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 [Spuren der Macht] Der Name der Tulpe 3: Non Nchstes Thema anzeigen
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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 02.07.2003, 23:49 Antworten mit ZitatNach oben

Diese - hier stark gekrzte - Geschichte erschien 1990 in meinem Buch Spuren der Macht im Rowohlt-Verlag. Ich hatte mich eine Woche in einem Kloster einquartiert. Dort erfuhr ich von einem mysterisen Todesfall und recherchierte in der Klosterbibliothek...
In Vigil und Laudes geht es um das Leben der Benediktiner. In Sext strzt sich ein Novize aus dem Fenster, und sein Novizenmeister verschwindet spurlos im Reintal bei Garmisch. Doch bevor das Rtsel dessen Verschwindens aufgeklrt wird, zunchst zu etwas ganz anderem....


[Der Name der Tulpe 3] Non: Im Refektorium

"Bier gibt es nicht", sagt mir ein Pater, als msse er sich dafr entschuldigen, "erst ab Feiertagen zweiter Ordnung." Ich solle noch ein paar Tage, bis "Mari Lichtmess", warten. Trotz des Alkoholverbotes leben die Mnche nicht allzu asketisch. Die Nahrungsaufnahme ist jedoch strengen Regeln unterworfen. Man diniert gemeinsam, aber schweigend.

Bevor ich den Speisesaal - das Refektorium - betrete, werden mir die klsterlichen Tischsitten erlutert. Jeder warte brav auf seinem Platz, bis der Abt und vier altehrwrdige Pater an der Schmalseite des langgezogenen Raumes Aufstellung genommen haben. Die schweren Holztische an den Lngsseiten sind vom Celleraren und seinen Gehilfen gedeckt worden. Der Tischleser steht hinter seinem Pult, dem Abt genau gegenber. Durch die hohen, halbrunden Fenster dringen Sonnenstrahlen auf den gefliesten Boden und seine Mandermuster und bescheinen die dunkelbraune und mannshohe Holzvertfelung sowie die an der Wand fortlaufenden Bnke. Langsam legt sich das Rascheln der Kutten, das Gescharre der vielen Fe und das Murmeln der Mnche.

Jetzt hebt der Abt mit hoher und schon dnner Stimme zum Tischgebet an: er dankt fr die Speisen, und wir antworten den Refrain im Chor. Dann huschen alle auf ihre Pltze. Ich beachte die kleine Stufe, vor der ich gewarnt worden war, eingedenk anderer Gste, vor mir, die mit groem Holterdipolter auf ihrer Bank gelandet waren.

Noch immer greift niemand zum Besteck. Der Tischleser ruft: "Im Namen des Herrn Jesu Christus!" - als wenn daran Zweifel bestnden, "Amen. Aus dem Buch Judith, das dreizehnte Kapitel." Die jngeren Mnche kichern, weil der Mann am Pult wohl den Tonfall irgendeines anderen imitiert. Der Abt blickt milde, was ohnehin seine einzige mimische usserung ist. Nach den ersten Stzen, wir verharren noch immer still und stumm, greift er einen kleinen hlzernen Hammer und schlgt leicht auf den Tisch, das Zeichen, dass wir zu den Servietten und zum Besteck greifen drfen.

Die Brder, die zum Tischdienst eingeteilt worden waren, schieben Servierwagen und verteilen auf jeden Tisch, jeder fr vier Personen, eine Terrine mit der Suppe. Wer links sitzt, greift zuerst nach dem Dargebotene, fllt sich auf und reicht die Brhe an seinen Nebenmann weiter. Selbst darber hatte sich der Ordensgrnder Benedikt Gedanken gemacht: "Was zum Essen und Trinken ntig", sagte er, sollen sich die Brder gegenseitig zureichen, so dass keiner um etewas zu bitten braucht."

An anderen Tagen beginnt die Lesung mit Abschnitten aus den Benediktiner-Regeln. Whrend ich die Markklchen auf der Zunge zergehen lasse. fllt mir auf, dass der heute vorgetragene Text fr ein Mittagsessen etwas unpassend ist: "Und Judith hieb zwei Mal in den Hals mit aller Macht", rezitiert der Mnch aus dem Bibeltext, "und schnitt Holofernes den Kopf ab." Ich beschliee, mich knftig bei hnlichen Stellen ganz auf meinen Teller zu konzentrieren.

Der Terrinen werden abgerumt und Schweinshaxe mit Kraut und Kartoffeln sowie Salat aufgefahren. Wir drfen erst dann zugreifen, wenn der Abt damit begonnen hat, das dampfende Stck Fleisch auf seinem Teller zu zerteilen. Der fr die Betreuung der Gste zustndige Pater riet mir, mich zu beeilen, denn die Benediktiner speisten "sehr schnell". Ich sollte mich aber ruhig satt essen, ohne Scheu.

Auch in den nchsten Tagen werde ich nicht enttuscht. Ich begegne Hhnerfrikassee mit Ananas, in Sahnesoe eingelegten Thunfisch, italienischen Nudeln, mit gut gewrzten Pilzen angerichtet; abends werden die Reste vom Mittag nebst vier Sorten Brot und Aufschnitt verzehrt, das Sauerkraut vom Mittag, jetzt mit deftigen Wurstscheiben vermengt. Zum Nachtisch offerieren die Brder von der Kche auch schon einmal Vanilleeis mit Mandelsplittern und Schokoladensoe, nicht zu vergessen die Schlagsahne.

Whrend des Hauptgerichts wechselt der Tischleser das Thema. Ein dicker Schmker, weniger blutrnstig, dient zur geistigen Erbauung: "Thomas Morus" - eine Biografie - nicht das absolut Neueste und Spannenste, aber, so man neben der Verdauung der Schweinshaxe noch etwas Energie brig hat, nicht uninteressant.

Ist das Glas leer, eilen sofort die dienstfertigen Geister durch den Saal und bieten wahlweise Obstsaft oder Mineralwasser an. Drohen die Kartoffeln oder etwas anderes an einem Tisch auszugehen, suchen sie auf den anderen nach Nachschub, ein prompter Service, der manchem Restaurant der hheren Preisklasse gut anstehen wrde.

Die ltesten Mnche sind, offenbar durch jahrelanges Training, zuerst fertig. Der Weihaarige neben dem Abt: starker Bauchansatz, etwas schlfriger Gesichtsausdruck, der aber dem fetten Mahl und dem vollen Magen geschuldet sein knnte, die Hnde, wie von fast allen Mnchen, wenn sie nichts zu sagen haben, in der Kutte verborgen. Er hat das Kinn auf die Brust gelegt und die Augen geschlossen. Sein Nebenmann: in der gleichen Stellung, mit gesundem Gesichtsausdruck wie ein Bauer, der immer an der frischen Luft gearbeitet hat. Rechts neben dem Abt ein bebrillter Asket, dessen hagere Zge durch einen humorvollen Ausdruck um den Mund gemildert werden. Er scheint einen der oberen Rnge zu bekleiden, vielleicht den des Priors, denn spter, whrend der Messen, vertritt er schon mal den Abt im Ritual. Rechts auen der Betagteste des Klosters, wie mir zugeflstert wird: er ist weit ber achzig, hlt sich steif, fast im Hohlkreuz, als wenn er einen Besen verschluckt htte, stapft mit seinem Stock schnurgerade zu seinem Platz, macht aber nur kleine Schritte, so dass sein Gang wie der einer aufgezogenen Spielzeugmaus wirkt.

Gegenber, am ersten Tisch an der Lngsseite des Refektoriums, zwei Pater, die Brder sein knnten. Beide sind korpulent, beide mit nur sprlichem Haarwuchs, beide scheinen einem guten Tropfen nicht abgeneigt. Sie knnte ich mir als Keller- oder Braumeister vorstellen, wenn es hier so etwas gbe. Die Arme auf dem Tisch und die Hnde nach dem Essen gefaltet, wirken sie wie der Inbegriff der Zufriedenheit. Daneben mehrer Pater undefinierbaren Alters. Natrlich - eines meiner Vorurteile besttigt sich - wre es ein fataler Irrtum zu glauben, in einem Kloster knnte man einer Ansammlung mnnlicher Schnheiten begegnen. Da alle die gleiche unvorteilhafte Tracht tragen, fallen die markanten Merkmale des Gesichts um so mehr auf: da fehlt ein Kinn, hier knnte die Brille etwas modischer, dort sollte die Krperhaltung etwas entspannter sein, zu den Frisuren passten eigentlich nur Sack und Asche.

Auffallend bei vielen ein kindlich-naiver Ausdruck, keine neugierigen, sondern ausweichende Blicke. Dem Gedchnis fllt es schwer, sich an die Gesichter zu heften. Eine fast krperlich sprbare Schchternheit, die sich nur unter Vertrauten zu kleinen Neckereien wandelt. Ein Bruder, fast am Ende der langen Tafel - also auch der Rangfolge -, mampft in aller Gemtsruhe seinen Nachtisch, eine Schale mit diversen eingekochten Frchten, whrend alle anderen schon lngst fertig sind und Cellerar und Helfer die Tische leergerumt haben. Der Abt blickt, mit gefalteten Hnden, immer noch gtig, die lteren scheinen ein Nickerchen zu halten, und der Rest der Gemeinschaft wartet auf das Zeichen mit dem Hmmerchen, sich zu erheben. Da es ausbleibt und der Tischleser immer noch monoton diverse Einzelheiten aus theologischen Debatten des Thomas Morus mit seinen Zeitgenossen dahinleitert, sammeln sich allmhlich die Blicke bei dem Sumigen. Seine Tischnachbarn reichen ihm, wohl damit es schneller geht, ihre Lffel, die er dankend, aber wortlos ablehnt.

Endlich hat er es geschafft, seine Serviette eingerollt, die Schale an den vorderen Rand des Tisches gestellt zum Zeichen, dass er nichts mehr mchte, das Besteck separat danebengelegt und sein Glas Apfelsaft geleert. Der Hmmerchen fllt, alle erheben sich und postieren sich wieder vor ihren Tischen. Das gleiche Ritual, inklusive Gesang des Abtes und Refrain des Mnchschores. Danach sind wir entlassen, der Gast darf zuerst hinausgehen.

Abends verliest der Mnch hinter dem Stehpult Todesdaten verschiedener Ordensangehriger. "Heute, am Dienstag, im Jahre 1906, verstarb Pater Ambrosius", oder auch, etwa im Jahre 1939, Abtissin Soundso aus einem befreundeten Benediktiner-Kloster. Niemand wird jemals aus dem Gedenken gestrichen - der "soziale Tod", der erst dann eingetreten ist, wenn sich niemand mehr an den Verstorbenen erinnert, verschiebt sich bis in alle Ewigkeit. Nur beunruhigt die Vorstellung, in hundert Jahren, wenn es dann noch Klster gibt, wrde die Reihe der zu erwhnenden Toten so lang, dass sich der Leser whrend des gesamten Essens der Sterbeliste widmen msste.

Nchste Folge: Vesperale: Gedenkt meiner in Frbitte!

[Der Name der Tulpe 1] Vigil und Laudes
[Der Name der Tulpe 2] Sext
[Der Name der Tulpe 4] Vesperale
[Der Name der Tulpe 5] Komplet

Bild oben: Thomas More (Morus)
Bild unten (anklickbar): Tizian: Judith mit dem Haupt des Holofernes, Galleria Doria-Pamphili, Rom

Der Name der Tulpe - die 5teilige Serie im pdf-Format, 1 Euro, ca. 600 kb

03.07.2003
BurkS

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