{"id":65692,"date":"2026-06-07T16:39:54","date_gmt":"2026-06-07T14:39:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=65692"},"modified":"2026-06-07T16:39:54","modified_gmt":"2026-06-07T14:39:54","slug":"ganz-anders-als-bei-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2026\/06\/07\/ganz-anders-als-bei-uns","title":{"rendered":"Ganz anders als bei uns"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2026\/06\/070626_1gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2026\/06\/070626_1kl.jpg\" border=\"0\" width=\"480\" alt=\"brief\"\/><\/a><\/p>\n<p>Sucre, 1. Mai [1984, Bolivien, der Brief kam am 6.6.1984 an]<br \/>\nLiebe Eltern,<\/p>\n<p>In Bolivien ist gerade Generalstreik, und das hei\u00dft, da\u00df hier wirklich niemand arbeitet au\u00dfer dem Markt, auch die Post nicht. Aller Wahrscheinlichkeit ist der Streik Montag zu Ende, und ich werde meine geschriebenen Briefe los. Wir reisen nun noch fr\u00f6hlich beschwingt durch Bolivien, was uns immer mehr wie ein Traumland vorkommt, vorausgesetzt, man hat soviel Geld wie wir. Wir geben trotz Souvenirs und Schlemmerei nicht mehr als 10 DM am Tag aus.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/03\/170320_3gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/03\/170320_3kl.jpg\" alt=\"Sucre\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Heute am 1. Mai nach dem Fr\u00fchst\u00fcck auf dem Markt Parade der Gewerkschaften mit vielen Fahnen auf dem Hauptplatz, ums\u00e4umt von riesigen alten B\u00e4umen, hohen Palmen und wundersch\u00f6nen Kolonialh\u00e4usern, dazu &#8222;Kaiserwetter&#8220;. <\/p>\n<p>Zwischendurch <a href=\"https:\/\/jennyisbaking.com\/de\/2022\/11\/27\/saltenas-rezept-oder-bolivianische-teigtaschen\/\">Salte\u00f1as<\/a>, das sind mit Fleisch und Gem\u00fcse gef\u00fcllt Br\u00f6tchen. Mittags Nudeln, Kartoffeln, Gem\u00fcse und Fleisch auf dem Markt, nachmittags Caf\u00e9 mit &#8222;Banana-Split&#8220;-Eis und Bananensaft, Kaffee, dann Spazierengehen, abends Essen auf dem Markt, jetzt Bier trinken. Wir haben gerade ausgerechnet, da\u00df wir trotzdem inklusive Hotel noch nicht 10 DM ausgegeben haben.<\/p>\n<p>So gem\u00fctlich geht es nicht immer zu: Die Reise hierhin verlief z.B. ein wenig dramatisch. Abreise von Potosi in eisiger K\u00e4lte (es liegt 4100 m hoch), der letzte Bus, der vor dem Generalstreik noch fuhr. Nach 1 Stunde Buszusammenbruch, alle Fahrg\u00e4ste klettern auf einen LKW, der in einem kleinen Ort steht und auch nach Sucre will, bis ca. 70 Leute drauf sind, alte Indio-Omas mit vielen R\u00f6cken, junge M\u00e4nner, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charango\">Charango<\/a> spielen (das sind winzige Gitarren, denen Klangk\u00f6rper aus dem Panzer eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/G%C3%BCrteltiere\">G\u00fcrteltiers<\/a> gemacht worden ist).<\/p>\n<p>Die Fahrt in endlosen Serpentinen an Schluchten vorbei, von 4100 auf 2500, die ganze kalte Nacht auf Schotterstrecke, h\u00f6chstens 20 km im Stundendurchschnitt. Um Mitternacht kommen wir in Sucre an, latschen mit voller Ausr\u00fcstung (jeder 20 kg) durch die leeren Stra\u00dfen von Unterkunft zu Unterkunft wie in Bethlehem. Es gibt kein Bett, es macht keiner auf oder es ist extrem teuer (das gibt es auch). Am Platz kaufen wir noch ein Brot bei einer in einer Ecke zusammengekauerten Indiofrau, und eine Stunde sp\u00e4ter haben wir endlich ein Bett.<\/p>\n<p>Ich habe mich noch nie so gut gef\u00fchlt auf Reisen. Das liegt auch daran, dass B. und ich eine sehr \u00e4hnliche Art zu Reisen und des Reagierens auf die Dinge haben &#8211; ganz im Gegenteil zur letzten Reise. Au\u00dferdem gef\u00e4llt uns Bolivien 10x besser als Peru, obwohl wir auch dort sehr interessante Dinge erlebt haben. Es gibt fast keinen Leerlauf. Jeder Tag bringt neue Ereignisse.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/bolivia\/macha1gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/bolivia\/macha1kl.jpg\" alt=\"catavi\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Vor einer Woche noch sind wir in der <a HREF=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/09\/03\/lord-of-the-underworld-revisited\">Gr\u00f6\u00dften Zinnmine Boliviens<\/a> mit Grubenlampe und Gummistiefel durch eiskalte Stollen spaziert und haben mit den Bergleuten gequatscht. Ein paar Tage sp\u00e4ter nach einer halsbrecherischen Tour mit einem LKW quer durch&#8217;s Gebirge sind wir in einem winzigen Dort mit strohgedeckten H\u00e4usern, wo die Kinder erstaunt hinter uns herlaufen. Dann wieder LKW auf eisiger Pampa auf 5000 m H\u00f6he, wo nur noch sp\u00e4rlich Gras w\u00e4chst und Hunderte von Lamas mit bunten Schleifchen an den Ohren hinter uns herblicken. Seit 6 Wochen sind wir zum ersten Mal unter 3000 m H\u00f6he.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/bolivia\/salar5gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/bolivia\/salar5kl.jpg\" alt=\"salar\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Die Salzw\u00fcste Boliviens, fotografiert im April 1984, vgl. <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/06\/25\/durch-die-salzwueste-reloaded\">26.06.2020<\/a>.<\/sup><\/p>\n<p>Das Extremste bisher war von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oruro\">Oruro<\/a> aus 2 Tage und eine Nacht Richtung chilenische Grenze in die Salzw\u00fcste. Der LKW blieb so oft im Schlamm stecken, da\u00df wir f\u00fcr die 160bkm 36 Stunden brauchten. Alle Fahrg\u00e4ste, ca. 50, m\u00fcssen bis zu den Knien im Schlamm schieben, schaufeln usw.. Dann, mit vollem Gep\u00e4ck, am 3. Tag 17 km Fu\u00dfmarsch in gl\u00fchender Hitze, am 4. Tag Fu\u00dfmarsch durch Sand und Salzw\u00fcste, 26 km mit diversen Flu\u00df\u00fcberquerungen zu Fu\u00df.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/n4wvzgm\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/bolivia\/020714_1.jpg\" alt=\"chipaya\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p align=\"left\"><sup>Eine Ansichtskarte aus Boliven (1984) von Chipaya. Die Dorfbewohner wollten nicht fotografiert werden; diesen Wunsch habe ich respektiert.<\/sup><\/p>\n<p>Am Abend das Ziel, ein winziges Dorf [Chipaya] mit einzigartigen Indianern. Die Frauen haben braune Umh\u00e4nge, tragen ihre Haar in Dutzenden von geflochtenen Z\u00f6pfen, die M\u00e4nner haben helle Baumwollhemden [an] wie ein Kleid, mit bunten G\u00fcrteln und Zipfelm\u00fctzen. Die H\u00e4user sind rund wie ein Kral in Afrika. Das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chipaya\">Dorf<\/a> spricht als einziges eine fast ausgestorbene Sprache, Pokina [gemeint ist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Puquina\">Puquina<\/a> nach Selbstauskunft der Bewohner, was aber vermutlich falsch ist, da mal dort dort <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chipaya_(Sprache)\">Uru-Chipaya<\/a> spricht], die \u00e4lter ist als die der Inkas,<\/p>\n<p>Wir sitzen ersch\u00f6pft neben dem riesigen Backofen und warten auf das erste Brot, trinken braunes Wasser aus dem einzigen Brunnen des Dorfes. Der B\u00fcrgermeister erkl\u00e4rt uns, zum Gl\u00fcck auf Spanisch, wir k\u00f6nnten auf der der Erde [gemeint ist der Fu\u00dfboden] im B\u00fcro des Dorfes schlafen, f\u00fcr&#8217;s fotografieren m\u00fc\u00dften wir bezahlen und \u00fcberhaupt seinen Fremde nicht sehr erw\u00fcnscht.  Wir verzichten auf Fotos und marschieren am n\u00e4chsten Tag 15 km wieder zur\u00fcck, bis uns ein Indio sagt, da\u00df ein LKW von einem Hof abf\u00e4hrt, den wir auch erwischen.<\/p>\n<p>Wieder eine Nacht bei tollem Sternenhimmel, aber eisiger K\u00e4lte. Wir werden total durchgesch\u00fcttelt und au\u00dferdem sitzen wir auf S\u00e4cken mit toten Schafen, deren Knochen uns pikesen &#8211; au\u00dferdem der Geruch&#8230;<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen um 10 Ankunft in einem Dorf in der Zivilisation, wo es einen Bus nach Oruro gibt. Vorher kann ich schon nicht mehr weiter, und B. mu\u00df einen Teil von meinen Sachen tragen. Vorher, beim ersten Tagesmarsch, konnte B. die letzten paar km nur heulend und stoplernd.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/bolivia\/boliva_oruro1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/bolivia\/boliva_oruro1kl.jpg\" alt=\"Oruro\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\" \/><\/a><br \/>\n<sup>Oruro, fotografiert 31.01.1979, vgl. <a href=\"https:\/\/es.wikipedia.org\/wiki\/Oruro#\/media\/Archivo:Oruro..jpg\">heute<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Jetzt: Wir kommen in Oruro an (so gro\u00df wie Unna [1984], ein Bett, ein Restaurant, ein hei\u00dfe Suppe. Allein das Gef\u00fchl beim ersten Schluck war&#8217;s fast schon wert. Ich habe ein wenig abgenommen, aber f\u00fchle, wie sich jeden Tag Energie und innere Ruhe auftanken. Au\u00dferdem f\u00fchle ich eine k\u00f6rperliche Spannkraft wie schon seit langem nicht mehr &#8211; trotz diverser Verdauungsprobleme. Die <a href=\"https:\/\/www.tannacomp.de\/\">Tannacomp<\/a> sind schon fast alle.<\/p>\n<p>\u00dcbermorgen werden wir von hier in ein Dorf mit einem riesigen Markt [<a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?s=tarabuco\">Tarabuco<\/a>] fahren. Wenn ihr uns jetzt sehen k\u00f6nntet: Ich habe weite dunkle indianische Hosen an, die von einem breiten bunten G\u00fcrtel zusammengehalten wird, einen Pullover aus purem Alpaca (10 DM in Peru!), Opas Hut mit buntem B\u00e4ndchen &#8211; genau wie die M\u00e4nner hier! &#8211; und eine bunte indianische Decke um. Au\u00dferdem sind wir braungebrannt &#8211; aber bei euch f\u00e4ngt der Sommer ja auch an. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2026\/06\/070626_2gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2026\/06\/070626_2kl.jpg\" border=\"0\" width=\"480\" alt=\"la paz\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Altstadt von \u0139a Paz, Bolivien, fotografiert 1984, mit ChatGPT verbessert, vgl. das Original <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/10\/20\/viva-la-izquierda-boliviana\">20.10.2020<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Dann geht es von Dorf zu Dorf \u00fcber Cochabamba wieder zur\u00fcck nach La Paz, wo wir ein Paket mit Souvenirs losschicken werden. Von da auch 6 Wochen Richtung Norden in den Urwald, wo es endlich knallig hei\u00df sein wird.<\/p>\n<p>Mitte Juni werden wir die Grenze nach Peru \u00fcberschreiten und nach Cusco fahren. Von dort auf, je nach Zeit und Geld, irgendwann nach Lima, wie, wissen wir noch nicht.<\/p>\n<p>Was uns fehlt, sind die Kneipen in Berlin, Rotkohl, Sauerkraut, Kartoffelsalat, Blumenkohl, Buttercreme&#8230; Leider erwartet mich ja allerhand in Berlin: Wohnungssuche, vielleicht existiert die Knesebeckstra\u00dfenwohnung [ich wohne in der Charlottenburger Knesebeckstra\u00dfe von 1977 bis 1984] nicht [mehr], und meine Sachen sind auf meine Freunde verteilt. Vielleicht gibt es einen Proze\u00df gegen die ger\u00e4umten Bewohner der <a href=\"https:\/\/berlin.museum-digital.de\/object\/60483\">B\u00fclowstra\u00dfe<\/a>, wo ich auch dabei war [ich wurde bei der R\u00e4umung festgenommen, das Verfahren wurde sp\u00e4ter eingestellt], vielleicht habe H,. und A. schon eine Wohnung gefunden. Die erste und letzte Post kriegen wir ja erst in 6-7 Wochen in Cusco.<\/p>\n<p>Nun ja, es geht uns blendend und ich k\u00f6nnte l\u00e4nger bleiben als geplant. Heute feiern wir die H\u00e4lfte [von sechs Monaten Reise] [&#8230;] Seit mehreren Wochen auch das erste Bier. Hoffentlich gibt es nicht doch noch einen Putsch. Oder einen Generalstreik, der unbegrenzt dauert! Die Arbeiter schmei\u00dfen hier mit Steinen, und kein Bus wagt es zu fahren, ganz anders als bei uns.<\/p>\n<p>Bis bald und Gr\u00fc\u00dfe Burkhard<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65692?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65692?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_65692 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_65692')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_65692').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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