{"id":593,"date":"2008-05-31T13:18:10","date_gmt":"2008-05-31T11:18:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2008\/05\/31\/mythos-neu-entdeckte-indianerstamme\/"},"modified":"2016-07-23T14:23:06","modified_gmt":"2016-07-23T12:23:06","slug":"mythos-neu-entdeckte-indianerstamme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2008\/05\/31\/mythos-neu-entdeckte-indianerstamme","title":{"rendered":"Mythos &#8222;Neu entdeckte Indianerst\u00e4mme&#8220; [Update]"},"content":{"rendered":"<p align=left><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2008\/05\/310508_1.jpg\" alt=\"Indios\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"480\" \/><\/p>\n<p align=left>Mit gro\u00dfem Interesse las ich einen Bericht in <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/natur\/0,1518,556720,00.html\">Spiegel online<\/a>: &#8222;Neuentdeckter Indianerstamm&#8220;. Mitarbeiter der brasilianischen &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Funda%C3%A7%C3%A3o_Nacional_do_%C3%8Dndio\">Indianerbeh\u00f6rde<\/a>&#8220; Funai haben ein zur\u00fcckgezogen lebendes Volk entdeckt, das offenbar keinen Kontakt zur so genannten Zivilisation hat. Ich verstand zwar nicht, was &#8222;neu entdeckt&#8220; hei\u00dft, da ich kein &#8222;alt entdeckt&#8220; kenne, aber vermutlich ist das die normale Sprachschluderei wie &#8222;neu renoviert&#8220;. <\/p>\n<p>In Deutschland gibt es keinen Online-Journalismus, der diesen Namen verdient, daher musste ich mir die meisten Links zun\u00e4chst selbst zusammensuchen. Zuerst suchte ich nach <a href=\"https:\/\/pt.wikipedia.org\/wiki\/Jos%C3%A9_Carlos_Meirelles\">Jose Carlos Meirelles<\/a> und las ein paar <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20080606044126\/http:\/\/www.sfgate.com\/cgi-bin\/article.cgi?f=\/n\/a\/2008\/05\/29\/international\/i165750D24.DTL&#038;feed=rss.news\">internationale Berichte<\/a>, um <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20080605114053\/http:\/\/www.aleac.ac.gov.br\/aleac\/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=223&#038;Itemid=1\">das mitzubekommen<\/a>, das deutsche Medien beim Abschreiben vergessen haben oder nicht erw\u00e4hnen, weil Links auf andere Websites als Teufelswerk gelten.<\/p>\n<p>Wenn man sich zum Beispiel \u00fcber die <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Caiapos\">Kayap\u00f3<\/a> informieren will, ist <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20070823111124\/http:\/\/www.sil.org\/americas\/brasil\/LANGPAGE\/EnglKPPg.htm\">einer der ersten Links<\/a> von SIL International, &#8222;Partners in Language Development&#8220;, aka &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/SIL_International\">Summer Institut of Linguistcs<\/a>&#8222;. Mit denen hatte ich schon pers\u00f6nlichen Kontakt &#8211; das ist eine ultrareaktion\u00e4re evangelikale Missionarsvereinigung, die unter dem Vorwand der Sprachforschung in der ganzen Welt Bibeln in der jeweiligen Sprache verbreitet. Wehe, die k\u00e4men zu den &#8222;neuentdeckten&#8220; Indios &#8211; in kurzer Zeit w\u00fcrden diese Hosen und B\u00fcstenhalter tragen, wie die Kayap\u00f3 (mittleres Bild) und vermutlich bals europ\u00e4ischen Touristen als &#8222;Naturvolk&#8220; vorgef\u00fchrt. &#8222;Nat\u00fcrlich&#8220; ist ohnehin eine Fiktion und politisch ungef\u00e4hr so herablassend wie &#8222;frei laufende Indianer und H\u00fchner&#8220;.\n<\/p>\n<p align=left><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2008\/05\/310508_2.jpg\" alt=\"Indios\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"480\" \/><\/p>\n<p align=left>\nDie Fotos wurden von <a href=\"http:\/\/www.survival-international.org\/news\/3340\">Survival International<\/a> publiziert, dort steht auch die Original-Geschichte, und dort erf\u00e4hrt man auch mehr \u00fcber die Gr\u00fcnde, warum zahlreiche V\u00f6lker nichts mit dem Rest der Welt zu tun haben wollen: &#8222;Over one hundred tribes around the world choose to reject contact with outsiders. They are the most vulnerable peoples on the planet. Many of them are living on the run, fleeing invasions of their land by colonists, loggers, oil crews and cattle ranchers. They have often seen their friends and families die at the hands of outsiders, in unreported massacres or epidemics.&#8220;<\/p>\n<p>V\u00f6lker, die noch nie mit anderen Kontakt hatten, gibt es nicht. Wer das behauptete, k\u00f6nnte das auch nicht beweisen. Ich war vor zehn Jahren bei den venezolanischen <a href=\"http:\/\/www.mongabay.com\/indigenous_ethnicities\/south_american\/Guahibo.html\">Guahibo<\/a>, die auch in meinem historischen Roman <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/die-konquistadoren\/\">Die Konquistadoren<\/a> auftauchen. Die ersten Wei\u00dfen, die den Guahibo begegneten, waren die spanischen und deutschen Eroberer im 15. Jahrhundert. <a href=\"http:\/\/www.bbaw.de\/forschung\/avh\/orinoco\/texte\/english.html\">Alexander von Humboldt<\/a> hat ebenfalls \u00fcber sie berichtet (unten die kursiven Zitate).<\/p>\n<p>Aus meiner Reportage vom 19.9.97  im Berliner Tagesspiegel: &#8222;Der gottverlassene Landstrich&#8220; \u00fcber das <a href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?f=q&#038;hl=de&#038;geocode=&#038;time=&#038;date=&#038;ttype=&#038;q=venezuela+elorza&#038;sll=37.0625,-95.677068&#038;sspn=56.375007,110.390625&#038;ie=UTF8&#038;ll=6.939037,-69.594955&#038;spn=0.279803,0.431213&#038;t=h&#038;z=12&#038;om=1\">Grenzgebiet Venezuela-Kolumbien<\/a> n\u00f6rdlich des Rio Meta (vgl. unteres Foto)<\/p>\n<p>&#8222;Am Ortsrand leben knapp hundert Guahibos, eng zusammengedr\u00e4ngt unter einem Wellblechdach und umgeben von M\u00fcllbergen. Die Guahibos sind Nomaden, die Mehrzahl stammt aus Kolumbien. Sie nennen ihre Wohnst\u00e4tte garp\u00f3n, &#8222;gro\u00dfes Haus&#8220;, und erhalten Sozialhilfe; einige M\u00e4nner sprechen spanisch und verdingen sich f\u00fcr ein Almosen als Gelegenheitsarbeiter auf den umliegenden Farmen. Das gibt b\u00f6ses Blut: der Wahlkampf steht vor der T\u00fcr, und Lokalpolitiker haben Parolen ausgegeben, die frei \u00fcbersetzt lauten: &#8222;Guahibos raus!&#8220; und: &#8222;Arbeitspl\u00e4tze zuerst f\u00fcr Einheimische!&#8220; Pater Christobal ist Pole und aus Ostpreu\u00dfen geb\u00fcrtig. Sein klimatisierter Amtssitz nimmt die ganze Breite der Plaza Bolivar von Elorza ein. Als \u00f6ffentliche Person k\u00f6nne er zwar nicht immer laut sagen, was er denke, aber seine kirchliche Autorit\u00e4t geltend machen. &#8222;Vor f\u00fcnfzehn Jahren haben Viehz\u00fcchter und ihre Handlanger ein Massaker an den Guahibos ver\u00fcbt&#8220;, erz\u00e4hlt er, &#8222;es gab siebzehn Tote, auch Frauen und Kinder. Einige \u00dcberlebende hausen im garp\u00f3n. Sie haben heute noch Angst. Die Schuldigen waren bekannt, wurden aber nicht bestraft.&#8220;<\/p>\n<p>Man erf\u00e4hrt, da\u00df der \u00f6rtliche Automechaniker Roberto Para vor einigen Jahren eine Anthropologin aus Paris zu den nomadisierenden Guahibos gefahren hat, die irgendwo in der Savanne leben. Bis zum Rio Meta, der Grenze zu Kolumbien, sind es rund 200 Kilometer, aber es gibt in diesem gottverlassenen Landstrich nur zwei aufgegebene Geh\u00f6fte. Die kolumbianische Guerilla macht das Gebiet unsicher, attackiert die venezolanischen Grenzposten und erhebt bei n\u00e4chtlichen \u00dcberf\u00e4llen von den Viehz\u00fcchtern &#8222;Kriegssteuern&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Stunden mit dem r\u00fcttelnden Jeep durch die Savanne. <em>Der Boden zeigte \u00fcberall, wo er von der Vegetation entb\u00f6\u00dft war, eine Temperatur von 48 bis 50 Grad. Die Ebenen ringsum schienen zum Himmel anzusteigen, und die weite unerme\u00dfliche Ein\u00f6de stellte sich unseren Blicken als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar.<\/em> Im Norden stehen Rauchs\u00e4ulen am Himmel &#8211; die Rancher nennen das &#8222;Flurbereinigung&#8220;.\n<\/p>\n<p align=left><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2008\/05\/310508_3.jpg\" alt=\"Indios\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"480\" \/><\/p>\n<p align=left>\nEin schlammiger Flu\u00df: der Rio Capanaparo. Ein alter Mann rudert den Reisenden schweigend an das andere Ufer. Wieder ein garp\u00f3n. Aller Augen richten sich auf den chefe. Der erkl\u00e4rt in stockendem Spanisch: Das Feuer und die Viehzucht engen den Lebensraum der Guahibos immer mehr ein. Sie litten Hunger, weil sie nicht mehr jagen k\u00f6nnten. Die Regierung lobt sich im Ausland f\u00fcr ihre gut gemeinte, das hei\u00dft paternalistische Indianerpolitik. Sie bietet den Nomaden an, gratis in Reihenhaussiedlungen wohnen zu k\u00f6nnen wie die katholischen und assimilierten Indianer am Orinoco. Dort w\u00e4ren sie gesch\u00fctzt vor \u00dcbergriffen sowohl der kolumbianischen Guerilla als auch der Viehz\u00fcchter. Doch sie wollen nicht.<\/p>\n<p><em>Kein Stamm ist schwerer se\u00dfhaft zu machen als die Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendf\u00fc\u00dfen und W\u00fcrmern, als da\u00df sie ein kleines St\u00fcck Land bebauen. Wir fanden daselbst sechs von noch nicht katechisierten Guahibos bewohnte H\u00e4user. Sie unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich gro\u00dfen schwarzen Augen verrieten mehr Lebendigkeit als die der Indianer in den \u00fcbrigen Missionen&#8230;Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, fa\u00dften uns am Kinn und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seien wie wir.<\/em><\/p>\n<p>Die ersten Wei\u00dfen, die die Guahibos kennenlernten, waren Deutsche &#8211; im 16. Jahrhundert. Die Konquistadoren Georg Hohermuth von Speyer und Friedrich von Hutten zogen 1535 im Auftrag der Welser von Coro an der K\u00fcste nach S\u00fcden, bis in das Quellgebiet des Guaviare im heutigen Kolumbien. Mehrere hundert deutsche und spanische Landsknechte durchstreiften monatelang die Savanne, ausgemergelt vor Hunger und vergeblich auf der Suche nach einem Pa\u00df in die Anden, in das Land der Muisca, zum legend\u00e4ren El Dorado. Die Muisca zahlten mit Gold f\u00fcr die Kinder der Guahibos, erfuhren sie.<\/p>\n<p>&#8222;Fiengent ain Cassicquen oder Obersten, \u00dfo sagt, er wer auff der andern Seitten des Birgs gewest, gab uns gro\u00df Zeittung von Reichtumb. Vermochten aber mit den Pfferden nit hynuber&#8230;&#8220; berichtet der fr\u00e4nkische Edelmann Philipp von Hutten am 30. Oktober 1538 aus Coro an den kaiserlichen Rat Matthias Zimmermann in einem der ersten Briefe, den ein Deutscher aus S\u00fcdamerika geschrieben hat.&#8220; <\/p>\n<p>[Update] Links \u00fcberpr\u00fcft am 23.07.2016<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/593?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/593?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_593 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_593')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_593').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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