{"id":7071,"date":"2010-10-26T21:44:02","date_gmt":"2010-10-26T19:44:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=7071"},"modified":"2010-11-03T11:51:11","modified_gmt":"2010-11-03T09:51:11","slug":"sie-werden-assimiliert-revisited-oder-die-deutsche-nation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2010\/10\/26\/sie-werden-assimiliert-revisited-oder-die-deutsche-nation","title":{"rendered":"Sie werden assimiliert, revisited oder: Die deutsche Nation"},"content":{"rendered":"<p>In Wahrheit diskutiert Deutschland noch immer nicht \u00fcber sich selbst. F\u00fcr die historische Tradition des Begriffs &#8222;Nation&#8220; gilt der Satz Heiner Geisslers: &#8222;Es gibt keinen aufgekl\u00e4rten Nationalismus, der frei ist von Rudimenten totalit\u00e4rer Vergangenheit.&#8220; Nation ist immer frei erfunden, ein Mythos, der eine subjektive Gemeinschaft konstituieren soll. Der Mythos gibt die &#8222;virtuellen Eckwerte vor, die die reale Welt per Gesetz definiert. Wer heute dar\u00fcber streitet, wer wie Deutscher sein d\u00fcrfe, kann sich nicht vom historischen Ballast des nationalen Diskurses seit dem 18. Jahrhundert l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Diese kollektive Identit\u00e4t im modernen Sinn existiert nur parallel zur kapitalistischen Industriegesellschaft: Der Mythos Nation erm\u00f6glicht eine br\u00fcchige Einheit, die rein \u00f6konomisch und politisch weder zu begr\u00fcnden noch zu legitimieren w\u00e4re. Der Staat braucht die Nation, um antagonistische Interessengruppen unter einen Hut zu bringen. Kaiser Wilhelm II. formulierte am 4. August 1914, nachdem auch die SPD die Kriegskredite bewilligt hatte, den klassischen Satz: &#8222;Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.&#8220; <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2000\/33\/27125.html\">Stefan Vogt<\/a> fasste die Geschichte der deutschen Begriffsgeschichte, Nation und Vaterland betreffend, in der These zusammen: &#8222;Die Verb\u00fcrgerlichung der Nation war in Deutschland nur um den Preis der Nationalisierung des B\u00fcrgertums zu haben.&#8220;<\/p>\n<p>Die Nation als moralische Instanz hat sich im protestantisch gepr\u00e4gten Preussen beispielhaft entwickelt. Im Gegensatz zu Frankreich konzentrierte sich der \u00f6ffentliche Konsens derjenigen, die zur deutschen Nation geh\u00f6ren durften, seit jeher nicht darauf, die Teilhabe an der politischen Macht zu fordern und an ihr zu partizipieren, sondern, als eine Art kompensatorischer Gratifikation, auf den moralischen Appell an den Gemeinsinn. Emanzipation steht in Deutschland aus historischen Gr\u00fcnden immer unter dem Zwang, sich in das nationale Kollektiv integrieren zu m\u00fcssen. Diese Tradition war nicht nur in der DDR zu beobachten, sondern ist auch im wiedervereinigten Deutschland hochaktuell.<\/p>\n<p>Nation, wie der Mainstream sie in Deutschland versteht und assoziiert, reproduziert immer noch einen kolonialen Diskurs, der in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4nder schon l\u00e4ngst obsolet geworden ist und nur noch in offen rassistischen Parteien gepflegt wird, etwa den Nachfolgeorganisationen der franz\u00f6sischen &#8222;Front National&#8220;. Dieser Art von Nation liegt der Wunsch zugrunde, sich mit einem homogenen Ganzen zu identifizieren, das Bed\u00fcrfnis, sich des eigenen \u00fcberlegenen Selbst zu vergewissern. Das Subjekt, der Rassist, kann sich vom &#8222;unterlegenen&#8220; Objekt, dem Ausl\u00e4nder, dem Angeh\u00f6rigen einer &#8222;fremden&#8220; Kultur, distanzieren, ihn entweder aggressiv ausgrenzen oder ihn als mangelhaftes Wesen sehen mit defizit\u00e4rer kultureller Identit\u00e4t, den man helfen kann, um das eigene Selbstgef\u00fchl zu st\u00e4rken &#8211; ein starkes Motiv f\u00fcr einige Initiativen, die sich scheinbar &#8222;f\u00fcr&#8220; Ausl\u00e4nder engagieren. Boshafte Menschen nennen das &#8222;Infantilisierung&#8220;.<\/p>\n<p>Der Begriff der Nation sagt etwas dar\u00fcber aus, wer dazugeh\u00f6rt und wer nicht. &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220; ist im strengen Sinne des Wortes eine juristische Kategorie: Ausl\u00e4nder ist, wer nicht zum Staatsvolk geh\u00f6rt. Das scheint unstrittig zu sein. Jemand, der in einem Land lebt, aber nicht Staatsb\u00fcrger ist, besitzt weniger Rechte. Das ist in keinem Land der Welt anders. Die Menschenrechte gelten jedoch unabh\u00e4ngig nationaler Vorschriften \u00fcberall. Die &#8222;Allgemeine Erkl\u00e4rung der Menschenrechte&#8220; der UN-Vollversammlung vom 10. Oktober 1948 definiert diese f\u00fcr die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Das deutsche Grundgesetz hat viele der Artikel \u00fcbernommen, aber nicht alle. Der Artikel Eins des Grundgesetzes: &#8222;Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar&#8220; ist ein Menschenrecht, das nicht nur f\u00fcr Deutsche, sondern auch f\u00fcr Ausl\u00e4nder in Deutschland gilt.<\/p>\n<p>Das Wort &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220; wird in Deutschland aber in einem ganz anderen Sinn Sinn benutzt. Es umfasst im \u00f6ffentlichen Sprachgebrauch Migranten, also Einwanderer, Asylbewerber, Touristen, die sich f\u00fcr eine kurze Zeit in Deutschland aufhalten &#8211; aber auch Menschen, die schon viele Jahre in Deutschland leben und dort bleiben wollen, denen aber bis jetzt der deutsche Pass verwehrt wurde. Man darf daran erinnern, dass die Christdemokraten jahrzehntelang behauptete, Deutschland sei kein Einwanderungsland. obwohl fast jedem deutschen Grosstadtbewohner ein Blick aus dem Fenster gen\u00fcgte, um sich von Gegenteil zu \u00fcberzeugen. Die real existierenden Einwanderer waren Menschen zweiter Klasse, mit minderen Rechten. Eine Diskussion \u00fcber das umstrittene &#8222;Ausl\u00e4nderwahlrecht&#8220; ist hier v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig und auch nicht das Thema: Es geht vielmehr darum, ob diese Menschen Ausl\u00e4nder bleiben sollten. Solange die \u00fcbergrosse Mehrzahl der Einwanderer nicht Deutsche werden, ganz gleich, wie sie behandelt werden, produziert ihr Status permanent Rassismus.<\/p>\n<p>&#8222;Nation wie auch Rassismus erfordern zur eigenen Konstitution den Ausschluss des Anderen, dem die Funktion des Feindes und des Opfers zukommt.&#8220;<sup>1<\/sup> Diese zentrale These ist zwar Basis der Forschung, welche Ursachen rassistische Vorurteile haben, in Deutschland jedoch nicht mehrheitsf\u00e4hig. Es scheint sogar fast unm\u00f6glich, den diskursiven Mainstream in Medien und Politik aufzubrechen.<\/p>\n<p>Ausl\u00e4nder geh\u00f6ren nicht zur deutschen Nation, und deshalb bleiben sie &#8222;fremd&#8220;, ob man tolerant ist oder nicht. Alle Versuche, real diskrimierten und rechtlich und sozial benachteiligten Menschen gegen\u00fcber Toleranz und andere guten Gef\u00fchle einzufordern, werden vergeblich sein. Die ethnisierte Begriff der deutschen Nation ist selbst die Quelle des Rassismus. Er geht von einer Fiktion einer ethnischen Homogenit\u00e4t aus. Hannah Ahrendt stellte den Unterschied zwischen der franz\u00f6sischen Nation der Staatsb\u00fcrger und der deutschen Kulturnation pointiert heraus:<br \/>\n<i>&#8222;Der Chauvinismus vor allem franz\u00f6sischer Pr\u00e4gung (&#8230;) konnte sich in allen m\u00f6glichen romantischen Verherrlichungen der Vergangenheit, der Toten- und Ahnenkulte ergehen. Er konnte ein unglaubliches Vokabular der Gro\u00dfsprecherei ersinnen und versuchen, die ganze Nation mit \u2018gloire\u2019 und \u2018grandeur\u2019 besoffen zu machen; aber er hat niemand behauptet, dass Menschen franz\u00f6sischer Abstammung, die in einem anderen Lande geboren und erzogen, ohne Kenntnis der franz\u00f6sischen Sprache und Kultur, nur dank mysteri\u00f6ser Qualit\u00e4ten ihres \u2018Blutes\u2019 Stammesfranzosen seien. (&#8230;) Die v\u00f6lkische Arroganz ist gr\u00f6\u00dfer und schlimmer als der chauvinistische Gr\u00f6ssenwahn, weil sie ich auf innere unme\u00dfbare Eigenschaften beruft.&#8220;<\/i><sup>2<\/sup><\/p>\n<p>Und genau das war die Basis des deutschen Staatsb\u00fcrgerschaftsrechts und ist es im Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit noch heute und wird von den Mulitiplikatoren kollektiver Mythen, insbesondere in den Medien, so formuliert. Die Dichotomie zwischen In- und &#8222;Aus&#8220;l\u00e4ndern suggeriert, die da draussen m\u00fcssten sich denen da drinnen kulturell angleichen, die inneren<br \/>\nEigenschaften des Deutschen \u00fcbernehmen, um in den Genuss derer Privilegien zu kommen. Der vorgebliche &#8222;fremdenfreundliche&#8220; und verzweifelt hilflose Pro-Ausl\u00e4nder-Diskurs kann diesem Dilemma nicht entrinnen, er produziert erst die Vorurteile, die er eigentlich bek\u00e4mpfen will.<\/p>\n<p>Die Fiktion der Kulturnation kann alternativ in verschiedene sprachliche Formen gegossen werden, als &#8222;Bekenntnis zum deutschen Volkstum&#8220; oder schlicht Assimilation, obwohl niemand wei\u00df, wann die erreicht sein k\u00f6nnte. Der CDU-Poliker Meinhard Belle zum Beispiel behautpet: &#8222;Unabdingbar f\u00fcr die Einb\u00fcrgerung ist die Beherrschung der deutschen Sprache. Sie ist grundlegende Voraussetzung und Schl\u00fcssel f\u00fcr die Integration.&#8220; Integration in was? Und wie sieht das Ergebnis aus? Ein Migrant, der die Sprache seines neuen Heimatlandes nicht lernt, ist schlicht dumm und darf sich nicht wundern, wenn er weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Aber war hat das mit der Einb\u00fcrgerung zu tun?<\/p>\n<p>Kulturelle Identit\u00e4t, national gedacht, ist ein politisches Projekt: Der Begriff der Nation fordert etwas &#8211; die Teilhabe an der &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220; in Deutschland ist immer ein Widerspruch in sich. Er geh\u00f6rt nicht dazu, was sein juristischer Status unzweideutig beweist. Die Nation schliesst ihn aus, er ist ihr fremd. Alle Versuche, diesen Status im Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit (oder gar der Rassisten) nur per Appell zum Positiven zu \u00e4ndern, sind verlogen und sinnlos. Der Rassismus in Deutschland wird kodiert durch den &#8222;Ausl\u00e4nder&#8220;-Diskurs; der dient als eine Art verbaler und sozialvertr\u00e4glicher Verpackung, um den Inhalt nicht benennen zu m\u00fcssen. Hans Magnus Enzensberger schreibt:<\/p>\n<p><i>&#8222;Obwohl der Idee der Nation nichts Handfestes mehr entspricht, lebt sie subjektiv, als Illusion, \u00e4u\u00dferst z\u00e4h weiter. Illusionen von solchen Ausm\u00dfen sind aber ernst zu nehmen. Sie sind ihrerseits Realit\u00e4ten, und zwar psychologische Realit\u00e4ten von explosiver Kraft. Ich habe mich oft gefragt, was uns so fest an diese Zwangsvorstellungen fesselt. Vermutlich ist es uns zu m\u00fchsam, eigene Ressentiments und Komplexe, Idiosynkrasien und Neurosen zu entwickeln. Das Phantom der Nation stellt jedermann ein pr\u00e4fabriziertes seelisches Meublement zur Verf\u00fcgung, in dem er sich preiswert einrichten kann. Noch dazu handelt es sich um ein Sortiment von der Stange, das die eigene Auswahl \u00fcberfl\u00fcssig macht und den enormen Vorzug hat, da\u00e1 man es mit vielen anderen teilt. Das schafft eine gewisse behagliche Solidarit\u00e4t, wie man sie etwa unter Leuten beobachten kann, die dasselbe Automodell fahren.&#8220;<\/i><\/p>\n<p><sup>1. Kien Nghi Ha: <a href=\"http:\/\/www.wvberlin.de\/data\/inhalt\/ha.htm\">Ethnizit\u00e4t und Migration<\/a>, S. 12<br \/>\n2. Hannah Ahrendt: Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Totalitarismus, Imperialismus. M\u00fcnchen\/Z\u00fcrich 1998, S. 481f.<\/sup><\/p>\n<p>Erschienen 2000 in Burkhard Schr\u00f6der: <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/nazis-sind-pop\">Nazis sind Pop<\/a><\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7071?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7071?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_7071 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_7071')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_7071').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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