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 Mythos Kreuzberg [Teil I]: Der unheimliche Ort Nchstes Thema anzeigen
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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6761
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 01.05.2003, 23:09 Antworten mit ZitatNach oben

Mythos Kreuzberg I: Der unheimliche Ort

"Das Kottbusser Tor ist kein Ort, an dem die Leute in bergangsmnteln herumlaufen, wenn der Winter vorbei ist. Das bisschen Sonne im April legte gleich die Oberarmttowierungen der Punker frei. Die trkischen Mnner hielten nicht mehr frierend das Jackett vor der Brust zusammen und gingen wieder aufrecht. Die Wrme hatte jedes Verhalten gelockert, die Punker kippten die Bierdosen in ihre struppigen Kpfe hinein, bespritzten einander und bewarfen sich mit Schaum." So beginnt die wohl berhmteste Reportage ber Berlin-Kreuzberg. Sie ist von Marie-Lusie Scherer und erschien 1988. Die Leiche eines Mdchens aus einer Kleinstadt der sddeutschen Provinz wird irgendwo in Kreuzberg gefunden - der Tod der jungen Frau wird nie aufgeklrt.

Kreuzberg ist ein Mythos, weil es seit jeher das symbolische Gegenteil der Kleinstadtidylle mit Jgerzaun und Gartenzwerg war. Ich wohne dort seit Anfang der 80er Jahre, bis April 2002 in SO 36 - dem alten Postzustellbezirk "Sdost 36" - im Gegensatz zum "feineren Teil" "Sdwest 61", in den ich vor kurzem umgesiedelt bin. Kreuzberg - das sind fr mich persnliche Geschichten, Ereignisse, die fr andere unwichtig sein mgen, die aber mein Gefhl bestimmen, Lokalpatriot zu sein und das auch aus politisch-nostalgischen Grnden sein zu mssen.

Kreuzberg1 beginnt fr mich am Lausitzer Platz2, genauer: Waldemar- Ecke Pcklerstrae. Dort war in Ende der siebziger Jahre, in einer schmuddeligen Erdgeschosswohnung, das einzige Parteibro der maostischen KPD. Als frisch nach Berlin gereister Student, der die Action suche, stand ich mit staunenden Augen davor und meinte, hier nhme die Weltrevolution ihren Anfang. Irgendwo, das erfuhr ich spter, sollen dort auch Waffen gebunkert worden sein. Dabei ging es nur um das Krankenhaus Bethanien, das geschlossen werden sollte. Ich kann mich an konspirative Versammlungen im ersten Stock der Kneipe "Max und Moritz" in der Oranienstrase erinnern, und dass ich, zusammen mit Michael Knig, damals einem berhmten Schauspieler der "Schaubhne", unweit des Kottbusser Tores die "Rote Fahne"3 verkauft habe, direkt neben zwei Zeugen Jehovas, die eine andere Art Agitprop meinten der Arbeiterklasse nahebringen zu mssen.

Kreuzberg: das waren damals die Proletarier, die es zu agitieren galt. Straenschlachten am Mariannenplatz - das waren die Siebziger. Aus dieser Zeit rhrt auch meine erste Erinnerung an den Heinrichplatz. Eine "Revolutionrer 1. Mai"-Demo (1976?), dominiert von Hardcore-Maoisten der KPD/ML und KPD. Wer wissen will, wie es damals in Kreuzberg aussah, sehe sich den spannenden Krimi "Einer von uns beiden"4 von Wolfgang Petersen aus dem Jahr 1973 an. Jrgen Prochnow spielt einen heruntergekommenen Kreuzberger Studenten und agiert vor den ebenso verwahrlosten Mietskasernen nrdlich des Kottbusser Tores. Eine zweite empfehlenswerte Quelle: der SFB-Film "Was will Niyazi in der Naunynstrae?"3 aus dem Jahr 1976.

Der zweite Teil der Kreuzberg-Geschichte ist die Hausbesetzerbewegung. Auch die begann hier: Ende der 70er, hinter dem Kottbusser Tor. Meine damalige Freundin hatte mit ihrer peer group ein Haus in der Naunynstrasse besetzt: Kohlefen, Punkkonzerte im Hinterhof, lustiges Ruber-und-Gendarm-Spiel mit der Staatsmacht, die damals noch nicht wusste, dass alle Dcher einer Strae miteinander verbunden waren und wie man durch die Hinterhfe von einer Strae zur anderen gelangte. Dieser Zustand dauerte nur wenige Wochen, bis die ersten "Turnschuhbullen" mit detailierteren Stadtplnen auftauchten. Ein stndig besoffener irischer Bauarbeiter, der aus unerklrlichen Grnden das Haus mitbesetzt hatte, zuerst die Tr zur WG zumauerte, um eine abgeschlossene Wohnung zu haben und sich dann mit Trnen in den Augen beschwerte, dass der antiautoritr erzogene Kater der WG seine beiden Meerschweinchen hatte fressen knnen. Die erste Besetzerkneipe, das "Slainte" in der O-Strasse - jeder trug Lederjacke, Springerstiefel, Pali-Tuch. Wir versuchten damals, nur aus Spa, in eine Schwulenkneipe gegenber zu kommen, wurden aber wegen der eindeutigen Uniformierung nicht reingelassen.

Damals gab es auch ein Fussballspiel Deutschland gegen Trkei in Berlin, vor dem das Gercht die Runde machte, die Nazis wrden nach Kreuzberg kommen. Ich fuhr damals mit einer Taxe meines Betriebes Streife rund um das Kottbusser Tor, im Fond drei Punkerinnen, die wiederum unter der Anleitung eines lteren Proletariers angelernt worden waren, wie man Mollis baut - was mich ein wenig gruselte, da der "Lehrer" so bekifft gewesen war, dass er einen Punk nicht von einem Weihnachtsbaum htte unterscheiden knnen. Mitten in der Nacht standen Tausende von Kreuzbergern auf den Straen herum, aber natrlich liess sich kein Nazi sehen.

Ende der Achziger wohne ich direkt am U-Bhf Grlitzer Bahnhof, Skalitzer 33, Fabriketage, Hinterhof, 400 qm, acht Leute, ber uns eine dubiose Moschee, deren Besucher so fahrlssig mit der Toilette umgingen, dass der Outfall durch die Decke auf die Kohlen in unserer Kche tropfte. Vorn im Haus ein Trkenpuff, diverse Kleinfirmen. Die Fabriketage, die nur wochentags heizbar waren (ich erinnere mich an ein Weihnachten mit acht Grad Celsius), hatte den Vorteil zweier Eingnge. Im zweiten Hinterhaus wohnte jemand, der in seinem Antiquariat verbotene Schriften feilgeboten hatte. Als die Staatsmacht im Hinterhof auftauchte, um ihn zu verhaften, gab es ein spannendes Katz- und Maus-Spiel, dem wir insofern beiwohnten, als wir diverse Tren zu unterschiedlichen Zeitpunkten schlossen und ffneten und der gesuchte "Verbrecher" immer dort auftauchte, wo man ihn nicht vermutete.

Bolle war gleich nebenan. Am 1. Mai 1987 waren meine peer group und ich auf einer Party in der Bergmannstrasse. Dort tauchten um Mitternacht Leute auf, die mit Lebensmitteln und Getrnken gespickt waren. Kurzinfo: Massive Straenkmpfe am Grlitzer Bahnhof, Plnderungen, das bliche eben, wie in Brokdorf und auch anderswo, aber noch ein bisschen mehr. Wir strzten alle hinaus, mit Fahrrad und Auto zurck. Bolle rauchte nur noch vor sich hin, ab dem U-Bahnhof Prinzenstrae glich die Fahrt einer Querfeldein-Rally. Die Straen waren berst mit Steinen, berall Reste von Barrikaden. Auf der Kreuzung direkt vor meiner Haustr eine dicht gedrngte ausgelassene Menschenmenge, die mit allem, was herumlag, auf die gusseisernen Pfeiler der Hochbahn einschlug. Irgendwann in den nchsten Tagen suche das Theater "Schaubhne" per Zeitungsanzeige nach jemandem, der die Geruschkulisse aufgenommen hatte und bot eine hohe Geldsumme dafr. Man spielte gerade "Trommeln in der Nacht" von Bertolt Brecht.

Heute weiss man, dass Bolle damals von einem psychisch kranken Pyromanen6 angesteckt worden ist. Diese Nacht der Nchte war ein historisches und politisches Fanal: Zum ersten Mal seit den Barrikadenkmpfen von 18487 hatte es die Bevlkerung geschafft, die Staatsmacht aus einem Stadtteil zu vertreiben - mit "militrischen" Mitteln. Die Polizei traute sich erst am Morgen des nchsten Tages mit schwerem Gert zurck. Warum wer randalierte, war unwichtig. Das Gefhl allein zhlte, es "denen da oben", reprsentiert durch die Polizei, gezeigt zu haben. Und die Staatsmacht schien auch zu ahnen, dass es um Symbolik ging. Zuerst rckten die Fahrzeuge der Stadtreinigung in Kreuzberg ein, die die Zeichen und Zeugnisse der Niederlage gegen die widerborstigen BrgerInnen beseitigt hatten, bevor die Pressemeute anrckte.

In den nchsten Jahren begann sich das Spektakel zu verselbstndigen, als symbolischen Ritual wie die Segeberger Karl May-Festspiele. Wir Kreuzberger schauten mehr oder minder fassungslos auf die angereisten Jungschwaben, die sich zuhause nicht trauen, die Sau rauszulassen, aber am Heinrichplatz zum 1. Mai pltzlich den sinnfreien Aufstand probten. Man kam, warf Steine, holte sich die Jahresration Trnengas ab und reiste wieder ab. Ich kann mich an einen 1. Mai erinnern, an dem wir in unserer Haustr standen und Jger und Gejagte im Minutentakt von rechts nach links und umgekehrt an uns vorbeisausten. Wenn wir jemanden kannten, liessen wir ihn hinein. Die normalen Omas, die es noch in unserem Haus gab, boten uns Schutz. Spter nicht mehr, weil die Polizei auf alles einprgelte, was sich bewegte. Deshalb war es fr uns ein inneres Laubhttenfest, dass die Ordnungskrfte auch mal den Polizeiprsidenten in Zivil krftig verdroschen, weil der die Angelegenheit beobachten wollte, aber das richtige Passwort nicht wusste. Wir haben stundenlang gelacht.

Irgendwo in den peruanischen Anden, zwischen Cuzco und Ollantaytambo, sassen meine Freundin und ich in einer finsteren Spelunke. Ein US-amerikanisches Prchen, Hardcore-Globetrotter wie wir, gesellte sich zu uns. Man erkannte sich am Outfit und nahm erfreut zur Kenntnis, dass die anderen weder Lehrer noch hnliche Touristen nach dem Motto "Sdamerika in drei Wochen" waren. Ich kann mich genau erinnern, wie die Unterhaltung begann - es war das Jahr 1984: Woher kommt ihr? "New York, Lower East Side." Alles klar: Knsterviertel, Bohme, Weltlufigkeit, freaks. Nicht zu toppen. Wir hatten zwar gerade acht Wochen im Pando-Dschungel verbracht und uns mit Kautschuksammlern und Goldsuchern herumgetrieben, aber das machte kaum Eindruck. Doch dann: "Where are you from?". Brlin, Kreuzberg. Oh, how interesting! Erstauntes Hochziehen der Augenbrauen auf der anderen Seite, Respekt. Man war hip, stand in einer Reihe mit New York, mit den riots in Brixton, London8, und anderen Stdten der Welt.

Das war die endgltige Befreiung aus der deutschen Provinz. Provinz: das waren Hamburg, Mnchen, Frankfurt. Die Globalisierung kam erst viel spter. Kreuzberg: das ist der Ort, wo der Weltgeist kurzzeitig Station macht, wenn er - selten genug - in Berlin verweilt. Wenn man die Geschichte und Geschichten kennt, die die Bordsteine und das Pflaster seit 100 Jahren ausatmen, ist Kreuzberg der einzige Ort Deutschlands, in dem man wohnen kann, ohne permanent daran zu denken, wohin auszuwandern wre.

1) www.chahed.de/Germany/Kreuzbergtour.html
2) www.emmaus.de/lauseplatz_daten.html
3) www.trend.partisan.net/trd0499/t280499.html
4) www.moviemaster.de/archiv/film/film.php?nr=544
5)www.tu-berlin.de/fb2/fadi/hr/Dresden.htm
6) [url]archiv.tagesspiegel.de/archiv/30.04.2003/547359.asp[/url]
7)www.kulmbach.net/~MGF-Gymnasium/bilderdaten/Revolution1848/ und www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/geschichte/1848/berlin02.htm
8)[url]ews.bbc.co.uk/1/hi/uk/544517.stm[/url]
Die Abbildung Mitte zeigt nicht Kreuzberg, sondern Berlin Mitte nrdlich des Halleschen Tores - die Barrikaden in den Mrzkmpfen 1848

Teil II
www.burks.de/forum/phpBB2/viewtopic.php?t=1194
Teil III www.burks.de/forum/phpBB2/viewtopic.php?p=4627#4627

Diese Kolumne steht auch auf der Website Kreuzbergs: www.kreuzberg.de/index.php?id=480
02.05.2003
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