{"id":52554,"date":"2023-06-20T18:49:37","date_gmt":"2023-06-20T16:49:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=52554"},"modified":"2023-06-20T20:08:11","modified_gmt":"2023-06-20T18:08:11","slug":"drogen-gegen-drogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/06\/20\/drogen-gegen-drogen","title":{"rendered":"Drogen gegen Drogen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/06\/200623_4gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/06\/200623_4kl.jpg\" alt=\"\ndrugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>opiates on prescription from a doctor technological::1 strobe::1 DSLR::1 defocus::-0.5 &#8211;v 4 &#8211;quality 2 &#8211;chaos 100 &#8211;s 750 <\/sup><\/p>\n<p><i>&#8211; aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a>&#8220; (1993)<\/i><\/p>\n<p><b>Das englische Modell &#8211; Heroin auf Krankenschein<\/b><\/p>\n<p>In England verschreiben \u00c4rzte ihren drogenabh\u00e4ngigen Patienten Heroin auf Krankenschein. In Deutschland ist das zur Zeit ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Das Bet\u00e4ubungsmittelgesetz n\u00e4mlich ordnet Heroin unter die \u00abnicht verkehrsf\u00e4higen Substanzen\u00bb ein. Auf deutsch: Der Stoff ist absolut verboten, er darf auch nicht als Medikament eingesetzt werden.<\/p>\n<p>Ein vergleichbares Gesetz gibt es jenseits des \u00c4rmelkanals nicht. Zwar hat England sich schon vor langer Zeit in einem internationalen \u00dcbereinkommen verpflichtet, die Versorgung mit Psychopharmaka \u00abzu regeln\u00bb, man \u00fcberlie\u00df es aber den Medizinern, wie mit dieser Bestimmung umzugehen sei. Eine Kommission von neun \u00c4rzten &#8211; benannt nach ihrem Vorsitzenden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Humphry_Davy_Rolleston\">Humphrey Rolleston<\/a> &#8211; definierte schon 1926 die Opiat-Abh\u00e4ngigkeit als Krankheit, zu deren Behandlung auch die zeitweilige Versorgung der Patienten mit ihrer Droge durch den Arzt geh\u00f6rte \u2014 mit dem Ziel, sie entweder, nach einer gewissen Zeit, abstinent zu machen, oder, wenn die Entz\u00fcge scheiterten, langfristig zu substituieren.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu Deutschland hielten sich die staatlichen Beh\u00f6rden zur\u00fcck: Sie schrieben &#8211; und schreiben &#8211; den \u00c4rzten nicht vor, wie sie in einem bestimmten Fall zu praktizieren h\u00e4tten. Schon 1858 hatte ein \u00c4rztegesetz bestimmt, dass sich \u00abkeine Orthodoxie\u00bb bilden d\u00fcrfe. Das hei\u00dft: Keine Institution darf den Medizinern eine einzige, \u00aballeinseligmachende\u00bb Behandlungsmethode f\u00fcr eine Krankheit auf zwingen. \u00dcber die Einhaltung des Gesetzes wacht eine Gruppe von \u00c4rzten, die von ihren Kollegen gew\u00e4hlt wird. Die englische \u00c4rzteLobby vereitelte auch den Versuch des Innenministeriums im Jahre 1955, der pharmazeutischen Industrie die Herstellung von Heroin zu untersagen.<\/p>\n<p>Lange Zeit lag die Zahl der Opiat-S\u00fcchtigen in England relativ konstant bei rund 500. Diese \u00abJunkies\u00bb waren vorwiegend Angeh\u00f6rige der Mittelschicht, die aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden mit Morphium oder Heroin versorgt wurden oder die &#8211; wie nach dem Krieg in Deutschland das medizinische Personal &#8211; aus beruflichen Gr\u00fcnden leicht an die Droge herankamen. Das \u00e4nderte sich erst in den sechziger Jahren. Zwischen 1964 und 1968 stieg die Zahl der Heroin-Konsumenten rapide an, allein in zwei Jahren &#8211; 1968\/69 verdoppelte sie sich.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr lagen allerdings weder in einer wachsenden Zahl von \u00abSuchtpers\u00f6nlichkeiten\u00bb noch im \u00abideologischen Hintergrund der Hippie-Kultur\u00bb, wie es einige Theoretiker gern s\u00e4hen. Schuld war vielmehr ein halbes Dutzend \u00c4rzte, vor allem in London, die gegen Bezahlung Privatrezepte \u00fcber gro\u00dfe Mengen ausstellten und damit indirekt auch die Nachfrage nordamerikanischer Touristen befriedigten. So hatte ein einziger Arzt 1962 sechs Kilogramm (!) Heroin ausgegeben &#8211; mehr als die H\u00e4lfte der Menge, die seine Kollegen insgesamt verordnet hatten. (1)<\/p>\n<p>Vergleichbar ist diese Entwicklung mit der heutigen Situation in Deutschland, wo die Medikamentenabh\u00e4ngigkeit, vor allem von Benzodiazepinen, durch die unverantwortliche Verschreibungspraxis vieler \u00c4rzte gef\u00f6rdert wird.<\/p>\n<p>Aufgrund dieses Missstands \u00e4nderte die englische Regierung das System: Den Haus\u00e4rzten wurde in der Regel verboten, Heroin zu verschreiben. An ihre Stelle traten die \u00abDrug Dependence Clinics\u00bb (Drogenpolikliniken), die die Substitution Drogenabh\u00e4ngiger \u00fcbernahmen. Diese mussten sich registrieren lassen, um Mehrfachverschreibungen zu verhindern. Nur einige, speziell ausgebildete Allgemeinmediziner behielten die Lizenz, um Kokain, Cannabinol, Morphin, Methadon und andere Rauschstoffe abzugeben. F\u00fcr die ausschlie\u00dflich medizinische Indikation, etwa bei Herzanf\u00e4llen, durften und d\u00fcrfen aber alle englischen \u00c4rzte nach wie vor auch Heroin verschreiben. (2)<\/p>\n<p>Eine Tradition des \u00abenglischen Modells\u00bb blieb erhalten: Jedes \u00c4rzte-Team in den Drogenpolikliniken \u2014 unter Leitung eines verantwortlichen Psychiaters &#8211; w\u00e4hlte die Behandlungsmethode, die es f\u00fcr richtig hielt. Deshalb gibt es kein allgemeinverbindliches Modell. Die \u00abenglische Methode\u00bb besteht darin, dass jeder seine eigene w\u00e4hlt: entweder die station\u00e4re Entgiftung, Heroin-Erhaltungsprogramme mit oder ohne Betreuung oder die Substitution mit Methadon. Ein Parlamentarier hatte 1971, w\u00e4hrend der Beratungen zu der ver\u00e4nderten Gesetzgebung, den bemerkenswerten Satz gepr\u00e4gt: \u00abWir wissen zwar nicht, was wir mit den S\u00fcchtigen anfangen sollen, aber die \u00c4rzte sollten etwas dar\u00fcber wissen.\u00bb (3) In Deutschland ist es genau umgekehrt: Die \u00c4rzte haben keine Ahnung und verlassen sich auf die Vorgaben der nicht besser informierten Politiker.<\/p>\n<p>Das Resultat der ge\u00e4nderten Praxis war zun\u00e4chst entt\u00e4uschend. Ein Jahr nach Gr\u00fcndung der Drogenpolikliniken waren die meisten derjenigen, die mit Heroin substituiert wurden, ihrem Leben in der illegalen Szene treu geblieben. Nur der Beschaffungsdruck hatte abgenommen. Nach zehn Jahren allerdings sah die Situation anders aus: Ein Drittel der Kontrollgruppe lebte mittlerweile drogenfrei, knapp 40 Prozent waren noch in Behandlung &#8211; entweder mit Heroin oder mit Methadon -, und 15 Prozent waren gestorben. Die Drogenpolikliniken gingen immer mehr dazu \u00fcber, statt Heroin die \u00abErsatzdroge\u00bb Methadon zu verschreiben. Diese hat den Vorteil, nicht so stark zu euphorisieren und l\u00e4nger im K\u00f6rper zu bleiben &#8211; die Abh\u00e4ngigen m\u00fcssen also nicht mehr so h\u00e4ufig zum Arzt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/06\/200623_5gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/06\/200623_5kl.jpg\" alt=\"\ndrugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Die Kritiker des englischen Modells &#8211; vor allem aus Deutschland &#8211; bem\u00e4ngeln, dass die Verschreibung von Heroin und Methadon nicht zum Entzug und zur Abstinenz motiviere und in der Regel \u00absuchtverl\u00e4ngernd\u00bb wirke. Die \u00abs\u00fcchtige Fehlhaltung\u00bb \u00e4ndere sich nicht. (4)<\/p>\n<p>Offenbar sind diese Kritiker nicht bereit, die Realit\u00e4t zur Kenntnis zu nehmen. Schlie\u00dflich zeigte die Zehnjahresuntersuchung, dass drei Viertel aller Patienten entweder noch in Obhut der \u00c4rzte waren oder drogenfrei lebten. Die letztere Gruppe &#8211; immerhin ein Drittel -, das k\u00f6nnen selbst die Abstinenz-Verfechter nicht leugnen, \u00abzeigte in ihrem Verhalten keinen Unterschied mehr zur Normalbev\u00f6lkerung\u00bb.5 Was nicht erreicht wurde ist, dass die \u00fcberwiegende Anzahl der S\u00fcchtigen \u00abgenesen\u00bb war. Wenn man dieses Ergebnis jedoch mit der Erfolgsquote der Drogentherapie in Deutschland vergleicht, die selbst wohlmeinende Fachleute unter der Zehn-Prozent-Marke ansiedeln, wird die ideologische Verbohrtheit der Kritiker deutlich.<\/p>\n<p>Schadensverh\u00fctung scheint f\u00fcr die orthodoxen Vertreter der Drogenpolitik in Deutschland irrelevant zu sein. Vielmehr kommt es auf die richtige Weltanschauung an: Der Mensch hat einen Bogen um die Drogen zu machen, egal, um welchen Preis. Wer Drogen konsumiert, auch wenn er in sozial stabilen Verh\u00e4ltnissen lebt, einer Arbeit nachgeht und seinen Mitmenschen nicht \u00fcber Geb\u00fchr schadet, macht sich des \u00abs\u00fcchtigen Fehlverhaltens\u00bb schuldig. Dieses kann nur dadurch bek\u00e4mpft werden, \u00abdass die Konsequenzen der Sucht negativ erlebt und bewusst wahrgenommen werden\u00bb. (5)<\/p>\n<p>Damit nehmen die Abstinenz-Philosophen in Kauf, dass Drogenabh\u00e4ngige f\u00fcr Jahre ins Gef\u00e4ngnis wandern oder sich aus Verzweiflung selbst t\u00f6ten &#8211; ein beispielloser Zynismus, der aber so tief in irrationalen \u00c4ngsten verwurzelt ist, dass Argumente nichts fruchten.<\/p>\n<p>Bezeichnend ist auch das Fazit, das ein Hardliner der deutschen Drogenpolitik &#8211; der Leiter einer M\u00fcnchener Drogenberatung &#8211; zieht: \u00abTrotzdem bleibt die Frage offen, was mit chronischen, depravierten Opiatabh\u00e4ngigen geschehen sollte.\u00bb (6) In der Tat, diese Frage k\u00f6nnen die Verfechter einer \u00abdrogenfreien\u00bb Gesellschaft nicht beantworten. Unterderhand suggeriert ihre eingestandene Hilflosigkeit, dass bei den \u00abUnwilligen\u00bb ohnehin alle Bem\u00fchungen vergeblich seien und man diese der Justiz oder \u00e4rztlichen Zwangsma\u00dfnahmen \u00fcberlassen k\u00f6nne.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/06\/200623_6gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/06\/200623_6kl.jpg\" alt=\"\ndrugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>_________________________________________<\/p>\n<p>(1) Vgl. S. Kappel: Aspekte der Entwicklung des \u00abBritischen Systems\u00bb der Behandlung Opiatabh\u00e4ngiger. In: In:<a href=\"https:\/\/www.sfu.ac.at\/de\/ueber-sfu\/sfu-bibliothek\/wiener-zeitschrift-fuer-suchtforschung\/\">Wiener Zeitschrift f\u00fcr Suchtforschung<\/a>, 1980, S. 33ff<br \/>\n(2) Dr. <a href=\"https:\/\/drugsforum.ams3.digitaloceanspaces.com\/data\/attachment-files\/2010\/08\/302857_ef96be1baddcf52ebf20e0a8cf50c612.pdf\">John Marks<\/a> aus Widnes bei Liverpool sch\u00e4tzt, da\u00df ca. 10% der Psychiater \u00abschon immer\u00bb Heroin verschrieben h\u00e4tten, jetzt seien es \u00abwahrscheinlich \u00fcber 25 % \u00bb (briefliche Mitteilung), vgl. J. Marks: Das englische System in Widnes, Merseyside (<a href=\"https:\/\/www.ssam-sapp.ch\/fileadmin\/user_upload\/09MARKSBL.pdf\">fotokop. Manuskript<\/a> o.J.), S.3<br \/>\n(3) So R. Wille in: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3540172599\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">D. Kleiner<\/a> (1987), S. 206<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52554?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52554?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_52554 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_52554')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_52554').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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