wurde China reich und Indien nicht? Wie lässt sich diese unterschiedliche Entwicklung erklären?

Im vergangenen Jahr besuchte ich Indien und hatte Gelegenheit, diese Fragen mehreren bekannten Indern zu stellen, darunter auch Abgeordneten des indischen Parlaments. Die häufigste Antwort lautete, Indien habe seine Wirtschaftsreformen einfach später begonnen. Sowohl Indien als auch China betrieben nach 1950 über lange Zeit eine stark staatlich kontrollierte Wirtschaft. China begann jedoch bereits 1978 mit der Liberalisierung, während Indien damit bis 1991 wartete.

China habe also schlicht einen Vorsprung von dreizehn Jahren gehabt – kein Wunder also, dass es stärker gewachsen sei.

Doch das erklärt nicht, warum China auch danach schneller wuchs als Indien. Zwischen 2000 und 2022 – lange nachdem beide Volkswirtschaften liberalisiert worden waren und obwohl China bereits deutlich wohlhabender war – lag das chinesische Wachstum weiterhin klar über dem indischen. Selbst Jahrzehnte nach der Öffnung der Wirtschaft blieb Indien hinter China zurück. Der Zeitpunkt der Liberalisierung allein kann die unterschiedliche Entwicklung also nicht erklären.

Dasselbe gilt für wirtschaftspolitische Unterschiede im Allgemeinen. Gewiss gibt es zahlreiche Bereiche, in denen die indische Wirtschaftspolitik ineffizient ist und Wachstum hemmt. Doch Ähnliches gilt auch für China und im Grunde für fast alle Staaten. Ich glaube daher nicht, dass unterschiedliche Wirtschaftspolitik erklärt, warum Indien China selbst auf deutlich niedrigerem Einkommensniveau so dauerhaft hinterherhinkt.

Ebenso wenig überzeugen mich Erklärungen, die auf eine angeblich unterschiedliche „chinesische“ oder „indische Kultur“ verweisen. Natürlich unterscheiden sich beide Kulturen, und diese Unterschiede beeinflussen das Verhalten der Menschen. Aber sie erklären nicht, warum China gerade zu dem Zeitpunkt begann, Indien wirtschaftlich zu überholen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts – lange vor Mao und lange vor der indischen Unabhängigkeit – war Indien sogar wohlhabender als China, und chinesische sowie indische Arbeiter in Baumwollspinnereien erreichten vergleichbare Produktivitätsniveaus. Welchen kulturellen Vorteil China heute auch immer besitzen mag – vor hundert Jahren spielte er offenbar keine entscheidende Rolle.

Ich möchte daher eine andere Erklärung dafür vorschlagen, warum China reich wurde und Indien nicht.

Der entscheidende Wendepunkt lag meiner Ansicht nach weder 1978 noch 1991, sondern bereits um das Jahr 1950.

Eine rasche Industrialisierung erfordert Humankapital: Arbeitskräfte, die ausreichend lesen und schreiben können, um ausgebildet zu werden; die gesund genug sind, regelmäßig zur Arbeit zu erscheinen; die diszipliniert genug sind, pünktlich zu arbeiten; und die sich so weit von traditionellen sozialen Bindungen gelöst haben, dass sie ihre Arbeitskraft an denjenigen verkaufen können, der den höchsten Lohn bietet.

Traditionelle Agrargesellschaften bringen nur sehr wenige Menschen hervor, die diese Voraussetzungen erfüllen. Die Bauern, die 1950 den überwiegenden Teil der Bevölkerung sowohl Indiens als auch Chinas ausmachten, waren meist Analphabeten, gesundheitlich angeschlagen und durch zahlreiche traditionelle Bindungen eingeschränkt. Damit Menschen in einer modernen Wirtschaft produktiv arbeiten können, müssen diese Hindernisse überwunden werden.

Die fortgeschrittenen europäischen Staaten verbrachten einen Großteil des vergangenen Jahrtausends damit, genau diesen Wandel herbeizuführen.

China gelang es zwischen 1950 und 1980 – häufig mit brutalen Methoden –, diesen Prozess innerhalb weniger Jahrzehnte nachzuvollziehen. Der chinesische Staat modernisierte die Gesellschaft buchstäblich mit Waffengewalt. Als sich die Wirtschaft 1980 der Welt öffnete, war China gesellschaftlich bereits modernisiert, obwohl das Land noch außerordentlich arm war. Das notwendige Humankapital für eine schnelle Industrialisierung war vorhanden.

Indien dagegen durchlief diesen tiefgreifenden Wandel nie. Seine traditionelle Gesellschaftsordnung blieb nach der Unabhängigkeit weitgehend bestehen, und dem indischen Staat gelang es nicht, das Humankapital seiner Bevölkerung in vergleichbarer Weise zu entwickeln.

Als Indien 1991 schließlich seine Wirtschaft öffnete, war seine Bevölkerung auf die industrielle Moderne schlicht nicht in derselben Weise vorbereitet wie die chinesische.

China investierte in seine Menschen – Indien tat es nicht.

Wie aber gelang China dieser Wandel? Und warum war Indien nicht in der Lage, denselben Weg zu gehen?

Children of Troubled Times
Children of Troubled Times, chinesischer Film 1935

Der kommunistische Weg zum Kapitalismus

Im Jahr 1949 errang die Kommunistische Partei Chinas nach jahrzehntelangen Kriegen – entweder gegen die einmarschierenden Japaner oder gegen ihre nationalistischen Gegner – den vollständigen Sieg über alle ihre Feinde und übernahm die uneingeschränkte Macht auf dem chinesischen Festland. Die verbliebenen nationalistischen Truppen flohen nach Taiwan, und Mao Zedong, der oberste Führer der Kommunistischen Partei, verkündete die Gründung der neuen Volksrepublik China.

Mao verfolgte bei der Regierung Chinas drei übergeordnete Ziele. Erstens wollte er die uneingeschränkte Herrschaft der Kommunistischen Partei über das Land festigen. Zweitens sollte das gesellschaftliche Leben nach kommunistischen Vorstellungen grundlegend umgestaltet werden. Drittens wollte er China wirtschaftlich von einer verarmten Agrargesellschaft in eine wohlhabende Industrienation verwandeln.

Beim letzten Ziel – China reich und mächtig zu machen – scheiterte Mao vollständig. Während seiner gesamten Herrschaft blieb das Land bitterarm, und sämtliche seiner wirtschaftspolitischen Eingriffe erwiesen sich als katastrophal. Bei den ersten beiden Zielen jedoch – der Ausschaltung jeder Opposition gegen die kommunistische Herrschaft und der Umformung der chinesischen Gesellschaft nach seinen Vorstellungen – war Mao außerordentlich erfolgreich. Zwischen 1949 und 1976 veränderte die Kommunistische Partei das Leben in China grundlegend.

Heute ist es schwer nachzuvollziehen, wie brutal dieser Wandel tatsächlich war. Ab 1950 wurde jede gesellschaftliche Kraft, die die Vorherrschaft der Kommunistischen Partei hätte infrage stellen können, rücksichtslos unterdrückt und zerschlagen.

So wurden beispielsweise die Großgrundbesitzer und „reichen Bauern“, die traditionell die Führungsschicht der Dörfer gebildet hatten, in den 1950er Jahren enteignet. Sie mussten an öffentlichen „Klageversammlungen“ teilnehmen, bei denen Bauern ihre Leiden und ihren Groll gegen sie vortrugen – sogenannte „Speak-Bitterness“-Sitzungen. Diese endeten häufig damit, dass die Angeklagten von der Menge zu Tode geprügelt wurden. Auf diese Weise kamen mehrere Hunderttausend Menschen ums Leben. Im selben Zeitraum wurden weitere Hunderttausende als angebliche „Konterrevolutionäre“ hingerichtet, denen Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft vorgeworfen wurde.

konterrevolution
Poster der Kampagne zur Unterdrückung der Konterrevolutionäre in China 1950–1953

Doch betroffen waren nicht nur Großgrundbesitzer, wohlhabende Bauern und vermeintliche Konterrevolutionäre. Nahezu jede traditionelle Autorität in der chinesischen Gesellschaft wurde zerschlagen.

Die Hunderte von Geheimbünden und religiösen Sekten, die das gesellschaftliche Leben Chinas geprägt hatten und 1949 zusammen rund 13 Millionen Mitglieder zählten, wurden im Rahmen der Kampagne „Austritt aus den Sekten“ aufgelöst. Der Konfuzianismus und andere tragende Säulen der alten Gesellschaftsordnung wurden angegriffen und unterdrückt. Hunderttausende kleiner Schreine, die das chinesische Volksreligionsleben strukturierten, wurden als „Aberglaube“ gebrandmarkt und zerstört. Die großen Religionen wurden der staatlichen Kontrolle unterstellt, und auf dem Höhepunkt des kommunistischen Eifers in den 1960er Jahren wurde Religion zeitweise vollständig verboten; unzählige jahrhundertealte Tempel wurden vernichtet.

Der berühmte Jing’an-Tempel in Shanghai, dessen Ursprünge bis ins 3. Jahrhundert zurückreichen, wurde in eine Kunststofffabrik umgewandelt.

Sogar die Familienoberhäupter verloren einen Großteil ihrer Autorität. Entscheidungen, die zuvor in den Händen der Familie und ihrer Ältesten gelegen hatten – etwa über Eheschließungen oder die Verteilung von Land –, wurden diesen entzogen und entweder den einzelnen Bürgern (im Falle der Ehe) oder dem Staat (im Falle des Bodens) übertragen.

Im Jahr 1950 verabschiedete die chinesische Regierung das Neue Ehegesetz. Es verbot arrangierte Ehen, Konkubinate und Kinderverlobungen, gewährte Frauen das Recht, Eigentum zu besitzen und sich frei scheiden zu lassen, und erlaubte ihnen, nach der Heirat ihren eigenen Familiennamen zu behalten. Dies bedeutete einen radikalen Bruch mit der patriarchalischen Ordnung, die das chinesische Eheleben seit der gesamten überlieferten Geschichte bestimmt hatte. Zwar führte diese Reform zu erheblichen Konflikten, doch der chinesische Staat zerschlug jeden Widerstand konsequent: Ältere Familienmitglieder wurden als „Großgrundbesitzer“ oder Klassenfeinde gebrandmarkt, während Frauen dazu ermutigt wurden, in öffentlichen „Klageversammlungen“ („Speak Bitterness“) ihre Schwiegereltern und Großeltern anzuprangern.

Ebenso tiefgreifend war die Massenmobilisierung der Frauen in den Arbeitsmarkt unter dem Motto: „Frauen tragen die Hälfte des Himmels.“ Zehnmillionen Frauen wurden aus der häuslichen Abgeschiedenheit herausgelöst und in das Wirtschaftsleben integriert. Dadurch entzogen sie sich zugleich der Kontrolle ihrer Familien. Auf diese Weise wurde die traditionelle chinesische Verwandtschaftsgemeinschaft – nicht bloß eine Familie im heutigen Sinn, sondern eine eigenständige Institution, die das Leben ihrer Mitglieder umfassend regelte – zerstört.

Zwischen 1949 und 1976 beseitigte der chinesische Staat somit die traditionelle chinesische Gesellschaft nahezu vollständig. Die vielschichtige soziale Ordnung des alten China mit ihren gewachsenen Sitten, Institutionen und lokalen Besonderheiten wurde radikal vereinfacht und eingeebnet.

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„Reaktionäre Geheimbünde müssen entschieden verboten werden“, Hu Su (胡甦), 1951, Publisher: Shandong renmin chubanshe (山东人民出版社)

An ihre Stelle setzte der Staat eine neue Gesellschaft, die nach den ideologischen Vorstellungen der Kommunistischen Partei geformt wurde. Während Mao das Ziel wirtschaftlicher Entwicklung nie erreichte, erzielte er auf dem Gebiet der menschlichen Entwicklung – insbesondere in Bildung und Gesundheitswesen – deutlich größere Erfolge.

Alphabetisierungskampagnen und der Ausbau des Bildungswesens erhöhten die Alphabetisierungsrate von etwa 20 Prozent im Jahr 1949 auf nahezu 70 Prozent im Jahr 1982. Besonders stark profitierten Frauen: Sie gingen in diesem Zeitraum von einer nahezu vollständigen Analphabetisierung zu einer Alphabetisierungsrate von rund 50 Prozent über.

Ebenso beeindruckend waren die Fortschritte im Gesundheitswesen. Zwischen den frühen 1950er Jahren und dem Ende der 1970er Jahre sank die Kindersterblichkeit um rund 80 Prozent.

Trotz aller Schrecken der maoistischen Herrschaft – darunter, wie nicht vergessen werden darf, die größte Hungersnot der Weltgeschichte – verzeichnete China zwischen 1949 und 1976 einen der stärksten und nachhaltigsten Anstiege der Lebenserwartung, die jemals in einem Land beobachtet wurden. Sie stieg von etwa 41 Jahren im Jahr 1949 auf rund 61 Jahre im Jahr 1976.

Zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte wurden Frauen zudem in nennenswertem Umfang in das öffentliche Leben einbezogen. Ende der 1970er Jahre lag die Erwerbsbeteiligung chinesischer Frauen bereits höher als in vielen wohlhabenden Industrieländern.

Als Mao 1976 starb, hatte sich die chinesische Gesellschaft daher grundlegend verändert. China war nach wie vor ein sehr armes und überwiegend agrarisch geprägtes Land. Seine Bildungs- und Gesundheitsindikatoren lagen jedoch weit über dem Niveau, das man angesichts seines Einkommens erwarten würde. Gleichzeitig waren die traditionellen gesellschaftlichen Strukturen, die zuvor nahezu jeden Bereich des Lebens bestimmt hatten, weitgehend zerschlagen worden.

China war damit gesellschaftlich bereits ein modernes Land – es war lediglich noch außerordentlich arm. So besaß China im Jahr 1980 trotz eines Pro-Kopf-BIP, das rund 80 Prozent unter dem Mexikos lag, bereits eine Lebenserwartung auf dem Niveau Mexikos.

Dies bedeutete, dass China Ende der 1970er Jahre – noch bevor der Prozess der „Reform und Öffnung“ begann – bereits hervorragend auf den industriellen Kapitalismus vorbereitet war. Die alten Fesseln – Verwandtschaftsbindungen, Pachtsysteme und die gesellschaftliche Abschottung der Frauen – waren beseitigt. Die chinesischen Arbeitskräfte waren mobil, ausbildungsfähig und zugleich kostengünstig.

Dieser Widerspruch zwischen dem hohen Stand der menschlichen Entwicklung und dem niedrigen Wohlstandsniveau musste sich zwangsläufig in einem rasanten Wirtschaftswachstum auflösen.

Als Analysten der Weltbank Anfang der 1980er Jahre China besuchten, stellten sie fest, dass selbst die einkommensschwächsten Bevölkerungsgruppen ihre Grundbedürfnisse deutlich besser befriedigen konnten als vergleichbare Gruppen in den meisten anderen armen Ländern. Sollten Chinas „gewaltiger Reichtum an menschlichem Talent, Einsatzbereitschaft und Disziplin“ mit einer Wirtschaftspolitik verbunden werden, die den Ressourceneinsatz effizienter gestalte, so prognostizierte ihr Bericht, werde China innerhalb einer Generation den Lebensstandard seiner Bevölkerung erheblich steigern können.

Genau so kam es.

India
Artist: Maurice Mellier, 1941-43 (Source: US Library of Congress)

Indiens gescheiterte gesellschaftliche Modernisierung

Oberflächlich betrachtet verlief Indiens Entwicklung wesentlich glücklicher. Das Land musste keinen Unabhängigkeitskrieg führen, um seine Freiheit zu erlangen: Die Macht ging weitgehend durch Verhandlungen von den Briten auf die Inder über. Die Teilung Britisch-Indiens war zwar entsetzlich und kostete zwischen einer halben und zwei Millionen Menschen das Leben, verblasste jedoch im Vergleich zum Ausmaß des chinesischen Bürgerkriegs, des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges oder des Großen Sprungs nach vorn.

In den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit genoss Indien politische Stabilität und eine demokratische Regierungsform. Es erlebte niemals die Grausamkeiten, denen China unter Mao ausgesetzt war.

Doch Indien durchlief auch niemals jene tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung, die China erlebte.

Die dominierende politische Kraft Indiens in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit war der Indische Nationalkongress, der die zentrale Triebkraft der Unabhängigkeitsbewegung gewesen war. Zwischen 1947 und 1989 befand sich der Kongress lediglich drei Jahre lang nicht an der Macht. Seine Herrschaft war zwar nicht absolut, aber eindeutig dominierend.

Allerdings war der Kongress keine eigentliche ideologische Bewegung. Er war Ende des 19. Jahrhunderts als Forum gebildeter Inder entstanden, die gemäßigte Reformen anstrebten, und hatte sich später zu einer Massenbewegung für die Unabhängigkeit entwickelt. Er war eine breite Sammlungspartei, deren Mitglieder nahezu das gesamte gesellschaftliche Spektrum Indiens repräsentierten: linksgerichtete Säkularisten, hinduistische Traditionalisten, Verfechter der oberen Kasten, Aktivisten der unteren Kasten, Großgrundbesitzer, Sozialisten sowie zahlreiche Menschen, die weniger aus ideologischer Überzeugung als wegen der Ausstrahlung der Parteiführung oder der mit einer Mitgliedschaft verbundenen Einflussmöglichkeiten beitraten.

Obwohl der Kongress jahrzehntelang die indische Politik dominierte, entwickelte er deshalb niemals ein geschlossenes Programm zur grundlegenden Umgestaltung der indischen Gesellschaft. Während die chinesischen Kommunisten gezielt gesellschaftliche Konflikte schürten, versuchte der Kongress, sie zu vermeiden. Während die Kommunisten radikale Veränderungen von oben durchsetzten und jeden Widerstand zerschlugen, nahm der Kongress Rücksicht auf bestehende Interessen und setzte auf gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie schrittweisen Fortschritt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Führer des Kongresses keine eigenen Vorstellungen von einer Modernisierung Indiens gehabt hätten. Jawaharlal Nehru, der von der Unabhängigkeit bis zu seinem Tod im Jahr 1964 Premierminister war, verabscheute den „Aberglauben sowie die erstarrten Bräuche und Traditionen“ des traditionellen indischen Lebens. Er wollte die „mangelnde Hygiene und den Analphabetismus“ ebenso überwinden wie den „Hunger und die Armut“, die das Land prägten.

Doch hinter diesen Zielen stand die Partei keineswegs geschlossen. Nehru besaß schlicht nicht die politische Macht, sie konsequent umzusetzen.

Ein gutes Beispiel dafür ist das Jahr 1950. Damals legten Nehru und sein Justizminister – der berühmte Aktivist der unteren Kasten B. R. Ambedkar – den Hindu Code Bill vor, eine weitreichende Reform des hinduistischen Familien- und Erbrechts. Nach der indischen Verfassung galten für verschiedene Religionsgemeinschaften unterschiedliche Regelungen des Personenstandsrechts.

Das Gesetz hätte Polygamie verboten, Frauen das Recht auf Scheidung und Erbschaft eingeräumt sowie Eheschließungen zwischen Angehörigen verschiedener Kasten erlaubt. Sein Aufbau ähnelte dem Neuen Ehegesetz, das die chinesische Regierung im selben Jahr verabschiedete, ging allerdings nicht so weit, arrangierte Ehen zu verbieten.

Doch während die chinesische Regierung ihr Ehegesetz per Dekret durchsetzte und jeden Widerstand rücksichtslos niederwalzte, sahen sich Nehru und Ambedkar einer massiven Opposition hinduistischer Traditionalisten gegenüber. Sogar der indische Staatspräsident griff den Gesetzentwurf öffentlich an und warnte davor, Begriffe einzuführen, die dem hinduistischen Recht „fremd“ seien und „jede Familie zerrütten“ würden.

Der Hindu Code Bill scheiterte schließlich im Parlament. Ambedkar trat aus Enttäuschung zurück. Zwar gelang es Nehru später, Teile des hinduistischen Rechts zu reformieren, doch musste er dafür weitreichende Zugeständnisse machen.

So nahm das neue Erbrecht landwirtschaftliche Flächen vollständig von seinen Bestimmungen aus – also gerade jenen Vermögensbestandteil, der den größten Teil des wirtschaftlich bedeutsamen Eigentums ausmachte. Das neue Eherecht gewährte zwar grundsätzlich ein Scheidungsrecht, enthielt jedoch zugleich eine Vorschrift zur sogenannten „Wiederherstellung ehelicher Rechte“, die Ehemännern einen gerichtlich durchsetzbaren Anspruch gab, ihre Ehefrauen zur Rückkehr in den gemeinsamen Haushalt zu zwingen.

Letztlich spielte der Wortlaut der Gesetze jedoch kaum eine Rolle, denn ihre Durchsetzung war schwach oder praktisch nicht vorhanden.

Scheidungen und Ehen zwischen verschiedenen Kasten blieben trotz ihrer rechtlichen Zulässigkeit äußerst selten, weil Dörfer und Familien weiterhin die traditionellen Normen durchsetzten – unabhängig davon, was das Gesetz vorsah.

Bräuche, die Frauen dazu drängten, auf ihre Erbansprüche zu verzichten, blieben weit verbreitet. Dazu gehörte etwa der Brauch des haq tyag („Verzicht auf das Recht“) in Rajasthan oder die in Haryana verbreitete Praxis des karewa, bei der Witwen zur Heirat mit einem männlichen Verwandten ihres verstorbenen Ehemanns gezwungen wurden, um den Familienbesitz zusammenzuhalten.

Selbst die Beamten, die für die Umsetzung der Gesetze verantwortlich waren, unterliefen diese häufig. So setzten Verwaltungsangestellte, welche Erbfälle registrierten, Töchter regelmäßig unter Druck, ihre gesetzlichen Erbrechte zugunsten ihrer Brüder aufzugeben.

Dieses Muster kennzeichnete viele Versuche gesellschaftlicher Modernisierung im Indien des 20. Jahrhunderts: öffentlichkeitswirksame Reformen, denen in der Praxis kaum Veränderungen folgten.

1961 erklärte die indische Regierung beispielsweise die Mitgift – Zahlungen der Familie der Braut an die Familie des Bräutigams – für illegal, weil sie die Unterordnung der Frauen festigte und häusliche Gewalt begünstigte.

Doch auch dieses Gesetz wurde praktisch nicht durchgesetzt. Mitgiften blieben ebenso verbreitet wie zuvor, und die mit ihnen verbundenen Missstände bestanden fort. Zwischen 1999 und 2016 machten mit Mitgift zusammenhängende Tötungsdelikte zwischen 40 und 50 Prozent aller registrierten Frauenmorde in Indien aus.

Ähnlich verliefen die Versuche einer Bodenreform. Mehrere indische Bundesstaaten führten in den 1940er-, 1950er- und 1960er-Jahren entsprechende Gesetze ein, doch ihre Umsetzung blieb halbherzig.

Großgrundbesitzer umgingen die Vorschriften ohne größere Schwierigkeiten, indem sie Land auf Verwandte überschrieben oder unter fingierten Namen registrierten. Andere bestachen oder bedrohten die zuständigen Beamten.

Deshalb änderte sich letztlich nur sehr wenig.

All dies hatte zur Folge, dass der indische Staat die gesellschaftliche Modernisierung, die China erreichte, niemals verwirklichen konnte. Das dichte Geflecht familiärer Verpflichtungen und traditioneller Autoritätsstrukturen, das das gesellschaftliche Leben bestimmte, blieb weitgehend erhalten.

Kastenräte (Panchayats) entschieden weiterhin über lokale Streitigkeiten, Großfamilien bündelten und verteilten Einkommen innerhalb der Verwandtschaft, und Frauen blieben den Zwängen der traditionellen Gesellschaft weitgehend unterworfen.

Lebenserwartung Indien China
Vergleich der Lebenserwartung in China und Indien, Our World in Data

Der indische Staat und das Scheitern der Entwicklung des Humankapitals

Ebenso wenig gelang es dem indischen Staat, jene tiefgreifenden Verbesserungen des Humankapitals zu erreichen, wie sie in China stattfanden. So wie er die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht grundlegend verändern konnte, war er auch nicht in der Lage, wirksame öffentliche Dienstleistungen bereitzustellen. Die Gesundheitsversorgung blieb unzureichend, und die gesundheitlichen Ergebnisse waren entsprechend schlecht.

Innerhalb nur einer Generation entwickelten sich die Gesundheitsindikatoren Indiens von einem Niveau, das mit dem Chinas vergleichbar gewesen war, zu einem deutlich schlechteren. Der Abstand bei der Lebenserwartung wuchs von drei Jahren im Jahr 1950 auf elf Jahre im Jahr 1980.

Die Kindersterblichkeit zeigte dieselbe Entwicklung. 1950 starben in Indien 27 Prozent aller Kinder vor ihrem fünften Geburtstag, gegenüber 32 Prozent in China. Bis 1980 war die Kindersterblichkeit in Indien zwar auf 17 Prozent gesunken, in China jedoch auf lediglich 6,3 Prozent.

Dasselbe Bild zeigte sich im Bildungswesen.

Nehru und seine Nachfolger interessierten sich leidenschaftlich für Technologie und wissenschaftliche Spitzenleistungen. Für eine flächendeckende Volksbildung konnten sie jedoch nie eine vergleichbare Begeisterung aufbringen.

Daher errichtete Indien ein Netz erstklassiger Eliteeinrichtungen wie die Indian Institutes of Technology (IIT) und die Indian Institutes of Management (IIM), während die allgemeine Bildung weitgehend vernachlässigt wurde. Noch heute fließt der größte Teil der staatlichen Mittel für die Hochschulbildung an diese Eliteinstitutionen, obwohl dort lediglich rund 2,6 Prozent aller Studierenden ausgebildet werden.

Die allgemeine Schulbildung blieb dagegen in einem beklagenswerten Zustand.

Im Jahr 1990 hatten lediglich 55 Prozent der indischen Kinder die Grundschule drei bis fünf Jahre nach dem vorgesehenen Abschlussalter tatsächlich beendet. In China lag dieser Anteil bei 87 Prozent.

Selbst diejenigen Kinder, die eine Schule besuchten, profitierten häufig nur wenig davon.

Als Indien 2009 erstmals an der PISA-Studie (Programme for International Student Assessment) teilnahm – dem internationalen Leistungsvergleich von Schülerinnen und Schülern in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen –, belegte das Land Rang 72 von 73 teilnehmenden Staaten. China hingegen erreichte die Spitzenplätze.

Die indische Regierung reagierte auf dieses peinliche Ergebnis, indem sie anschließend einfach nicht mehr an PISA teilnahm.

Die jahrzehntelange Vernachlässigung des Bildungswesens zeigt sich auch in den Alphabetisierungsraten. Erst Anfang der 2020er Jahre erreichte Indien ungefähr das Alphabetisierungsniveau, das China bereits 1990 erreicht hatte.

Besonders schwer traf diese Entwicklung die Frauen.

Eine umfassende Emanzipation der Frauen, wie sie China erlebt hatte, fand in Indien nicht statt. Die Missstände der traditionellen Gesellschaft – von Mitgiftmorden bis zu erzwungenen Ehen – blieben weit verbreitet.

Die Alphabetisierung von Frauen blieb äußerst niedrig. Noch 1981 konnten lediglich 26 Prozent der indischen Frauen lesen und schreiben.

Da das Leben der meisten Frauen weiterhin weitgehend von den Entscheidungen ihrer Familien bestimmt wurde, blieb auch ihre Beteiligung am Arbeitsmarkt gering.

Bis zum Ende der 2010er Jahre lag die Erwerbsquote indischer Frauen bei lediglich rund 27 Prozent – eine der niedrigsten weltweit. Sie lag damit näher an Afghanistan mit 18 Prozent als an China mit 61 Prozent.

(Tatsächlich führt die geringe Erwerbsbeteiligung von Frauen dazu, dass Indiens Arbeitskräftepotenzial trotz seiner größeren Bevölkerung deutlich kleiner ist als das Chinas. Im Jahr 2019 war die chinesische Erwerbsbevölkerung sogar rund 45 Prozent größer als die indische.)

alfabetisierung Frauen indien
Rate der Alphabetisierung indischer Frauen, Quelle: UNESCO Institute for Statistics (2026)

All dies hatte zur Folge, dass Indien zu Beginn der wirtschaftlichen Liberalisierung Anfang der 1990er Jahre schlicht nicht über den großen Pool gut ausgebildeter und zugleich kostengünstiger Arbeitskräfte verfügte, den China anbieten konnte.

Dank seiner Eliteuniversitäten besaß Indien zwar eine vergleichsweise kleine Gruppe hervorragend ausgebildeter Ingenieure, die später das Rückgrat der indischen IT- und Dienstleistungswirtschaft bildeten.

Was dem Land jedoch fehlte, war die breite industrielle Arbeitnehmerschaft, die für ein exportorientiertes Wachstum der verarbeitenden Industrie notwendig gewesen wäre.

Die indischen Arbeitskräfte waren im Durchschnitt schlechter ausgebildet, gesundheitlich schlechter gestellt und weniger produktiv als ihre chinesischen Konkurrenten. Zudem waren viele von ihnen weiterhin durch Kasten- und Familienbindungen an ihren Heimatort gebunden, was ihre Bereitschaft verringerte, für Arbeit umzuziehen oder ihre Arbeitskraft frei auf dem Markt anzubieten.

Hinzu kam die geringe Erwerbsbeteiligung der Frauen. Dadurch war die sogenannte Abhängigkeitsquote deutlich höher als in China: Jeder arbeitende Inder musste den Lebensunterhalt wesentlich mehrerer nicht erwerbstätiger Angehöriger mittragen als ein chinesischer Arbeitnehmer.

Natürlich wuchs auch die indische Wirtschaft nach der Liberalisierung. Gemessen an historischen Maßstäben war dieses Wachstum durchaus beachtlich.

Doch Indien erlebte niemals den explosionsartigen industriellen Aufschwung und den beispiellosen Boom der verarbeitenden Industrie, der China auszeichnete.

Die entscheidenden Voraussetzungen dafür waren schlicht nicht geschaffen worden.

Ich glaube, viele Menschen machen wirtschaftliche Entwicklung komplizierter, als sie eigentlich ist. Natürlich stimmt es, dass manche wirtschaftspolitischen Maßnahmen besser sind als andere und dass eine erfolgreiche Wirtschaftsführung von vielen verschiedenen Faktoren abhängt. Katastrophale Fehlentscheidungen können ein Land schwer zurückwerfen – auch wenn, wie Maos zahlreiche Fehlentscheidungen zeigen, selbst sie ein Land nicht zwangsläufig dauerhaft ruinieren.

Letztlich bestehen Staaten jedoch aus großen Gruppen von Menschen. Und für den Erfolg solcher Gruppen ist vor allem entscheidend, wer diese Menschen sind. Das gilt für Staaten ebenso wie für Unternehmen, Musikgruppen oder Sportmannschaften. Entscheidend ist das Humankapital.

Es kommt darauf an, ob die Menschen lesen und schreiben können; ob sie aufgrund von Mangelernährung körperlich und geistig beeinträchtigt sind; ob ihre Familien ihnen erlauben, außerhalb des Hauses zu arbeiten. Humankapital ist zwar nicht der einzige entscheidende Faktor – selbstverständlich braucht ein Land auch Institutionen, die dieses Potenzial sinnvoll nutzen können. Doch zunächst muss dieses Humankapital überhaupt vorhanden sein.

Der große Vorteil von Staaten besteht allerdings darin, dass sie ihre Bevölkerung verändern können. Sie können Menschen Lesen und Schreiben beibringen und dafür sorgen, dass sie ausreichend zu essen haben. Sie können ihnen die Freiheit geben, eigene Entscheidungen zu treffen.

Das ist weder einfach noch kurzfristig wirksam. Es dauert lange, bis solche Maßnahmen Früchte tragen – nicht zuletzt deshalb, weil Mangelernährung in der Kindheit und schlechte Schulbildung Schäden verursachen, die sich später kaum noch vollständig beheben lassen.

Dennoch kann man die Voraussetzungen, mit denen Menschen ins Leben starten, grundlegend verändern.

Was China 1980 zu einem „Wirtschaftswunder in Wartestellung“ machte, war gerade die Tatsache, dass das Land jahrzehntelang genau dies getan hatte.

Als China seine Wirtschaft für die Welt öffnete, verfügte es über Hunderte Millionen leistungsfähiger, disziplinierter, gesunder und alphabetisierter Arbeitskräfte. Es hatte diese Menschen weitgehend aus den Zwängen der traditionellen Gesellschaft befreit, sodass die Marktmechanismen ohne die Fesseln der alten Ordnung wirken konnten. Und weil China bis dahin wirtschaftlich nahezu vollständig gescheitert war, konnte es diese Arbeitskräfte zu außergewöhnlich niedrigen Löhnen anbieten.

Unter diesen Voraussetzungen überrascht es kaum, dass die Wirtschaft nach der Öffnung so rasant wachsen konnte.

Die indische Regierung traf niemals die katastrophalen Entscheidungen, welche die chinesische Regierung in den 1950er- und 1960er-Jahren fällte. Sie tätigte jedoch auch niemals die grundlegenden Investitionen, die China in seine Bevölkerung vornahm. Ebenso wenig war sie bereit oder in der Lage, die traditionelle Gesellschaftsordnung auch nur annähernd so entschlossen infrage zu stellen wie China.

Deshalb öffnete sich bereits lange vor der wirtschaftlichen Liberalisierung eine enorme Kluft zwischen beiden Ländern – bei nahezu allen wichtigen Indikatoren: Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Alphabetisierung, Erwerbsbeteiligung von Frauen, Unterernährung und Wachstumsstörungen bei Kindern, Blutarmut während der Schwangerschaft sowie Müttersterblichkeit.

Meiner Ansicht nach begann die eigentliche Entwicklungsschere daher nicht erst 1978, als China seine Wirtschaftsreformen einleitete, sondern bereits im Jahr 1950 – als China das Neue Ehegesetz verabschiedete, während Indien am Hindu Code Bill scheiterte.

In diesem Augenblick wurde die Richtung der späteren Entwicklung festgelegt.

Mit anderen Worten: Indien erledigte nie wirklich die grundlegenden Aufgaben.

Employees in a Household
Raghubir Singh : Employees in a Household, Calcutta, West Bengal, 1986. Credits: The Metropolitan Museum of Art

Zwar haben sich Gesundheitsversorgung und Bildung in Indien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Und obwohl Indien niemals das historisch einmalige Wirtschaftswachstum Chinas erreichte, gelang es dem Land seit Beginn des 21. Jahrhunderts dennoch, eine außerordentlich große Zahl von Menschen aus der Armut zu befreien.

Setzt sich das derzeitige Wachstum fort, dürfte Indien beim Pro-Kopf-Einkommen irgendwann in den 2040er Jahren ungefähr das heutige chinesische Niveau erreichen.

Es ist sogar bemerkenswert, dass Indien ein so starkes Wachstum erzielen konnte, obwohl es jene tiefgreifende gesellschaftliche Transformation nie vollzogen hat, die China durchlief. Angesichts der Brutalität dieses Umbruchs könnte man sogar sagen, dass dies durchaus ein Vorteil war.

Für die Menschen in Indien war es jedoch zugleich eine Tragödie.

Sie sind bis heute deutlich ärmer und leben unter schlechteren Bedingungen als die Menschen in China. Besonders bedrückend bleibt die Lage der indischen Frauen.

Ich hoffe deshalb, dass die Geschichte der unterschiedlichen Entwicklung Chinas und Indiens eine einfache Lehre vermittelt:

Wenn ein Land den Weg von der Armut zum Wohlstand gehen will, dann besteht die wichtigste Investition darin, in seine Menschen zu investieren.

Als ich im vergangenen Jahr Indien besuchte, fiel mir besonders auf, dass viele politische Entscheidungsträger fest davon überzeugt waren, Indien könne mit einigen wirtschaftspolitischen Anpassungen – etwas Industriepolitik hier, etwas Marktliberalisierung dort – bald das chinesische Wachstum erreichen.

Ich mache ihnen diesen Optimismus keineswegs zum Vorwurf. Gute Wirtschaftspolitik trägt selbstverständlich zum Wachstum bei.

Doch Chinas explosionsartiger Aufstieg war nicht einfach das Ergebnis einer „Befreiung der Märkte“, einer Verringerung des staatlichen Einflusses oder der politischen Parole, es sei nun ruhmvoll, reich zu werden. Ebenso wenig beruhte er allein auf staatlicher Industriepolitik oder Subventionen für ausgewählte Unternehmen.

China hatte Erfolg, weil das Land jahrzehntelang die Grundlagen menschlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Modernisierung geschaffen hatte.

Indien tat dies nicht.




Konstant variabel

variables Kapital

Die bürgerliche Presse belehrt uns auf’s Wunderbarste, was Kapitalismus ist und was ihn so treibt. (Das variable und konstante Kapital hatten wir schon durchgenommen.)

Mehr Arbeit und weniger Lohn erhöht den Profit (Mercedes). Das varibale Kapital wird billiger gemacht oder die Kosten entsorgt durch Entlassungen. (Volkswagen). Das dürfte unstrittig sein.

Jetzt aber die Preisfrage: Wie kommt die Höhe des Lohns zustande?

variables und konstantes kapital

Ganz einfach: Es gibt keine Konstante oder einen „fairen“ Lohn, wie uns die so genannte „Linke“ weismachen will. Die Höhe des Lohns ist ausschließlich ein Resultat des Klassenkampfes, den es nach den Apologeten des Kapitalismus gar nicht gibt – also das Ergebnis einer – politisch bewusst oder unbewusst – gestellten Machtfrage.




Chefökonomisches

Kapitalismus
A gigantic bureaucratic machine made of marble and rusted steel, endlessly fed by exhausted workers carrying sacks of gold coins uphill, while elegant government clerks in oversized suits stamp papers that transform into smoke and disappear into the sky, in the background towering factory chimneys and giant industrial machines create real glowing value and gears, ironic contrast between productive labor and bloated administration, dark marxist satire, symbolic capitalism and state bureaucracy, cinematic lighting, dystopian realism, brutalist architecture, red banners fading in rain, hyper-detailed, metaphorical, ironic, political allegory, oil painting mixed with socialist propaganda poster aesthetics –ar 16:9 –s 750 (Gemini)

Ich bin versucht, den Wanderpokal „Lautsprecher des Kapitals“ an Dorothea Siems zu vergeben, die „Chefökonomin“ der „Welt“ aka bürgerliche Presse, für ihren (paywallgeschützen) Artikel Der Arbeitsmarkt spiegelt die düstere Wahrheit.

„Siems ist eine Verfechterin einer Freien Marktwirtschaft und wird bisweilen auch als neoliberal bezeichnet.“ Beruhigend zu wissen, dass sie nicht die unfreie Marktwirtschaft unterstützt. Artikel von Journalisten, die den Kapitalismus zu erklären versuchen, aber dem Publikum stattdessen Meinungen unterjubeln, die strittig sind oder sogar Unsinn, könnrn oft lehrreich sein im Sinne der Volksweisheit, die von bösartigen Zeitgenossen Idi Amin zugeschrieben wird: „Keiner ist unnütz: Er kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen“.

Doch die heutige Situation, das zeigen die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamts, bedroht den Wohlstand des Landes nicht minder, als dies damals die Rekordzahl von fünf Millionen Arbeitslosen tat.

Was meint der suggestive Begriff „Wohlstand des Landes“? Man könnte das als Marxist mit einem ironischen Statement kontern: Wenn es der herrschenden Klasse gut geht, geht es auch dem Proletariat und allen anderen Klassen gut. Aber unserer Kapitalismus-affinen „Volkswirtschaftler“ würden dem ganz unironisch beipflichten und nur andere Begriffe benutzen, weil „Klasse“ freiwillig verboten ist.

Vor allem die Industrie schrumpft infolge der Belastung durch überhöhte Energiepreise, steigende Lohnnebenkosten sowie Bürokratie und überzogene Steuern mit zunehmender Geschwindigkeit.

Das ist schon starker Tobak. Der Profit des Kapitals sinkt, weil das variable Kapital aka Löhne zu teuer ist? Überzogene Steuern? Was sind denn „nicht überzogene“ Steuern?

Unternehmenssteuer“last“ in kapitalistischen Ländern Europas
Rang Land Körperschaftsteuer / Unternehmenssteuer Relativ zu Polen = 100
1 Deutschland 30,1 % 158
2 Vereinigtes Königreich 25,0 % 132
3 Frankreich 25,8 % 136
4 Italien 27,8 % 146
5 Spanien 25,0 % 132
6 Niederlande 25,8 % 136
7 Türkei 25,0 % 132
8 Schweiz 19,7 % 104
9 Polen 19,0 % 100
10 Belgien 25,0 % 132
11 Dänemark 22,0 % 116
12 Schweden 20,6 % 108
13 Norwegen 22,0 % 116

Kann man also pauschal behaupten, dass es einem Land besser geht, wenn die Kapitalisten weniger Steuern zahlen? Natürlich nicht, nur für Lautsprecher des Kapitals. Das weiß sogar die KI: Kann man einen Zusammenhang herstellen zwischen der Höhe der Steuern für die Unternehmen und der Produktivität und der Rentabilität?

Ja – allerdings nicht in Form eines einfachen linearen Zusammenhangs. In der Wirtschaftswissenschaft gilt heute eher:
– Sehr hohe Unternehmenssteuern können Investitionen, Innovation und Kapitalbildung bremsen.
– Sehr niedrige Unternehmenssteuern allein erzeugen aber ebenfalls nicht automatisch hohe Produktivität oder hohe Gewinne.
– Entscheidend ist das Gesamtumfeld: Infrastruktur, Bildung, Rechtssicherheit, Energiepreise, Bürokratie, Arbeitskosten, Kapitalzugang und Innovationskraft.

Man kann grob drei Beobachtungen machen:
1. Hohe Produktivität trotz hoher Unternehmenssteuern
Beispiele: Deutschland, Dänemark, Schweden, Niederlande. Diese Länder haben relativ hohe Steuer- und Abgabenquoten, aber trotzdem hohe Arbeitsproduktivität, starke Exportindustrien, hohe technologische Kompetenz.

Grund: Die Steuern finanzieren teilweise Faktoren, die Produktivität erhöhen: gute Infrastruktur, Ausbildungssysteme, Forschung, stabile Institutionen.

2. Niedrige Unternehmenssteuern fördern oft Investitionen
Beispiele: Irland, Schweiz, Osteuropäische Staaten

Niedrigere Unternehmenssteuern erhöhen die Nachsteuerrendite [den Profit], machen Standorte attraktiver, ziehen internationale Konzerne an.

Das kann Investitionen, Firmengründungen, Kapitalzufluss und Beschäftigung erhöhen.

Die Schweiz kombiniert beispielsweise moderate Unternehmenssteuern, hohe Rechtssicherheit, stabile Energieversorgung, hohe Innovationskraft.

Dadurch entstehen oft hohe Unternehmensrenditen [gemeint sind sind wieder Profite].

3. Der entscheidende Punkt ist die „Gesamtbelastung“

Für Unternehmen zählt nicht nur die Körperschaftsteuer, sondern Lohnnebenkosten, Energiekosten, Bürokratie, Regulierung, Genehmigungsdauer, Kapitalmarktzugang, Arbeitsrecht.

Deshalb kann ein Land mit etwas höheren Steuern trotzdem wirtschaftlich erfolgreicher sein als ein Niedrigsteuerland mit schwachen Institutionen.

Das sind Binsenwahrheiten, die die KI uns anbietet. Das beweist aber auch: Die These, weniger Steuern für das Kapital machten uns alle reicher und glücklicher, ist Bullshit.

Durchschnittslöhne und Unternehmensprofite im Vergleich
Land Durchschnittslohn brutto pro Jahr Unternehmensprofite / Gewinnanteil Einordnung
Schweiz 107.487 € ca. 41 % sehr hohe Löhne, hohe Profitabilität
Dänemark 71.961 € ca. 42 % hohe Löhne, solide Profite
Deutschland 66.700 € ca. 40 % hohe Löhne, mittlere bis hohe Profite
Vereinigtes Königreich 65.340 € ca. 39 % hohe Löhne, mittlere Profite
Belgien 62.348 € ca. 38 % hohe Löhne, eher mittlere Profite
Niederlande 69.028 € ca. 43 % hohe Löhne, hohe Profite
Norwegen 68.420 € ca. 49 % hohe Löhne, sehr hohe Profite
Schweden 50.338 € ca. 39 % gute Löhne, mittlere Profite
Frankreich 45.964 € ca. 32 % mittlere Löhne, niedriger Gewinnanteil
Italien 36.594 € ca. 42 % mittlere Löhne, solide Profite
Spanien 32.678 € ca. 44 % niedrigere Löhne, hohe Profitquote
Polen ca. 26.000 € ca. 48 % niedrigere Löhne, hohe Profitquote
Türkei 18.590 € ca. 52 % niedrige Löhne, sehr hohe Profitquote

Unsere Chefökonomin: Wenn hierzulande Maschinen hergestellt und verkauft werden, sorgt diese Wirtschaftsleistung für Umsatzerlöse, die dann zum Teil als Lohn an die Arbeitnehmer gehen. Ist der Staat der Arbeitgeber, erhöht zwar jede neue Stelle in Höhe der Personalkosten statistisch das Bruttoinlandsprodukt. Doch es ist der Steuerzahler, der mit seinem Geld diese Jobs finanziert. Der Staat muss den Bürgern und Betrieben zuvor die Mittel abnehmen, um die Gehälter im öffentlichen Dienst zahlen zu können. Weil in diesem Prozess hohe Reibungsverluste entstehen, kosten die Beschäftigten unter dem Strich weit mehr, als sie an Lohn bekommen. Im Privatsektor geht die Rechnung dagegen anders aus: Jeder Arbeitsplatz bringt mehr, als er kostet – oder er fällt weg.

Wir übersetzen das in marxistisches Deutsch: Wenn in der kapitalistischen Produktion Maschinen hergestellt und veräußert werden, entsteht daraus ein Mehrwert: Der schlägt sich nur zu einem Teil in den Löhnen der Arbeiter nieder. Der Mehrwert bzw Profit (keine Synonyme) wird vom Kapital angeeignet.

Der bürgerliche Staat hingegen schafft keinen neuen Wert, sondern verteilt lediglich bereits im Produktionsprozess erzeugten gesellschaftlichen Reichtum um. Jede zusätzliche Stelle im Staatsapparat erscheint zwar statistisch als Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, tatsächlich finanzieren sich diese Arbeitplätze, indem Einkommen und Gewinne durch Steuern und Abgaben abgeschöpft werden.

Die Kosten dieser Umverteilung tragen letztlich die arbeitenden Klassen und die produktiven Bereiche der Wirtschaft. Während im privaten Unternehmen der einzelne Arbeitsplatz nur solange bestehen bleibt, wie er Mehrwert erzeugt, kann sich der Staatsapparat auch unabhängig von unmittelbarer Produktivität ausweiten, sofern die gesellschaftliche Gesamtarbeit genügend Überschüsse hervorbringt, um ihn zu tragen.

In Deutschland aber hypertrophiert ein ineffizienter Staatssektor, der mittlerweile die Hälfte aller Wirtschaftsleistung beansprucht. Mit einer immer höheren Schuldenfinanzierung kaschiert die Politik den Niedergang des Privatsektors, der sich in den Arbeitsmarktzahlen spiegelt. Gegen diese eklatante Fehlentwicklung helfen nur wirtschaftsfreundliche Reformen.

„Wirtschaftsfreundlich“. Damit ist der Artikel kein Journalismus mehr, sondern Polemik und Propaganda. Aber was will man von der bürgerlichen Wirtschaftspresse erwarten!

Apropos: Wo sollte ich mich als Chefökonom bewerben?

Kapitalismus
Der obige Prompt mit Midjourney




China: Der 15. Fünfjahresplan

Ich habe Michael Roberts informativen Artikel „China: the 15th National Plan“ übersetzen lassen (vgl. auch Left Horizons), gestrafft, modifiziert sowie Links und Grafiken hinzugefügt. Natürlich wird darüber in den Medien kapitalistischer Staaten kaum berichtet. Und wenn, dann im Panik-Modus: „Wir haben oft nicht geglaubt, dass Chinas Ambitionen realistisch sind“. Man muss die Berichterstattung über China zur Vorsicht dann auch mit pessimistischem Geraune flankieren, bei dem der Schritt zur dreisten Lüge aka Propaganda nur noch winzig ist: „Warum viele junge Chinesen nicht mehr an den „chinesischen Traum“ glauben“. Allein schon der Gedanke, man könne die Wirtschaft planen, würde die Bevölkerung verunsichern.

Der Artikel zum Thema beim isw – Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung e.V. kommt mir übrigens bei der Wortwahl bekannt vor, wie auch der in der Wirtschaftswoche. Die Deutsche Welle hat nur übersetzt („adaptiert“) – die Quelle wird weder genannt noch verlinkt.
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China: Der 15. Fünfjahresplan

Die Chinesen nennen den Plan offiziell „15. Fünfjahresplan“.

Die chinesische Regierung hat gerade ihre jährlichen „Zwei Sitzungen“ oder Lianghui abgeschlossen. Der Begriff „Zwei Sitzungen“ bezieht sich auf die Chinesische Politische Konsultativkonferenz des Volkes (CPPCC), ein politisches Beratungsgremium, und den Nationalen Volkskongress (NPC), Chinas oberstes gesetzgebendes Organ.

Formal sind dies keine Treffen der Kommunistischen Partei, sondern Versammlungen des chinesischen Staates. Die Konsultativkonferenz hat größtenteils symbolischen Charakter; führende Unternehmer und lokale Funktionsträger treten dort zu vorher arrangierten Diskussionen auf. Der eigentliche Schwerpunkt liegt auf dem Nationalen Volkskongress, der offiziell über die Wirtschaftspolitik entscheidet. In der Praxis billigt er jedoch lediglich das, was die führende Elite der Kommunistischen Partei bereits im Voraus beschlossen hat. Da etwa zwei Drittel seiner Mitglieder der Kommunistischen Partei angehören, hat der NPC noch nie einen von der Partei eingebrachten Gesetzesentwurf abgelehnt.

Die diesjährigen „Zwei Sitzungen“ unterschieden sich insofern von früheren, als neben der Verabschiedung der Wirtschaftspolitik für dieses Jahr auch dem 15. Nationalen Plan zugestimmt wurde, der die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft bis zum Ende dieses Jahrzehnts festlegt.

Erstens wurde beschlossen, für das Jahr 2026 ein Ziel von etwa 4,5–5,0 % realem BIP-Wachstum festzulegen. Es war das erste Mal seit 1991, dass der Zielwert unter 5 % lag. Ministerpräsident Li erklärte bei der Vorstellung der wirtschaftlichen Zielvorgaben, dass das niedrigere Ziel auf Unsicherheiten im Welthandel und in der geopolitischen Lage zurückzuführen sei. Dennoch blieb das Wachstumsziel moderat, und die Führung zeigte sich zuversichtlich, dass es erreicht werden könne.

Für diese Einschätzung gibt es gute Gründe. Im Jahr 2025 betrug das reale BIP-Wachstum Chinas 5 % – ein Wert, der unter den großen Volkswirtschaften der Welt nur von Indien übertroffen wurde (das seine BIP-Daten übertreibt) und mehr als doppelt so hoch war wie die Wachstumsrate der USA sowie dreimal so hoch wie die der übrigen führenden G7-kapitalistischen Volkswirtschaften.

GDP
Source: International Monetary Fund (IMF)

Seit 2020 hat sich die Regierung das Ziel gesetzt, dass China bis 2035 zu einer „Volkswirtschaft mittleren Einkommensniveaus“ wird (von der Weltbank definiert als 20.000 US-Dollar pro Person zu Preisen von 2020). Das bedeutete faktisch eine Verdopplung des Pro-Kopf-BIP innerhalb von 15 Jahren.

China ist klar auf Kurs, dieses Ziel zu erreichen, da das Pro-Kopf-Einkommen nur mit einer durchschnittlichen jährlichen Rate von etwa 4,17 % wachsen müsste. Nimmt man an, dass das reale Pro-Kopf-BIP künftig im Durchschnitt um etwa 4,5 % pro Jahr wächst, würde China die Definition der Weltbank bereits 2034 übertreffen.

Selbst dann läge Chinas Pro-Kopf-BIP jedoch nur bei etwa 27 % des US-Niveaus (unter der Annahme, dass das Pro-Kopf-BIP der USA künftig im Durchschnitt um 1,5 % pro Jahr wächst). Im Gegensatz dazu würde Indiens Pro-Kopf-BIP bis 2035 nur etwa 5 % des US-Niveaus erreichen.

Beim BIP-Wachstum spielt die Größe einer Volkswirtschaft eine entscheidende Rolle. Im Jahr 2025 stieg Chinas BIP um 5 %, was einem Zuwachs von 970 Milliarden US-Dollar entspricht. Um dies in diesem Jahr zu erreichen, müsste China lediglich ein BIP-Wachstum von 4,75 % erzielen.

Im Gegensatz dazu wuchs Indien offiziell im Jahr 2025 um 7,6 %, was jedoch nur etwa 326 Milliarden US-Dollar entspricht. Das bedeutet, dass Indiens BIP-Zuwachs dreimal kleiner war als der Chinas. Um im absoluten Betrag (in Milliarden Dollar) so stark zu wachsen wie China, müsste Indien in einem einzigen Jahr etwa 25 % Wachstum erreichen. Die schiere Größe zählt.

Chinas BIP-Zahlen und Wachstumsraten werden von vielen westlichen Mainstream-Ökonomen sowie von einigen Vertretern der heterodoxen Linken immer wieder in Zweifel gezogen. Dabei bringen sie im Wesentlichen zwei Argumente vor.

Erstens behaupten sie, die statistischen Daten Chinas seien gefälscht oder unzuverlässig. Zweitens argumentieren sie, dass sich Chinas Wirtschaft wegen übermäßiger Verschuldung, eines Zusammenbruchs des Immobilienmarktes und einer sinkenden Produktivitätsdynamik künftig stark verlangsamen und in Richtung Stagnation entwickeln werde – ähnlich wie es Japan seit den 1980er-Jahren erlebt hat.

Die angesehenen Penn World Tables haben jedoch kürzlich bestätigt, dass sie Chinas Wachstumsdaten im Großen und Ganzen für korrekt halten und nicht länger versuchen, sie nach unten zu „korrigieren“.

Was Verschuldung und Immobilienmarkt betrifft: Ja, die Unternehmensverschuldung ist hoch, und der Immobilienmarkt befindet sich weiterhin im Abschwung. Doch nahezu die gesamte Verschuldung wird aus inländischen Ersparnissen finanziert, anders als in vielen anderen Fällen rascher Kreditexpansion weltweit.

GDP
Source: Federal Reserve Bank of Dallas

Diese Schulden sind also durchaus tragbar. Was den durch die COVID-Pandemie ausgelösten Einbruch des Immobilienmarktes betrifft, so verringert sich dessen Belastung für die Wirtschaft allmählich.

GDP
Source: Goldman Sachs – Der schrumpfende Immobilienmarkt Chinas dürfte das Wachstum künftig weniger stark bremsen.

Produktivitätswachstum ist in einer Wirtschaft mit sinkender Erwerbsbevölkerung von entscheidender Bedeutung. Es ist zwar von ehemals hohen Werten zurückgegangen, Chinas Wachstum liegt aber immer noch deutlich über dem Niveau der fortgeschrittenen kapitalistischen Volkswirtschaften.

arbeitsproduktivität
Source: Burks

Westliche Ökonomen fordern immer wieder, dass China
– aufhört, verarbeitete Exportgüter als Haupttreiber des Wachstums zu nutzen,
– aufhört, diese Exporte „unfair“ zu subventionieren, wodurch sie Konkurrenten verdrängen, und
– stattdessen den inländischen privaten Konsum erhöht und Sparen sowie Investitionen reduziert.

Ein jüngstes Beispiel für solche politischen Forderungen kommt vom Internationalen Währungsfonds (IWF): „China kann sich in den kommenden Jahren nicht darauf verlassen, dass immer höhere Exporte ein dauerhaftes Wachstum antreiben. Daher ist der Übergang zu einem konsumgetriebenen Wachstum die übergeordnete wirtschaftspolitische Priorität.“

Der Konsum der privaten Haushalte in China stagniert nicht, sondern wächst mit 4,4 %, also mehr oder weniger im Einklang mit dem BIP-Wachstum. Exporte sind nicht der Haupttreiber des Wachstums. Der Nettohandel machte etwa 20 % des Wachstums im Jahr 2025 aus; der Rest wurde durch inländischen Konsum und Investitionen getragen.

Das schnelle Produktivitätswachstum hat Inflation vermieden und ist nicht auf eine angebliche „Schwäche der inländischen Nachfrage“ zurückzuführen. Warum sollte China also von seiner investitionsgetriebenen Wirtschaftsstruktur abweichen, durch die der durchschnittliche Reallohn in den Städten seit 1978 um 2.406 % gestiegen ist, was die Kaufkraft um das 25-Fache erhöht hat? Können die konsumgetriebenen Volkswirtschaften der USA und des Vereinigten Königreichs einen vergleichbaren Anstieg der Kaufkraft ihrer Haushalte vorweisen?

Was die angeblich „unfairen“ Subventionen für Chinas Industrie betrifft, kam ein jüngster Bericht zu folgendem Schluss: „Während China tatsächlich ein aktiver Nutzer industrieller Subventionen ist, hat sich die direkte fiskalische Unterstützung seit 2008 stabilisiert. Der strategische Schwerpunkt hat sich klar von der Anwerbung ausländischer Investitionen hin zur Förderung inländischer Innovation und technologischer Fähigkeiten verlagert. Subventionen für die Industrieproduktion sind entgegen der verbreiteten Wahrnehmung relativ moderat und dezentral organisiert.“

Ein Beispiel sind Kraftfahrzeuge. Sowohl BYD als auch Tesla von Elon Musk produzieren Elektrofahrzeuge in China. Dennoch hat BYD deutlich niedrigere Kosten. Die vertikale Integration ist bei BYD sehr hoch, und Forschung und Entwicklung sind deutlich günstiger. Staatliche Subventionen spielen nur eine geringe Rolle bei der Kostensenkung.

 

Woher BYDs Kostenvorteil von 4.700 US-Dollar kommt

Kostenvergleich pro Fahrzeug: BYD Seal vs. Tesla Model 3 (beide in China produziert)

Pos. Kostenfaktor USD
1 BYD Seal Listenpreis 24.190
2 Vertikale Integration +2.369
3 Gemeinkosten (inkl. F&E) +1.766
4 Subventionen +292
5 Bevorzugte Finanzierung +12
6 Lieferantenzahlungen +214
7 Upgrade-Lizenzen +50
8 Produktdifferenzierung +3.516
9 Tesla Model 3 Listenpreis 32.409
Kostenvorteil BYD gegenüber Tesla: ca. 4.700 USD pro Fahrzeug

 

Der 15. Nationale Plan knüpft in seinen Zielen eng an den gerade abgeschlossenen 14. an. Er ist ein konkreter Plan, mehr als nur eine Richtlinie oder ein Wunschtraum. Viele der Ziele gelten als verbindlich und müssen daher umgesetzt werden.

Im jüngsten Plan, der rund 20 Indikatoren umfasst, liegt der Schwerpunkt nun weniger auf der wirtschaftlichen Entwicklung als vielmehr auf der Verbesserung des Lebensstandards.

Ökologische Entwicklung ist weiterhin wichtig. Chinas Kohlendioxidemissionen (CO₂) sanken im vierten Quartal 2025 um 1 %, was voraussichtlich einen Rückgang von 0,3 % für das Gesamtjahr sichern wird. Damit setzt sich der seit März 2024 anhaltende Trend stagnierender oder sinkender CO₂-Emissionen in China fort.

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Source: Carbon Brief

Die CO₂-Zahlen deuten darauf hin, dass Chinas Kohlenstoffintensität – also seine Emissionen aus fossilen Brennstoffen pro Einheit des BIP – 2025 um 4,7 % und im Zeitraum 2020–2025 um 12 % gesunken ist. Damit bleibt China jedoch unter dem Ziel einer Reduktion um 18 %, das im letzten Fünfjahresplan festgelegt wurde.

China müsste seine Kohlenstoffintensität in den nächsten fünf Jahren um etwa 23 % senken. Der 15. Fünfjahresplan zielt jedoch nur darauf ab, sie bis zum Ende dieses Jahrzehnts um 17 % zu reduzieren. Damit zeichnet sich ab, dass China sein sehr ambitioniertes Ziel für 2030, die Kohlenstoffintensität bis dahin um 65 % zu senken, verfehlen wird.

Chinas Solarindustrie ist in den vergangenen vier Jahrzehnten zu einem Vorzeigeexample für den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes geworden. Die Produktion chinesischer Solartechnologie wuchs zwischen 2004 und 2013 jährlich um 76 %. Gleichzeitig sind die Kosten für Solarenergie um mehr als 90 % gefallen, wodurch sie mit fossilen Energieträgern konkurrenzfähig geworden ist.

Subventionen für Produktion, Installation und Forschung und Entwicklung im Solarbereich waren ein wesentlicher Grund für das explosive Wachstum der chinesischen Industrie. Im vergangenen Jahr wuchs erstmals die Energiespeicherkapazität – hauptsächlich Batterien – schneller als die Spitzennachfrage nach Strom in China im Jahr 2025 und auch schneller als das durchschnittliche Wachstum des vergangenen Jahrzehnts

solarenergie
Source: Solar World Record Database

Chinas Wirtschaft wird heute von Technologieinvestitionen angetrieben, nicht mehr von minderwertigen Fertigwaren oder unproduktiven Immobilieninvestitionen. Es sind die sogenannten „new quality productive forces“, wie chinesische Wirtschaftsstrategen sie bezeichnen. In China sind mehr Elektrofahrzeuge unterwegs als in den USA, und der Ausbau der 5G-Mobilfunknetze in Peking verlief deutlich schneller. Chinas einheimisches Passagierflugzeug C919 steht kurz vor der Serienproduktion und scheint bereit für den Markteintritt, der derzeit von Boeing und Airbus dominiert wird. Das Satellitennavigationssystem BeiDou ist in Abdeckung und Präzision mit GPS vergleichbar.

Auch bei der Dichte von Industrierobotern übertrifft China die USA: 2023 werden dort 470 Roboter pro 10.000 Beschäftigte installiert sein, in den USA hingegen nur 295. China wird die USA auch bei Patenten bald einholen: Der weltweite Anteil Chinas steigt von 4 % im Jahr 2000 auf 26 % im Jahr 2023, während der US-Anteil um mehr als 8 Prozentpunkte sinkt. Chinas Halbleiterproduktion beträgt mittlerweile ein Viertel der globalen Produktion, verglichen mit 16 % in den USA und 7 % in Europa.

halb leiter
Diese Grafik visualisiert die globale Halbleiterindustrie nach Marktkapitalisierung (Stand: 24. November 2025) und zeigt die Daten aufgeschlüsselt nach Ländern. Die Daten für diese Visualisierung stammen von CompaniesMarketCap.com. Die Kategorie „Übrige Welt“ umfasst 16 Unternehmen aus 11 Ländern. Source: visualkapitalist.com

China hat noch einen langen Weg vor sich. Bis zum Ende des neuen Nationalen Plans werden sich die Lebensstandards durchschnittlicher chinesischer Haushalte zwar deutlich verbessert haben, doch Chinas Pro-Kopf-Einkommen und Produktivität werden weiterhin deutlich unter denen der G7-Staaten liegen. Zudem wird es schwierig sein, qualifizierte junge Menschen in Beschäftigung zu bringen, da die Automatisierung in einer zunehmend technisierten Industriegesellschaft immer mehr Arbeitskräfte ersetzt. Schon jetzt ist die Jugendarbeitslosigkeit hoch.

china youth unemployed rate

China weist im internationalen Vergleich eine hohe Einkommensungleichheit auf, die jedoch niedriger ist als in vielen anderen Schwellenländern wie Brasilien, Mexiko oder Südafrika. Der Gini-Koeffizient erreichte seinen Höchststand kurz vor der Großen Rezession und ist seitdem rückläufig. Hauptgrund für die hohe Ungleichheit ist die Einkommensdifferenz zwischen Stadt- und Landbevölkerung sowie zwischen den Löhnen in Küsten- und Binnenstädten und den Bildungsabschlüssen.

china youth unemployed rate
Der Gini-Koeffizient oder auch Gini-Index ist ein statistisches Maß für die Ungleichverteilungen in einer Gruppe.

Wenn es um die Ungleichheit des persönlichen Vermögens geht, ist China nicht so ungleich wie viele seiner wirtschaftlichen Vergleichsländer. Der Gini-Koeffizient für Vermögensungleichheit ist deutlich höher in Brasilien, Russland und Indien sowie auch in den USA und Deutschland.

Nach den neuesten Schätzungen besitzt das reichste 1 % der Vermögensinhaber in China etwa 31 % des gesamten Privatvermögens, verglichen mit 58 % in Russland, 50 % in Brasilien, 41 % in Indien und 35 % in den USA. Das ist ein guter Maßstab für die ökonomische Macht der obersten Elite und der Oligarchen in diesen Ländern.

Oft wird auf die Zahl der Millionäre und Milliardäre in China verwiesen. Angesichts der Größe der Bevölkerung bleiben Millionäre dort jedoch relativ selten: etwa einer auf 200 Erwachsene, also rund 0,5 %.

In Italien und Spanien machen Millionäre etwa 3 % der Erwachsenen aus; in Frankreich, Österreich oder Deutschland etwa 4 %; in den sozialdemokratischen Ländern Skandinaviens etwa 6 %; über 8 % in den USA und Australien und am höchsten in der Schweiz (15 %).

China hat zwar ein schnelles Wachstum in dieser obersten Vermögensschicht erlebt. Doch obwohl China mehr als viermal so viele Einwohner wie die USA hat, ist die Zahl der vermögenden Amerikaner (High-Net-Worth Individuals) 4,8-mal größer als die entsprechende Zahl in China. Außerdem konzentriert sich die Vermögensungleichheit in China vor allem auf Immobilienbesitz, nicht auf Finanzvermögen (zumindest bisher) – anders als in den wichtigsten kapitalistischen Volkswirtschaften der G7. Das liegt auch daran, dass der Finanzsektor nicht vollständig für den kapitalistischen Privatsektor geöffnet wurde.

Meiner Ansicht nach liegt der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg Chinas in seinem großen staatlichen Sektor, der Investitionen vorantreiben und damit die Ziele nationaler Wirtschaftsplanung umsetzen kann. Das zeigt den Wert öffentlichen Eigentums und staatlich gelenkter Investitionen innerhalb eines nationalen Plans.

Infolgedessen hat China in den letzten 50 Jahren jede Rezession oder schwere Wirtschaftskrise vermieden, sogar während COVID, obwohl es zahlreiche Fehler und Richtungswechsel in der Wirtschaftspolitik der autoritären kommunistischen Führung gegeben hat.

China ist kein sozialistisches Land, aber auch kein kapitalistisches. Dieses Paradox erläutere ich an anderer Stelle.




Anmerkungen zum künstlich intelligenten variablen Kapital oder: „Wir sind nicht vorbereitet“

KI
Artificial intelligence replacing human workers, a large glowing AI brain made of circuits towering over an empty factory floor, robotic arms and algorithms taking over machines while human workers walk away carrying boxes, contrast between humans in shadow and bright cold machines, symbolic illustration of job displacement by AI, dystopian industrial atmosphere, dramatic lighting, highly detailed, conceptual economic illustration, editorial style –ar 16:9 –v 6.0 –s 750 –

Ich darf auf ein paywallgeschütztes Interview hinweisen mit dem Ökonomen Anton Koriniec, Universität von Virginia („Named to TIME100 AI list of the most influential people in artificial intelligence“). Auch Golem hat das Interview abgeschrieben zusammengefasst.

Zentrale Aussagen Korineks: „Die KI wird in ein paar Jahren so gut wie alle intellektuellen Tätigkeiten verrichten können.“ – „Wird der Wert der Arbeit insgesamt weiter steigen oder fällt er, wenn KI und später auch Roboter alle Arbeit berichten können? Bisher war die Antwort immer, dass die Automatisierung nur einen kleinen Teil der Jobs zerstört. In den nächsten paar Jahren besteht aber das Risiko, dass alle Jobs wegfallen, die man vor einem Laptop verrichten kann.“

Golem: „In wenigen Jahren könnte KI so gut wie alle Tätigkeiten erledigen, die vor einem Bildschirm stattfinden. Juristen, Journalisten, Analysten – alle diese Berufe gelten in seiner Einschätzung als gefährdet. Schon heute erledigt KI viele anwaltliche Routineaufgaben halbwegs brauchbar. Und die Systeme verbessern sich laut Korinek alle drei Monate erheblich.“

Dazu habe ich Kritisches anzumerken. Ein bürgerlicher Ökonom hat immer eine enge erkenntnistheoretische Grenze. Sobald die Gesetze des Kapitalismus stringent dazuführen würde, dass dieser sich selbst abschafft (meine These) oder abgeschafft werden müsste (buchgläubige „Marxisten“), ist Schluss mit lustig. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Korinek sagt definitiv etwas über den „Wert der Arbeit.“ Das ist aber sehr ungenau: „Arbeit“ ist kein Synonym für „Jobs“. Es ist richtig, dass die Automatisierung Jobs vernichtet – aber das ist eine Folge des tendenziellen Falls der Profitrate und der immanenten Gesetze des Kapitalismus: Das Kapital muss zwangsläufig alle Komponenten, die den Profit ausmachen, verkleinern – die Ware Arbeitskraft („variables Kapital“ – der Teil des Kapitals, den der Kapitalist vorstreckt, um Arbeitskraft zu kaufen) und die Kosten der Produktionsmittel („konstantes Kapital“ – ganz exakt: „… handelt es sich um den Teil des aus Produktionsmitteln bestehenden Kapitals, dessen Gebrauchswert im Laufe einer Produktionsperiode durch Verschleiß oder Verbrauch untergeht und dessen Wert im Wert des Produkts wiedererscheint.“)

variables und konstantes kapital
ChatGPT, 1. Versuch: „mache eine Skizze, die die Begriffe „variables Kapital“ und „konstantes Kapital“ im 1. Band von „Das Kapital“ von Karl Marx veranschaulicht.“ 2. Versuch: „Lasse die Skizze wissenschaftlicher aussehen, es soll auch klar werden, dass der Profit steigt, wenn das variable Kapital billiger wird“.

Golem: „Wenn KI und Roboter irgendwann alle Arbeit übernehmen können – nicht nur einen kleinen Teil -, dann fällt der Wert menschlicher Arbeit insgesamt. Nicht nur der eines bestimmten Berufsbildes. Das ist der Kern seiner Überlegung, und er verschweigt nicht, wohin das führen könnte: zu Massenelend, wenn die Verteilungsfrage nicht gelöst werde.“

Da muss ich zugunsten des Kapitalismus widersprechen. (Seit wann dürfen bürgerliche Ökonomen die Apokalypse vorhersagen?) Nein, dazu wird es nicht kommen. Dazu ist das System zu flexibel. Der Welt der Waren ändert sich nur tendenziell, nicht absolut.

Elend ist ein relativer Begriff: Das entsteht nur, wenn die herrschenden Klassen machen dürfen, was sie wollen. Man könnte auf die – zugegeben: kühne! – Idee kommen, den real existierenden unermesslichen Reichtum anders zu verteilen. Das würde – auch wenn die sogenannte „Linke“ das hierzulande anders sieht – am System rein gar nichts ändern, aber es würde temporär verhindern, dass „die Massen“ total verarmten und somit auch als Konsumenten wegfielen.

Korinek sieht das ähnlich und recht zynisch: „Wenn die KI dafür sorgt, dass die Wirtschaft so schnell wächst, sollte es möglich sein, einen kleinen Teil der Früchte dafür zu verwenden, dass die Verlierer des technologischen Fortschritts entschädigt werden.“ Klar, entschädigt“, vermutlich durch Brot und Spiele? Die Machtverhältnisse dürfen auf keinen Fall angetastet werden.

Ich habe ChatGPT, Duck.ai und Grok gefragt: „Wenn künstliche Intelligenz viele Bereiche menschlicher Arbeit übernimmt, sinkt dann nach der Theorie von Karl Marx der Gebrauchswert der erzeugten Waren?“ Die Antwort von Grok war am besten:

„Nein, nach Karl Marx’ Theorie sinkt der Gebrauchswert der erzeugten Waren nicht, wenn Künstliche Intelligenz (oder Maschinerie allgemein) menschliche Arbeit übernimmt. Im Gegenteil: Der Gebrauchswert bleibt unverändert oder kann sogar qualitativ steigen. Der Effekt von KI betrifft ausschließlich den Tauschwert (bzw. den Wert) der Waren. [also auch den Tauschwert der Ware Arbeitskraft, B.S.]

Hier die entscheidenden Stellen aus Marx’ Das Kapital (Band 1, Kapitel 1 und 7) kurz und präzise erklärt:

1. Was ist Gebrauchswert?
– Der Gebrauchswert ist die Nützlichkeit einer Ware – ihre Fähigkeit, ein menschliches Bedürfnis zu befriedigen (z. B. ein Mantel wärmt, Brot stillt Hunger, ein Auto transportiert).
Er ist qualitativ und hängt von den stofflichen Eigenschaften der Ware ab, nicht von der Menge der dafür aufgewendeten Arbeit.

Marx schreibt wörtlich: „Der Gebrauchswert wird nur durch den Gebrauch oder die Konsumtion realisiert.“
Und: „Nichts kann Wert haben, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist das Ding nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert.“

→ Die Arbeit (auch KI-gestützte) erzeugt also keinen Gebrauchswert – sie macht nur etwas Nützliches. Ob ein Hemd von Hand genäht oder von einer KI-gesteuerten Fabrik in 10 Sekunden produziert wird, ändert nichts an seiner Nützlichkeit.

2. Was ändert sich durch KI/Maschinerie?
– KI ist für Marx nichts anderes als hochentwickeltes konstantes Kapital (wie eine Dampfmaschine oder ein Webstuhl).
– Nur lebendige menschliche Arbeit schafft neuen Wert und Mehrwert.
– Maschinen (und KI) übertragen lediglich ihren eigenen Wert (Abschreibung) auf das Produkt – sie schaffen keinen neuen Wert.
– Ergebnis: Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit pro Ware sinkt dramatisch → der Wert (und damit der Tauschwert) jeder einzelnen Ware sinkt.

Marx formuliert das so (Kapital, Band 1, Kap. 15): „Die Maschinerie vermehrt die Produktivität der Arbeit, d.h. sie befähigt, in derselben Arbeitszeit eine größere Masse von Gebrauchswerten zu produzieren. […] Der Wert der einzelnen Ware sinkt daher.“

3. Was passiert konkret bei Masseneinsatz von KI?
– Gebrauchswert pro Ware: gleichbleibend oder besser (bessere Qualität, mehr Varianten möglich).
Gesamte Gebrauchswerte in der Gesellschaft: steigen massiv (mehr Waren für alle).
– Wert/Tauschwert pro Ware: sinkt (die Waren werden „billiger“ im Sinne der in ihnen verkörperten Arbeitszeit).
– Lohnarbeiter werden tendenziell überflüssig → Mehrwertproduktion gerät in die Krise („Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate„). [Wie ich oben schon schrieb – die KI ist hier logischer als alle bürgerlichen Ökonomen, B.S.]

Kurzes Fazit in Marx’schen Begriffen
– KI ersetzt lebendige Arbeit → Wert der Waren sinkt.
– Der Gebrauchswert bleibt aber unberührt, weil er keine Arbeitszeit-Größe ist, sondern eine Gebrauchs-Eigenschaft.
– Deshalb lautet die Antwort klar: Nein, der Gebrauchswert sinkt nicht. Marx würde sogar sagen: Genau dadurch wird die materielle Basis für eine Gesellschaft geschaffen, in der die Menschen nicht mehr unter dem Zwang der Wertproduktion stehen müssen – aber das ist dann schon ein anderes Kapitel (Kritik der politischen Ökonomie).“

Welche Berufe bleiben übrig? „Sportler, Schauspieler“, „Religiöses Personal“. Ach? Auch das sehe ich anders. Bei Sportlern könnte es stimmen, weil dort die Person, die vermarktet werden will, im Vordergrund steht, nicht die Leistung. Schauspieler? Nein, die Menschen werden sich auch mit künstlich erzeugten Charakteren identifizieren – vgl. Avatar – Aufbruch nach Pandora.“ Und brauchen wir Religion in der Zukunft? Gott bewahre!

KI
Der erste Band meines Ausgabe des „Kapitals“ von Marx mit meinen Notizen aus den 70-er Jahren, als ich mehrere Semester Tutor in Haugs legendären „Kapitalkursen“ war und auch privat Arbeitsgruppen angeleitet habe, zum Teil noch mit Schreibmaschine. Für die Nachgeborenen: „Eine Schreibmaschine ist ein von Hand oder elektromechanisch angetriebenes Gerät, das dazu dient, Text allgemein mit Drucktypen zu schreiben und hauptsächlich auf Papier darzustellen.“ Und nein, ich kann die drei Bände des „Kapitals“ nicht auswendig, genau so wenig wie die Bibel.




Unter Putschisten

der putsch kellerhoff

Ich lese gerade zwischendurch von Sven Felix Kellerhoff: „Der Putsch: Hitlers erster Griff nach der Macht“ – „Es ist die bis dahin größte Bedrohung für die Weimarer Republik: Mit roher Gewalt wagt Hitler von München aus den Umsturz – und scheitert. Die Demokratie hält stand. Sven Felix Kellerhoff richtet den Fokus auf bislang übersehene Zeugnisse und schildert die tatsächlichen Hintergründe des 8. und 9. November 1923.“

Zitat: „Einem dänischen Journalisten gelang es, in diesen Novembertagen 1922 ein Gespräch mit Hitler zu führen; zunächst am Rande einer Veranstaltung im Bürgerbräukeller, danach am folgenden Vormittag im Parteibüro der NSDAP. »Schon überall wird Hitler der bayrische Mussolini genannt«, begann der Reporter der Regionalzeitung Århus Stiftstidende seinen Artikel, dann schilderte er sein Gespräch mit dem NSDAP-Chef: »Das erste Wort Hitlers an uns ist sehr taktlos: ›Sind Sie Jude?‹ Wir bemerken ihm gegenüber, dass wir nicht gekommen sind, um ein Glaubensbekenntnis abzulegen, sondern um ein Interview zu bekommen. ›Skandinavische Juden sind mir ebenso unsympathisch wie deutsche Juden‹, murrt Hitler.« Dann begann das eigentliche Gespräch: »Wir versuchen, die Frage zu stellen, was die Nationalsozialisten wirklich wollen? ›Wir wollen den Bolschewismus niederschlagen!‹, erklärt Hitler mit einer unangenehm knurrenden Stimme, die wahrscheinlich Entschlossenheit und Energie ausdrücken soll. Er fährt fort: ›Das ist kurz und gut unser Programm.‹ Wir sagen: ›Sind mit diesem lobenswerten Zweck nicht auch bestimmte Absichten für die Wiederherstellung der Monarchie verbunden?‹ ›Die Staatsform ist uns ganz und gar gleichgültig‹, antwortet Hitler: ›Monarchie oder Republik, darauf kommt es nicht an. Wir werden das Gesindel beseitigen, das Deutschland in den Ruin getrieben und das Deutschland zum Sklaven der ganzen Welt gemacht hat.‹ ›Und wie wollen Sie das machen?‹ Hitler antwortet mit einem Zitat: »Und willst Du nicht mein Bruder sein, dann schlag’ ich Dir den Schädel ein.« Um Missverständnisse zu vermeiden, fügt er hinzu: »Und willst Du nicht ein Deutscher sein, dann schlag’ ich Dir den Schädel ein.« Wir sagen: »Glauben Sie denn, dass das Ansehen Deutschlands im Ausland durch solche Gewalttaten verbessert wird?« »Vorläufig sind unsere Bemühungen nicht auf das Ausland gerichtet.««“

Ich kenne den Kellerhof schon sehr lange; wir waren gemeinsam Mitglied in allerlei Vereinen von und für Journalisten. Im Kugelhagel würde ihn nicht an meiner Seite haben wollen, er wäre eh schon vorher geflohen. Das zu charakterlichen Fragen. Alle Bücher Kellerhofs sind angenehm zu lesen und fundiert. Er ist aber ein typisch bürgerlicher Historiker mit den dazu passenden ideologischen Scheuklappen.

„Der Putsch“ ist interessant, wenn man die Situation in der Weimarer Republik mit der heute vergleicht, insbesondere wenn es um die AfD geht. Kann jemand wie Hitler, dem Zeitgenossen vermutlich zu Recht bescheinigten, er sei keine intellektuelle Leuchte und sogar dümmer als Mussolini, plötzlich an die Macht kommen?

Das Buch bestätigt, was schon das Standardwerk zum Thema – Karsten Heinz Schönbachs „Die deutschen Konzerne und der Nationalsozialismus 1926–1943“ – mit ausführlich zitierten Quellen belegt: Hitler wäre nie an die Macht gekommen, wenn relevante Fraktionen der deutschen Großbourgeoisie ihn und seine Partei nicht finanziell massiv unterstützt hätten.

Man muss also das Wirtschaftsprogramm der AfD lesen und ob es den Interessen des deutschen Kapitals dient oder nicht. (Fast alles, was aber die Anstalten und andere staatsnahen Medien verbreiten, ist suggestive Propaganda und überzeugt nicht.) Alle anderen Themen wie Einwanderung, Sprachesoterik oder völkisches Gefasel usw. sind irrelevant.




I told you so

Zölle
Karikatur von Hermann Dyke aus den „Fliegenden Blättern“ gegen Zollschranken und Kleinstaaterei, 1847. (Credits: Universität Heidelberg)

„Das Schutzzollsystem ist nichts anderes als ein Mittel, die industrielle Entwicklung eines Landes auf Kosten der industriellen Entwicklung anderer Länder zu beschleunigen.“ (Rede des Herrn Dr. Marx über Schutzzoll, Freihandel und die Arbeiterklasse, MEW 4)

In der bürgerlichen Presse lese ich: „Der Westen habe seine Industrie auf dem Altar des Freihandels geopfert und lange ignoriert, dass andere Staaten unsere Wirtschaft mit unfairen Handelspraktiken unterminierten. Zusätzlich habe er seine Wettbewerbsfähigkeit riskiert mit hohen Energiepreisen, „um den Klima-Kult zu befrieden“.

Die Ideologie offener Grenzen bringe durch Massenimmigration zudem die kulturelle Identität des Westens in Gefahr, sagte der amerikanische Außenminister. „Die Kräfte zivilisatorischer Auslöschung bedrohen sowohl die USA als auch Europa“, so Rubio.“

Da hat der Rubio natürlich ein bisschen recht. Wer sagt es aber jetzt den deutschen Medien?

It’s the economy. Der Rest ist Feuilleton. Was will uns ein Mitglied des Ausschusses, der in den USA die gemeinschaftlichen Geschäfte der Bourgeoisie organisiert, damit mitteilen?

„Die Herren von der Bourgeoisie, welche das Schutzsystem befürworten, verfehlen nie, das Wohl der arbeitenden Klasse in den Vordergrund zu schieben. Ihren Worten nach zu urteilen, beginne zugleich mit der Beschützung der Industrie ein wahrhaft paradiesisches Leben für die Arbeiter…“ (Friedrich Engels: Schutzzoll oder Freihandels-System, Deutsche-Brüsseler-Zeitung Nr. 46, 10.06.1847 (MEW 4)

Das interessante Stichwort ist natürlich Freihandel. Jetzt ist die Bourgeoisie also plötzlich gegen „freien“ Handel? O tempora! O mores! Man hört Friedrich List im Grabe rotieren!

Der Begriff „Schutzzoll“ ist ohnehin affirmativ, weil er verschweigt, dass nur die Profite einer bestimmten nationalen Bourgeoisie „geschützt“ werden. Gemeint ist ein Mittel, bestimmte importierte Produkte künstlich zu verteuern, weil sie sonst mehr gekauft würden als Güter der einheimischen Industrie. Man kann das Ergebnis natürlich auch bekommen, indem ein Staat Exporte subventioniert – wie das China macht. Beide Methoden sind zwei Seiten einer Medaille. Die letztere funktioniert in den USA nicht, weil die Beteiligung des Staates an Unternehmen im Vergleich weitaus geringer ist. Daher kann auch viel weniger auf lange Sicht geplant werden.

„Altar des Freihandels“ klingt verzweifelt – und ist es auch. Zölle im jetzigen Stadium des Kapitalismus sind der Volkssturm im Kampf gegen den tendenziellen Fall der Profitrate. Das wird nicht funktionieren, es sei denn, die nationalen Kapitalisten in Europa unterwürfen sich freiwillig den Konzernen der USA und ließen sich die deshalb entgangenen Gewinne von den Steuerzahlern erstatten. Auch das würde nicht lange gutgehen.

Die kulturelle Identität des Westens? Was soll das sein? Die Shoa? Das Christentum? US-Interventionen in Lateinamerika? Der Antikommunismus?

Man lehnt sich zurück und beobachtet die Weltläufte mit Interesse und Vergnügen und mit den Worten: Marx told you so.

helge klockmann
Ein Freund und ich auf der Jubelparade vor der Gedächniskirche am 27.1.1989




Unter Politökonomen

Ich war heute faul und habe die Künstliche Intelligenz aufgefordert, einen Artikel über die wirtschaftliche Situation der USA zu schreiben, aber: „Schreibe den Artikel so, als seiest du ein marxistischer Ökonom, und lasse alle Zitate von Regierungsvertretern weg.“

capitalism
An allegorical, realistic illustration of the contemporary U.S. economy.
In the foreground, a deep chasm divides society. On the left side, exhausted working-class people in worn clothing push heavy burdens labeled “Debt,” “Rent,” and “Healthcare.” Behind them are crumbling houses, closed factories, smoke stacks, and a gray, polluted sky. On the right side, a small group of wealthy figures sits calmly on an elevated plateau made of gold, steel, and glass, surrounded by stacks of money, abstract stock market graphs, and modern skyscrapers glowing in warm sunset light. Banknotes and upward-moving charts drift from the left side toward the right. Beneath the chasm, fire burns with signs reading “Inflation” and “Cost Pressure.” The style is serious, journalistic, and somber — not cartoonish, not satirical, no real politicians or identifiable individuals. Strong color contrast: cold, desaturated tones on the left; warm, rich tones on the right. High detail, symbolic realism, social-critical atmosphere.

Die US-Wirtschaft 2025/26: Wachstum für wen?

Eine Analyse der aktuellen Lage aus politökonomischer Sicht

Die US-Wirtschaft wird Anfang 2026 vielfach als „robust“ oder „widerstandsfähig“ beschrieben. Tatsächlich zeigen zentrale Kennzahlen wie das Bruttoinlandsprodukt weiterhin Wachstum. Doch eine marxistische Analyse fragt nicht ob die Wirtschaft wächst, sondern für wen, auf wessen Kosten und unter welchen strukturellen Bedingungen dieses Wachstum entsteht.

Wachstum ohne Wohlstand

Das reale Wirtschaftswachstum der USA lag 2025 zeitweise deutlich über dem Durchschnitt der Industrienationen. Haupttreiber war der private Konsum, der rund 70 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht. Dieses konsumgetriebene Wachstum ist jedoch weniger Ausdruck steigenden gesellschaftlichen Wohlstands als vielmehr Resultat zunehmender Verschuldung privater Haushalte und der Notwendigkeit, Reallohnverluste auszugleichen.

Inflationsbereinigt stagnieren die Einkommen großer Teile der arbeitenden Bevölkerung seit Jahren. Während nominale Lohnerhöhungen die Preissteigerungen teilweise ausgleichen, bleibt die Kaufkraft vieler Haushalte unter Druck – insbesondere im Bereich Wohnen, Gesundheitsversorgung und Bildung. Konsum findet daher nicht aus Überschuss, sondern aus ökonomischem Zwang statt.

Arbeitsmarkt: Beschäftigung ja, Sicherheit nein

Die offizielle Arbeitslosenquote bleibt vergleichsweise niedrig. Doch diese Kennzahl verschleiert zentrale Entwicklungen:
Der US-Arbeitsmarkt ist zunehmend geprägt von prekären Beschäftigungsformen, Teilzeitarbeit, Solo-Selbstständigkeit und Plattformökonomie. Produktivitätsgewinne werden seit Jahrzehnten nicht mehr proportional an Löhne weitergegeben, sondern fließen überwiegend in Unternehmensgewinne und Kapitalerträge.

Aus marxistischer Perspektive handelt es sich um eine klassische Phase intensivierter Ausbeutung: Mehr Arbeitsleistung, höhere Flexibilität und geringere soziale Absicherung bei stagnierenden Reallöhnen. Der relative Mehrwert steigt – nicht durch Innovation allein, sondern durch Druck auf die Arbeitskraft.

Profite, Konzentration und Monopolisierung

Während breite Bevölkerungsschichten mit steigenden Lebenshaltungskosten kämpfen, verzeichnen große Konzerne weiterhin hohe Margen. Besonders im Technologie-, Finanz- und Energiesektor ist eine starke Kapital­konzentration zu beobachten. Die Marktmacht weniger Unternehmen erlaubt es, Preise zu setzen, Kosten zu externalisieren und Löhne niedrig zu halten.

Diese Entwicklung ist kein Marktversagen, sondern Ausdruck der inneren Logik des Kapitalismus: Konkurrenz führt langfristig zur Monopolisierung. Kleine und mittlere Unternehmen geraten zunehmend unter Druck – nicht nur durch Zinsen und Kosten, sondern durch strukturelle Abhängigkeit von Großkonzernen, Plattformen und Finanzmärkten.

Staatsverschuldung und Klassenpolitik

Die hohe Staatsverschuldung der USA wird häufig als gesamtgesellschaftliches Problem dargestellt. Tatsächlich ist sie Ausdruck einer Umverteilungspolitik zugunsten des Kapitals: Steuersenkungen für Unternehmen, Subventionen, Rüstungsausgaben und Rettungspakete werden kreditfinanziert, während Sozialausgaben politisch umkämpft bleiben.

Die Last der Verschuldung wird langfristig nicht von Kapitalbesitzern getragen, sondern von der arbeitenden Bevölkerung – durch Sparpolitik, Kürzungen öffentlicher Leistungen oder indirekte Besteuerung. Der Staat fungiert hier weniger als neutraler Akteur, sondern als Instrument zur Stabilisierung der Kapitalverwertung.

capitalism

Ausblick: Abschwächung mit sozialen Folgen

Für die nahe Zukunft deutet vieles auf eine Abkühlung der Wachstumsdynamik hin. Steigende Finanzierungskosten, geopolitische Spannungen und eine begrenzte Kaufkraft der Massen setzen dem konsumgetriebenen Modell Grenzen. Eine klassische Überproduktionskrise ist zwar kurzfristig nicht zwingend, doch die strukturellen Widersprüche verschärfen sich.

Ohne grundlegende Veränderungen – etwa eine Stärkung kollektiver Rechte, Umverteilung von Vermögen, Ausbau öffentlicher Daseinsvorsorge – wird jede wirtschaftliche Abschwächung vor allem sozial ungleich wirken: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.

Fazit

Die US-Wirtschaft steht Anfang 2026 nicht vor einem plötzlichen Zusammenbruch, aber vor einer Vertiefung ihrer inneren Widersprüche. Wachstum existiert, doch es basiert auf Prekarisierung, Verschuldung und zunehmender Ungleichheit. Aus marxistischer Sicht ist dies kein Ausnahmezustand, sondern der Normalzustand eines Systems, das Profit über Bedürfnisse stellt.

Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob die Wirtschaft weiter wächst, sondern ob die gesellschaftlichen Kosten dieses Wachstums politisch noch tragfähig sind.

Quellen




Nieder mit dem variablen Kapital!

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Heise: „China installiert 2024 mehr als die Hälfte aller Industrieroboter weltweit“. Eine interessante Meldung und nicht die erste ihrer Art.

„Die USA sind in Nord- und Südamerika der größte Robotikmarkt. 68 Prozent der Neuinstallationen gehen auf das Konto der USA. 2024 verzeichnet das Land jedoch einen Rückgang um 9 Prozent auf 34.200 Einheiten. Die meisten davon stammen aus Japan und Europa, denn es gibt in den USA nur wenige inländische Roboterhersteller.“

Da hat Trump natürlich schlechte Karten. Aber wie sieht das im Detail aus, und was folgt daraus? Wie man an den Schaubildern der Quelle sehen kann, war vor einem Jahrzehnt die Autoindustrie der Motor, die Automatisierung durch Roboter einzuführen. Mittlerweile hat der Rest der Industrie nachgezogen. In der Elektronikindustrie hat sich kaum etwas verändert, was den Anteil der Roboter angeht – im Verhältnis zu anderen Branchen.

industrieroboter
Quelle: World Robotics 2025

Um es realistisch zu machen, muss man diese Zahlen in Relation setzen zum gesamten Umfang der jeweiligen Industrie. ChatGPT sagt hier etwas völlig anderes als im Heise-Artikel suggeriert wird:

Laut International Federation of Robotics (IFR, Stand 2023):
– China: etwa 392 Roboter pro 10.000 Beschäftigte in der Industrie
– Deutschland: etwa 415 Roboter pro 10.000 Beschäftigte

👉 Das bedeutet: Absolut dominiert China, mit mehr als der Hälfte aller weltweit installierten Roboter. Relativ zur Industriegröße liegt Deutschland aber sogar etwas vor China, weil die deutsche Industrie kleiner ist, aber ähnlich viele Roboter einsetzt.

⚖️ Zusammengefasst:
– Ohne Berücksichtigung der Industriegröße: Verhältnis China : Deutschland ≈ 2:1 (54 % vs. 27 %).
– Unter Berücksichtigung der Industriegröße (Roboterdichte): Deutschland und China liegen praktisch gleichauf, Deutschland minimal vorne (415 vs. 392 Roboter je 10.000 Beschäftigte).

industrieroboter

Wiederholung vom 07.12.2024 und vom 25.12.2025:
Das variable Kapital besteht aus den Kosten der Ware Arbeitskraft. Je größer die Kosten des variablen Kapitals, um so geringer der Mehrwert und letztlich Profit.

Laut Karl Marx besteht der Unterschied zwischen Mehrwert und Profit darin, dass der Mehrwert die grundlegende Größe ist, die durch die Ausbeutung der Arbeitskraft im Produktionsprozess entsteht, während der Profit eine Erscheinungsform dieses Mehrwerts darstellt, die durch die Konkurrenz und Verteilung im kapitalistischen System beeinflusst wird.




Krieg und KI

Ich habe mir einen interessanten Artikel der Jerusalem Post übersetzen lassen: „Gaza-Krieg und KI-Einsatz führen laut einer Studie des Taub-Zentrums zu steigender Arbeitslosigkeit im israelischen Technologiebereich. Die Arbeitslosenquote in der Branche ist gestiegen und liegt nun über dem Durchschnittswert der gesamten Wirtschaft; im Jahr 2024 gab es zudem einen starken Rückgang an freien Stellen.“

Was mich überraschte: Ein Viertel (!) aller nicht orthodoxen jüdischen Männer arbeitet im High-Tech-Sektor Israels, aber nur 12 Prozent der Frauen.

wages israel

Israels Technologiesektor, der wichtigste Motor der Wirtschaft, steht laut einer heute vom Taub Center for Social Policy Research veröffentlichten Studie vor einer besonders herausfordernden Phase.

Die Untersuchung stellte einen Anstieg der Arbeitslosigkeit unter Tech-Beschäftigten, einen Rückgang der offenen Stellen sowie wachsende soziale und geografische Unterschiede fest. Hauptgründe seien laut der Forscher die Folgen des Krieges sowie die beschleunigte Nutzung von KI.

Den Daten zufolge stieg die Zahl der Beschäftigten in Israels Hightech-Industrie zwischen 2014 und 2023 um rund 60 % – ein Zuwachs von etwa 150.000 Beschäftigten, vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung. Die Löhne stiegen deutlich und liegen weiterhin weit über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Seit Ausbruch des Krieges hat sich dieser Trend jedoch umgekehrt.

Die Arbeitslosenquote in der Branche ist gestiegen und hat den gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt überschritten. Im Jahr 2024 kam es zudem zu einem starken Rückgang offener Stellen, vor allem für junge und unerfahrene Beschäftigte – ein Phänomen, das als „Junior-Krise“ bezeichnet wird.

Die Studie basiert auf einer umfassenden Analyse der Daten der Arbeitskräfteerhebung 2023–2024 des Zentralamts für Statistik und untersucht den Arbeitsmarkt für Personen im Alter von 25 bis 64 Jahren. Dabei wurden die Erwerbsstatus verschiedener Bevölkerungsgruppen (beschäftigt, arbeitslos, arbeitssuchend) sowie demografische Merkmale wie Geschlecht, Sektor und Wohnort berücksichtigt.

Darüber hinaus wurden sogenannte KI-Expositionsindizes herangezogen, um einzuschätzen, in welchem Umfang typische Tätigkeiten in verschiedenen Berufen von KI-Systemen übernommen werden können, und um das Risiko einer Verdrängung von Arbeitskräften durch Automatisierung zu bewerten.

Die Studie zeigt zudem große Unterschiede in der Beschäftigung: Fast 25 % der nicht-haredischen jüdischen Männer arbeiten im Hightech-Sektor, verglichen mit nur etwa 12 % der nicht-haredischen jüdischen Frauen. In der haredischen Gesellschaft sind weniger als 10 % in der Branche beschäftigt, in der arabischen Gesellschaft weniger als 5 %.

Geografisch gesehen ist die Beschäftigung in den meisten Regionen des Landes zurückgegangen, insbesondere im Norden, rund um den See Genezareth und in Safed, während Jerusalem und die Jesreelebene einen leichten Anstieg verzeichneten. Tel Aviv bleibt zusammen mit Petach Tikva, Haifa und Rehovot führend in Bezug auf die Beschäftigung.

Gleichzeitig stellte die Studie fest, dass Tech-Dienstleistungen die Wirtschaft beim Einsatz von KI-Technologien anführen. Dieser Trend geht mit einem Rückgang bei Neueinstellungen sowie dem Ersatz von Fachkräften durch automatisierte Systeme einher. Die Forschenden warnen, dass langfristig ein deutlicher Beschäftigungsrückgang in der Branche zu erwarten sei, falls keine geeigneten politischen Maßnahmen ergriffen werden.

Prof. Gil Epstein, einer der Autoren der Studie, schreibt: „Die Implementierung von KI und die Beschleunigung der Automatisierung verändern das Gesicht der Beschäftigung in der Hightech-Industrie.“ Laut ihm sei ein spürbarer Rückgang der Zahl der Beschäftigten in Unterstützungsfunktionen zu verzeichnen, begleitet von steigenden Löhnen – ein Trend, der den Bedarf an beruflicher Umschulung und gezielten Qualifizierungsmaßnahmen verstärkt.

Das Taub Center empfiehlt zudem, dass die Regierung eine Strategie entwickelt, die die KI-Revolution nutzt, um hochwertige Beschäftigung zu fördern und Unterschiede abzubauen, insbesondere in Randregionen. „Dies ist eine Bewährungsprobe für die Wirtschaftspolitik Israels“, betonen die Forschenden, „denn die Erhaltung und Stärkung des wichtigsten Wachstumsmotors der Wirtschaft ist entscheidend für Erholung und langfristiges Wachstum.“
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ChatGPT könnte meine Frage, wie das in Deutschland aussieht, nicht exakt beantworten, nannte aber als Quelle eine Studie der Bundesagentur für Arbeit: „Der Arbeitsmarkt für IKT-Berufe im Kontext der Transformation“.

„Ich konnte keine verlässliche Quelle finden, die angibt, wieviel Prozent der deutschen Männer insgesamt im High-Tech-Sektor arbeiten. Ein paar relevante Hinweise:
* In Deutschland sind über 1,12 Millionen sozialversicherungspflichtige IKT-Fachkräfte beschäftigt.
* Der Anteilswert der Beschäftigung im Bereich „High- und mittel-hochtechnologische Fertigung“ liegt laut Eurostat für Deutschland bei etwa 9,60 % (Stand Dezember 2024)
* In der Digital- / Techbranche liegt der Frauenanteil laut Bitkom bei etwa 16 % ([Electro IQ][3]) — daraus ließe sich theoretisch ableiten, dass etwa 84 % der Tech-Beschäftigten Männer sind, aber das ist kein direkter Beleg für den Anteil aller Männer in der Gesamtbevölkerung oder im Arbeitsmarkt, der in High-Tech arbeitet.“

Wenn ich die Daten richtig interpretiere, ist der Anteil der Personen, die in Israel im High-Tech-Sektor arbeitet, fast drei Mal so hoch wie in Deutschland.




Das Scheitern der Mainstream-Ökonomie

dollars
Make a realistic photo with a white background of a thick bundle of dollar bills held together by a rubber band

Ich habe mir Michael Roberts Posting „Dollar decline; the failures of mainstream economics and epochal crisis – reviews auf seinem Blog (ist auch in der Blogroll) von Google und ChatGPT übersetzen lassen und das Ergebnis noch sprachlich feinjustiert korrigiert. In Deutschland erscheinen keine marxistischen Bücher zum Thema Ökonomie bzw. Kapitalismus, die es wert wären, rezensiert zu werden. Es gibt hier keine marxistischen Ökonomen, auch nicht bei der so genannten „Linken“. (Ich lasse mich gern des Besseren belehren.) Bei Roberts funktionieren nicht alle Links – das habe ich korrigiert. Meine Bücher-Links gehen zum Original oder zur Großbourgeoisie.

Es ist Hochsommer auf der Nordhalbkugel, daher dachte ich, es wäre an der Zeit, in Ruhe einige Bücher über die Trends der Weltwirtschaft zu rezensieren. Es handelt sich um kurze Rezensionen ohne große Tiefe, und ich schließe neue Bücher aus, die einer ausführlicheren Darstellung bedürfen.

Beginnen wir mit ein paar Büchern, die sich mit der wirtschaftlichen Hegemonie der USA und dem Dollar befassen. Der Mainstream-Ökonom Kenneth Rogoff hat Our dollar, your problem [auch in Deutsch verfügbar] veröffentlicht. Der Titel bezieht sich auf die Aussage des damaligen US-Finanzministers John Connally aus dem Jahr 1971, der seinen europäischen Amtskollegen sagte: Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem, als die USA beschlossen, den Dollar um 20 % abzuwerten, um ihre Handelsbilanz zu verbessern, die auf ein Defizit zusteuerte.

staatsverschuldung USA

In seinem Buch argumentiert Rogoff, dass die Vorherrschaft des Dollars (die sogenannte „Pax-Dollar-Ära“) auf den Weltmärkten möglicherweise zu Ende geht. Rogoff vermutet, dass dies nicht daran liegt, dass die USA ihren Anteil am Welthandel mit Waren verlieren – was aktuell auch Trump meint. Rogoff sieht keine Anzeichen dafür, dass andere Währungen den Dollar im Handel oder Finanzwesen ersetzen könnten. Der Grund für den Dollarverfall liege in den USA selbst, nämlich im enormen Anstieg der Staatsverschuldung, die mittlerweile auf 125 % des US-BIP zusteuert. Rogoffs Schlussfolgerung lautet: Wenn die außer Kontrolle geratene US-Schuldenpolitik weiterhin mit höheren Realzinsen und geopolitischer Instabilität kollidiert und der politische Druck die Fähigkeit der Federal Reserve, die Inflation konsequent zu zügeln, einschränkt, wird dies zum Problem aller.

Die Frage der Staatsverschuldung war schon immer Rogoffs Thema. Berühmt (oder berüchtigt) ist er für sein gemeinsam mit Carmen Reinhart verfasstes Buch „This Time is Different“, in dem er darlegt, dass Wirtschafts- und Finanzkrisen durch Schulden – insbesondere Staatsschulden – verursacht werden. Erreicht die Staatsverschuldung eines Landes ein bestimmtes Niveau, kommt es zu einer Währungskrise, die die Wirtschaft zum Einsturz bringt. Die Ironie dieses Arguments liegt darin, dass die empirische Arbeit von Rogoff und Reinhart, die diese These untermauerte, von einem Doktoranden als fehlerhaft entlarvt wurde.

Vor allem zwei Dinge: Erstens: Verursacht eine hohe Staatsverschuldung Krisen oder ist es umgekehrt? Langsames Wachstum und Konjunkturabschwünge führen zu einer Verringerung der nationalen Produktion und einem Anstieg der Staatsdefizite. Die Staatsverschuldung ist in allen großen Volkswirtschaften stark angestiegen, hauptsächlich aufgrund von Krisen im privaten Sektor, die zu Bankenzusammenbrüchen und Rezessionen führten. Regierungen retten Banken und insolvente Unternehmen durch die Ausgabe von Schuldtiteln und/oder die Gelddruckerei (quantitative Lockerung). So wird die Last des Zusammenbruchs des privaten Sektors auf den öffentlichen Sektor und dann durch Sparmaßnahmen, die die Schulden abbauen sollen, auf die arbeitende Bevölkerung abgewälzt. Zweitens: Der Anstieg der privaten Verschuldung stellt das Risiko für die Währung eines Landes dar. Dies wird von Rogoff ignoriert, der keine bösen Worte für den Kapitalismus übrig hat.

Der sozialistische Ökonom Jack Rasmus bietet eine deutlich bessere Erklärung für den relativen Niedergang des US-Imperialismus und des Dollars. Sein Buch erscheint ab Oktober. In seinem Buch „The Twilight of American Imperialism“ behandelt er den allmählichen Rückgang der US-amerikanischen Dominanz im verarbeitenden Gewerbe ab den 1970er Jahren, der zur Aufhebung der Bindung des US-Dollars an einen festen Goldpreis führte, sowie Connallys Bemerkungen.

Rasmus argumentiert, dass es die internen Widersprüche der US-Wirtschaft sind, die ihre Fähigkeit zur Aufrechterhaltung ihrer globalen Hegemonie geschwächt haben. Im 21. Jahrhundert haben die USA angesichts der Herausforderung durch die BRICS-Staaten und andere Widerstandsmächte zunehmend auf Kriege zurückgegriffen, um ihre Hegemonie zu verteidigen. Das amerikanische Imperium erreichte seinen Höhepunkt in Bezug auf globale wirtschaftliche Hegemonie und geopolitische und militärische Macht um die Mitte des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. Seitdem befindet sich das US-Imperium in all seinen wesentlichen Dimensionen – wirtschaftlich, politisch, sozial, technologisch und sogar kulturell – im Niedergang. Nun konzentriert sich Trump stärker auf die westliche Hemisphäre und den Pazifik und ordnet strategische Prioritäten neu, beispielsweise die Vorbereitung auf die wirtschaftliche und sonstige Einbindung der BRICS-Staaten, Chinas und Russlands sowie die Sicherung von Finanzierungsquellen für Militär- und Verteidigungstechnologien der nächsten Generation.

Blood and Treasure“ ist ein neues Buch von Duncan Weldon, jetzt beim Economist. Er argumentiert, dass Krieg zwar kostspielig sein mag, aber zeitweise auch notwendig war, damit Staaten globale Bedeutung erlangen konnten. Im Grunde wird Krieg von den wirtschaftlichen Bedürfnissen von Staaten und ihrer Elite getrieben. Tatsächlich könne die Geschichte des Krieges helfen, die moderne Ökonomie zu erklären, argumentiert Weldon. Meiner Ansicht nach ist der aktuelle Übergang der großen Volkswirtschaften vom Wohlfahrtsstaat zum Krieg kein Zufall, sondern das Ergebnis der zunehmenden Schwäche dieser Volkswirtschaften.

staatsverschuldung
Create a realistic photo that metaphorically depicts the rapid national debt

Dass das Geschehen im privaten Sektor für Krisen und Finanzkollaps relevanter ist als das im öffentlichen Sektor, war schon immer die starke Botschaft des postkeynesianischen linken Ökonomen Steve Keen. Keen ist kein Marxist – tatsächlich hat er viel darüber geschrieben, Marxens Wertgesetz als ungültig und irrelevant abzutun. Anstatt Veränderungen der Rentabilität als Schlüssel zu kapitalistischen Krisen zu betrachten, sieht Keen die „übermäßige“ private Verschuldung.

Keen übte in seinem Buch „Debunking Economics“ eine brillante Kritik der Mainstream-Ökonomie. Nun hat er ein neues Buch mit dem Titel Money & Macro from First Principles für Elon Musk und andere Ingenieure veröffentlicht, in dem er Elon Musks ökonomische Ideen, die auf der libertären Marktwirtschaft Milton Friedmans basieren, widerlegt. Wie Keen sagt, sind private Bankkredite gefährlicher für die wirtschaftliche Stabilität als Staatsausgaben. Keen glaubt, dass die globale Finanzkrise von 2008 durch eine private Schuldenblase verursacht wurde. Damit hat er oberflächlich betrachtet recht. Doch warum wurde der private Kredit zu einer Blase, die platzte? Meiner Ansicht nach waren es Kräfte in der „realen“ Ökonomie der Akkumulation und Produktion, die die zugrundeliegenden Ursachen darstellten, nämlich Veränderungen in der Kapitalrentabilität.

Während die Weltwirtschaft immer weiter aus dem Ruder läuft und Krisen zunehmender Intensität auftreten, mehren sich die Kritiker der „freien Marktwirtschaft“, der neoklassischen Ökonomie. Die jüngste Kritik stammt von Nat Dyer in seinem Buch „Ricardos Traum: Wie Ökonomen die reale Welt vergaßen“. Das Buch wirft der modernen Ökonomie vor, den Bezug zu den realen Belangen verloren zu haben, die ursprünglich klassische Ökonomen wie David Ricardo motivierten, der sich konkret mit Vermögensverteilung, Handel und Arbeitsdynamik beschäftigte. Stattdessen, so Dyer, sei die zeitgenössische Ökonomie zu abstrakt geworden und werde von mathematischen Modellen dominiert, die historische, politische und soziale Realitäten ignorieren. Dyer plädiert dafür, dass die Ökonomie wieder mit Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft in Verbindung treten müsse – ganz im Sinne Ricardos. Dyers Argumente sind nicht neu, da mehrere Autoren vor ihm dieselben Punkte vorgebracht haben. Aber sein Buch bietet dem Leser eine fesselnde Reise.

Brisanter ist „Hayeks Bastarde: Das neoliberale Projekt und die Auflösung der Demokratie“ von Quinn Slobodian. Dies ist ein aufschlussreicher Bericht darüber, wie sich die neoklassische Ökonomie, wie sie von vermeintlich objektiven Ökonomen wie Friedrich Hayek vertreten wurde, in eine neoliberale Politik der Privatisierung, Gewerkschaftsfeindlichkeit, Zerstörung öffentlicher Dienstleistungen und Deregulierung verwandelte. Aber mehr noch: Die Ökonomie Hayeks wurde von der extremen Rechten aufgegriffen. Slobodian argumentiert, dass die heutigen rechtsradikalen, antidemokratischen, libertären Anhänger Hayeks nicht gegen Freihandel und Märkte (mit Ausnahme von Arbeitsmigranten) seien, sondern Bastardkinder dieser Denkrichtung. Diese Bastarde glauben an Rassenunterschiede und Stämme: Rassen sollten nicht vermischt werden. Darüber hinaus ist es die weiße Rasse, die einen höheren IQ hat, wie die Entwicklung der Informationstechnologie in den Entwicklungsländern (!) zeigt. Inmitten der Weltkrise predigten die Bastarde der ‚freien Marktwirtschaft‘-Ökonomen Mises und Hayek eine Flucht aus der Demokratie in die Sicherheit: ins Gold, in die Familie, ins Christentum, ein Appell, sich von staatlichen Geldern zu trennen und in das Metall zu investieren, das schwer in der Hand liegt.

Ich erinnere mich, dass Hayek in seinem Buch „The Road to Serfdom“ [auf deutsch verfügbar von Carlos A. Gebauer: Hayeks Warnung vor der Knechtschaft: Eine kommentierte Einführung in das Jahrhundertbuch „The Road to Serfdom“ 80 Jahre nach seiner Erstausgabe) argumentierte, staatliche Kontrolle würde die „Demokratie“ und die Freiheit der Marktwirtschaft beenden. Nach der Lektüre des Buches schrieb Keynes an Hayek: Moralisch und philosophisch stimme ich praktisch in allen Punkten überein; und nicht nur, sondern zutiefst bewegt. Hayeks Antisozialismus war also nicht nur ein Aushängeschild libertärer Faschisten.

Peleriin society
Der Präsident des Centro de Estudios Públicos in Chile, Jorge Cauas, begrüßt die Konferenz „Grundlagen für ein freies Gesellschaftssystem“ im April 1981. Friedrich Hayek ist als vierter von links in der ersten Reihe zu sehen. (Centro de Estudios Públicos via Wikimedia Commons)

Hayek reiste nach dem Militärputsch, der General Pinochet an die Macht brachte, nach Chile. 1981, auf dem Höhepunkt der Diktatur, organisierte er Treffen der libertären Mont Peleriin society in Viña del Mar, Chile. Er gab der regierungsnahen Zeitung El Mercurio ein Interview (damals gab es natürlich noch keine regierungsfeindlichen Zeitungen), in dem er angeblich sagte: Mi preferencia personal se inclina a una dictadura liberal y no a un gobierno democrático donde todo liberalismo esté ausente (zitiert in Juan T. López, „Hayek, Pinochet y algún otro más“, El País, 22. Juni 1999. Eine grobe Übersetzung lautet: Meine persönliche Vorliebe tendiert zu einer liberalen Diktatur und nicht zu einer demokratischen Regierung, in der jeglicher Liberalismus fehlt.) Slobodian argumentiert, dass sich diese Ansichten im 21. Jahrhundert mit Leuten wie Jair Bolsonaro in Brasilien, Sebastian Kurz in Österreich, Donald Trump in den USA und jetzt Milei in Argentinien verbreitet haben. Viele vermeintliche Störer des Status quo sind weniger eine Gegenreaktion gegen den globalen Kapitalismus als vielmehr eine Gegenreaktion innerhalb des Kapitalismus.

Manche mögen argumentieren, dass auch China eine Diktatur sei, doch selbst wenn das stimmt, ist diese Diktatur kein Produkt von Hayeks „Bastarden“. Zwei neue Bücher über China sind erschienen, neben vielen, die im Laufe der Jahrzehnte veröffentlicht wurden. In „China im Aufstieg: Der Wandel struktureller Macht im Zeitalter der Multipolarität“ greifen Efe Can Gürcan und Can Donduran auf das Konzept der „strukturellen Macht“ der verstorbenen britischen Ökonomin Susan Strange zurück, um den Aufstieg Chinas zu erklären. Ihnen gefällt Stranges Ansatz zur Entwicklung, weil er eklektisch ist und Erkenntnisse aus verschiedenen Perspektiven, darunter Realismus, Liberalismus, Konstruktivismus und Marxismus, kombiniert. Mit dieser Mischung argumentieren die Autoren, dass Chinas Aufstieg nicht auf eine aggressive politische Kraft zurückzuführen sei, sondern auf eine „strukturelle wirtschaftliche Entwicklung“. Dies erscheint mir offensichtlich, und darüber hinaus fehlt dem Buch jede klare Botschaft zu den Ursachen des Aufstiegs Chinas.

Der chinesische Ökonom Xiaohuan Lan bringt es in seinem Buch Wie China funktioniert auf den Punkt. Es ist ein Bestseller in China [und kostet leider rund 90 Dollar]. Lan argumentiert, Chinas Aufstieg sei nicht primär auf den Aufstieg des kapitalistischen Sektors zurückzuführen, sondern vor allem auf die Rolle des Staates. Er sagt jedoch: Die Rolle des Staates zu betonen, ist sicherlich nicht dasselbe wie für eine Planwirtschaft einzutreten. Er behauptet, es gebe in China keine Planwirtschaft sowjetischen Stils mehr, und solches Gerede sei „nicht am Thema“. Ich finde diese Schlussfolgerung seltsam unvereinbar mit der Politik der KP, die zwar keine zentrale Planung sowjetischen Stils ist, aber dennoch einen Fünfjahresplan für Chinas Entwicklungsziele vorlegt, an dem sich Staat und Privatwirtschaft orientieren sollen. Xiaohuan Lan sieht Chinas Wirtschaftssystem in drei Komponenten: lokale Regierungen mit großen Ressourcen und großem Handlungsspielraum; eine mächtige Zentralregierung mit ausgeprägter Koordinations- und Kontrollfähigkeit; und ein gut organisiertes bürokratisches System mit starkem Humankapital. Ich denke, man könnte den staatlichen Finanzsektor und große Staatsunternehmen in allen Sektoren noch hinzufügen.

Schließlich gibt es einige neue Bücher, die die Widersprüche des Kapitalismus im 21. Jahrhundert erklären. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat ein Buch veröffentlicht, das einen Dialog zwischen ihm und Michael Sandel wiedergibt. Piketty ist vielen als Experte für weltweite Vermögensungleichheit bekannt und berühmt für sein Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert, das vor über zehn Jahren die Mainstream-Wirtschaftsmedien im Sturm eroberte. Michael Sandel lehrt politische Philosophie an der Harvard University und wird als „Rockstar-Moralist“ (Newsweek) und „der einflussreichste lebende Philosoph der Welt“ (New Statesman) bezeichnet.

In ihrem Buch „Equality: What It Means and Why It Matters“ [auf Deutsch verfügbar: „Die Kämpfe der Zukunft: Gleichheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert“] diskutieren Piketty und Sandel, wie Ungleichheit weltweit verringert oder beseitigt werden kann. Sie fordern Kapitalkontrollen, um reiche Menschen und Unternehmen davon abzuhalten, ihr Vermögen in Steueroasen weltweit zu verstecken. Piketty fordert zudem eine Rückkehr zur progressiven Einkommensbesteuerung, die neoliberale Regierungen seit 40 Jahren schrittweise abschafften. Um der zunehmenden Ungleichheit entgegenzuwirken, scheinen sich Piketty und Sandel auf eine Form des „demokratischen Sozialismus“ zu einigen. Dieser zielt auf eine Ausweitung des öffentlichen Dienstleistungsangebots, einschließlich Gesundheits- und Bildungswesen, und eine stärkere Arbeitnehmervertretung in Unternehmensvorständen ab, „um die Beteiligung und Partizipation an Entscheidungsprozessen in der gesamten Wirtschaft zu erweitern“.

Für mich scheint dies eine Rückkehr zur Politik der Sozialdemokratie zu sein, nämlich einer schrittweisen Reform des Kapitalismus, um ihn gerechter und kontrollierbarer zu machen – eine Politik, die in den 1970er Jahren, als das goldene Zeitalter des Kapitalismus nach dem Krieg zu Ende ging, kläglich scheiterte. Das Problem, Ungleichheit als Hauptwiderspruch des Kapitalismus zu betrachten, besteht darin, dass es keine Erklärung [von den oben genannten Autoren] für die Existenz von Ungleichheit gibt. Dies war eine der Schwächen von Pikettys Meisterwerk von 2014.

Ungleichheit entsteht [laut Marx] durch die Ausbeutung der Arbeitskraft durch das Kapital. Ungleichheit lässt sich nicht wesentlich verringern, indem man im Nachhinein versucht, Vermögen und Einkommen durch progressive Steuerpolitik oder bessere öffentliche Dienstleistungen umzuverteilen. Kapitalistische Akkumulation führt lediglich zu mehr Ausbeutung.

Schließlich präsentiert William I. Robinson in seinem Buch „Epochal Crisis: The Exhaustion of Global Capitalism“, das Anfang nächsten Monats erscheint [kostet mehr als 100 Dollar], eine umfassende Analyse der globalen Krise des Kapitalismus.

Robinson geht davon aus, dass die wachsenden Widersprüche im Kapitalismus außer Kontrolle geraten, während seine Fähigkeit zur globalen kapitalistischen Erneuerung erschöpft ist. Der Kapitalismus verliert seine Produktivkraft und gerät in eine beispiellose und vielschichtige Krise. Robinson präsentiert sowohl theoretische als auch empirische Belege für einen irreversiblen Rückgang der Reproduktionsfähigkeit des Kapitalismus. Die neuen digitalen Technologien (KI usw.) könnten dem globalen Kapitalismus zwar zu neuem Leben verhelfen, allerdings nur vorübergehend. Der Zeitrahmen für eine solche Erschöpfung beträgt nur Jahrzehnte.

Robinson untersucht die Grundprinzipien der marxistischen politischen Ökonomie und Krisentheorie sowie die politischen und ökologischen Komponenten dieser Erschöpfung. Strukturkrisen haben ihren Ursprung in der Entstehung von Hindernissen für den laufenden Akkumulationsprozess, d. h. für die Profitmaximierung. Akkumulationskrisen sind in Wirklichkeit das Ergebnis einer zu starken Akkumulation; es handelt sich um Überakkumulationskrisen oder die Überproduktion von Kapital im Verhältnis zur Profitabilität.

Robinson argumentiert, dass der Kapitalismus möglicherweise einer tiefen Krise seiner eigenen Reproduktion gegenübersteht. Ohne Klassenkampf zu dessen Sturz könnte das System jedoch noch Jahrzehnte überdauern, zumindest bis der Kollaps der Biosphäre und der Zusammenbruch der gesellschaftlichen Reproduktion im großen Maßstab die Reproduktion des Kapitals unmöglich machen. Es ist daher unmöglich, die Politik von der epochalen Krise des globalen Kapitalismus zu trennen.




Avocados

avocado

Wenn man noch nicht gut kauen kann und schon gar keine fest Nahrung, überlegt man natürlich, was sinnvoll ist, wenn man nicht aus den Latschen kippen will. Die Frage erinnerte mich wieder an meine Reisen: Kann man nichts kaufen, wie etwa am Fluss der Heiligen Schlange; auch bekannt als Rio Made de Dios: Was ist das Minimum, was mitzunehmen sei – neben dem unvermeidlichen Müsli – als Survival Kit?

Ich habe mal eine Woche lang nur von Kokosnüssen und Orangen gelebt, seitdem ist mir der Geschmack von Kokos nicht mehr angenehm.

Ich erinnerte mich heute an einen Rat, von wem auch immer er kam: Iss Avocados mit Zitrone. Heute fragt man die KI, ob das stimmt.

Warum Avocados gesund sind
Gesunde Fette: Sie enthalten viele einfach ungesättigte Fettsäuren (vor allem Ölsäure), die das Herz-Kreislauf-System unterstützen und den Cholesterinspiegel günstig beeinflussen können.
Ballaststoffe: Gut für Verdauung und Blutzuckerstabilität.
Vitamine und Mineralstoffe: Besonders reich an Vitamin K, E, C, B-Vitaminen (B5, B6, Folat) und Kalium (mehr als Bananen).
Antioxidantien: Enthalten Lutein und Zeaxanthin, die gut für die Augen sind.
Warum Zitronensaft dazu sinnvoll ist
Geschmack & Frische: Zitronensaft verhindert, dass Avocado braun wird (durch Hemmung der Oxidation).
Vitamin C: Fördert die Aufnahme von pflanzlichem Eisen (Avocado enthält etwas Eisen).
Säure-Balance: Die leichte Säure kann die Fettigkeit der Avocado ausgleichen und so die Verdauung etwas erleichtern.

By the way, Kapitalismus: Ich habe Bananen aus der Dominikanischen Republik gekauft, Orangen aus Südafrika und Avocados aus Kolumbien, alles im Supermarkt meines Vertrauens nebenan. Die Zitronen waren nicht gelabelt, aber stammen höchstwahrscheinlich nicht aus dem Sauerland. Wieso macht das Kapital noch Profite, wenn es preiswerte Produkte um die halbe Welt schicken muss? So niedrig können die Löhne in den Ländern doch gar nicht sein, dass das noch rentabel ist?

Du hast gefragt: „Wie hoch ist der durchschnittliche Gewinn für den ursprünglichen Verkäufer in Kolumbien, wenn Avocados von dort nach Deutschland exportiert werden? Zum Beispiel für 10 kg Avocados.“
Eine präzise Zahl lässt sich leider nicht eindeutig beziffern, da verlässliche und aktuelle Detaildaten zur Gewinnmarge der lokalen Erzeuger schwer verfügbar sind. Dennoch ergibt sich aus den Quellen ein hilfreicher Anhaltspunkt:
Was wir aus der Recherche wissen
– Laut einer Studie (Cornell Thesis, Pérez 2021) entfallen im Durchschnitt etwa 45,7 % des Erlöses auf Produktionskosten, was eine grobe Schätzung der Kostenbasis darstellt.

– Damit blieben dem Produzenten demnach theoretisch 54,3 % des Verkaufserlöses als Deckung für Gewinn, Risikopuffer und weiteres. Allerdings umfasst diese Zahl nicht Export-, Logistik- oder weitere Zwischenhandel-Kosten.

Hochrechnung für 10 kg Avocados (theoretische Modellrechnung)
Exportpreis pro kg (grobe Orientierung): ca. €4 → Gesamtverkaufspreis: €40
Produktionskosten (45,7 % vom Erlös): 45,7 % von €40 ≈ €18,28 → Produktionsaufwand
Potenzieller Rohdeckungsbeitrag: 54,3 % von €40 ≈ €21,72 → verbleibender Teil

Theoretischer Gewinn: ungefähr €21,70 für 10 kg (im Idealfall, ohne weitere Abzüge)

Wichtige Einschränkungen und Hinweise
– Die 45,7 % beziehen sich ausschließlich auf Produktionskosten. Exportkosten (Transport, Verpackung, Logistik, Zoll, Margen von Zwischenhändlern) sind in dieser Zahl nicht enthalten.
– Der tatsächliche Netto-Gewinn der Farmer fällt daher deutlich niedriger aus.
– Der Exportpreis pro Kilogramm variiert stark je nach Qualität, Markt, Saison oder Verpackung (z. B. ready-to-eat, Bio-Zertifikat).
– Für genaue Zahlen wären Branchenpublikationen oder Insider-Quellen nötig (z. B. von Exportverbänden wie CorpoHass, Produzenten-Zahlen, Handelspartnern o. ä.).
Fazit
– Basierend auf den Produktionskosten (45,7 %) bleiben rechnerisch ca. 54,3 % des Erlöses für den Produzenten übrig – idealerweise.
– In deinem Beispiel mit 10 kg Avocados (bei etwa €4/kg) läge der theoretische Gewinn bei rund €21,70 – allerdings ohne Abzug aller weiteren Kosten.
– Die realistische Marge ist deutlich geringer, da Transport, Logistik und Handel dazukommen.

Vielleicht sollte ich die KI marxistische Ökonomie lehren. Aber ich habe den Verdacht, dass die das schon alles weiß. Meine Avocados 2ind übrigens wirklich von CorpoHass – ich habe extra nachgeschaut.




Das Interesse des Kapitals

Eric X. Li

Ich darf die Leserschaft auf ein kurzes, aber höchst interessantes Interview (auf Instagram und auf Facebook) mit dem chinesischen Milliardär Eric Xun Li (IMHO) aufmerksam machen. (Übersetzung unten)

„Why this Chinese billionaire says the West got it all wrong“

In America you can change political parties but you can’t change the policies. In China you cannot change the party but you can change policies.

Question: So in that time, China seeks to be communist. Is that what you are saying?

Well, China is a market economy and it’s a vibrant market economy but it is not a capitalist country. Here’s why. There’s no way a group of billionaires could control the poly bureau. As billionaires control American policy making. So in China you have a vibrant market economy but capital does not rise above political authority. Capital is not.. does not have enshrined rights.

In America, capital, the interest of capital and capital itself has risen above the American nation. The political authority cannot check the power of capital. That’s why America is a capitalist country but China is not.

Us so in the 65 or 66 years, China is being run by one single party yet … the political changes have taken place in China in this past 66 years have been wider and broader and greater than probably any other major country in modern memory.“

„In Amerika kann man die politische Partei wechseln, aber man kann die Politik nicht ändern. In China kann man die Partei nicht wechseln, aber man kann die Politik ändern.

Frage: Also zu dieser Zeit strebt China danach, kommunistisch zu sein. Ist das, was Sie sagen?

Nun, China ist eine Marktwirtschaft, und es ist eine lebendige Marktwirtschaft, aber es ist kein kapitalistisches Land. Und zwar aus folgendem Grund: Es ist undenkbar, dass eine Gruppe von Milliardären das Politbüro kontrollieren könnte – so wie Milliardäre die amerikanische Politik bestimmen. In China gibt es also eine dynamische Marktwirtschaft, aber das Kapital steht nicht über der politischen Autorität. Das Kapital hat keine verbrieften Rechte.

In Amerika hingegen ist das Kapital – das Interesse des Kapitals und das Kapital selbst – über die amerikanische Nation hinausgewachsen. Die politische Autorität ist nicht in der Lage, die Macht des Kapitals einzuschränken. Deshalb ist Amerika ein kapitalistisches Land, China aber nicht.

In den 65 oder 66 Jahren, in denen China von einer einzigen Partei regiert wurde, haben politische Veränderungen stattgefunden, die breiter, tiefgreifender und umfassender waren als in wahrscheinlich jedem anderen bedeutenden Land in der neueren Geschichte.“

Ist es das, was Marx mit der „Diktatur des Proletariats“ vorschwebte – dass die Politik über den Interessen des Kapitals steht? Darüber muss ich noch nachdenken.




Factories won’t need people

kommunismus

Hiermit teile ich dem Publikum mit, dass der Kommunismus schon da ist. Nur hat es kaum jemand gemerkt:

Xiaomi has built a fully automated factory in Changping, Beijing. It runs 24/7 without production workers, using AI and robotics to assemble one smartphone every second. The factory operates in the dark — only maintenance staff are present and it can produce up to 10 million phones per year.

This setup is called a „dark factory.“ It’s fully automated from end to end, and AI monitors and adjusts production in real time. There’s also an automated system that keeps the environment dust-free. Xiaomi invested about $330 million in the project.

It’s a clear example of where high-volume manufacturing is headed — faster, cleaner, and increasingly autonomous.

How soon before factories like this become the norm outside China too?

Was machen eigentlich die Arbeiter, wenn sie nicht mehr gebraucht werden?

„…während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden. (Karl Marx/Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, MEW 3, S. 33, 1846/1932)