KI und das Ende des Internet(s)
Nein, ich stimme nicht in das kulturpessimistische Lied ein, das Dr. Oliver Diedrich anstimmt: „Ist Ihnen aufgefallen, dass das Ergebnis einer Google-Suche seit einigen Wochen meist mit einer KI-Zusammenfassung startet? Die ganz schön häufig genau die Antwort liefert, nach der man gesucht hat? Das ist Googles Reaktion auf moderne KI-Assistenten wie ChatGPT oder Perplexity, die das Internet nach aktuellen Inhalten durchsuchen und Nutzern die eigenhändige Netz-Recherche abnehmen. Wer mit KI sucht, muss nicht mehr googeln.“
Ach was. Google kriegt es noch nicht mal hin, das passende Bild für die Suchangabe „Burkhard Schröder“ zu finden. Das war, wenn ich mich recht erinnere, früher und ohne KI besser.
Man kann natürlich einige Argumente nicht von der Hand weisen: „Die KI-Zusammenfassungen verbergen die Links zu den Quellen in unscheinbaren Fußnoten und sind häufig so gut, dass man sie gar nicht mehr anklicken muss.“ Das gilt aber nur für lexikalisches Wissen. Wikipedia ist langsamer, aber bietet immerhin Quellen. Die stimmen natürlich auch nicht immer, und es gibt keine Garantie dafür, dass die wesentlichen Infos überhaupt vorkommen.
»Ich verstehe«, sagte er. »Klyne und ich gehören zwei verschiedenen Generationen an. Als ich zu fliegen anfing, war die Zuverlässigkeit der Automaten bedeutend geringer. Das wirkt sich auf das Verhalten aus. Ich glaube… er hat ihnen restlos vertraut.« (…) Klyne hatte der näcshten Generation angehört. Pirx aber, und das wußte er, wurde von den jüngeren »Automatenfeind«, »Konservatist«, »Mammut« genannt.“ (Stanislaw Lem: Ananke)
Man darf eben nichts glauben. Und das ist eine Kulturtechnik, die den Nachgeborenen oft nicht vertraut ist, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen, wenn das betreute Denken, sei es von der KI oder von den Anstalten, nicht mehr funktioniert.
Diedrich schreibt: „Denn was motiviert Menschen, ihr Wissen ins Web zu schreiben? Gefunden und gelesen zu werden. Das gilt für die Betreiber von Blogs zu Nischenthemen, ebenso für Leute, die Fragen auf Reddit, Stack Overflow (die schon länger ein anders geartetes Problem mit KI haben) oder im heise-online-Forum beantworten.“
Die Frage ist doch, was schneller geht. Wenn ich ein kompliziertes Problem mit Linux habe, kann ich mich an ein Forum wenden und bekomme dort meistens, aber nicht immer, innerhalb von wenigen Tagen ausreichende Antworten. Falls die nicht stimmen, gibt es immer irgendeinen Rechthaber, der herumkritisiert und es besser weiß. Die KI antwortet in 15 Sekunden, aber das Ergebnis glaube ich nie, bevor ich nicht eine Gegenrecherche gemacht habe, sonst zerhaue ich mir eventuell unwiderruflich die Eingeweide meines Rechners.
„Aber wer das Internet wegen seiner Vielfalt schätzt und wegen seiner ursprünglichen Idee, jedem Menschen die Möglichkeit zu geben, zu publizieren und Leser zu finden: Wir müssen uns Sorgen machen. Das KI-Internet wird ein anderes sein als das, das wir kennen.“
Genau das hat man gesagt, als das WWW aufkam und man noch im Usenet herumtrollte. An der „ursprünglichen Idee“ zweifele ich auch: Die kam vom Militär, und das denkt nie an Friede, Freude und Eierkuchen.
Ceterum censeo: Wir leben in interessanten Zeiten!
PS: ChatGPT: „des Internets“ ist die häufigere und traditionellere Form, besonders im formellen oder technischen Sprachgebrauch.
Beispiel: Die Entwicklung des Internets hat die Kommunikation revolutioniert.
„des Internet“ wird seltener verwendet und klingt oft etwas ungewohnt oder umgangssprachlich, ist aber sprachlich zulässig, da „Internet“ ein sogenanntes Nullgenitiv-Wort sein kann (ähnlich wie „des Auto“ in manchen Dialekten oder stilistisch reduzierten Kontexten).

