{"id":51907,"date":"2023-05-05T21:02:47","date_gmt":"2023-05-05T19:02:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=51907"},"modified":"2023-05-08T12:23:14","modified_gmt":"2023-05-08T10:23:14","slug":"therapie-eine-unendliche-geschichte-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/05\/05\/therapie-eine-unendliche-geschichte-i","title":{"rendered":"Therapie &#8211; eine unendliche Geschichte I"},"content":{"rendered":"<p><i>&#8211; Aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a> (1993)<\/i><\/p>\n<p>Das deutsche System der Drogenberatung hat eine merkw\u00fcrdige Eigenart: Es erreicht nur einen geringen Prozentsatz der Adressaten. Nur ein knappes Viertel aller Heroin-Abh\u00e4ngigen, von den gelegentlichen Konsumenten ganz zu schweigen, taucht freiwillig in einer Drogenberatungsstelle auf. Die Klienten sind nicht selten entt\u00e4uscht von dem, was ihnen geboten wird: Die meisten kommen einmal, dann nie wieder. Offenbar nicht zuf\u00e4llig gibt es kaum Untersuchungen, die sich damit besch\u00e4ftigen, ob Heroin-Abh\u00e4ngige die g\u00e4ngige Beratung akzeptieren. Trotzdem behaupten gutmeinende Drogenexperten immer wieder, das Beratungsangebot sei unzureichend und m\u00fcsse ausgebaut werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wikiwand.com\/de\/Merkantilismus#Media\/Datei:Microcosm_of_London_Plate_096_-_Workhouse,_St_James's_Parish_(tone).jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/05\/050523_8.jpg\" alt=\"arbeitshaus\" border=\"1\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Credit: File:<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Microcosm_of_London_Plate_096_-_Workhouse,_St_James%27s_Parish.jpg\">Microcosm of London Plate 096<\/a> &#8211; Workhouse, St James&#8217;s Parish.jpg | Thomas Rowlandson (1756\u20131827) and Augustus Charles Pugin (1762\u20131832) (after) John Bluck (fl. 1791\u20131819), Joseph Constantine Stadler (fl. 1780\u20131812), Thomas Sutherland (1785\u20131838), J. Hill, and Harraden (aquatint engravers)<\/sup><\/p>\n<p>Nur einzelne Stimmen werden laut, die das System als Ganzes in Frage stellen. Der Kieler Arzt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gorm_Grimm\">Gorm Grimm<\/a>: \u00abInsgesamt gesehen schaden die Drogenberatungsstellen mehr, als dass sie n\u00fctzen.\u00bb Grimm hat anhand der Zahlen des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Psychiatrie in M\u00fcnchen errechnet &#8211; dort melden die meisten Drogenberatungsstellen, wie viele Klienten sie hatten und was mit denen geschehen ist -, dass die \u00abErfolgsquote\u00bb bei maximal 0,5 Prozent liege.<\/p>\n<p><b>Insgesamt gesehen schaden die Drogenberatungsstellen mehr, als dass sie n\u00fctzen.<\/b><\/p>\n<p>Das hat seine Gr\u00fcnde, die zwar alle kennen, \u00fcber die aber ungern geredet wird. Die ersten Drogenberatungsstellen richteten die freien Wohlfahrtsverb\u00e4nde in den siebziger Jahren ein, analog zu den Alkoholberatungsstellen. Die Behandlung der Sucht war bis dato Aufgabe der Mediziner oder der Psychiater gewesen. Die jedoch hatten kl\u00e4glich versagt: Die Skepsis der \u00c4rzte gegen\u00fcber der Drogensubkultur und deren Selbstverst\u00e4ndnis f\u00fchrte eher dazu, dass die jugendlichen Konsumenten einen gro\u00dfen Bogen um Krankenh\u00e4user und psychiatrische Kliniken machten, die eine \u00abEntgiftung\u00bb anboten. Selbst einer der deutschen Abstinenz-P\u00e4pste, der ehemalige Berliner Landesdrogenbeauftragte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_Heckmann\">Wolfgang Heckmann<\/a>, gab zu, dass \u00absp\u00e4testens ab 1973 die Bankrotterkl\u00e4rung f\u00fcr die Behandlungen in [psychiatrischen] Einrichtungen jedenfalls fach\u00f6ffentlich war\u00bb. (1)<\/p>\n<p>Drogenabh\u00e4ngigkeit, so urteilten Fachleute Anfang der achtziger Jahre, sei n\u00e4mlich nicht nur ein rein medizinisches Problem, sondern \u00abin nahezu allen F\u00e4llen\u00bb die Folge von \u00absubjektiver, sozialer und psychischer Misere\u00bb, wobei \u00abdie soziale Misere die psychische Misere bedingt und nicht umgekehrt\u00bb. Deshalb wurden f\u00fcr die Rehabilitation zus\u00e4tzlich andere Berufsgruppen eingespannt. Das Bundessozialgericht urteilte 1982: \u00abDie Begriffe der medizinischen Rehabilitation und der Krankenhilfe erfassen auch die Leistungen von Sozialarbeit und Sozialp\u00e4dagogik\u00bb, die \u00ab\u00e4rztliche Behandlung ist nur ein Unterfall des Hauptfalles medizinischer Leistung. Diese erfordert jedoch nicht die stetige Mitwirkung des Arztes.\u00bb<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/05\/050523_9.jpg\" alt=\"arbeitshaus\" border=\"1\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeitshaus\">Arbeitshaus<\/a> in Mitcham\/London, 19. oder fr\u00fches 20. Jh.<\/sup><\/p>\n<p>Die einzigen, die immer in direktem Kontakt mit der Drogen-Subkultur gestanden hatten, waren die <a href=\"https:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/F%C3%BCrsorger#:~:text=H%C3%B6rbeispiele%3A-,F%C3%BCrsorger,einer%20anderen%20Person%20helfen%20m%C3%B6chte\">F\u00fcrsorger<\/a>, eine Bezeichnung, die heute fast verschwunden ist. Dieser Berufsstand hatte sich seit 1970 gewandelt: Voraussetzung war jetzt Abitur oder Fachabitur, die Absolventen der Ausbildung nannten sich <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Soziale_Arbeit\">Sozialarbeiter<\/a>.<\/p>\n<p>Damit gerieten sie in Konkurrenz zu anderen Gruppen, die sich auch f\u00fcr die Behandlung von Drogenabh\u00e4ngigen zust\u00e4ndig f\u00fchlten, den Soziologen, Psychologen und P\u00e4dagogen. Jede dieser Expertengruppen trug ihr Scherflein dazu bei, warum und wie man der \u00abDrogenwelle\u00bb begegnen k\u00f6nne. Die Sozialarbeiter f\u00fchlten sich als die, die die \u00abDreckarbeit\u00bb machten. Diese unbequeme T\u00e4tigkeit war aber meistens die eigentliche Hilfe f\u00fcr die Klienten. Viele Sozialarbeiter bildeten sich fort, um einen \u00abtherapeuten\u00e4hnlichen Status\u00bb zu erlangen. Die Kompetenz f\u00fcr eine Drogenberatung konnte, genau wie heute, nicht durch eine Ausbildung erworben werden, sondern nur durch die Praxis: learning by doing. Es gibt keinen Beruf \u00abDrogenberater\u00bb. Auf diesem Feld konkurrieren und profilieren sich allerlei Berufsgruppen, von denen jede einzelne genau zu wissen vorgibt, wie man mit Drogenabh\u00e4ngigen zu verfahren habe. Dementsprechend waren und sind die Ergebnisse.<\/p>\n<p><b>Es gibt keinen Beruf \u00abDrogenberater.<\/b><\/p>\n<p>Schon vor zwanzig Jahren klagten alle, die sich mit Drogenkonsumenten plagen mussten, \u00fcber deren mangelnde Motivation. Die Bereitschaft zu einer Therapie, an deren Ende die Drogenfreiheit stehen sollte, war gleich null. Da niemand wusste, wo die ausl\u00f6senden Faktoren f\u00fcr die \u00abSucht\u00bb zu suchen waren und worin sie bestanden, kam man auf den Gedanken, vorbeugend zu arbeiten. Je fr\u00fcher man \u00abden Gef\u00e4hrdeten\u00bb aufsp\u00fcre, desto eher k\u00f6nne man ihm helfen, so die Idee. Die Drogenberater wurden angewiesen, die potentiellen Klienten, die vielleicht irgendwann einmal Drogen probieren w\u00fcrden, dort aufzusuchen, wo sie sich \u00abau\u00dferhalb der Familie\u00bb aufhielten. Auch das ging schief. Die Jugendlichen &#8211; auch die ohne Drogenprobleme &#8211; hatten Jugend-, Sozial- und Gesundheits\u00e4mter eher als repressive Beh\u00f6rden erlebt und weigerten sich standhaft, mit diesen Institutionen zu kooperieren.<\/p>\n<p>Noch bis 1972 waren die Drogenberater von den Klienten \u00e4u\u00dferlich nur wenig zu unterscheiden: Das Mobiliar der Beratungsstellen entstammte h\u00e4ufig dem Sperrm\u00fcll, und theoretische Grundlagen der Arbeit waren so gut wie nicht vorhanden. Jeder wurschtelte vor sich hin, so gut es ging. Das sollte sich \u00e4ndern &#8211; was das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild betraf -, als Geld ins Spiel kam.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/05\/050523_10.jpg\" alt=\"arbeitshaus\" border=\"1\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeitshaus\">Arbeitshaus<\/a> in Irland, 19. oder fr\u00fches 20. Jh.<\/sup><\/p>\n<p>1973 vergab der Bundesminister f\u00fcr Jugend, Familie und Gesundheit ein Forschungsprojekt an das <a href=\"https:\/\/www.psych.mpg.de\/\">Max-Planck-Institut f\u00fcr soziale Psychiatrie<\/a> in M\u00fcnchen. Die Experten sollten herausfinden, welchen Mindestanforderungen eine Drogenberatungsstelle zu gen\u00fcgen hatte, um in den Genuss \u00f6ffentlicher Gelder zu kommen. Diese Kriterien bezogen sich sowohl auf die Inhalte der Arbeit als auch auf die formale Struktur. Vorschrift wurden: schriftliche Unterlagen \u00fcber das Konzept und periodische Berichte, Dokumentation der Ma\u00dfnahmen (u. a. die sogenannten \u00abKrankengeschichten\u00bb), t\u00e4gliche \u00d6ffnung, zwei anwesende Mitarbeiter, von denen&#8217;einer hauptamtlich Arzt, Psychologe oder Sozialarbeiter sein musste, ein \u00abTherapieraum\u00bb, mindestens eine Fallbesprechung pro Woche und gelegentliche externe Kontrolle. Diese Vorschriften wurden bis heute mehrfach modifiziert, im Kern sind sie jedoch noch g\u00fcltig. Offiziell hie\u00dfen die Drogenberatungsstellen jetzt \u00abPsychosoziale Beratungs- und ambulante Behandlungseinrichtung f\u00fcr Suchtkranke und Suchtgef\u00e4hrdete\u00bb.<\/p>\n<p><b>Wer sich dem alleinseligmachenden Glaubenssatz, dass nur die Abstinenz anzustreben sei, widersetzte, bekam \u00c4rger. Man ging f\u00fcr das Dogma \u00fcber Leichen.<\/b><\/p>\n<p>Wer sich diesen Kriterien verweigerte, wurde finanziell ausgeblutet. Durch die Konkurrenz um die Staatsknete gingen diejenigen Einrichtungen als Sieger hervor, die sich, was den Inhalt ihrer Arbeit anging, gef\u00fcgig zeigten. In vielen St\u00e4dten kam es zu Konflikten zwischen den Beh\u00f6rden und den Beratungsstellen, die andere Vorstellungen \u00fcber ihre Aufgaben hatten. In Berlin zum Beispiel schlossen Mitte der achtziger Jahre mehrere Einrichtungen aus Protest gegen die staatliche Einflussnahme ihre Pforten. Wer sich dem alleinseligmachenden Glaubenssatz, dass nur die Abstinenz anzustreben sei, widersetzte, bekam \u00c4rger. Die Beh\u00f6rden scheuten sich zum Teil nicht, Mitarbeitern von niedrigschwelligen Angeboten per Dienstanweisung zu verbieten, sterile Einwegspritzen an die Junkies zu verteilen &#8211; das sei \u00absuchtverl\u00e4ngernd\u00bb -, obwohl die Gefahr, sich mit dem HIV-Virus zu infizieren, immer gr\u00f6\u00dfer wurde. Man ging f\u00fcr das Dogma \u00fcber Leichen.<\/p>\n<p>Wenige Jahre, nachdem die Mindestanforderungen formuliert worden waren, war genau das eingetreten, was die Gr\u00fcnder der Drogenberatungsstellen urspr\u00fcnglich verhindern wollten; es hatten sich Institutionen entwickelt, die in den Augen der Junkies mit Beh\u00f6rden gleichgesetzt und daher auch nicht akzeptiert wurden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/05\/050523_11.jpg\" alt=\"arbeitshaus\" border=\"1\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Die Gartenlaube, 1857<\/sup><\/p>\n<p>Die wesentliche Aufgabe der Drogenberatungsstellen sollte sein (und ist es noch), den Drogenabh\u00e4ngigen entweder einen Platz im Krankenhaus zu vermitteln, wo sie entziehen k\u00f6nnen, oder\/und sie einer Therapie-Einrichtung zuzuf\u00fchren. Beides dauert in der Regel mehrere Wochen &#8211; bis ein Platz gefunden ist. Kompliziert ist auch die finanzielle Frage, da die \u00abEntgiftung\u00bb normalerweise von den Krankenkassen bezahlt wird, die Rehabilitation, also die Therapie, jedoch von den Rentenversicherungen. Viele der verelendeten Junkies sind \u00fcberhaupt nicht versichert, daher muss das Sozialamt einspringen. Heute [1993] kommt hinzu, dass auch die obligatorische <a href=\"https:\/\/scholar.google.de\/scholar?q=psychosoziale+Betreuung+polamidon&amp;hl=de&amp;as_sdt=0&amp;as_vis=1&amp;oi=scholart\">\u00abpsychosoziale Betreuung<\/a>\u00bb von Polamidon-Substituierten \u00fcbernommen werden soll. Viele Einrichtungen sind zwar pl\u00f6tzlich gut besucht, aber mit dieser Aufgabe \u00fcberlastet und weigern sich, Junkies neu aufzunehmen, was die von einigen wenigen einsichtigen Politikern geforderte Ausweitung der Polamidon-Programme konterkariert.<\/p>\n<p>In Nordrhein-Westfalen hatte man das Dilemma erkannt, dass sich bei mehrmonatigen Wartezeiten die Motivation der Fixer, sich um einen Therapieplatz zu bem\u00fchen, nicht gerade erh\u00f6ht. Deshalb initiierte man 1992 das Programm \u00ab<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-322-92570-1_12\">Therapie sofort<\/a>\u00bb: Jeder Heroinabh\u00e4ngige sollte innerhalb einer Woche eingewiesen werden k\u00f6nnen, falls er das w\u00fcnschte. Zun\u00e4chst war der Andrang stark. Die Medien berichteten <a href=\"https:\/\/taz.de\/Zehn-Jahre-Drogennotdienst\/!1528074\/\">mit gro\u00dfem Get\u00f6se<\/a> \u00fcber die Junkies, die doch bisher als behandlungsunwillig galten. Mittlerweile ist die Resonanz in der Szene abgeflacht. Die Suchtexperten sind kleinlaut geworden. Man hatte n\u00e4mlich das wesentliche Problem nicht bedacht: Therapie-Einrichtungen haben keinen oder nur sehr geringen Erfolg.<\/p>\n<p><b>Therapie-Einrichtungen haben keinen oder nur sehr geringen Erfolg.<\/b><\/p>\n<p>Kaum jemand hat bisher den Mut gefunden, das offen auszusprechen. Journalisten, die zum Thema recherchierten, lie\u00dfen und lassen &#8211; sich in der Regel von der Selbstdarstellung der betreffenden Einrichtung blenden. Kritische Stimmen wurden seitens der Betreiber der Drogentherapien eingesch\u00fcchtert, ja mit Klagen bedroht. Nur im \u00abSpiegel-Spezial Rauschgift\u00bb aus dem Jahr 1989 war zu lesen: \u00abEs gibt keine Drogentherapie, die diesen Namen verdient &#8211; sie taugen alle gleicherma\u00dfen wenig (oder nichts).\u00bb<\/p>\n<p>Das war zwar schon immer so, Drogentherapie gilt jedoch in der \u00f6ffentlichen Meinung als die einzige Methode, mit dem Problem fertig zu werden. Die Junkies, die schon einmal das zweifelhafte Vergn\u00fcgen hatten, mit therapeutischen Ma\u00dfnahmen begl\u00fcckt zu werden, die ein drogenfreies Leben zum Ziel hatten, wussten das besser. Warum sollte ein Heroin-Abh\u00e4ngiger also freiwillig etwas aufsuchen, was nichts n\u00fctzt?<\/p>\n<p>Die H\u00e4lfte aller Junkies, die eine Therapie-Einrichtung von innen gesehen haben, leugnen deren Einfluss auf ihren pers\u00f6nlichen Umgang mit Drogen; nur zehn Prozent der anderen H\u00e4lfte (also f\u00fcnf Prozent von allen) gaben bei Umfragen an, ihr Drogenverhalten habe sich durch eine Therapie ge\u00e4ndert. \u00c4hnlich, wenn nicht gar noch schlechter, sieht die Erfolgsquote der Therapien insgesamt aus. Nur gut ein (!) Prozent aller Fixer wird in station\u00e4ren Einrichtungen \u00aberfolgreich im Sinne dauerhafter Drogenabstinenz und gelungener Reintegration behandelt\u00bb. (2)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/05\/050523_12.jpg\" alt=\"therapie\" border=\"1\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Gruppentherapie (Symbolbild)<\/sup><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich \u00fcber diese Zahl streiten. Die Diskussion wird aber durch zwei Dinge erschwert: Niemand wei\u00df, was als \u00abErfolg\u00bb zu werten ist, und keine der deutschen Drogentherapie-Einrichtungen hat bisher zugelassen, dass die hausgemachte Statistik extern von unabh\u00e4ngigen Fachleuten \u00fcberpr\u00fcft werden konnte \u2014 ein Zufall?<\/p>\n<p>Kriterium f\u00fcr Drogenfreiheit ist, so der offizielle Konsens: Nur einmal in drei Monaten Konsum illegaler Drogen, also auch von Haschisch, pro Monat h\u00f6chstens dreimal st\u00e4rkerer Alkoholkonsum, keinerlei Kontakte zur Szene. (3) Dieses Prinzip ist selbst f\u00fcr diejenigen, die dem Konzept einer Therapie wohlwollend gegen\u00fcberstehen, abstrus und absurd. Da ein relevanter Teil der Bev\u00f6lkerung zumindest gelegentlich Cannabis-Produkte konsumiert \u2014 in den deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten ist Haschisch faktisch legalisiert\u2014, erf\u00fcllt diese hohen Voraussetzungen kaum jemand, den Autor eingeschlossen.<\/p>\n<p><b>Fast alle Heroinabh\u00e4ngigen werden nach einer Therapie wieder r\u00fcckf\u00e4llig. <\/b><\/p>\n<p>Fast alle Heroinabh\u00e4ngigen werden nach einer Therapie wieder r\u00fcckf\u00e4llig. Die Therapeuten mussten diese Tatsache zumindest in ihr Denksystem integrieren. Man durfte Drogentherapie nicht an sich in Frage stellen, weil das ja gleichzeitig den Verlust des Arbeitsplatzes zur Folge gehabt h\u00e4tte. Deshalb wurde die Devise ausgegeben, Abbruche seien \u00abnormal\u00bb und auch zu erwarten. Drogenabh\u00e4ngigkeit sei \u00abvon vielen Br\u00fcchen, R\u00fcckschl\u00e4gen, erneuten Anl\u00e4ufen und erneuten R\u00fcckschl\u00e4gen gekennzeichnet\u00bb. (4) Aber je h\u00e4ufiger ein Junkie in einer Drogentherapie verweile, um so wahrscheinlicher werde, dass das Ziel &#8211; die v\u00f6llige Drogenfreiheit &#8211; am Horizont auftauche. Diese k\u00fchne Theorie wird leider durch die Realit\u00e4t nicht best\u00e4tigt. Die Zahl der Entz\u00fcge in Eigenregie nimmt auff\u00e4llig zu, die Therapiebereitschaft ab.<\/p>\n<p>Deshalb operiert die Abstinenz- und Therapie-Lobby mit einem Verbundsystem, das alle Institutionen umfasst, die Druck auf die Drogenkonsumenten aus\u00fcben k\u00f6nnen: Drogenberatungsstellen, Polizei, Justiz und nicht zuletzt die Therapie-Einrichtungen. Der Drogenabh\u00e4ngige soll den helfenden Ma\u00dfnahmen und dem Quasi-Monopol der Abstinenz-Therapien nicht entwischen k\u00f6nnen. \u00abWichtig ist bei allen Hilfsma\u00dfnahmen, dass immer dann, wenn eine Ma\u00dfnahme auf einer h\u00f6heren Stufe fehlschl\u00e4gt, der betreffende Abh\u00e4ngige auf der niedrigeren Stufe der Rehabilitation und Motivation wieder aufgefangen wird, dem Netz der Hilfsma\u00dfnahmen, dem  Verbundsystem folglich nicht v\u00f6llig entgleitet.\u00bb (5) Der S\u00fcchtige ist n\u00e4mlich gef\u00e4hrdet &#8211; sprich: s\u00fcchtig -, solange er lebt, und muss, so er nicht willig ist, Drogen und die Szene zu meiden, lebenslang therapiert werden, ob er will oder nicht.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Teil der Therapie-Insassen, in manchen Einrichtungen mehr als die H\u00e4lfte, ist nicht freiwillig dort, sondern nach einer Verhaftung wegen Vergehens gegen das<br \/>\nBet\u00e4ubungsmittelgesetz &#8211; durch den Richter vor die Alternative gestellt worden: Therapie oder Gef\u00e4ngnis (nach dem ber\u00fcchtigten <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/btmg_1981\/__35.html\">Paragraphen 35 im Bet\u00e4ubungsmittelgesetz<\/a>). Da Drogenabh\u00e4ngige scheinbar nicht motiviert seien, m\u00fcsse \u00absanfter\u00bb <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-642-73839-5_3\">Zwang ausge\u00fcbt werden<\/a>, um die Bereitschaft zur Therapie zu erh\u00f6hen. Der sieht in der Realit\u00e4t so aus, dass bei Bew\u00e4hrungsstrafen unter einem Jahr mit der Auflage, sich einer Abstinenz-Therapie zu unterziehen, die Bew\u00e4hrung h\u00e4ufig genug widerrufen wird, weil es den Junkies nicht gelingt, clean zu bleiben. Strafen \u00fcber einem Jahr werden ohnehin nur sehr selten auf Bew\u00e4hrung ausgesprochen. Gorm Grimm behauptet sogar: \u00abOhne Strafandrohungen f\u00fcr Therapie-Abbruche w\u00fcrden diesen deutschen Einrichtungen nahezu 100% der Klienten davonlaufen.\u00bb (6)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zuchthaus#\/media\/Datei:Hogarth-Harlot-4.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/05\/050523_13.jpg\" alt=\"zuchthaus\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Zuchth\u00e4uslerinnen bei der Hanf-Verarbeitung im Bridewell Prison in London (William Hogarth, 1732)<\/sup><\/p>\n<p>Bricht ein Junkie eine Zwangstherapie ab, muss die Einrichtung das an die Justiz melden, deren M\u00fchlen beim Thema Drogen in der Regel recht z\u00fcgig mahlen &#8211; es wird dann ein Haftbefehl ausgestellt. Die Einrichtungen haben sogar das Recht, ihre Insassen bei Fehlverhalten jederzeit auf die Stra\u00dfe zu setzen, was dazu f\u00fchrt, dass die entweder freiwillig ins Gef\u00e4ngnis gehen oder warten, bis die Polizei sie wieder aufgreift.<\/p>\n<p>Sebastian Scheerer will die g\u00e4ngige Praxis der deutschen Justiz, den Grundsatz des Gesetzes \u00abTherapie vor Strafe\u00bb (7) m\u00f6glichst zu verhindern und nur in &#8211; gesch\u00e4tzt &#8211; einem knappen Drittel aller F\u00e4lle \u00fcberhaupt eine Therapie zu erm\u00f6glichen, nur deshalb nicht einen \u00abSkandal\u00bb nennen, weil er um die \u00abTrostlosigkeit der tats\u00e4chlich angebotenen \u2018Therapien\u2019 und ihre m\u00f6glicherweise noch sch\u00e4dlicheren Auswirkungen\u00bb wei\u00df.<\/p>\n<p>Kritiker der Drogentherapien halten diese f\u00fcr \u00abtotalit\u00e4re Institutionen\u00bb, die \u00abeinige un\u00fcbersehbare \u00c4hnlichkeiten mit Konzentrationslagern und politischen Umerziehungsanstalten aufweisen\u00bb. (8) Die Insassen haben weniger Rechte als in Gef\u00e4ngnissen, Postzensur, Verbot jeglicher Au\u00dfenkontakte in der Anfangszeit und dem\u00fctigende Rituale der Entm\u00fcndigung sind an der Tagesordnung. Ein kompliziertes Strafsystem sorgt f\u00fcr Ordnung, willige Ex-Junkies werden als \u00abKapos\u00bb eingesetzt und wachen \u00fcber die Einhaltung der Anstaltsregeln. F\u00fcr die Junkies, so die Kritik, gehe es nur ums \u00dcberleben, ihre Mitarbeit sei \u00abreine Heuchelei\u00bb.<\/p>\n<p><b>Arbeit macht drogenfrei.<\/b><\/p>\n<p>Wenn man den &#8211; in der Regel wissenschaftlich nicht begr\u00fcndeten &#8211; gruppendynamischen Firlefanz au\u00dfer acht l\u00e4sst, bleibt von der Praxis der \u00abDrogentherapie\u00bb ein Skelett von Ma\u00dfnahmen \u00fcbrig, das sich nur unwesentlich vom klassischen \u00abArbeitshaus\u00bb unterscheidet: Arbeit macht drogenfrei.<\/p>\n<p>Das gilt h\u00e4ufig auch f\u00fcr die Einrichtungen, die sich als \u00abSelbsthilfeprojekte\u00bb, manchmal versch\u00e4mt, aber treffender als \u00abLaientherapie\u00bb deklarieren. So auch f\u00fcr den Prototyp \u00abSynanon\u00bb, der auf den Anspruch, eine Therapie zu sein, ganz verzichtet hat und sich selbst &#8211; weit umfassender -eine \u00abLebensform\u00bb nennt. Dabei klingt der Grundgedanke der Einrichtung zun\u00e4chst plausibel: Die Gr\u00fcnder von Synanon weigerten sich, ihre Drogenabh\u00e4ngigkeit als Krankheit zu sehen, die nur mit fremder Hilfe zu bew\u00e4ltigen sei. Von der klassischen Medizin erwarteten sie nicht viel. Trotzdem wollten sie sich mit ihrer Lage nicht abfinden.<\/p>\n<p>So gr\u00fcndete sich schon 1958 in den USA eine Selbsthilfegruppe nach dem Vorbild der \u00abAnonymen Alkoholiker\u00bb. Ihr Initiator, Chuck Dederich, schuf Wohngemeinschaften, die ohne Suchtmittel, ohne Gewalt, ohne Profit und ohne Privateigentum auskommen wollten. Heutige AbstinenzPhilosophen sprechen schw\u00e4rmerisch davon, dass in diesen USamerikanischen Synanon-H\u00e4usern \u00abdas fr\u00fchere Leben auf der Scene keine Bedeutung\u00bb mehr hatte, \u00absondern nur die Gegenwart des Lebens und Arbeitens in der Gemeinschaft\u00bb. (9) Nach diesem Vorbild gr\u00fcndete sich 1964 \u00abDay-Top\u00bb, 1967 das Projekt \u00abPhoenix House\u00bb. Im gleichen Jahr entstand in England die \u00abRelease\u00bb-Bewegung, die sich \u00e4hnlichen Zielen verschrieb.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.the-sun.com\/news\/733321\/synanon-cult-rehab-abortions-sterilizations\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/05\/050523_14.jpg\" alt=\"synanon\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Synanon_(film)\">Synanon (1965)<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Der US-amerikanische Zweig von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Synanon\">Synanon<\/a> geriet bald in die Schlagzeilen der Presse. <a href=\"https:\/\/www.lamag.com\/citythinkblog\/synanon-cult\/\">Chuck Dederich<\/a> entwickelte sich zu einem gr\u00f6\u00dfenwahnsinnigen Guru, der seine \u00abDrogentherapie\u00bb zu einer <a href=\")&quot;https:\/\/www.the-sun.com\/news\/733321\/synanon-cult-rehab-abortions-sterilizations\/&quot;\">sekten\u00e4hnlichen Organisation<\/a> ausbaute. Erst als sich ein Gericht f\u00fcr seine Praktiken interessierte, wurde ihm das Handwerk gelegt. Dederich wurde verurteilt, weil er versucht hatte, einen Rechtsanwalt <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/1978\/12\/03\/archives\/founder-of-synanon-held-in-snake-attack-on-california-lawyer.html\">mit einer Klapperschlange zu ermorden<\/a>. Der deutsche Zweig von Synanon distanzierte sich von der Mutterorganisation. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ingo_Warnke\">Ingo Warnke<\/a>, einer der Gr\u00fcnder von Synanon in Deutschland, \u00fcber Dederich: \u00abIch habe viel von ihm gelernt. Doch heute dreht er durch.\u00bb<\/p>\n<p>Anfang der siebziger Jahre gab es ein breites Angebot von \u00abtherapeutischen Wohngemeinschaften\u00bb, deren soziologisches Outfit sich kaum von dem der Drogenszene unterschied. Die Ex-Junkies wurden kaum betreut, die Fluktuation war hoch, und eine gro\u00dfe Anzahl der Gruppen stand permanent vor der Aufl\u00f6sung. Der Trend ging daher in die Richtung, die heute vor allem Synanon und <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/lokales\/regionen\/wege-abhaengigkeit-138163.html\">Day-Top<\/a> verk\u00f6rpern: H\u00e4rte, H\u00e4rte und nochmals H\u00e4rte, Arbeit und radikale Ablehnung der gesamten Lebensverh\u00e4ltnisse und der Subkultur der Abh\u00e4ngigen. Die eher libertin\u00e4r ausgerichtete \u00abRelease\u00bb-Bewegung ist so gut wie verschwunden.<\/p>\n<p>\u00dcbriggeblieben sind die Einrichtungen, die sich an den Idealen der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_protestantische_Ethik_und_der_Geist_des_Kapitalismus\">protestantischen Arbeitsethik<\/a> orientieren und Disziplin, Selbstbeherrschung und Askese propagieren. Diese Ziele finden in Deutschland selbstredend eine starke Lobby, schon aus Gr\u00fcnden der kulturellen Tradition. Die drogenfreien Selbsthilfe-Therapien bewirken aber kaum mehr als die klassische, psychotherapeutisch ausgerichtete Drogentherapie, als deren Kritiker sie urspr\u00fcnglich angetreten waren.<\/p>\n<p>Kern der Synanon-Methode ist eine verbale \u00abAngriffstherapie\u00bb, die verniedlichend das \u00abSpiel\u00bb oder \u00abgame\u00bb genannt wird. Die Junkies m\u00fcssen ihren Charakter, ihr Verhalten und ihr bisheriges Leben radikal in Frage stellen lassen. Jeder bekennt sich, dass er sein Leben lang \u00abs\u00fcchtig\u00bb sein wird, also gezeichnet ist. Durch diese Gehirnw\u00e4sche soll die \u00abwahre Person\u00bb zum Vorschein kommen, die \u00abMaske\u00bb, hinter der sich ein Drogen-Konsument verberge, zerst\u00f6rt werden. Das Gef\u00fchl, allein nichts zuwege zu bringen, wird durch die Identifikation mit der Gruppe ersetzt.<\/p>\n<p>Selbst Wissenschaftler, die diesem Experiment neutral gegen\u00fcberstehen, urteilen: Entsprechend dieser Gruppenidentit\u00e4t wird das Mitglied von Synanon nach seiner erfolgreichen Umfunktionierung die Gemeinschaft von Synanon nur ungern verlassen, da er Befriedigung und Sicherheit ausschlie\u00dflich in dieser Gemeinschaft findet.\u00bb Ein Motiv f\u00fcr den Junkie, bei Synanon zu bleiben, liege darin, dass er nur dort Status und Einkommen bekomme, was ihm in der \u00abanderen Welt\u00bb wegen \u00abderen Vorurteile, seiner kriminellen Vorgeschichte und auch wegen seiner mangelnden Qualifikation\u00bb nicht m\u00f6glich sei. Synanon demonstriere, dass die Therapie in geschlossenen Einrichtungen h\u00e4ufig nur zum Leben in diesem gesch\u00fctzten Milieu bef\u00e4hige. (10)<\/p>\n<p>Wissenschaftliche Erhebungen, ob dieser Ansatz den Drogenabh\u00e4ngigen helfen k\u00f6nnte, wurden von Synanon mit der Begr\u00fcndung abgelehnt, \u00abdie Patienten w\u00fcrden sich durch Erhebungen als Anstaltsinsassen f\u00fchlen\u00bb. (11) Die H\u00e4lfte der Insassen verl\u00e4sst in den ersten drei Monaten die Einrichtung. Ehemalige Mitglieder von Synanon sch\u00e4tzen, dass von den rund 1000 Aufnahmen pro Jahr nur ein Dutzend Drogenabh\u00e4ngige mehr als zwei Jahre durchh\u00e4lt. Synanon selbst kann einen \u00abErfolg\u00bb \u2014 die dauerhafte Abstinenz nicht mit Zahlen belegen &#8211; oder will es nicht.<\/p>\n<p>Die therapeutischen Wohngemeinschaften, die sich heute zu rigide organisierten und finanzkr\u00e4ftigen Institutionen entwickelt haben, sind ein uneheliches Kind der Studentenrevolte Ende der sechziger Jahre. \u00abDer theoretische Ausgangspunkt der Selbsthilfe\u00bb, schreibt Horst Br\u00f6mer, \u00abist die These der gesellschaftlichen Determination der Pers\u00f6nlichkeit des Jugendlichen.\u00bb (12) Die Umwelt sei an der Drogensucht schuld, und wenn man nur wolle, k\u00f6nne man das \u00e4ndern. Konsequent wird das \u00abs\u00fcchtige\u00bb Verhalten von der Subkultur und deren Werten abgeleitet, die die Drogen-Konsumenten pr\u00e4gten. Eine Pr\u00e4gung durch charakterliche Defekte, wie sie die Psychiatrie bei der Drogensucht annahm, lehnt man ab. Jeder f\u00fchlt sich sowohl als Therapeut wie als Patient.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.chinadaily.com.cn\/a\/201806\/26\/WS5b31e428a3103349141dee03_5.html\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/05\/050523_15.jpg\" alt=\"synanon\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>AntiDrogen-Therapie in China, credits: <a href=\"https:\/\/www.chinadaily.com.cn\/a\/201806\/26\/WS5b31e428a3103349141dee03_5.html\">China Daily<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Diese Pr\u00e4missen entsprechen ungef\u00e4hr denen des lerntheoretischen Ansatzes zur Erkl\u00e4rung der Drogensucht. Nicht der Konsum einer Droge sei das Wesentliche, sondern die Subkultur, in der es soziales Prestige bringt, \u00abcool\u00bb zu sein und mit dem gef\u00e4hrlichen Stoff umgehen zu k\u00f6nnen. Deshalb m\u00fcsse die Subkultur durch etwas anderes ersetzt werden. \u00abDie strukturierende Kraft der Drogenszene\u00bb, die den Fixer entweder cool oder hilfsbed\u00fcrftig erscheinen lasse, werde \u00abdurch die strukturierende Kraft der Wohngruppe ersetzt\u00bb.<\/p>\n<p>Ein Mittel dieser \u00abKraft\u00bb ist zum Beispiel der Initiationsritus der Aufnahme, der h\u00e4ufig an exorzistische Rituale erinnert: Der Neuank\u00f6mmling muss alle Dinge, die an die Szene erinnern &#8211; wie Kleidung, Schmuck usw. &#8211; ablegen, bekennen wie ein reuiger S\u00fcnder, dass er schuldig und sein bisheriges Leben verfehlt ist, und Besserung und Mitarbeit schw\u00f6ren. Wie absurd diese Praxis ist, wenn jemand nur vor den Toren einer Drogentherapie erscheint, um dem Gef\u00e4ngnis zu entgehen, scheint einleuchtend. Drogentherapien, die urspr\u00fcnglich die \u00abSucht\u00bb in Selbsthilfe bek\u00e4mpfen wollten, indem sie auf lebenslange Abstinenz setzten, k\u00f6nnen zwar bei denen etwas bewirken, die sich freiwillig dieser Tortur unterziehen, in dem Wissen um das, was sie erwartet. Als allgemeing\u00fcltiges Modell, wie man Abh\u00e4ngigkeit von psychothropen Substanzen \u00abheilen\u00bb k\u00f6nnte, sind sie jedoch genauso gescheitert wie diejenigen Einrichtungen, die immer noch davon ausgehen, der Patient m\u00fcsse von charakterlichen Defiziten befreit werden.<\/p>\n<p><b>Das deutsche System der Zwangstherapie steht in Europa beinahe einzigartig da.<\/b><\/p>\n<p>Das deutsche System der Zwangstherapie steht in Europa beinahe einzigartig da. In fast allen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ist Freiwilligkeit oberster Grundsatz bei der Behandlung OpiatAbh\u00e4ngiger. Erschwert wird die Situation der Junkies in Deutschland noch dadurch, dass medika-mentengest\u00fctzte Therapien, wie zum Beispiel die Substitution mit Codein oder Polamidon, viel seltener angeboten werden. Der Berliner Gerichtsmediziner Prof. Friedrich Bschor: \u00abDer Gedanke liegt nahe, das deutsche Drogenfreiheits-Paradigma eher in der N\u00e4he sybillinischer Kultvorschriften denn im Bereich empirischer Wissenschaft zu vermuten.\u00bb (13) Der einzige Erfolg dieser Kultvorschrift: Ein gro\u00dfer Teil der jugendlichen Drogenkonsumenten kommt mit dem Gesetz in Konflikt, wird vorbestraft und hat sich die Zukunft verbaut. Ein gegen die Jugend ist in vollem Gange, aber schon verloren: Die Zahl der Heroin-Abh\u00e4ngigen steigt immer mehr an, trotz aller repressiver Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einer Justizvollzugsanstalt wandten sich 1992 mit <a href=\"https:\/\/taz.de\/Drehtuereffekt-zwischen-Drogenszene-und-Knast\/!1650093\/\">einem verzweifelten Brief<\/a> an die \u00d6ffentlichkeit: \u00abDie vergangenen zwanzig Jahre des Vorrangs der Abstinenztherapie haben im Ergebnis dazu gef\u00fchrt, dass die Zahl der Drogenabh\u00e4ngigen weiter steigt, die Therapieeinrichtungen eine extrem niedrige Erfolgsquote aufweisen, die Verelendung in der Drogenszene weiter zunimmt und sich die Justizvollzugsanstalten zunehmend mit Drogenabh\u00e4ngigen f\u00fcllen. In Vollzugsanstalten niedriger Sicherheitsstufe sitzen heute bereits mehr Drogenkonsumenten ein als wegen klassischer Eigentumsdelikte (wie Diebstahl) Verurteilte. Rechnet man hinzu, dass sich hinter vielen Verurteilungen wegen Eigentumsdelikten Beschaffungskriminalit\u00e4t von Drogengebrauchern verbirgt, dann gibt es bereits jetzt Anstalten, in denen mehrheitlich Drogenkonsumenten \u2018zwischengeparkt\u2019 werden.\u00bb (14)<\/p>\n<p>(Fortsetzung: <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/05\/08\/therapie-eine-unendliche-geschichte-ii\">Therapie &#8211; eine unendliche Geschichte II<\/a><\/p>\n<p>_____________________________________________<\/p>\n<p>(1) Zit. nach G. Grimm (1985), S. 57<br \/>\n(2) ebd., S. 60f, dort auch andere Literatur<br \/>\n(3) G. B\u00fchringer: Standards f\u00fcr die Durchf\u00fchrung von Katamnesen bei Abh\u00e4ngigen: Ergebnisse einer Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Suchtforschung und Suchttherapie, S. 9: in: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3540172599\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">D. Kleiner<\/a> (1987)<br \/>\n(4) W. Heckmann, zit. nach G. Grimm (1985), S. 50<br \/>\n(5) ebd, S. 51<br \/>\n(6) G. Grimm (1985), S. 90<br \/>\n(7) Die Fassung des Bet\u00e4ubungsmittelgesetzes vom 1.1.82<br \/>\n(8) Zit. nach G. Grimm (1985), S. 22<br \/>\n(9) <a href=\"https:\/\/www.buchfreund.de\/de\/d\/e\/9783596238101\/vielleicht-kommt-es-auf-uns-selber-an?bookId=97751043\">W. Heckmann<\/a>: Therapeutische Gemeinschaften f\u00fcr Drogenabh\u00e4ngige. Geschichte-Gegenw\u00e4rtige Praxis &#8211; Zukunftsprobleme, in: ders. (1980), S. 10f<br \/>\n(10) <a href=\"https:\/\/www.psyalpha.net\/de\/biografien\/wilhelm-burian\/wilhelm-burian-publikationen\">W. Burian\/I. Eisenbach-Stangl<\/a> (1980), S. 13<br \/>\n(11) Zit. nach Kury, H. \/Dittmar, W. \/Rink, M.: Zur Resozialisierung Drogenabh\u00e4ngiger \u2014 Diskussion bisheriger Behandlungsans\u00e4tze. In:<a href=\"https:\/\/www.sfu.ac.at\/de\/ueber-sfu\/sfu-bibliothek\/wiener-zeitschrift-fuer-suchtforschung\/\">Wiener Zeitschrift f\u00fcr Suchtforschung<\/a>, 1980, S. 135ff (1980), S. 142<br \/>\n(12) H. Br\u00f6mer: Pioniere ohne Auftrag, in: W. Heckmann (1980), S. 76<br \/>\n(13) F. Bschor (1983), S. 749 f<br \/>\n(14)  \u00ab<a href=\"https:\/\/taz.de\/Drehtuereffekt-zwischen-Drogenszene-und-Knast\/!1650093\/\">Die Tageszeitung<\/a>\u00bb, 02.10.92<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51907?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51907?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_51907 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_51907')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_51907').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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