Das ferne Flüstern der Tropen

Brief aus Puerto Maldonado, Peru, vom 29.06.1984, angekommen am 09.07.
Über Puerto Maldonado hatte ich am 01.04.2020 („Nicht an der blauen Donau“) und am 09.07.2019 („Faustinos Ort oder: Aguirre lässt grüßen“) ausführlicher geschrieben. Ankunft: „Puerto Maldonado, Freitag, 28. Juni: Wir haben es geschafft! Unter schier unbeschreiblichen Umständen und den sie begleitenden Gefühlen und Eindrücken.“

Puerto Maldonado, am 28.06.1984 vom Rio Madre de Dios aus fotografiert.
Puerto Maldonado, Peru. 29.6. [1984]
Liebe Eltern!
Wir haben es geschafft, die sogenannte Zivilisation hat uns wieder. Nach 6 Wochen Urwald sind wie heilfroh, wieder in einem Ort mit Straßenanschluß in die Anden, Cafés und Läden zu sein, wo man fast alles kaufen kann, was das Herz und auch der Magen begehren.
3 Monate fast waren jetzt in Bolivien, und was haben wir nicht alles erlebt! Die Zeit ging so schnell dahin, daß wir in Peru jetzt nur noch 3 Wochen rund um Cusco vorgesehen haben und dann auf dem schnellsten Weg nach Lima reisen werden, um noch wenigstens vor meinem Geburtstag {im August] wieder in Berlin zu sein. Wir haben auch so wenig Geld ausgegeben, ohne uns groß einzuschränken! Nicht mehr als 12 DM am Tag – und das die ganze Zeit!
Die Nachwirkungen des Urwalds werden wir allerdings noch einige Zeit spüren. Von oben bis unten alles voller juckender Moskitostiche, die sich teilweise zu Beulen entwickelt haben. B. hat sich Würmer eingefangen, daß wir gestern, als ihr Fieber auf fast 40 Grad stieg, noch zu einem Arzt gefahren sind (mit einem Mopedtaxi), de zum Glück mit Sproitzen ausgestattet war, sodaß es ihr heute besser geht, und die Tiechen werden in ein paar Tagen abgetötet sein.
Unsere Mägen sind auch leicht angeschlagen, zumindest bis gestern, weil wir uns die letzte Woche von Tapir- und Affenfleisch ernährt und Mehl gekauft haben (das einzige, was es außer Reis zu kaufen gab), daß so von kleinen Tierchen und Würmern wimmelte, daß wir es in mühevoller Kleinarbeit ganz mit unserem Teesieb durchgesiebt haben.

Puerto Maldonado, früher auch bekannt als Faustinos Ort
Ja, wie soll ich meine Eindrücke über den Atlantik schicken? Ich weiß auch gar nicht mehr, was in dem letzten Brief stand. Wenn etwas doppelt vorkommt, ist es ja halb so schlimm. Also macht es euch bequem und lauscht dem fernen Flüstern der Tropen!
Bolivien! Ich sitze am Bug eines kleinen Urwalddampfers, der gemütlich im Fahrradtempo dahintuckert, kratze mich und schlage hier und dort nach bösartig summenden Moskitos und danke dabei an den berühmten Film Klaus Kinskis „Aguirre, der Zorn Gottes“ über einen spanischen Eroberer, der sich mit eine Handvoll Abenteurer von der Truppe Pizarros gelöst hat und mit einem Floß einen ähnliches Fluß langgefahren ist -vielleicht war es sogar dieser? [Es war der Amazonas.] Auch vorn sitzend deklamiert er: „Alles Land, rechts und links des Flußes, soweit das Auge reicht, erkläre ich für mein Eigentum!“ Dabei ist nichts zu sehen, nur der Urwald.
Aber wenn man genauer hinsieht – und das Schifflein fährt soweit wie möglich am Ufer, um der starken Strömung in Gegenrichtung zu entgehen – löst sich die grüne Mauer auf und Einzelheiten werden deutlich: Da gibt es riesige Palmen, deren Wedel sich über das Ufer neigen, anderen haben ihre Wedel so hochgestellt, als wenn sie einer unsichtbaren Person ständig Luft zufächeln müßten. Baumriesen, deren Wurzeln schon 1 Meter über der Erde sich ausbreiten, werden von Lianen und Schlingpflanzen überwuchert, die sich so eng um den Stamm schligen, daß dieser beim Wachsen Knoten bildet! Dazwischen weißstämmige Bäumchen, die fast wie ein Birkenwälchen aussehen. Abgestorbene Stümpfe und Baumstämme sind vom Rand in den Fluß gestürzt und gefährden das Schiff, weiße Fischreiher warten geduldig am Ufer, manchmal flattern Scharen bunter Vögel auf, die sich krächzend über das Motorengeräusch aufregen, häufig springen vorn Fische aus dem Wasser, als ob sie neugierig auf die Störenfriede wären, manchmal erhebt sich das rostrote Ufer 10m über das Wasser und man sieht, mit welcher Gewalt die tobenden Fluten in der Regenzeit am Urwald nagen.

Riberalta, der Ausgangspunkt für den Pando-Dschungel Boliviens. Auf den Booten kann man Kautschuk-Rollen erkennen.
Die Luft ist schwül und schwirrt förmlich vor geflügelten Insekten jeder Größe und Bauart, und wenn man das Land betritt, merkt man schnell, daß sich unter der „Grasnarbe“ das Reich der Ameisen befindet, die so groß wie ein Fingerglied sind und dem Menschen die „Herrschaft“ ohne weiteres streitig machen.
Der Gesamteindruck aus der Ferne: Ein stiller, aber gnadenloser Kampf um das bißchen Sonne, das von den höchsten Blätterdächern nach unten gelassen wird – wie viele Männer, die mit Schlangen ringend, zu Pflanzen erstarrt sind. Wir sind im Pando-Dschungel!
Das bedeutet: Hunderte von Kilometern ringsum nur Indianer, Goldsucher und Kautschuksammler. Bei den Indianern hieß der Rio Madre des Dios („Mutter-Gottes-Fluß“) „die Schlange“, weil er sich wie eine endlose Schlange in Mäandern vom Fuße der Anden bis nach Brasilien hinein schlängelt, wo er zu einem Nebenfluß des Amazonas wird.
Wir reisen schon 5 Tage auf dem Schiff, nachdem wir 4 Tage in Hängematten in einem kleinen Hafen auf den Kapitän gewartet haben. Zu essen gibt es Fisch, Kochbananen und den ewigen Reis und das morgens, mittags und – wenn der Maschinist, der gleichzeitig auch Koch ist, Lust hat, abends auch. Zum Glück haben wir uns schon vorher mit Obst eingedeckt, und für alle Fälle haben wir noch eine große Dose Müsli in Reserve. Außerdem haben wir für ca. 2 Wochen Benzin mit und können uns selbst Fisch zu bereiten. Komisch, daß ich erst nach fast 1 1/2 Jahren Südamerika meinen ersten Fisch selbst ausgenommen habe!

Chivé im bolivianischen Teil des Pando nahe der Grenze zu Peru
Wir entscheiden uns nach langer Diskussion mit der Besatzung und einigen Passagieren, eine Tagesreise von der peruanischen Grenze, in einem kleinen Urwalddorf namens Chivé auszusteigen, um, wenn möglich, zu sehen, wie Kautschuk gesammelt wird. Spät in der Nacht erreichen wir unser Ziel, strömender Regen, aber warm, oben am Ufer eine schwankende Funzel, die Taschenlampe des Kapitäns irrt auf und ab, und wir quälen uns in voller Marschausrüstung den glitschigen Abhang hinauf, doch neugierig und zusätzlich noch froh, dem Schiff entkommen zu sein.

Vor der Lagerhalle für Paranüsse in Chivé
Oben stehen ein paar Leute, die flüstern: „dos gringos vienen!“ („zwei Ausländer kommen“) Später erfahren wir: im vorigen Jahr war auch schon einmal einer da – und vor 5 Jahren auch schon mal welche. Unser „Hotel“ ist recht „komfortabel“: eine große Lagerhalle, mit Palmwedeln gedeckt, wo wir unsere Hängematten und Moskitonetze inmitten von Millionen von Paranüssen aufhängen, von draußen beobachtet von Dutzenden von Kindern und anderen Neugierigen.
Außer uns „wohnt“ noch eine andere Familie mit vielen Kindern in dem Schuppen. Sie sind so arm, daß sie kein eigenes Haus haben und außerdem bei dem „patron“, dem Besitzer des ganzen Landes ringsum, verschuldet (solange wie kein eigenes Land bebauen, müssen sie beim „patron“ Lebensmittel kaufen, die doppelt so teuer sind wie sonst üblich). Das Mann kann keine Dinge anbauen, weil er für den patron arbeiten muß, um abzuzahlen, er wird aber nie abzahlen können, weil er Lebensmittel kaufen muß. Aber ich gerate ins Plaudern.

Marsch durch den Urwald (ungefähr hier), fotografiert Ende Juni 1984. Meine damalige Freundin und ich waren auf dem Weg zu einem Kautschuksammler samt Familie. Man hatte uns gesagt, der „Weg“ sei leicht zu finden. Vermutlich hätte Winnetou die Aufgabe als „leicht“ empfunden, wir waren ganz schön verunsichert.
Wir kriegen eine Einladung von einem Siedler und Kautschuksammler, der eine Stunde Fußmarsch [entfernt] im Urwald wohnt, an einem idyllischen, aber braunen Fluß, mit Holzhäuschen und frisch gerodetem Feld, das noch voller verkohlter Baumstümpfe ist, wo aber schon Papaya, Apfelsinen, Reis, Mais und Kürbis wachsen. Bei dieser Gelegenheit kriegen wir Affenfleisch serviert, weil die Leute hier so ziemlich alles essen, was sich bewegt.
Wir gehen mit und lernen, wie man Kautschuk aus den Bäumen zapft, wie man Yucca pflanzt und erntet und sonst allerlei interessante Dinge [gemeint ist Maniok oder Cassava.]
Abends liegen wir in der Hängematte und betrachten die Sterne, inklusive der ganz klar zu sehenden Milchstraße und dem schon von Kolumbus erwähnten „Kreuz des Südens.“ Wenn nur nicht die Moskitos wären – sie stechen sogar durchs Hemd und durch die Hose, wenn sie eng anliegen.
Nach einigen Tagen marschieren wir ins Dorf zurück, müssen aber insgesamt fast eine Woche warten, bis ein kleines Boot, das noch zwei andere Kähne im Schlepptau hat, Richtung Puerto Maldonado fährt. Wir liegen nachts auf dem Schiff, zusammen mit 200 Säcken Paranüssen, und versuchen, trotz des Motos und der Kälte einzuschlafen. Die Kälte – das ist der „sur“, der Südwind, der alle 2 Wochen kommt, begleitet von heftigen Regengüssen, und die Temperatur innerhalb von zwei Stunden von knapp 40 Grad auf 15 Grad sinken läßt! Was das für den Kreislauf bedeutet! Wir hatten gerade das Pech, auf der letzten „Schiffsreise“ Kälte zu haben, aber jetzt ist es schon wieder wärmer.

Auf dem Rio Madre des Dios kurz vor Puerto Maldonado
Ein anderes Mal fuhren wir mit einem Kahn einen Fluß entlang und mußten ihn ständig schieben – aber das kann ich auch erzählen anhand von Fotos. Die letzten zwei Wochen funktionierte allerdings der Belichtungsmesser der Kamera nicht mehr, weil die Batterie ausgefallen war. Vielleicht sind die Fotos alle zu hell oder dunkel. [Nein, waren sie nicht.] Aber jetzt reicht’s mit dem Urwald.
Wir haben dreimal lange warten müssen, das erste Mal eine Woche [in Reyes], das zweite [Mal] elf Tage [in Riberalta], das dritte Mal 5 Tage [in Chivé], weil entweder unser Flugzeug oder das Schiff einfach nicht aufzutreiben war. Beim ersten mal – als nach 11 Tagen Verspätung die Militärmaschine endlich kam -flog der Pilot erst mal ganz woanders hin – zur brasilianische Grenze [nach Cobija], wo wir eine Nacht auf dem Fußboden einer überfüllten Herberge schlafen mußten, bis es am nächsten Morgen zu unserem eigentlichen Ziel weiterging.

Llallagua in Bolivien. Das Foto zeigt den Eingang der Zinnmine Catavi-Siglo XX. Catavi war das größte Bergwerk Lateinamerikas. Die Mine war für Touristen geschlossen, wir hatten uns aber eine Sondergenehmigung der Comibol in La Paz geholt.
Ich glaube, in dem letzten Brief hatte ich von unserem Marsch nach Chipaya berichtet. Was ist nicht alles dazwischen passiert! Zum Beispiel: Wir stehen, ausgestattet mit Gummistiefeln, Grubenhelm und Grubenlampe am Eingang der der größten Zinnmine und warten zusammen mit den Bergleuten auf die Bimmelbahn, die uns durch endlose, zugige und feuchte Stollen in den Berg fährt. Mit Leitern geht es auf und ab, das Ganze untermalt vom dumpfen Grollen unterirdischer Sprengungen. In einer Ecke kauert eine hölzerne Gestalt mit bunt bemaltem Gesicht, Konfetti auf dem Kopf, eine Bierflasche und riesigem Penis. Das ist der „tio“ (der Onkel), der Gott und Schutzheilige, dem die Bergleute Bier hinstellen wie dem Klabautermann. Der tio ist vor vielen tausend Jahren, noch vor der Inkazeit, eine Frau gewesen, die Erdgöttin, später, mit der Herausbildung großer Staaten, wurde sie zum Mann wie fast alle Götter der Inkas, und zuletzt gestaltete ihn die katholische Kirche, weil sie seine Verehrung nicht verhindern konnte, zu einem bösen Dämon um, vor dem man Angst haben sollte. Dabei lacht er diebisch und macht sich scheinbar vor den erschrockenen Gringos lustig!

Der Markt von Tarabuco in den bolivianischen Anden
Bolivien – das ist z.B. der Sonntagsmarkt von Tarabuco, hoch in den Anden. Schon am Samstag ziehen endlose Karawanen von hoch bepackten Eseln aus dem Gebirge ins Dorf ein, der Platz füllt sich mit schwatzendem Volk, er werden überall kleine dampfende Köstlichkeiten verkauft, und alles ist frohe Erwartung.
Sonntag früh, als wir unsere Herberge verlassen, ist schon der Bär los. Aber was sind das für Leute! Alle gehen in indianischer Tracht. Die Frauen in langen schwarzen oder blauen Röcken und Jacken, man sieht Lederhüte mit Pickelhauben und Nackenschutz – die Männer tragen einen langen Zopf (unsere ersten männlichen Indianer mit langen Haaren) und Lederhelme, die den Eisenhelmen der Spanier nachgebildet sind. Die Jungen spielen die Charango, die Gitarre [ursprünglich] aus dem Panzer eines Gürteltiers. Viele dicke Frauen mit Zöpfen und mehreren Röcken sind umgeben von rußigen Töpfen, in denen etwas Leckeres brodelt.

Marktszene in Tarabuco – der Mann links mit dem grauen Hut (halb verdeckt) bin ich.
Ein alter Indianer mit grauem Haar, in ganz schwarzer Kleidung und Helm nähert sich langsam B., die gerade ein frisch gekauftes indianisches Hemd angezogen hat und faßt ihr vorsichtig an die Brust, weil er wohl absolut nicht weiß – bei ihren kurzen Haaren -, ob es sich um ein Männchen oder Weibchen handelt. Als es feststeht, neugieriges Gemurmel der umstehenden Frauen, die den Alten anscheinend beauftragt haben.
Bolivien hat uns so gut gefallen, dass wir außer Cusco und Umgebung das restliche Peru-Programm gestrichen haben. Es sieht so aus, daß wir nun doch erst Anfang August wiederkommen werden. (…)


