www.burks.de Foren-bersicht www.burks.de
Burkhard Schr�ders [Burks] Forum - f�r Kosmopoliten und Kaltduscher
burks.de: Forum für Kosmopoliten und Kaltduscher
burksblog.de: ab 01.01.2008 geht es hier weiter!
privacyfoundation.de: German Privacy Foundation
 FAQ  •  Suchen  •  Mitgliederliste  •  Benutzergruppen   •  Registrieren  •  Profil  •  Einloggen, um private Nachrichten zu lesen  •  Login
 [Mythos RAF 4] Wenn Terror Pop wird Nchstes Thema anzeigen
Vorheriges Thema anzeigen
Neues Thema erffnenNeue Antwort erstellen
Autor Nachricht
burks
Webmaster
Webmaster


Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 29.08.2003, 23:20 Antworten mit ZitatNach oben

Die RAF-Ausstellung hat noch kein Konzept, wann, wie und ob sie stattfindet, steht in den Sternen. Aber ihr Ziel hat sie jetzt schon erreicht: der Sturm des Pro und Kontra, angefacht durch die blichen verdchtigen pressure groups, beweist, dass ein ffentlicher Streit ber die jngste Vergangenheit der Bundesrepublik bitter ntig ist. Ein Argument gewinnt immer mehr an Gewicht: jede Generation muss sich ihre eigene Vergangenheit neu aneignen. Fr viele junge Leute ist die "Stadtguerilla", womit in Deutschland vor allem der Terror der "Roten Armee Fraktion" und der "Bewegung 2. Juni" gemeint ist, Teil einer unpolitischen Popkultur, ihres eigentlichen Inhaltes so entkleidet wie ein Che Guevara-Poster.

Wenn Terror Pop wird, ist die Ursache immer auch eine ffentliche Sprachlosigkeit. Popkultur ist Politik mit anderen Mitteln. Es gibt wohl kaum eine Epoche der deutschen Nachkriegsgeschichte, die die Gesellschaft und ihre politischen Lager mehr bewegt, ja durchgeschttelt hat als die Zeit der politischen Morde von "links". Zahlreiche Gesetze wurden damals gendert, sind aber heute noch gltig. Das bse Wort der "Sondergesetze" steht im Raum. Der heutige Innenminister Otto Schily, damals auf der "anderen Seite", kann davon ein langes Lied singen. Trotzdem gibt es ausser dem Buch Stefan Austs "Der Baader-Meinhof-Komplex" kaum ein ernst zunehmendes Werk, das den Nachgeborenen die damalige Zeit erlutert. Ganz im Gegenteil: zur "Roten Armee Fraktion" greifen immer mehr Verschwrungstheorien um sich. Das wirre Machwerk Stefan Wisnewskis "Das RAF-Phantom", suggeriert, die zweite und dritte Generation der RAF htte nicht existiert und/oder sei eine Erfindung der Geheimdienste und anderer finsterer Kreise. Und in den sektiererischen Fraktionen der noch in Restbestnden vorhandenen Linken kursiert unausrottbar die Mr, die Kader der RAF seien in Stammheim ermordet worden. Wer antwortet heute auf die Frage, warum Anschlge, fr die die RAF vermutlich verantwortlich war, bis heute nicht aufgeklrt worden sind?

Die Halb- und Unwahrheiten, die ber die RAF im Umlauf sind und durch diverse filmische, aber fiktive Adaptionen gefrdert wurden, knnen weder im Interesse der Opfer des Terrors sein noch ntzen sie der staatsbrgerlichen Aufklrung. Die so heftig kritisierten Macher der Ausstellung hatten eine gute Idee: nicht die RAF sollte diskutiert werden, sondern ihr Mythos. Dieses Konzept bercksichtigt das heutige Medienverhalten vor allem Jugendlicher: Filme als Teil der Popkultur knnen das Bild der Geschichte mehr beeinflussen als das - womglich in der Schule gelernte - Wissen ber historische Fakten. Man darf vermuten, dass Jerry Bruckheimers filmische Version des japanischen berfalls auf Pearl Habour US-amerikanische Schler und ihr Bild des 2. Weltkriegs mehr geprgt hat als ein wissenschaftliches Buch das je gekonnt htte. Aber leider erzhlt ein Spielfim nicht die historische Wahrheit. "Baader" von Christopher Roth nimmt auf historische Tatsachen wenig Rcksicht, wie auch "Die Stille nach dem Schuss" Volker Schlndorffs. Die Filme prgen aber das Geschichtsbild derjenigen, die sich nur flchtig mit dem Thema beschftigen. Die Realitt, wie sie wahrgenommen wird, nhert sich der Popkultur - nicht umgekehrt. Warum sonst gibt es Propagandafilme?

Gerade deshalb muss eine Ausstellung ber die RAF diese Mythen zertrmmern. Natrlich ist das Thema immer noch ein Minenfeld, auf dem die Geister der weltanschaulichen Schlachten der siebziger Jahre orientierungslos herumirren und ab und zu Laut geben. "Staatspolitisch gefhrlicher Unfug", zitiert Bettina Rhl die Stimmen der Opfer, die Macher der Ausstellung seien die Falschen. Rhl versteigt sich zu medizinischen Indikationen wie "kranke, hybride Schbe", die sie der RAF unterschiebt. Auch diese Diktion dokumentiert Hilf- und Sprachlosigkeit und verzichtet auf politische Argumentation. Das groe Ganze, hinter dem schon einmal die Partikularinteressen der Opfer zurcktreten mussten - mit frchterlichen Folgen -, hat bei diesem Thema nichts zu suchen, und ist ohnehin nicht mehr als die Summe der Teile -, dem, was jeder Einzelne heute an moralischen und politischen Konsequenzen aus dem Terror der RAF zieht.

Alle diejenigen, die gar keine Ausstellung wollen, perpetuieren das, was Teil des Nhrbodens politischer Gewalt in den spten Sechzigern war: man schweigt ber die Vergangenheit. Die RAF war nicht die logische Konsequenz der deuschen Nachkriegsgeschichte, aber eines ihrer Symptome. Die RAF war der Schatten, den das Licht des Wirtschaftswunders warf und der genauso so finster war wie die verdrngte Nazi-Vergangenheit. Wie schnell politische Irrtmer in Deutschland ber Leichen gehen und mit welche menschenverachtende Ideen sich Leute kostmieren, wenn es denn darum geht, andere zum vermeintlich Guten zu zwingen, lsst sich kaum besser dokumentieren als am Beispiel der "Studentenbewegung", die, so glaubte sie, mit der Weltrevolution schwanger ging, aber ein Monstrum gebar. Terror, und das ist hochaktuell, sei immer ein Zeichen der Niederlage der Idee. Das resumiert Gilles Kepel im "Schwarzbuch des Dschihad" ber den islamisch verkleideten Terror im Gefolge des 11. Septembers. Der Terror der RAF war das Fanal der endgltigen politische Niederlage der Studentenbewegung.

Eine Ausstellung ist dann gut, wenn sich alle in die Haare bekommen und unabhngig von ihr streiten. Eine Ausstellung ber den "Mythos RAF" soll diesen Streit frdern - mehr kann sie ohnehin nicht. Der popkulturelle Mythos, der gerade erst entsteht, muss Thema sein und werden, damit die Auseinandersetzung ber die schreckliche Idee, vorgeblich politische Zeile durch physischen Terror durchzusetzen, in Gang kommt. Und vielleicht endlich politisch ber die RAF und die Folgen diskutiert wird.

30.08.2003
BurkS

Benutzer-Profile anzeigenPrivate Nachricht sendenE-Mail sendenWebsite dieses Benutzers besuchen
Beitrge der letzten Zeit anzeigen:      
Neues Thema erffnenNeue Antwort erstellen


 Gehe zu:   



Nchstes Thema anzeigen
Vorheriges Thema anzeigen
Du kannst keine Beitrge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beitrge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beitrge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beitrge in diesem Forum nicht lschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.


Powered by phpBB © 2001, 2002 phpBB Group :: FI Theme :: Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde