{"id":7168,"date":"2010-11-03T11:48:23","date_gmt":"2010-11-03T09:48:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=7168"},"modified":"2010-11-03T11:49:24","modified_gmt":"2010-11-03T09:49:24","slug":"warum-die-kalifornier-kiffen-verbieten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2010\/11\/03\/warum-die-kalifornier-kiffen-verbieten","title":{"rendered":"Warum die Kalifornier Kiffen verbieten"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/hanfsamen.wordpress.com\/2010\/08\/25\/munchen-zensiert-werbung\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2010\/10\/301010_1.jpg\" alt=\"hanf\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p align=left>Was der Gesellschaft gerade an der [<i>Sucht<\/i>] so aufst\u00f6\u00dft, hat wenig mit der Droge selbst, um so mehr mit der damit zusammenh\u00e4ngenden Subkultur zu tun. Kompliziert formuliert: &#8222;Die strukturelle Anf\u00e4lligkeit westlicher Gesellschaften f\u00fcr Konflikte \u00fcber die moralische und rechtliche Bewertung des Drogenkonsums ergibt sich aus der delikat ausbalancierten Stellung des Drogenkonsums in einer sowohl am Leistungs- wie auch am hedonistischen Prinzip orientierten Gesellschaft.&#8220; <sup>1<\/sup> Einfacher: Wer etwas leistet, erfreut sich in Gesellschaften, die im weitesten Sinne auf den moralischen Prinzipien der protestantischen Arbeitsethik fu\u00dfen, eines hohen Ansehens &#8211; und darf sich dann auch mal was Sch\u00f6nes g\u00f6nnen. Wer freiwillig faul ist, gilt, je nach Rigidit\u00e4t der Norm, als sozialer Abweichler. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, hie\u00df es im alten Preu\u00dfen. Wer dem Rausch fr\u00f6nt und s\u00fcchtig ist, genauer: nach oder von illegalen Drogen s\u00fcchtig ist, sei arbeitsunf\u00e4hig und damit auch moralisch verwerflich &#8211; so jedenfalls das Klischee der \u00f6ffentlichen Meinung. Man darf dem individuellen Lustprinzip huldigen, wenn man vorher etwas geleistet hat, nur dann. Erst die Arbeit, dann das Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Die Frage ist nur: Wie viele Arbeitsunwillige kann unsere Gesellschaft vertragen? Nicht ihre reale Zahl ist wichtig, sondern ihre symbolische Ausstrahlungskraft, die Faszination einer Drogen-Subkultur, die den normal arbeitenden B\u00fcrger zutiefst verunsichert. Die &#8222;Sucht&#8220;, die gleichzeitig das Lustprinzip auf die Spitze treibt, ist ein Angriff auf die Moral. Sucht ist nur in der Freizeit gestattet, als Ausgleich zum Stre\u00df des Arbeitslebens, als versch\u00e4mt genossenes Privatvergn\u00fcgen oder im Rahmen akzeptierter Rituale wie beim Fu\u00dfball oder im Vereinswesen.<\/p>\n<p>Das Klischee der &#8222;Sucht&#8220; als Verweigerung der Leistung ist so in den K\u00f6pfen etabliert, da\u00df die Realit\u00e4t kaum eine Chance hat: Heroinabh\u00e4ngige, die problemlos mit ihrer Droge versorgt w\u00fcrden oder werden &#8211; was wegen der Illegalisierung des Heroins kaum der Fall ist -, sind genauso arbeitswillig und -f\u00e4hig wie jemand, der jeden Tag drei Schachteln Zigaretten raucht. Ihre Leistungsf\u00e4higkeit ist nicht wesentlich beeintr\u00e4chtigt, noch nicht einmal, im Gegensatz zu Alkoholikern, die Fahrt\u00fcchtigkeit. <sup>2<\/sup> Sie richten also keinen Schaden an, jedenfalls nicht mehr als diejenigen, die ohne Drogen auskommen. Warum sollte also die Heroin-Sucht \u00fcberhaupt behandelt oder gar therapiert werden? (&#8230;)<\/p>\n<p>Selbstkontrolle und -disziplin gelten als unabdingbar f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der sozialen Ordnung. Wer sich gehenl\u00e4\u00dft und dem Rausch fr\u00f6nt, kann seine Arbeitskraft nicht mehr eigenverantwortlich auf dem Arbeitsmarkt verkaufen. Der franz\u00f6sische Philosoph Michel Foucault hat die These aufgestellt, die Irrenanstalten &#8211; Vorl\u00e4ufer der heutigen psychiatrischen und Nervenkliniken -, die es erst in der modernen Gesellschaft gibt, h\u00e4tten zur Wiederherstellung der &#8222;kollektiven Selbstdisziplin&#8220; gedient. Die Gesellschaft erkl\u00e4rt einige Verhaltensweisen f\u00fcr &#8222;normal&#8220; und &#8222;n\u00fctzlich&#8220;, andere f\u00fcr verwerflich und krank. Vor diesen mu\u00df man sich sch\u00fctzen, indem man die Betreffenden, die sich uneinsichtig verweigern, wegsperrt.<\/p>\n<p>Diese Ideen waren doppelt sinnvoll: Zum einen entlasteten sie die &#8222;S\u00fcchtigen&#8220;. Die Alkohol- und sp\u00e4ter die Morphin-Konsumenten konnten ihr von der etablierten Norm abweichendes Verhalten als &#8222;Zwang&#8220; erkl\u00e4ren, der irgendwo in ihrem Inneren hauste und den sie nicht ohne fremde Hilfe zu bek\u00e4mpfen in der Lage waren. Der Ausschlu\u00df aus der Gesellschaft als &#8222;S\u00fcchtiger&#8220; bedeutete gleichzeitig die Wiedereingliederung &#8222;als Kranker&#8220;, um den man sich zu k\u00fcmmern und den man zu rehabilitieren hatte. Zum anderen war die Idee einer &#8222;Sucht&#8220; eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diejenigen Schichten der Bev\u00f6lkerung, die ihr abweichendes und unerw\u00fcnschtes Begehren st\u00e4ndig in Schach halten mu\u00dften: Wenn man die soziale Sicherung nicht schaffte, lag das an &#8222;dunklen Trieben&#8220;, die man noch nicht unter Kontrolle gebracht hatte, am &#8222;krankhaften&#8220; Verlangen, das soziale Elend mit Drogen zu bet\u00e4uben.<\/p>\n<p>Philanthropen und b\u00fcrgerliche Abstinenzapostel erkl\u00e4ren Kriminalit\u00e4t und Verelendung als Folge der moralischen Zerr\u00fcttung durch den Rauschgiftkonsum und die &#8222;Sucht&#8220;. Nicht der kontrollierte Umgang wird gefordert, sondern der Verzicht. Gerade in Deutschland und in den puritanisch gepr\u00e4gten USA f\u00e4llt diese Idee auf fruchtbaren Boden. Da das Leben ohnehin ein Jammertal ist, <i>w\u00e4re der Rausch, der zumindest zeitweilig &#8222;Abhilfe&#8220; schafft, geradezu eine Verh\u00f6hnung der sittlichen Grundlagen. Jegliche Erinnerung an m\u00f6gliche mentale Erfahrungen, die den m\u00fchsam erarbeiteten eigenen Verhaltenskodex in Frage stellen, soll getilgt werden.<\/i> Nicht zuf\u00e4llig wettern heute ehemalige Theologen, die durch politische Wirrungen in verantwortliche Posten in der Drogenpolitik katapultiert wurden, gegen den &#8222;Hedonismus&#8220;, der drohe, wenn man im Krieg gegen die Drogen nur ein wenig nachlasse.<\/p>\n<p>Diese Vorstellung von Sucht hat fatale Folgen. Ihre Definition beruht letztlich auf ethischen und moralischen Leits\u00e4tzen, die in einer bestimmten Gesellschaft \u2014 und nur in einer \u2014 relativ sinnvoll sind. Niemand wei\u00df, warum Wasserb\u00fcffel manchmal Mohnkapseln schlucken und danach orientierungslos herumtorkeln, warum Elefanten alkoholisch vergorene Fr\u00fcchte verzehren und regelrecht &#8222;ausflippen&#8220;, warum Katzen wild auf Katzenminze sind, Schafe sich vors\u00e4tzlich mit Narrenkraut bedr\u00f6hnen oder Rhesusaffen, wenn sie die Auswahl haben, Kokain bevorzugen und Heroin verschm\u00e4hen. Die Sucht, der exzessive Konsum von Rauschdrogen, soll beim Menschen jedoch eine Krankheit sein. Man verweigert ihm die Droge, und ist das nicht konsequent m\u00f6glich, wird er selbst so isoliert, da\u00df er nicht an sie herankommt. Nicht der m\u00f6gliche Schaden f\u00fcr das Individuum ist relevant, sondern der &#8222;Schaden&#8220; f\u00fcr die Gesellschaft. Der besteht darin, da\u00df die zwar nie reale, aber daf\u00fcr um so mehr bef\u00fcrchtete massenhafte Verweigerung der &#8222;n\u00fctzlichen&#8220; T\u00e4tigkeiten, eben der Arbeit, das System als solches in Frage stellen k\u00f6nnte. Das ist aber ein politisches, kein medizinisches Problem.<\/p>\n<p>&#8222;Sucht&#8220; als Ph\u00e4nomen, das sowohl repressive staatliche Ma\u00dfnahmen nach sich ziehen mu\u00df als auch nach therapeutischem Bem\u00fchen verlangt, taucht erst dann auf, wenn sich die S\u00fcchtigen als soziale Randgruppe und\/oder als subversive Subkultur im Bild der \u00d6ffentlichkeit etabliert haben. Das hat mit der Realit\u00e4t wenig zu tun, sondern dient den jeweiligen Interessen, das Verh\u00e4ltnis des B\u00fcrgers zum Staat zu definieren. <i>Die Vorstellung von &#8222;Sucht&#8220; als Krankheit ist untrennbar verbunden mit der Unterdr\u00fcckung von unerw\u00fcnschtem Verhalten und von Minderheiten.<\/i><\/p>\n<p><sup>1. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sebastian_Scheerer\">Scheerer, S<\/a>.: Die Genese der Bet\u00e4ubungsmittelgesetze in der Bundesrepublik Deutschland und in den Niederlanden. G\u00f6ttingen 1982<\/sup><br \/>\n<sup>2. Bei Tests zur Fahrt\u00fcchtigkeit von Heroinabh\u00e4ngigen, die das Medikament Polamidon erhielten, hat sich herausgestellt, da\u00df die Substitution die Leistungsf\u00e4higkeit der Testpersonen nicht beeintr\u00e4chtigte. Das jedenfalls teilten Verkehrsmediziner der Heidelberger Universit\u00e4t auf dem Jahreskongre\u00df der Rechtsmediziner im September 1992 mit.<\/sup><\/p>\n<p><i>Diese Passagen stammen aus meinem Buch <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin \u2013 Sucht ohne Ausweg?<\/a>, erschienen 1993. Sie erkl\u00e4ren auch, warum ich zum Thema Drogen nichts mehr in deutschen Medien ver\u00f6ffentliche &#8211; es hat schlicht keinen Sinn. Es ist seit 30 Jahren alles gesagt, die &#8222;Diskussion&#8220; dreht sich im Kreis. Gegen moraltheologische Diskurse &#8211; um um einen solchen handelt es sich bei &#8222;Drogen&#8220; &#8211; hat die Vernunft nicht die geringste Chance.<\/i><\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7168?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7168?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_7168 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_7168')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_7168').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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