{"id":8995,"date":"2011-02-25T18:10:27","date_gmt":"2011-02-25T16:10:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=8995"},"modified":"2017-10-10T18:22:06","modified_gmt":"2017-10-10T16:22:06","slug":"commentarii-de-revolutio-arabico","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2011\/02\/25\/commentarii-de-revolutio-arabico","title":{"rendered":"Commentarii de revolutio Arabico [Update]"},"content":{"rendered":"<p>Lybia est omnis divisa in partes tres, quarum unam incolunt <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tripolitanien\">Tarabulus<\/a>, aliam <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fessan\">Fessan<\/a>, tertiam qui ipsorum lingua <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kyrenaika\">Barqah<\/a>, nostra Cyrenaica appellantur. <\/p>\n<p>Wer jetzt an Caesar denkt, ist zwar gebildet und hat etwas \u00fcber libysche Geografie gelernt, aber das hilft uns nicht viel weiter. Ich f\u00fchle mich durch die Medien, was die Revolutionen in Tunesien, \u00c4gypten und Libyen engeht, nicht hinreichend informiert. Deshalb habe ich mich heute selbst umgeschaut, um mir ein Bild zu machen.<\/p>\n<p>Die drei Landesteile, die seit 1951 den Staat Libyen ausmachen, sind sehr unterschiedlich; eine gemeinsame historische Tradition existiert wohl kaum. Der <a href=\"http:\/\/maps.google.com\/?ie=UTF8&#038;t=h&#038;om=1&#038;z=7&#038;ll=26.332807,13.425293&#038;spn=4.597098,7.404785\">S\u00fcdwesten<\/a> ist ungef\u00e4hr doppelt so gro\u00df die Deutschland, hat aber weniger Einwohner als Dortmund. Im gesamten an \u00c4gypten grenzenden Osten, der Kyrenaika, leben etwa halb so viel Einwohner wie in Berlin.<\/p>\n<p>Der Fessan im Westen Libyens wurde in der Geschichte von den geheimnisvollen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Garamanten\">Garamanten<\/a> besiedelt, von denen die heutigen Berber vermutlich abstammen.  Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berber\">Berber<\/a>, die klassischen Bewohner der Sahara-W\u00fcste, zu denen auch die nomadischen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tuareg\">Tuareg<\/a> geh\u00f6ren, verteilen sich auf f\u00fcnf Staaten (ein Vergleich mit den Kurden liegt nahe). Man darf getrost bezweifeln, dass diese V\u00f6lker f\u00fcr eine Revolution in Libyien zu gewinnen sind, da ihre Interessen, neben dem Karawanenhandel, eher darauf gerichtet sind, \u00f6konomisch zu \u00fcberleben und etwa am <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Agadez\">Rohstoffabbau<\/a> im Niger teilzuhaben. <\/p>\n<p>Der Norden des Landes, also im wesentlichen der K\u00fcstenstreifen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tripolitanien\">Tripolitanien<\/a> und dessen Hinterland, die ehemaligen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ph%C3%B6nizier\">ph\u00f6nizischen Kolonien<\/a> und das sp\u00e4tere <a rhef=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karthago\">Karthago<\/a>, wurde arabisiert. Hier kann Landwirtschaft betrieben werden; Erd\u00f6l und Erdgas kommen nur hier vor, vor allem in der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fe_Syrte\">Gro\u00dfen Syrte<\/a>.<\/p>\n<p>Der Osten Libyens ist auch kulturell und historisch anders: Weniger die K\u00fcste, sondern vielmehr das Landesinnere um die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kufra-Oasen\">Kufra-Oasen<\/a> pr\u00e4gen die Traditionen, etwa der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sanussiya\">Sanussiya-Orden<\/a>, zu dem auch der Nationalheld <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Umar_Mukhtar\">Omar Mukhtar<\/a> geh\u00f6rte. Dieser Orden war auch eine islamische Erneuerungsbewegung in der Tradition des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sufismus\">Sufismus<\/a>; der ist aber theologisch weitaus toleranter als etwa die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wahhabiten\">Wahabiten<\/a>, die heute in Saudi-Arabien den Ton angeben. Die Sufis predigen zwar die Askese, sind aber eher spirituell statt dogmatisch ausgerichtet. Der Sanussiya-Orden finanzierte sich, bevor die Kolonialm\u00e4chte Italien und Frankreich ihm seine \u00f6konomische Basis entzogen, durch den Sklavenhandel zwischen Schwarzafrika, vor allem dem Sudan, und den K\u00fcsten \u00c4gyptens und Libyens. Die europ\u00e4ische &#8222;Ausl\u00e4nder raus&#8220;-Organisation <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europ%C3%A4ische_Agentur_f%C3%BCr_die_operative_Zusammenarbeit_an_den_Au%C3%9Fengrenzen\">Frontex<\/a> konzentiert heute im S\u00fcdosten Libyiens Fl\u00fcchtlinge in Lagern; Italien stellt daf\u00fcr das Geld bereit.<\/p>\n<p>Gute Journalisten stellen nur zwei Fragen, um das Wesentliche beschreiben zu k\u00f6nnen: Wo kommt die Kohle her? Und wo geht sie hin? In Libyen hat Gaddafi die Berber alimentiert, weil er ihre traditionelle Aufs\u00e4ssigkeit gegen\u00fcber seinen Nachbarstaaten als &#8222;Drohgeb\u00e4rde&#8220; benutzen konnte. Die halbnomadischen W\u00fcstenbewohner werden sich nur einem Aufstand anschlie\u00dfen, wenn zu erkennen w\u00e4re, dass die Nachfolger der Gaddafi-Clique ihnen \u00e4hnlich wohlgesinnt w\u00e4ren. <\/p>\n<p>Die Kyrenaika hingegen will etwas vom Kuchen abhaben; ihre Bewohner, die historisch stark <a href=\"http:\/\/www.scinexx.de\/index.php?cmd=focus_detail2&#038;f_id=67&#038;rang=18\">mit \u00c4gypten verbandelt<\/a> sind, wurden vernachl\u00e4ssigt und haben daher die st\u00e4rkste Motivation f\u00fcr einem Umsturz. Das sagt aber nicht viel. Es kommt darauf an, wie Tripolitanien reagiert; den Rest Libyiens muss Gaddafi nicht ber\u00fccksichtigen, selbst wenn der zeitweilig in den H\u00e4nden Aufst\u00e4ndischer w\u00e4re. <\/p>\n<p>Wer &#8211; wie ich &#8211; jedem Umsturz, richtet er sich von unten nach oben, sympathisierend gegen\u00fcbersteht, wundert sich: Pl\u00f6tzlich gibt es in Arabien &#8222;Volkskomitees&#8220;, eine Art R\u00e4terepublik, ohne dass man vorher etwas von einer Guerilla oder einer im Geheimen operierenden Organisation geh\u00f6rt h\u00e4tte, wie etwa die erfolgreiche <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sandinistas\">Sandinistische Befreiungsbewegung<\/a> in Nicaragua oder die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tupamaros\">Tupamaros<\/a> in Uruguay. Es handelt sich um eine klassische bewaffnete <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aufstand_in_Libyen_20112>Revolution<\/a> mit allen, was dazugeh\u00f6rt, von der gelernte Linksextremisten wie ich dachten, sie sei schon ausgestorben. Man erlebt doch immer noch Zeichen und Wunder. Die Macht kommt eben nicht aus den Pfaffenm\u00e4ulern, die &#8222;keine Gewalt&#8220; rufen, sondern immer noch aus den Gewehrl\u00e4ufen.<\/p>\n<p>Eine Thema darf in der deutschen \u00d6ffentlichkeit nicht erw\u00e4hnt oder gar diskutiert werden, es w\u00fcrde einen sofort das Mikrofon abgestellt &#8211; der Common Sense der politischen Korrektheit sorgt ohnehin daf\u00fcr, dass Stimmen jenseits des medialen Mainstreams erst gar kein Geh\u00f6r finden: Stellen die Revoluzzer Arabiens die Systemfrage? Wollen sie den Kapitalismus abschaffen? Wollen sie, dass alle am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben k\u00f6nnen? Davor f\u00fcrchten sich doch unsere Polit-Kommentatoren am meisten. <\/p>\n<p>Nein, das tun sie nicht. Ganz im Gegenteil: In Arabien finden zur Zeit eine versp\u00e4tete &#8222;b\u00fcrgerliche&#8220; Revolution statt, deren erste Versionen in Mitteleuropa zu Beginn des 19. Jahrhunderts auftauchten. Die &#8222;B\u00fcrger&#8220; in Frankreich und in Deutschland w\u00e4hrend der <a href=\"http:\/\/www.uni-protokolle.de\/Lexikon\/M%E4rzrevolution.html\">M\u00e4rzrevolution<\/a> 1848 forderten genau das, was die Volksmassen in Tunesien, \u00c4gypten und auch in Libyen heute wollen &#8211; demokratischen Wahlen, Pressefreiheit und den Sturz der Tyrannen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Revolution\u00e4re hoffen, dass der Kapitalismus f\u00fcr alle da ist. Wie das gehen soll, hat noch niemand verraten. Zur Zeit lebt der arabische Umsturz vom Prinzip Hoffnung, dass jeder eine Chance h\u00e4tte, wenn nur die Wirtschaft nicht mehr in den Klauen einer korrupten Familienclique w\u00e4re. Diese Hoffnung ist zwar fromm, aber naiv. <\/p>\n<p>Die eisenen \u00f6kononomischen Gesetze der so genannten &#8222;Marktwirtschaft&#8220; &#8211; die schleichende Enteignung unabh\u00e4ngiger Kleinbauern (zugunsten staatlich subventionierter kapitalistischer Gro\u00dfbetriebe), der &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gesetz_des_tendenziellen_Falls_der_Profitrate\">tendenzielle Fall der Profitrate<\/a>, die ungehinderte Fluktuation der Ware Arbeitskraft und das Entstehen einer <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Industrielle_Reservearmee\">industriellen Reservearmee<\/a> (aus ehemaligen Bauern und\/oder Einwanderern\/Fl\u00fcchtlingen), die das Proletariat in Schach und die L\u00f6hne niedrig h\u00e4lt &#8211; das alles steht Arabien noch bevor. &#8222;Diese Enteignung vollzieht sich durch das Spiel der inneren Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schl\u00e4gt viele tot.&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.marx-forum.de\/marx-lexikon\/lexikon_e\/enteignung.html\">Karl Marx<\/a>, Kapital I, MEW 23, 790)<\/p>\n<p>Ein Gespenst geht um in Arabien &#8211; das Gespenst des Kommunismus (oder wie auch immer man das heute nennen mag). Alle M\u00e4chte des alten Europa haben sich zu einer heiligen -und heimlichen &#8211; Hetzjagd gegen dies Gespenst verb\u00fcndet, die Europ\u00e4ische Union, die USA, Israel, Saudi-Arabien, die Ex-Kolonialm\u00e4chte Italien und Frankreich, die Noch-Machthaber in Marokko, Algerien, Syrien und den Golfstaaten.<\/p>\n<p>Die Revolution in Libyen wird auch Gadaffi nicht aufhalten k\u00f6nnen. Aber die Revolution f\u00e4ngt danach erst an. Bei den Wahlen im Herbst in \u00c4gypten und deren Ausgang sprechen wir uns wieder. Jede Wette, dass diejenigen, die heute die wirtschaftliche Macht am Nil innehaben, auch nach den Wahlen immer noch fest im Sattel sitzen werden. <\/p>\n<p><i>Update<\/i><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,747933,00.html\">SpOff<\/a>: &#8222;Tunesiens Hauptstadt versinkt erneut im Chaos&#8220; &#8211; &#8222;&#8230;mit der Aufarbeitung der Vergangenheit ist z\u00f6gerlich begonnen worden. Das ging vielen Demonstranten nicht schnell genug. Sie sind der Ansicht, dass immer noch die gleiche Clique an der Macht sei &#8211; und sich f\u00fcr die B\u00fcrger nicht viel ge\u00e4ndert habe.&#8220; Meine Rede &#8211; die Revolution beginnt erst.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/0,1518,747907,00.html\">SpOff<\/a>: &#8222;Experten f\u00fcrchten die Spaltung Libyens&#8220; &#8211; der Artikel scheint wie von mir (vgl. obne) abgeschrieben, nur das er seine Quellen verschweigt.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8995?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8995?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_8995 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_8995')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_8995').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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