Die Schuldenmaschine
Ce qu’il y a de certain, c’est que moi, je ne suis pas marxiste.“ („Wenn es etwas Gewisses gibt, so ist es, dass ich kein Marxist bin.“) (Karl Marx, MEW 35, S. 388)
Der Befehl an ChatGPT lautete: „Schreibe einen journalistischen Artikel aus marxistischer Sicht über die gegenwärtige Entwicklung der Staatsschulden der USA und wie sich das entwickeln wird.“
Natürlich weiß die Künstliche Intelligenz nicht, was „marxistisch“ ist – genausowenig wie Marx. Aber einen Versuch ist es wert.
Michael Linden schrieb am 10.03.2026 auf Golem: „Sollte künstliche Intelligenz in wenigen Jahren nahezu alle intellektuellen Tätigkeiten übernehmen können, stellt sich eine unbequeme Frage: Was bleibt dann noch für den Menschen zu tun?“
Zum Beispiel: die KI zu kritisieren, ihr zu widersprechen und deren bürokratische Sprache zu verbessern. Ich müsste aber sehr lange daran arbeiten. Das mache ich nicht, weil mir niemand das bezahlt.
Die Schuldenmaschine
Wie der amerikanische Staat seine Krise finanziert – und wer dafür bezahlen soll
Die Vereinigten Staaten steuern auf einen historischen Schuldenstand zu. Für das Haushaltsjahr 2026 erwartet das überparteiliche Congressional Budget Office (CBO) ein Defizit von rund 1,9 Billionen US-Dollar. Die von privaten Anlegern, Banken, Fonds, ausländischen Staaten und der Zentralbank gehaltenen Bundesschulden sollen zum Ende des Haushaltsjahres etwa 32,1 Billionen Dollar beziehungsweise 101 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erreichen. Bis 2036 prognostiziert das CBO einen Anstieg auf 56 Billionen Dollar oder 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der bisherige Rekord aus dem Jahr 1946 wäre damit überschritten. Unter unveränderter Gesetzeslage könnten es 2056 bereits 175 Prozent des BIP sein. ([CBO, Haushaltsausblick 2026–2036]
In der öffentlichen Debatte erscheinen diese Zahlen meist als technisches Problem: Der Staat gebe mehr aus, als er einnehme, und müsse irgendwann „sparen“. Aus marxistischer Sicht greift diese Darstellung zu kurz. Staatsschulden sind nicht bloß das Ergebnis einer schlechten Buchführung. Sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ihnen stehen immer Forderungen gegenüber – und damit Eigentümer, die Anspruch auf Zinszahlungen aus den künftigen Staatseinnahmen erheben.
Wenn etwas „Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse“ sein soll, muss man misstrauisch werden. Das ist ein sinnfreier Textbaustein. Aber vielleicht erklärt uns die KI das jetzt?
Schulden als Klassenverhältnis
Eine Staatsanleihe verwandelt zukünftige Steuereinnahmen in einen heute handelbaren Vermögenstitel. Der Staat leiht sich Geld und garantiert dessen Rückzahlung samt Zinsen. Für Banken, Investmentfonds, Versicherungen, Unternehmen und vermögende Haushalte werden Staatsschulden dadurch zu relativ sicheren Finanzanlagen. Was auf der Passivseite des Staates als Schuld erscheint, steht auf der anderen Seite als Vermögen.
Das gefällt mir: Dieser Satz würde so nie in einem Wirtschaftsteil der bürgerlichen Presse stehen. Die Lohnschreiber haben einen gesunden Klasseninstinkt und vermeiden, dass das dumme Volk auf dumme Gedanken kommt dergestalt, dass die Arbeiterklasse („breite Bevölkerung“) immer bezahlt. Ich würde so einen Artikel, obzwar harmlos, auch nie irgendwo unzensiert unterbringen können.
Die Bedienung der Schulden erfolgt aus dem Staatshaushalt, also insbesondere aus Steuern. Ist das Steuersystem so gestaltet, dass Arbeitseinkommen und Massenkonsum stärker belastet werden als große Vermögen und hohe Kapitaleinkommen, findet über den Schuldendienst eine Umverteilung statt: von der breiten Bevölkerung zu den Besitzern staatlicher Wertpapiere.
Das bedeutet nicht, dass jede Staatsverschuldung automatisch gegen die arbeitende Bevölkerung gerichtet wäre. Mit Krediten lassen sich Schulen, Krankenhäuser, öffentlicher Wohnungsbau oder der ökologische Umbau finanzieren. Entscheidend sind der Zweck der Ausgaben, die Eigentumsverhältnisse und die spätere Verteilung der Finanzierungslasten. In den USA wurden Defizite jedoch über Jahrzehnte auch durch Steuersenkungen, militärische Ausgaben, Krisenrettungen und Subventionen für private Akkumulation vergrößert.
Eine Billion Dollar Zinsen
Die Dynamik hat inzwischen eine neue Qualität erreicht. Für 2026 erwartet das CBO Nettozinsausgaben von mehr als einer Billion Dollar. Bis 2036 sollen sie auf rund 2,1 Billionen Dollar oder 4,6 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Dann wären die Zinskosten fast so hoch wie sämtliche sogenannten diskretionären Ausgaben des Bundes – also jener Teil des Haushalts, über den der Kongress regelmäßig entscheidet. Für 2056 prognostiziert das CBO Zinsausgaben von 6,9 Prozent des BIP, mehr als jeweils für Social Security oder Medicare.
Damit entsteht eine sich selbst verstärkende Bewegung: Der Staat macht Defizite, nimmt neue Kredite auf und muss auf den wachsenden Schuldenberg Zinsen zahlen. Ein Teil dieser Zinsen wird wiederum durch neue Schulden finanziert. Gleichzeitig werden ältere, niedrig verzinste Anleihen bei Fälligkeit durch neue Papiere ersetzt. Das CBO erwartet deshalb, dass der durchschnittliche Zinssatz auf die öffentlich gehaltenen Bundesschulden von etwa 3,4 Prozent im Jahr 2026 auf rund 3,9 Prozent gegen Ende des kommenden Jahrzehnts steigt.
Im bürgerlichen Sprachgebrauch heißt das, steigende Zinskosten würden den „finanziellen Spielraum“ des Staates einschränken. Klassenpolitisch übersetzt bedeutet es: Ein wachsender Teil des Haushalts wird vorab für die Ansprüche von Gläubigern reserviert. Der Schuldendienst erhält Vorrang vor politisch verhandelbaren Ausgaben.
Warum die USA nicht Griechenland sind
Der Dollar ist zugleich die wichtigste Reserve-, Handels- und Finanzierungswährung der Welt. US-Staatsanleihen dienen im globalen Finanzsystem als zentrale Sicherheiten und als Aufbewahrungsmittel für überschüssiges Kapital.
Diese Sonderstellung gibt Washington erheblich mehr Spielraum als Ländern, die sich in einer fremden Währung verschulden oder von ausländischen Kreditgebern abhängig sind. Die US-Regierung kann Dollarzahlungen grundsätzlich leisten, solange das eigene politische System die Ausgabe neuer Schuldtitel erlaubt.
Auch ausländische Investoren ziehen sich bislang nicht geschlossen zurück. Im Mai 2026 verzeichnete das US-Finanzministerium sogar umfangreiche Nettokäufe langfristiger amerikanischer Wertpapiere durch ausländische Anleger. Allerdings verkauften ausländische staatliche Institutionen per saldo andere US-Anlagen, während private Investoren den Zufluss trugen. Solche Monatswerte schwanken stark; sie zeigen aber, dass von einer allgemeinen Flucht aus dem Dollar gegenwärtig keine Rede sein kann. [Quelle: US-Finanzministerium]
Der Dollar ist jedoch keine Naturgewalt. Seine Stellung beruht auf der Größe der US-Wirtschaft, der Macht ihrer Finanzmärkte, den militärischen und politischen Bündnissen des Landes und dem Fehlen einer gleichwertigen Alternative. Eine zunehmende geopolitische Fragmentierung kann diese Vorherrschaft langfristig abschwächen. Ein abrupter Zusammenbruch ist weniger wahrscheinlich als eine langsame Erosion, die höhere Zinsen und stärkere Wechselkursschwankungen zur Folge haben könnte.
Die kommende Verteilungsauseinandersetzung
Die Schuldenentwicklung wird in den nächsten Jahren voraussichtlich nicht durch einen spektakulären Zusammenbruch entschieden, sondern durch politische Kämpfe um ihre gesellschaftlichen Kosten. Vier Wege sind denkbar, die sich miteinander verbinden können.
Erstens kann der Staat Einnahmen erhöhen. Dabei wäre entscheidend, ob er hohe Einkommen, Vermögen, Erbschaften und Unternehmensgewinne stärker besteuert oder die Belastung über Verbrauchsteuern und Abgaben nach unten weitergibt.
Zweitens kann die Regierung Ausgaben kürzen. Politisch werden dabei Sozialprogramme und öffentliche Dienstleistungen häufig als erstes Sparfeld dargestellt, obwohl auch Militärhaushalt, Unternehmenssubventionen und Steuervergünstigungen enorme Mittel binden. Austerität wäre keine neutrale Haushaltskorrektur, sondern eine Entscheidung darüber, welche Klasse auf Einkommen und Leistungen verzichten soll.
Drittens können Inflation und finanzielle Repression einen Teil der realen Schuldenlast entwerten. Bleiben die Zinsen zeitweise unter der Inflationsrate, verlieren die Forderungen der Gläubiger real an Wert. Gleichzeitig trifft Inflation Beschäftigte besonders hart, wenn ihre Löhne nicht entsprechend steigen. Auch dieser Weg führt daher zu einem Verteilungskonflikt zu einem verschärften Klassenkampf.
Viertens könnten Wirtschaftswachstum und produktive öffentliche Investitionen die Schuldenquote stabilisieren. Steigt die Wirtschaftsleistung schneller als die Schulden, sinkt deren relatives Gewicht. Doch Wachstum allein löst weder die ökologische Krise noch die Frage, wem die Ergebnisse der Produktion gehören.
Kein automatisches Ende des Kapitalismus
Eine marxistische Analyse sollte sich vor der verlockenden, aber falschen Prophezeiung hüten, der Kapitalismus werde unter seiner Schuldenlast automatisch zusammenbrechen. Hohe Staatsschulden können das System destabilisieren, sie können es aber ebenso stützen. In Krisen übernimmt der Staat private Verluste, stabilisiert Banken, garantiert Märkte und schafft sichere Anlagen für Kapitalbesitzer. Die Verschuldung ist damit zugleich Krisensymptom und Kriseninstrument.
Wahrscheinlicher als ein plötzlicher Zahlungsausfall ist deshalb folgende Entwicklung: Die Schulden und Zinsausgaben steigen weiter; Finanzmärkte verlangen zeitweise höhere Renditen; der politische Druck zu Einschnitten wächst; und die herrschenden Parteien versuchen, diese Einschnitte als alternativlose Sachzwänge darzustellen. Gleichzeitig bleibt die US-Regierung aufgrund des Dollars und der Tiefe ihrer Kapitalmärkte über längere Zeit handlungsfähig.
Das CBO weist selbst darauf hin, dass seine Zahlen keine Vorhersage im engeren Sinn sind. Sie beschreiben, was unter der Annahme weitgehend unveränderter Gesetze geschehen könnte. Rezessionen, Kriege, Finanzkrisen, Steuersenkungen oder neue Sozialprogramme können die Entwicklung erheblich verändern. Nach der gegenwärtigen Basisprojektion steigt das jährliche Defizit jedoch bis 2036 auf etwa 3,1 Billionen Dollar.
Die eigentliche Grenze der US-Staatsverschuldung ist daher nicht eine magische Schuldenquote. Sie liegt dort, wo Inflation, Zinslast, politische Instabilität und nachlassendes Vertrauen die Handlungsmöglichkeiten des Staates einengen. Wann dieser Punkt erreicht wird, lässt sich seriös nicht datieren.
Sicherer ist eine andere Prognose: Je größer die Zinslast wird, desto schärfer wird der Kampf um den Staatshaushalt.
Genau darin zeigt sich der Klassencharakter der Schuldenfrage.
















































