Unter jugendbewegten Antifeministen

Margarete Buber-Neumann

Ich lese gerade, um mich zwischendurch von englischen Sachbüchern zu erholen, von Margarete Buber-Neumann: Von Potsdam nach Moskau. Situationen eines Irrwegs. (Was für ein Leben!)

„Nach dem Kriege wurden in der Kommunistischen Bewegung die gleichen »neuen Wege der Liebe« nicht nur ausgiebig diskutiert, sondern auch in Wirklichkeit beschritten; übrigens nur sehr selten von Arbeitern, hauptsächlich von ihren bürgerlichen Anhängern. Viele Kommunisten lehnten die vom Staat sanktionierte Ehe ab, waren der Meinung, daß eine Liebesbeziehung auf der privaten Abmachung der beiden Partner beruhen müsse, und hielten ein Zusammenleben von Mann und Frau ohne wirkliche Liebe für schändlicher als Prostitution.

In der Jugendortsgruppe Potsdam gab es einige, die sich stolz »Antifeministen« nannten und behaupteten, daß die Freideutschen ursprünglich ein »Männerbund« gewesen seien, das brauche man ja nur beim Chronisten und einem der Schöpfer der Jugendbewegung, bei Hans Blüher, nachzulesen. Gerade damals hörte ich über diesen »Vater« der Jugendbewegung eine bezeichnende Geschichte. Er führte so etwas wie eine psychoanalytische Sprechstunde durch, in der er sich die seelischen Beschwerden von Patienten und Patientinnen anhörte. Einmal kam ein Mädchen zu ihm, um sich ihr Herz zu erleichtern. Er hörte sie an, verließ dann das Zimmer, um kurz danach, in einen purpurroten Mantel gehüllt, wieder im Beratungszimmer zu erscheinen. Er trat vor das verblüffte Mädchen, öffnete den Mantel, unter dem er nackt war, und sagte mit Pathos: »Das fehlt dir! Und nichts anderes …« Ob das Mädchen durch den Anblick geheilt wurde, muß ich bezweifeln, denn sie erzählte später angeekelt: »Dabei war er auch noch klein, häßlich und rothaarig!«“