www.burks.de Foren-bersicht www.burks.de
Burkhard Schr�ders [Burks] Forum - f�r Kosmopoliten und Kaltduscher
burks.de: Forum für Kosmopoliten und Kaltduscher
burksblog.de: ab 01.01.2008 geht es hier weiter!
privacyfoundation.de: German Privacy Foundation
 FAQ  •  Suchen  •  Mitgliederliste  •  Benutzergruppen   •  Registrieren  •  Profil  •  Einloggen, um private Nachrichten zu lesen  •  Login
 [Freimaurer 4] Vor dem Tempeltor Nchstes Thema anzeigen
Vorheriges Thema anzeigen
Neues Thema erffnenNeue Antwort erstellen
Autor Nachricht
burks
Webmaster
Webmaster


Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6764
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 27.07.2003, 23:45 Antworten mit ZitatNach oben

[Die Shne der Witwe 4] Vor dem Tempeltor

ein Mann muss eure Herzen leiten,
denn ohne ihn pflegt jedes Weib
ais ihrem Wirkungskreis zu schreiten.
(Sarastro im 1. Akt der Zauberflte von Mozart)

Jetzt wird es ernst. Der Zeremonienmeister betritt die Kammer. Er zndet weitere Kerzen an. Offenbar hat meine Eigenanalyse der Motive, Freimaurer zu werden, den Meister und die Brder zufriedengestellt. Ich solle nun alles befolgen, was er anordne. Nichts werde geschehen, was gegen meine mnnliche Ehre oder die Menschenwrde verstoen knnte. Meine Stimme klingt ein wenig zittrig. Ich erklre, ich sei zu allem bereit.

Zuerst muss mein kurz zuvor noch hastig gebgeltes Hemd dran glauben. Ich soll es ausziehen und so ber der Brust verknoten, dass der linke Schulter und der linke Arm frei bleiben. Das erscheint auch mir sinnvoll, denn jetzt knnen die Logenbrder zweifelsfrei erkennen, dass ich keine Frau bin, was fr einen Mnnerbund unpassend wre.

Mein Geld soll ich auf dem Tisch deponieren. Der Schlssel auch und alles, was aus Metall ist. Darum geht es also. Metalle brechen, wie man wei, den Zauber magischer Rituale. Wer es versteht, mit Erzen oder Metall schpferisch umzugehen, ist auch dazu fhig zu herrschen. In vielen Legenden grndet sich die Macht des Knigs darauf, dass er in der Lage ist - natrlich unter der kundigen Anleitung mnnlicher Priester-, einen Gegenstand aus Metall der Mutter Natur zu entreissen. Der sagenhafte Knig Artus zieht ein Schwert aus einem Felsblock; die Helden der deutschen Mrchen reissen mehrfach ihre Waffen aus Bumen, in denen die Gertschaften ohne Sinn und Zweck stecken.

Auch der biblische Tubalkain, dessen Name in einigen Freimaurerlogen als geheimes Passwort gilt, war ein Meister in allerlei Erz- und Eisenwerk (Genesis 4, V.22). Schpferische Manneskraft beweist der, der die Krfte der Natur beherrscht und mit ihnen umzugehen wei. Es stehen sich die chaotischen naturgewalten, die Magie, die Frau - alles Dinge, die geformt und untergeordnet werden mssen - und Kultur, Vernunft, der Mann, Ordnung und die sie garantierende Obrigkeit gegenber.

Jetzt ist meine Hose an der Reihe. Ich darf mein rechtes Hosenbein aufkrempeln, und der Zeremonienmeister bindet ein Tuch um meine Knie. Der rechte Schuh muss in der Kammer der verlorenen Schritte zurckbleiben. Statt dessen wird mir ein niedergetretener Pantoffel gereicht. In der Bibel dient der Schuh als Zeichen der Bekrftigung. Es war aber von alters her ein Brauch in Israel: Wenn einer eine Sache bekrftigen wollte, die eine Lsung oder einen Tausch betraf, so zog er seinen Schuh aus und gab ihn dem andern; das diente zur Bezeugung in Israel. (Buch Ruth 4, V.7)

Ich gehe die ersten Schritte mit der ungleichen Fussbekleidung und stelle fest, dass ich gezwungen bin, leicht zu hinken. Ich werde jemanden brauchen, der mich sttzt und mich auf der Reise in den Tempel begleitet. Der Zeremonienmeister lchelt.

Bei vielen alten Vlkern ist es Brauch, im Kampf den einen Fuss unbeschuht zu lassen. Der Kontakt mit der Mutter Erde verleiht zustzliche Kraft wie schon dem Antus, einem Riesen der griechischen Sagenwelt, der dem Muskelmann Herkules nur solange widerstehen konnte, wie er mit einem Fuss den Boden berhrte. Hinkte nicht auch Hephaistos, der Schmied antiker Mythen, Sohn der Hera und des Gttervaters Zeus? Hephaistos schlug sich, das berichtet die Legende, bei einem Streit im Olymp auf die Seite der Frauen. Zur Strafe fr diese frevelhafte feministische Solidarittsbekundung warf ihn Zeus hinaus. Sollte es allen Mnnern so ergehen, die sich dem Bund mit dem bermchtigen Geistvater verweigern? Hinkte nicht auch Wieland der Schmied, dessen geschickten Hnden der drachenttende Siegfried sein Schwert verdankte? Wieland trieb, eingeschlossen in einen hohlen Baumstamm, auf dem Meer. Wieder festen Boden unter den Fssen, liess er sich mit einer Frau ein, dummerweise mit einer Knigstochter. Deren Vater wies seine Mnner an, dem Schmied zur Strafe die Sehne des Fusses durchzuschneiden. Und fhren nicht die Bergleute Boliviens zu Ehren ihres Beschtzers, des tio einen Tanz auf, der aus hinkenden Schritten besteht? Der tio sitzt im Inneren des silberhaltigen Gesteins und htet die Schtze. Nach alter berlieferung war dieser Kobold ursprnglich eine weibliche Gttin. Sollten die Helden der mnnlichen Mythen immer dann auf wackligen Fssen stehen, wenn sie sich in ehemaligen Domnen der Frauen wie der Mutter Natur eingenistet haben oder gar mit ihnen verkehren? Und Luzifer, der Ex-Engel des Lichts, hat einen Pferdefuss und hinkt. Vielleicht ist Luzifer gar noch mit Widar, dem Sohn des Germanengottes Odin, verwandt, denn auch Widar hat nur einen Schuh, der andere Fuss ist eisenbeschlagen.

Ich befinde mich symbolisch in einer erlauchten Gesellschaft. Das Hinken sei eine "archetypische Gegebenheit", erklutert der mythenkundige Freimaurer Wolfgang Scherpe. Es verleihe einen Impuls, die schpferische Tat gleich den krperlichen Mangel aus. Es stehe aber auch fr "das Phallische". Noch im Mittelalter glaubte man, Menschen mit Gebrechen oder aufflligen Merkmalen wie Bucklige, Einugige oder Blinde besen magische Krfte und knnten daher mit der Welt der Gtter und Geister kommunizieren. Was diesen Individuen, "Krppeln und Ekstatikern, Nervsen und Vagabunden" magische Fhigkeiten verlieh, war "nicht so sehr ihr individueller physischer Charakter, als vielmehr die von der Gesellschaft ihrer ganzen Art gegenber eingenommenen Haltung." Das gilt auch fr die Frauen. "Die kritischen Perioden ihres Lebens rufen Staunen und Ahnungen hervor, die ihnen eine Sonderstellung geben. Die magischen Fhigkeiten erreichen ihre grte Intensitt im Moment ihrer Heiratsfhigkeit, whrend der Regel, zur Zeit der Schwangerschaft und des Kindbetts und nach der Menopause. Vor allem aber ist man der berzeugung, dass sie fr die Magie sei es Mittel ihrer Realisierung oder eigentlicher Trger ihres Vollzugs sind."(1)

Eine naheliegende Form, die Kommunikation zwischen Mnnern und Frauen darzustellen, ist Sexualitt. Der vermittelnden Figuren wie der hinkende Beelzebub wenden sich daher zuerst an die Frauen, wenn sie sich den Menschen nhern, und schlafen bei und mit ihnen. Ein hufiger Vorwurf der Inquisition an die Hexen, denen bernatrliche Fhigkeiten zugeschrieben wurden, war der Geschlechtsverkehr mit dem Teufel.

Marcel Mauss geht noch einen Schritt weiter und verallgemeinert: "Stehen zwei Zivilisationen in Kontakt miteinandern, so wird die Magie gewhnlich der schwcheren zugewiesen."

Der Hinkende berbrckt daher nicht nur die Kluft zwischen dem Reich der Heister und dem der Menschen, zwischen den Eigenschaften, die Mnner sich und die sie Frauen zuschreiben, sondern ein soziales Geflle. In einer mnnerbeherrschten Gesellschaft phantasieren die Machthaber ihre eigene Angst vor der Rache der Frauen als angebliche Gefahr und Bedrohung, die entstehe, wenn man mit den Unterdrckten in Verbindung trete. Deshalb braucht der Kandidat fr die Wiedergeburt als richtiger Mann auf dem Weg von der symbolischen gebrmutter, der Kammer der verlorenen Schritte, bis zum geistigen Kreisaal, dem Mnner-Tempel, einen Fhrer, der ihn in seinem anomalen Zustand beschtzt, bis seine Mnnlichkeit kompett ist.

Das ist in der christlichen Lehrer hnlich. Gott verkehrt, um den rettenden Helden zu zeugen, mit einer Frau, aber nicht gefhrlich real, sondern nur geistig - die Frau bleibt daher unversehrt. Im stlichen Christentum wird der gekeuzige Sohn oft mit einem krzeren Bein dargestellt.

Alle diese Assoziationen schiessen mir durch den Kopf, whrend der Zeremonienmeister meinen Arm fest und sicher gefasst hat und mich aus der dunklen Kammer zum Tempeltor fhrt. Ich sehe nichts, weil er mir wieder die Augenbinde angelegt hat. Der Zeremonienmeister verlangsamt seine Schritte, bleibt stehen. Irgendetwas scheint uns den Weg zu versperren. Das Tor! Er flstert mir ins Ohr: "Klopfen Sie an! Er drckt meine Hand in dem Rhythmus, den ich imitieren muss. Ich ertaste Holz und schlage mir der Faust dagegen, mehrmals, kurz und lang. Minuten verrinnen, dann knarrt der Flgel. Ein Lufthauch streift mein Gesicht und eine Stimme fragt, was ich wolle. Das wird der Wachhabende sein. Mein Begleiter antwortet, ich sei ein Suchender. Ich muss den Namen meines Brgen nennen, und die Tr schliesst sich.

Gemurmel dringt aus dem Innern. Ich hre den Portier zurckkehren. Ich spre, wie sich meine Muskeln anspannen. Der Zeremonienmeister schiebt mich vorwrts. Nach einigen Metern unsicheren Tastens lsst er meinen Arm los, legt beide Hnder auf meine Schultern: "Freundeshand wird Sie begleiten!" raunt er mir ins Ohr, "Frchten Sie nichts, es wird Ihnen nichts geschehen. Ich bergebe Sie nun dem zweiten Aufseher der Loge!"

Ein Unbekannter hakt mich unter, umklammert mein handgelenk und zieht mich an seine Seite. Die Orientierung habe ich schon lngst verloren. Gehen wird zurck? Ist der Raum gross oder klein? Dunkel oder hell erleuchtet? Kein Laut dringt zu mir, ausser meinem hinkenden Schlurfen und dem sicheren Auftreten meines Geleitschutzes. Dennoch: Ich spre die Anwesenheit anderer Menschen.

Vor mir raschelt es. Ich zucke zusammen wie von einem Peitschenhieb getroffen - ein harsches: "Halt! Zurck!"

1) Marcel Mauss: Soziologie und Anthropologie, S. 61

Der Text wurde 1987 verfasst und geringfgig gendert. Er erschien zuerst 1988 in meinem Buch Unter Mnnern.
Fortsetzung folgt.

Das Bild in der Mitte zeigt Herakles und Antus, das Bild unten die Rckkehr des Hephaistos in den Olymp.

[Freimaurer 1] In der Kammer der verlorenen Schritte 1
[Freimaurer 2] In der Kammer der verlorenen Schritte 2
[Freimaurer 3] In der Kammer der verlorenen Schritte 3

Das gesamte Dossier (neun Kapitel, 24 Seiten, mit Abbildungen, pdf-Format) knnen Sie bei Cashticket kaufen - auf das Logo klicken!



28.07.2003
BurkS

Benutzer-Profile anzeigenPrivate Nachricht sendenE-Mail sendenWebsite dieses Benutzers besuchen
Beitrge der letzten Zeit anzeigen:      
Neues Thema erffnenNeue Antwort erstellen


 Gehe zu:   



Nchstes Thema anzeigen
Vorheriges Thema anzeigen
Du kannst keine Beitrge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beitrge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beitrge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beitrge in diesem Forum nicht lschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


Powered by phpBB © 2001, 2002 phpBB Group :: FI Theme :: Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde