{"id":66693,"date":"2026-09-27T11:39:27","date_gmt":"2026-09-27T09:39:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=66693"},"modified":"2026-09-27T11:41:25","modified_gmt":"2026-09-27T09:41:25","slug":"arm-an-erfahrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2026\/09\/27\/arm-an-erfahrung","title":{"rendered":"Arm an Erfahrung"},"content":{"rendered":"<p>Ich darf die der marxistischen Theorie nicht abholden Leserschaft auf den <a href=\"https:\/\/www.kritiknetz.de\/images\/stories\/texte\/Doss_Gess_Erfahrungsarmut.pdf\">Aufsatz<\/a> &#8222;Erfahrungsarmut. Kapitalistische Vergesellschaftung und der Verlust geschichtlicher Erfahrung&#8220; von Kevin-Rick Do\u00df und Heinz Gess (2026) aufmerksam machen.<\/p>\n<p>Wer ungern lange und verschwurbelte Texte liest &#8211; hier eine von mir modifizierte Kurzfassung der KI.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2026\/09\/270926_4gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2026\/09\/270926_4kl.jpg\" border=\"0\" width=\"480\" alt=\"erfahrungsarmut\"\/><\/a><\/p>\n<p>Warum k\u00f6nnen Menschen Kriege, Krisen, Ausbeutung und gesellschaftliche Umbr\u00fcche erleben, ohne daraus eine dauerhafte geschichtliche Erfahrung und ein Verst\u00e4ndnis ihrer gesellschaftlichen Ursachen zu entwickeln?<\/p>\n<p><b>Die zentrale These<\/b><\/p>\n<p>Mit \u201eErfahrungsarmut\u201c ist ausdr\u00fccklich nicht gemeint, dass Menschen zu wenig erleben. Im Gegenteil: Moderne Gesellschaften produzieren eine enorme Menge von Ereignissen, Informationen und Erlebnissen. Das Problem besteht darin, dass diese Erlebnisse nicht mehr zu einem Zusammenhang verarbeitet werden. Geschichte zerf\u00e4llt in einzelne Ereignisse; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verlieren ihre Verbindung. Die Autoren formulieren es sinngem\u00e4\u00df so: Menschen verlieren nicht ihre Erinnerungen, sondern zunehmend die F\u00e4higkeit, Erinnerungen als Geschichte zu verstehen. <\/p>\n<p>Entscheidend ist f\u00fcr Do\u00df und Gess, dass dies kein individuelles psychologisches Defizit, sondern gesellschaftlich erzeugt ist. Ihre Argumentation f\u00fchrt von Engels und Marx \u00fcber Luk\u00e1cs, Horkheimer, Adorno und Hans Kilian zu Musil und Benjamin.<\/p>\n<p><b>Kapitalismus und Vereinzelung<\/b><\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt von Marx und Engels war die Einsicht, dass<br \/>\ndie kapitalistische Produktionsweise nicht nur die materiellen Lebensbedingungen der Menschen formt, sondern zugleich ihre Wahrnehmung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. <\/p>\n<p>Beispiel: Die Menschen leben in der Gro\u00dfstadt r\u00e4umlich eng zusammen, begegnen sich gesellschaftlich jedoch vor allem als Konkurrenten, K\u00e4ufer, Verk\u00e4ufer oder Arbeitskr\u00e4fte. Dadurch werden eigentlich gesellschaftlich verursachte Probleme individualisiert: Armut erscheint als pers\u00f6nliches Scheitern und nicht als Ergebnis bestimmter gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse. Das Leiden anderer wird deshalb immer weniger als Ausdruck einer gemeinsamen Situation erfahren. <\/p>\n<p>Die von Menschen selbst geschaffenen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse verselbst\u00e4ndigen sich laut Marx und treten ihnen anschlie\u00dfend wie eine fremde Macht gegen\u00fcber. Was Menschen selbst produzieren, erscheint ihnen als unver\u00e4nderliche objektive Realit\u00e4t \u2013 gewisserma\u00dfen als \u201ezweite Natur\u201c. Arbeitslosigkeit, Konkurrenz oder Krisen werden erlebt, der von Menschen geschaffene gesellschaftliche Zusammenhang dahinter verschwindet jedoch aus dem Blick. <\/p>\n<p>Hier kn\u00fcpft die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kritische_Theorie\">Kritische Theorie an<\/a>. Horkheimer und Adorno interessieren sich besonders daf\u00fcr, warum objektive gesellschaftliche Krisen nicht automatisch zu gesellschaftlicher Erkenntnis f\u00fchren. Die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise und des Faschismus hatten gezeigt, dass die marxistische Erwartung eines relativ unmittelbaren \u00dcbergangs von gesellschaftlicher Lage zu entsprechendem Bewusstsein nicht aufging. Herrschaft m\u00fcsse daher nicht nur \u00f6konomisch, sondern auch sozialpsychologisch untersucht werden.<\/p>\n<p><b>Enteignung des Bewusstseins<\/b><\/p>\n<p>Mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Kilian\">Hans Kilian<\/a> f\u00fchren die Autoren den Begriff der \u201eEnteignung des Bewusstseins\u201c ein. Menschen m\u00fcssen die gesellschaftliche Realit\u00e4t einerseits rational genug erkennen, um sich darin behaupten zu k\u00f6nnen. Andererseits m\u00fcssen sie Erkenntnisse \u00fcber deren Irrationalit\u00e4t verdr\u00e4ngen, weil sie sich genau diesen Verh\u00e4ltnissen zur Selbsterhaltung t\u00e4glich anpassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Nichtwissen oder falsches Bewusstsein ist nicht einfach mangelnde Intelligenz oder Bildung. Die gesellschaftliche Anpassung selbst kann verhindern, dass Menschen das Ganze erkennen. Herrschaft reproduziert sich deshalb nicht nur durch Eigentumsverh\u00e4ltnisse oder staatliche Gewalt, sondern auch \u00fcber die Formen des Wahrnehmens, Erinnerns und Urteilens. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2026\/09\/270926_5gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2026\/09\/270926_5kl.jpg\" border=\"0\" width=\"480\" alt=\"erfahrungsarmut\"\/><\/a><\/p>\n<p><b>Erleben ist noch keine Erfahrung<\/b><\/p>\n<p>Besonders anschaulich wird die These anhand des Ersten Weltkriegs. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Musil\">Robert Musil<\/a> stellte nach dem Krieg fest, dass eine Generation etwas ungeheuer Einschneidendes erlebt hatte und dennoch kaum f\u00e4hig war, daraus eine begrifflich vermittelte Erfahrung zu gewinnen. Das Problem war f\u00fcr ihn nicht der Mangel an Ereignissen, sondern der Mangel an Begriffen, mit denen das Geschehene gesellschaftlich verstanden werden konnte. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Benjamin\">Walter Benjamin<\/a> radikalisierte diesen Gedanken mit seinem Begriff der \u201eErfahrungsarmut\u201c. Die Menschen seien aus dem Weltkrieg nicht reicher, sondern \u00e4rmer an mitteilbarer Erfahrung zur\u00fcckgekehrt. Moderne Katastrophen produzieren demnach keineswegs automatisch Erkenntnis. Sie k\u00f6nnen sogar das Gegenteil bewirken: Das Erlebte bleibt fragmentiert, wird verdr\u00e4ngt oder erscheint als isoliertes Ereignis, nach dem m\u00f6glichst schnell wieder \u201eNormalit\u00e4t\u201c hergestellt werden soll. <\/p>\n<p>Damit entsteht eine Art gesellschaftliche Amnesie: Krise folgt auf Krise, Ereignis auf Ereignis. Jedes wird f\u00fcr sich behandelt, w\u00e4hrend die historischen und gesellschaftlichen Verbindungen verschwinden.<\/p>\n<p><b>Kritik an der Gegenwart<\/b><\/p>\n<p>Die Autoren \u00fcbertragen diese Diagnose auf den gegenw\u00e4rtigen digitalen Kapitalismus. Die Gesellschaft verf\u00fcgt \u00fcber eine historisch beispiellose Menge an Informationen, Nachrichten und Bildern. Gerade diese permanente Verf\u00fcgbarkeit bedeutet aber nicht automatisch mehr Erfahrung. Ein Ereignis verdr\u00e4ngt das n\u00e4chste, bevor es begriffen und in einen geschichtlichen Zusammenhang eingeordnet worden ist. \u201eAktualit\u00e4t\u201c tritt an die Stelle von Erfahrung. <\/p>\n<p>Dazu passt der von ihnen aufgegriffene Gedanke Roger Willemsens: Die Gegenwart k\u00f6nne gleichzeitig voller Wissen und arm an Erfahrung sein. Wissen allein sch\u00fctzt deshalb nach Auffassung der Autoren auch nicht vor gesellschaftlicher Blindheit. Entscheidend sei, ob Menschen das Gewusste geschichtlich und gesellschaftlich einordnen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><b>Was dagegen hilft<\/b><\/p>\n<p>Hier sehen Do\u00df und Gess die Aufgabe kritischer Bildung und Kritischer Theorie. Bildung d\u00fcrfe nicht blo\u00df Faktenwissen, Qualifikation oder Kompetenzvermittlung bedeuten. Sie m\u00fcsse Menschen erm\u00f6glichen, ihre individuellen Erfahrungen mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenh\u00e4ngen zu vermitteln.<\/p>\n<p>Das bedeutet insbesondere, scheinbar selbstverst\u00e4ndliche Verh\u00e4ltnisse wieder als historisch entstanden sichtbar zu machen. Was historisch von Menschen hervorgebracht wurde, ist nicht naturgegeben und prinzipiell auch ver\u00e4nderbar. Erinnerung ist deshalb f\u00fcr die Autoren keine nostalgische Besch\u00e4ftigung mit der Vergangenheit, sondern eine Form der Gesellschaftskritik. <\/p>\n<p><b>Res\u00fcmee<\/b><\/p>\n<p>Der Aufsatz behauptet, dass der Kapitalismus nicht nur bestimmte wirtschaftliche und soziale Verh\u00e4ltnisse produziert, sondern zugleich eine Form des Bewusstseins, in der Menschen diese Verh\u00e4ltnisse zunehmend als einzelne, scheinbar nat\u00fcrliche Ereignisse erleben, statt sie als Teile eines von Menschen gemachten geschichtlichen Zusammenhangs zu begreifen. \u201eErfahrungsarmut\u201c bedeutet also: viel erleben und viel wissen \u2013 aber immer weniger daraus Geschichte machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66693?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/66693?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_66693 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_66693')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_66693').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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