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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 20.06.2003, 23:43 Antworten mit ZitatNach oben

Unter Guahibos

[Die Bilder in Originalgrsse sind nur fr registrierte Nutzer des Forums zugnglich.]

Sommeranfang und Wochenende. Bitte: ein wenig Zeit fr die ethnologische Fortbildung, gewrzt mit Reise-Anekdoten. Da es nichts gibt, was unpolitisch ist, schleichen sich die gewohnten Themen in Form eines "Indianischen" Volkes in den Plot. Den Guahibos im Sden Venezuelas begegnete ich auf einer Mllhalde - in der kleinen Stadt Elorza am Rio Arauca.

Von Palmarito fuhr ich, wie blich mit viel zu vielen Leuten in einem Jeep nach Sdwesten nach Guasdualito, ein paar Kilometer nrdlich von El Amparo de Apure, der Grenzstadt zu Kolumbien. Busfahrer brllten mir ihr Fahrziel entgehen, in wenigen Minuten sa ich in einem kleinen Bus, endlich einem ganz normalen Bus, neben einer dunkelhutigen jungen Frau, die unzhlige Kisten, Kasten, Taschen und ein Klappfahrrad um sich gestapelt hatte und ein kleines Kind auf dem Arm trug. Wir unterhielten uns prchtig, whrend drauen die in der Hitze flimmernden Llanos vorbeiflogen. Sie bot mir einen Platz fr die Hngematte in ihrem Garten an.

Sonntag, high noon, ber vierzig Grad, niemand ist in dem kleinen Kaff Elorza dann auf der Strae. Die Dame fluchte leise vor sich hin, griff sich das Kind (Bild links oben, in meiner Hngematte) und sah mich prfend an. Ich wusste als Kavalier, was zu tun war. 22 Kilo Rucksack, rechts eine schwere Tasche, links eine schwere Tasche, in der Mitte noch eine Tasche - und das Klappfahrrad unter dem Arm. Wir marschierten eine halbe Stunde durch die glhende Hitze, meine Arme und Beine wurden gefhllos, und ich war verschwitzt wie nach einer Stunde Sauna. Wir waren in den barrios, kleine einstckige Huser, oft nur mit Wellblech gedeckt. Davor die Familien, die Kinder schrien, die Mnner hoben ihre Bierflaschen. Ich war die Sensation des Tages. Mira el toro! (schau dir den Stier an!) rief einer. Ich war geschmeichelt und biss die Zhne zusammen. Am nchsten Tag grsste mich die ganze Stadt. Niemand konnte meinen Namen aussprechen, deshalb nannten mich alle El Gringo. Selbst die Schulkinder winkten, lachten und riefen mich so.

Die Frau, bei der ich wohnte, besa nur einen einzigen Raum in ihrer Htte. Das Wellblechdach staute die Hitze. In diesem Huschen zog sie drei Kinder gro, das Baby, einen kleinen Jungen und einen pubertierenden Jngling, den sie gerade, wie auch immer, aus dem rtlichen Gefngnis losgeeist hatte. Er war nur selten da, und wenn, dann quetschte er mich ber die Abenteuer des Reisens aus und warum ich unbedingt zum Rio Meta wollte. Es gab kein Bad, nur ein Waschbecken. Die Toilette war auf dem Nachbargrundstck, umgeben von Wellblech (Bild obere Reihe, 2.v.r.). In der zweiten Nacht musste ich mich aus meiner Hngematte schlen, durch den Stacheldrahtzaun klettern und dann berlegen, ob man hunderte von Frschen, die die einzig feuchte Stelle im Umkreis von mehreren hundert Metern besetzt hielten, durch Hndeklatschen vertreiben kann.

Die kleine Junge hing am mir wie eine Klette. Es war ja auch nie etwas los in Elorza. Nach langem Zureden kriegte ich ihn dazu, mich zur Mllkippe zu fhren. Dort lebten die Guahibos, wie man mir gesagt hatte. Man begegnete mir mit Misstrauen, das sich erst legte, als ich versprach, am nchsten Tag wiederzukommen und mit meinem Colemann-Benzinofen Kaffee zu kochen, was ich auch tat. Danach schickten die bitter armen Leute sogar mehrere Male jemanden an meinem Logis vorbei, um zu fragen, ob sie mir helfen knnten, in den Sden, in eines ihrer Drfer zu kommen.

Dieses Volk war das erste, das die weien Konquistadoren im 16. Jahrhundert zu sehen bekam. In meinem Roman Die Konquistadoren sagt der Landsknechtsfhrer Estban Martn im Kapitel "Hunger": "Dieses Volk nennt sich Guahibo. Sie besitzen keine Htten. Ich habe etwas hnliches schon einmal gesehen, in den Ebenen sdlich von Maracaibo. Dort gibt es ein Volk, das umherzieht wie die Zigeuner. Sie haben keine feste Bleibe, nur Orte, wo sie sich ein paar Monate niederlassen, auf die Jagd gehen und fischen. Sie sagen, das Land vertrge nicht, da sie sich allzulange an einem Flecken niederlieen. Irgendwann ziehen sie weiter."

Aus meinem Artikel (nur fr registrierte Nutzer) Der gottverlassene Landstrich: Am Ortsrand leben knapp hundert Guahibos, eng zusammengedrngt unter einem Wellblechdach und umgeben von Mllbergen. Die Guahibos sind Nomaden, die Mehrzahl stammt aus Kolumbien. Sie nennen ihre Wohnsttte garpn, "groes Haus", und erhalten Sozialhilfe; einige Mnner sprechen spanisch und verdingen sich fr ein Almosen als Gelegenheitsarbeiter auf den umliegenden Farmen. Das gibt bses Blut: der Wahlkampf steht vor der Tr, und Lokalpolitiker haben Parolen ausgegeben, die frei bersetzt lauten: "Guahibos raus!" und: "Arbeitspltze zuerst fr Einheimische!"

Pater Christobal ist Pole und aus Ostpreuen gebrtig. Sein klimatisierter Amtssitz nimmt die ganze Breite der Plaza Bolivar von Elorza ein. Als ffentliche Person knne er zwar nicht immer laut sagen, was er denke, aber seine kirchliche Autoritt geltend machen. "Vor fnfzehn Jahren haben Viehzchter und ihre Handlanger ein Massaker an den Guahibos verbt", erzhlt er, "es gab siebzehn Tote, auch Frauen und Kinder. Einige berlebende hausen im garpn. Sie haben heute noch Angst. Die Schuldigen waren bekannt, wurden aber nicht bestraft." (vgl. auch Violencia contra los Indgenas.)

In einem kleinen Laden (Bild oben, 2.v.l.), erfuhr ich, dass der rtliche Automechaniker Roberto Parra vor einigen Jahren eine Anthropologin aus Paris zu den nomadisierenden Guahibos gefahren hat, die irgendwo in der Savanne leben (vgl. die Karte unten, bei San Felipe). Bis zum Rio Meta, der Grenze zu Kolumbien, sind es rund 200 Kilometer, aber es gibt in diesem gottverlassenen Landstrich nur zwei aufgegebene Gehfte. Die kolumbianische Guerilla macht das Gebiet unsicher, attackiert die venezolanischen Grenzposten und erhebt bei nchtlichen berfllen von den Viehzchtern "Kriegssteuern".

Fnf Stunden mit dem rttelnden Jeep durch die Savanne (Bild im Text, linke Reihe, 2.v.o.). Alexander von Humboldt schreibt in Reise in die quinoktialgegenden des Neuen Kontinents: "Der Boden zeigte berall, wo er von der Vegetation entbt war, eine Temperatur von 48 bis 50 Grad. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel anzusteigen, und die weite unermeliche Einde stellte sich unseren Blicken als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar." Im Norden stehen Rauchsulen am Himmel - die Rancher nennen das "Flurbereinigung".

Ein schlammiger Flu: der Rio Capanaparo (Bild linke Reihe 4.v.o.). Ein alter Mann rudert den Reisenden schweigend an das andere Ufer. Wieder ein garpn. Aller Augen richten sich auf den chefe. Der erklrt in stockendem Spanisch: Das Feuer und die Viehzucht engen den Lebensraum der Guahibos immer mehr ein. Sie litten Hunger, weil sie nicht mehr jagen knnten.

Die Regierung lobt sich im Ausland fr ihre gut gemeinte, das heit paternalistische Indianerpolitik. Sie bietet den Nomaden an, gratis in Reihenhaussiedlungen wohnen zu knnen wie die katholischen und assimilierten Indianer am Orinoco. Dort wren sie geschtzt vor bergriffen sowohl der kolumbianischen Guerilla als auch der Viehzchter. Doch sie wollen nicht.
"Kein Stamm ist schwerer sehaft zu machen als die Guahibos", berichtet von Humboldt, "Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendfen und Wrmern, als da sie ein kleines Stck Land bebauen. Wir fanden daselbst sechs von noch nicht katechisierten Guahibos bewohnte Huser. Sie unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich groen schwarzen Augen verrieten mehr Lebendigkeit als die der Indianer in den brigen Missionen...Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, faten uns am Kinn und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seien wie wir."

Vielleicht sind die Deutschen an den Brten der Guahibos schuld. Die ersten Weien, die die Guahibos kennenlernten, waren Deutsche - im 16. Jahrhundert. Die Konquistadoren Georg Hohermuth von Speyer und Philipp von Hutten zogen 1535 im Auftrag der Welser von Coro an der Kste nach Sden, bis in das Quellgebiet des Guaviare im heutigen Kolumbien. Mehrere hundert deutsche und spanische Landsknechte durchstreiften monatelang die Savanne, ausgemergelt vor Hunger und vergeblich auf der Suche nach einem Pa in die Anden, in das Land der Muisca, zum legendren El Dorado. Die Muisca zahlten mit Gold fr die Kinder der Guahibos, erfuhren sie.

"Fiengent ain Cassicquen oder Obersten, o sagt, er wer auff der andern Seitten des Birgs gewest, gab uns gro Zeittung von Reichtumb. Vermochten aber mit den Pfferden nit hynuber..." berichtet der frnkische Edelmann Philipp von Hutten am 30. Oktober 1538 aus Coro an den kaiserlichen Rat Matthias Zimmermann in einem der ersten Briefe, den ein Deutscher aus Sdamerika geschrieben hat.

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20.06.2003
BurkS


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