{"id":51789,"date":"2023-04-28T18:35:20","date_gmt":"2023-04-28T16:35:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=51789"},"modified":"2023-04-28T21:15:45","modified_gmt":"2023-04-28T19:15:45","slug":"das-kreuz-mit-der-sucht-iv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/04\/28\/das-kreuz-mit-der-sucht-iv","title":{"rendered":"Das Kreuz mit der Sucht IV"},"content":{"rendered":"<p><b>Wer wird s\u00fcchtig?<\/b><\/p>\n<p><i>&#8211; aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a>&#8220; (1993)<\/i><\/p>\n<p>Wer immer Drogenabh\u00e4ngige therapieren will, hat auch eine Theorie \u00fcber die \u00abSucht\u00bb, um seine Ma\u00dfnahmen zu rechtfertigen. Dabei ist es mehr als merkw\u00fcrdig, dass die schwache Basis, auf der diese Theorien stehen, kaum jemals einer radikalen Kritik unterzogen wurde. Wer sollte das aber tun, wenn nicht die \u00c4rzte und Therapeuten, deren Arbeitspl\u00e4tze gerade von der Definition des Drogengebrauchs als \u00abKrankheit\u00bb abh\u00e4ngen!<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/280423_5.jpg\" alt=\"drugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Credits: <a href=\"https:\/\/drugabuse.com\/drugs\/heroin\/effects-use\/\">DrugAbuse.com<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Dabei zeigt schon ein fl\u00fcchtiger Blick auf die theoretischen Voraussetzungen, dass das, was die Suchtexperten \u00fcber die Pers\u00f6nlichkeit bzw. den Charakter der Drogen-Konsumenten zu wissen glauben, auch auf einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung zutrifft, der relativ \u00abdrogenfrei\u00bb lebt. \u00abPsychisch Schwache\u00bb greifen zu Drogen: Hei\u00dft das, dass der Rest \u00abpsychisch stark\u00bb ist? Gilt diese \u00abSchw\u00e4che\u00bb nicht auch als Merkmal derjenigen, die in Sekten und \u00e4hnlichen Organisationen landen; kann man totalit\u00e4re religi\u00f6se oder politische Vereinigungen dann als \u00abDroge\u00bb verstehen? Selbst wenn wir dem orthodoxen psychiatrischen Ansatz, dem Christiane Schmerl diese Ansichten zuschreibt (1), zubilligen, Symptome von Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung bei Heroinabh\u00e4ngigen manchmal richtig beobachtet zu haben, hei\u00dft das noch lange nicht, dass diese Symptome zum Drogenmissbrauch gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p><b>Die Frage bleibt offen, warum seelisch Kranke viele Verhaltensauff\u00e4lligkeiten zeigen, darunter aber kaum jemals Drogenmissbrauch.<\/b><\/p>\n<p>Unlogisch ist auch der Schluss, dass eine Behandlung dieser St\u00f6rungen zur Abstinenz f\u00fchren k\u00f6nnte oder sollte. Wenn die Drogeneinnahme \u00abprim\u00e4r Symptom eines psychischen Konflikts\u00bb sei, garantiert das nicht \u2014 wenn der Konflikt nicht mehr vorliegt -, dass der Patient Drogen in Zukunft nicht auch aus anderen Gr\u00fcnden nimmt. Diese Ans\u00e4tze k\u00f6nnten nicht erkl\u00e4ren, folgert Schmerl kritisch, \u00abwieso es eigentlich zu bestimmten Zeiten zu einem epidemischen Anstieg von Drogengebrauch und -abh\u00e4ngigkeit kommt\u00bb. Die beobachteten fr\u00fchkindlichen St\u00f6rungen und negativen Erfahrungen, die angeblich zum Drogenmissbrauch disponieren, seien \u00abkeineswegs spezifisch f\u00fcr Drogenabh\u00e4ngige, sondern finden sich bei anderen \u2018unangepassten\u2019 ebenso und &#8211; nicht zu vergessen &#8211; auch bei unauff\u00e4lligen, als \u2018normal\u2019 klassifizierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen\u00bb. (2) Au\u00dferdem bleibt die Frage offen, warum \u00abwirklich seelisch Kranke viele Verhaltensauff\u00e4lligkeiten zeigen, darunter aber kaum jemals Drogenmissbrauch\u00bb. (3)<\/p>\n<p>Sollte die Opiat-Abh\u00e4ngigkeit eine eigenst\u00e4ndige psychische Krankheit sein? Zu dieser These hat sich bisher noch niemand durchgerungen. Angesichts der zweifelhaften empirischen Basis der meisten Untersuchungen \u00fcber Drogensucht w\u00e4re sie aber auch sehr gewagt: Die Drogenabh\u00e4ngigen in Kliniken, Gef\u00e4ngnissen oder Therapie-Einrichtungen, die zum Thema befragt und untersucht werden, sind schlicht f\u00fcr Konsumenten nicht repr\u00e4sentativ. Und selbst gravierende methodische Fehler, die in jedem anderen Wissenschaftszweig den Vorwurf der Unseri\u00f6sit\u00e4t nach sich z\u00f6gen, werden bei den Theorien \u00fcber Sucht schweigend entschuldigt. \u00abDie meisten Untersuchungen arbeiten zwar mit Kontrollgruppen, diese m\u00fcssten sich aber nur im Merkmal der Drogenabh\u00e4ngigkeit unterscheiden.\u00bb (4)<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu so obskuren Vergleichen wie dem zwischen drogenabh\u00e4ngigen Jugendlichen aus der Unterschicht mit drogenfrei lebenden aus der Mittelschicht. Schmerl f\u00fchrt das Beispiel an, dass sich die Merkmale Jugendlicher, die ohne Drogen auskamen und sich freiwillig f\u00fcr eine Befragung zur Verf\u00fcgung gestellt hatten, und Drogenabh\u00e4ngiger, die ebenfalls freiwillig Auskunft gaben, mehr glichen als die zweier Kontrollgruppen &#8211; drogenfrei lebend oder drogenabh\u00e4ngig &#8211; von straff\u00e4lligen und internierten Jugendlichen.<\/p>\n<p><b>Therapeutischen Ma\u00dfnahmen gegen die \u00abDrogensucht\u00bb sollte mit erheblichem Misstrauen begegnet werden.<\/b><\/p>\n<p>Da die psychiatrischen und psychoanalytischen Ans\u00e4tze einer Sucht-Theorie ohnehin weder zwischen verschiedenen Drogen noch zwischen Abh\u00e4ngigen und gelegentlichen Konsumenten unterscheiden, sollte, so Schmerl, den therapeutischen Ma\u00dfnahmen gegen die \u00abDrogensucht\u00bb mit erheblichem Misstrauen begegnet werden. Bei Heroin komme noch hinzu, dass es \u00abviel eindeutiger eine geschlechtsspezifische Ungleichverteilung zugunsten m\u00e4nnlicher Adepten\u00bb gebe, \u00abein Verh\u00e4ltnis, das noch keinen Drogenforscher zu der Behauptung hingerissen hat, M\u00e4nner seien eher neurotisch pr\u00e4disponierte Drogenpers\u00f6nlichkeiten\u00bb. (5)<\/p>\n<p>Die eher sozialisationstheoretischen Ans\u00e4tze, die das Umfeld oder, noch grober: die Gesellschaft f\u00fcr Drogenmissbrauch verantwortlich machen, erfreuen sich vor allem deshalb gro\u00dfer Beliebtheit, weil sie sich durch popul\u00e4re Stammtisch-Theorien best\u00e4tigt wissen und durch die Medien relativ simpel darzustellen sind. Die klassische Heroin-Story ist so einfach gestrickt, dass sie ein journalistischer Anf\u00e4nger als Gesellenst\u00fcck vorlegen k\u00f6nnte, ohne jemals einen Junkie zu Gesicht bekommen zu haben: Ein armes M\u00e4dchen aus chaotischen Familienverh\u00e4ltnissen (mangelnde Liebe usw.) ger\u00e4t auf die schiefe Bahn, h\u00e4ngt an der Nadel und klopft endlich, nach mancherlei schlimmen Erfahrungen, an die T\u00fcr einer Therapie-Einrichtung, wo sie gerichtet, nein, gerettet wird? (6)<\/p>\n<p>Auch in dieser Argumentation ist keinerlei zwingende Logik zu erkennen. Die statistische H\u00e4ufigkeit von Merkmalen, die angeblich den Drogenkonsum f\u00f6rdern, wie sexueller Missbrauch in der Kindheit, mangelnde Zuwendung, \u00abbroken home\u00bb, gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zum Vater, wahlweise zur Mutter, Pubert\u00e4tsprobleme, verz\u00f6gerter Reifungsprozess, grassierende Arbeitslosigkeit usw. bedeutet noch keinen kausalen Zusammenhang. Best\u00e4tigt wird diese Kritik auch durch die schlichte Tatsache, dass 40 Prozent der Drogenabh\u00e4ngigen die \u00absuchtf\u00f6rdernden\u00bb Merkmale &#8211; aus sozialisationstheoretischer Sicht \u2014 nicht haben, sich aber die gleiche Anzahl von Nichtabh\u00e4ngigen mit diesen negativen Voraussetzungen plagen muss.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/280423_6.jpg\" alt=\"drugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Credits: <a href=\"https:\/\/drugabuse.com\/drugs\/heroin\/effects-use\/\">DrugAbuse.com<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Wenn zwei Dinge gleichzeitig auftreten, etwa &#8211; wie in Schleswig-Holstein &#8211; die h\u00f6chste Geburtenrate und die gr\u00f6\u00dfte Anzahl von Storchen-Populationen, hei\u00dft das nicht, dass eines die Ursache des anderen ist. Detaillierte Untersuchungen in England ergaben, dass zwar ein Zusammenhang zwischen der Verschlechterung der sozialen Situation insgesamt und dem Anstieg des Heroin-Konsums bestehe, dass der Schluss aber falsch sei, die \u00f6konomische Lage mit ihren Folgen f\u00fcr die Familien bewirke eine Zunahme von \u00abSucht-Pers\u00f6nlichkeiten\u00bb. (7)<\/p>\n<p><b>Ausl\u00f6ser f\u00fcr den (ersten) Drogenkonsum sei keine psychische St\u00f6rung, sondern eine jedem Menschen mehr oder weniger stark immanente Neugier.<\/b><\/p>\n<p>Ein dritter Ansatz f\u00fcr die Erkl\u00e4rung des Drogen-Konsums &#8211; vor allem im anglo-amerikanischen Raum verbreitet &#8211; baut auf den Pr\u00e4missen der Lerntheorie auf. Es sei nachgewiesen, so Schmerl, dass \u00abbei Beginn, Beibehaltung und R\u00fcckfall im Heroin-Gebrauch sich das Wirken klassischer Lernprinzipien beobachten und mit Erfolg zur Erkl\u00e4rung von Drogenverhalten heranziehen l\u00e4sst\u00bb. (8) Diese Lernprozesse seien bei jedem Menschen gleich, wenn er in eine dementsprechende Situation gerate, es bed\u00fcrfe daher zur \u00abEntwicklung einer Abh\u00e4ngigkeit keiner pers\u00f6nlichkeitsspezifischer Zusatzannahmen\u00bb. \u00c4hnlich argumentiert auch der Kieler Arzt Gorm Grimm: Ausl\u00f6ser f\u00fcr den (ersten) Drogenkonsum sei keine psychische St\u00f6rung, \u00absondern eine jedem Menschen mehr oder weniger stark immanente Neugier, ein Erlebnisdrang, der zwar fatale Folgen haben kann, aber doch f\u00fcr sich gesehen eine ganz normale menschliche Motivation darstellt\u00bb.<\/p>\n<p>Die wissenschaftliche Diskussion in den USA war in den sechziger Jahren noch von der Voraussetzung ausgegangen, Drogenkonsum sei ein Quasi-R\u00fcckzug aus der Gesellschaft. Den Street-Gangs, die sich mehr auf kriminelle Aktionen spezialisierten, und den Jugendbanden, die mehr auf \u00abaction\u00bb aus waren und nur ihr Territorium verteidigten, stellte man diejenigen sozialen Abweichler gegen\u00fcber, die sich in die Traumwelt der Drogen zur\u00fcckzogen (\u00abretreatist adaptation\u00bb). Deren Motto: \u00abA flight into inactive phantasy in the face of a harsh world.\u00bb<\/p>\n<p>Ende der sechziger Jahre wandelte sich das Bild, somit auch die Theorie. Nicht mehr der abgedriftete, passive \u00abfreak\u00bb galt als der Drogenkonsument an sich, sondern der Stra\u00dfenjunkie als \u00abresourceful entrepreneur\u00bb, der st\u00e4ndig aktiv sein musste, alert, flexibel, und der in der Lage war, seinen \u00abBeruf\u00bb erfolgreich auszu\u00fcben. Nicht der kranke, zur\u00fcckgezogene oder lernunf\u00e4hige Stra\u00dfenjunge probiert zuerst Heroin, sondern derjenige, der abgebr\u00fcht, schlau ist und respektiert wird, vor allem die Anf\u00fchrer der Stra\u00dfengangs. HeroinKonsum gilt als Beweis der M\u00e4nnlichkeit: Bist du Manns genug, es zu nehmen? Kannst du damit umgehen, oder kontrolliert es dich? (9)<\/p>\n<p>Im lerntheoretischen Ansatz zur Sucht spielen diese Beobachtungen eine wichtige Rolle. Positive Verst\u00e4rker der Gruppe, in der man sich bewegt, k\u00f6nnen den Wunsch erzeugen, durch die Droge Anerkennung und Geltung in der Clique zu bekommen. Was positiv empfunden wird, f\u00fchrt in der Regel zur Wiederholung des Verhaltens. Dabei ist die real erlebte Wirkung der Droge weniger bedeutsam: Dass der Erst-Konsument von Heroin sich k\u00f6rperlich schlecht f\u00fchlt, kann durch die positive Verst\u00e4rkung der Gruppe \u00fcberlagert werden.<\/p>\n<p>Die Droge ist Teil des sozialen Status, ja kann sogar, wie in England untersucht, f\u00fcr diejenigen ein wichtiges Element des \u00ablifestyle\u00bb werden, denen der traditionelle soziale Aufstieg durch Arbeit verwehrt bleibt. Der hier eingef\u00fchrte Begriff der \u00absozialen Ansteckung\u00bb besagt, dass Neulinge von erfahrenen Drogengebrauchern initiiert werden, dass die Meinungsf\u00fchrer in einer Gruppe eine wichtige Rolle spielen, ob jemand eine Droge probiert oder nicht &#8211; ungeachtet seiner Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>War noch in den sechziger Jahren der Anf\u00fchrer in subkulturellen Gruppen \u00abtough\u00bb, zeichnete sich also vorwiegend durch k\u00f6rperliche St\u00e4rke und Fitness aus, wandelte sich das Bild: Jetzt musste man \u00abcool\u00bb sein &#8211; eine Aussage \u00fcber eine bestimmte psychische Qualit\u00e4t, deren Vorhandensein insbesondere durch Heroin suggeriert wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/280423_7.jpg\" alt=\"drugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Credits: <a href=\"https:\/\/www.crestviewrecoverycenter.com\/addiction-blog\/can-i-quit-heroin-cold-turkey\/\">Crest View Recovery Center<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die positiven sozialen und, bei erfolgter Gew\u00f6hnung, auch psychischen Verst\u00e4rker werden ihrerseits erg\u00e4nzt durch negative Verst\u00e4rker: Wenn man die Entzugssymptome der Droge vermieden hat, ist das ein Erfolg. Die Assoziationen \u00abDroge &#8211; positive Sensation\u00bb und \u00abDroge -Beendigung negativer Sensationen\u00bb, so Christiane Schmerl, bek\u00e4men selbst psychische Qualit\u00e4t. Der Nachweis dieser These werde auch dadurch gef\u00fchrt, dass durch medizinische Opiatgaben abh\u00e4ngig gewordene Personen \u2014 trotz gleicher psychischer Konstellation &#8211; sich nicht zu Heroin-Abh\u00e4ngigen entwickelten, \u00absolange sie nicht lernten, ihre k\u00f6rperlichen Beschwerden auf die Abwesenheit von Opiaten zur\u00fcckzuf\u00fchren, das blitzartige Verschwinden der Beschwerden nicht mit einer erneuten Dosis assoziierten\u00bb. (10)<\/p>\n<p>Einige Lerntheoretiker sprechen sogar von einem \u00abk\u00fcnstlich\u00bb erzeugten Trieb \u2014 eine sprachliche Anleihe aus der klassischen Psychoanalyse: Die Drogenabh\u00e4ngigkeit sei ein \u00abZustand eigengesetzlicher Art\u00bb, der aufgrund \u00abder ihm innewohnenden Konditionierungsmechanismen nicht mehr als \u2018Symptom\u2019 f\u00fcr irgendeine \u2018prim\u00e4re\u2019 Krankheit, Neurose usw. angesprochen werden kann, weil er unabh\u00e4ngig von ehemaligen Motiven oder Gr\u00fcnden seine Eigendynamik entwickelt habe\u00bb.<\/p>\n<p><b>Aufkl\u00e4rung, da sind sich die meisten Fachleute einig, sch\u00fctzt nicht vor Drogenkonsum.<\/b><\/p>\n<p>Dieser Ansatz zur Erkl\u00e4rung, was Sucht sei, gibt keinen Anlass zu Optimismus. Gerade das \u00abaufregende\u00bb Erleben in der illegalen Drogenszene f\u00fchre zu Verhaltensgewohnheiten, die kaum zu ver\u00e4ndern seien, da sie nach dem Prinzip der \u00abunregelm\u00e4\u00dfigen (intermittierenden) Verst\u00e4rkung\u00bb aufgebaut seien. Heroin-Abh\u00e4ngige m\u00fcssen eine Reihe von Fertigkeiten entwickeln, um sich den Stoff zu beschaffen. Sie sind in der Regel in ihrem \u00abMetier\u00bb recht erfolgreich. Diese Flexibilit\u00e4t, auf die unterschiedlichsten Situationen angemessen zu reagieren &#8211; die unregelm\u00e4\u00dfige Verst\u00e4rkung \u2014, erzeuge aber weitaus festere und schwerer zu l\u00f6sende Muster als regelm\u00e4\u00dfige Verst\u00e4rker (wie etwa im Schulunterricht). Als Konsequenz des lerntheoretischen Ansatzes steht daher eher die Pr\u00e4vention im Vordergrund, nicht aber die Rehabilitation Drogenabh\u00e4ngiger.<\/p>\n<p>Doch ist damit etwas gewonnen? Was kann Pr\u00e4vention anderes sein als die Vermittlung von Verhaltensnormen? Die hehre Absicht, Menschen zu veranlassen, das B\u00f6se zu meiden und das Gute zu tun, scheitert auch in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft. Aufkl\u00e4rung, da sind sich die meisten Fachleute einig, sch\u00fctzt nicht vor Drogenkonsum. Ohnehin l\u00e4sst sich der Nutzen von Einrichtungen, die um Prophylaxe bem\u00fcht sind, nicht messen: Wie soll man kontrollieren, ob jemand durch eine Beratung vor Drogenmissbrauch gesch\u00fctzt wurde? Pr\u00e4vention, so kann man vermuten, dient vor allem der moralischen Beruhigung derer, die mit dem Thema Drogen befasst sind. Man hat getan, was man konnte. Wer dennoch uneinsichtig ist, dem ist nur begrenzt zu helfen.<\/p>\n<p><b>Die Gr\u00fcnde, warum Menschen Drogen nehmen, sind so vielf\u00e4ltig, dass man sie nicht in einen Begriff wie \u00abSucht\u00bb pressen und diese dann pauschal zur Krankheit erkl\u00e4ren kann.<\/b><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde, warum Menschen Drogen nehmen, sind so vielf\u00e4ltig, dass man sie nicht in einen Begriff wie \u00abSucht\u00bb pressen und diese dann pauschal zur Krankheit erkl\u00e4ren kann. Was in der einen Gesellschaft als \u00abAbh\u00e4ngigkeit\u00bb von psychothrophen Substanzen und als \u00abunkontrolliertes\u00bb Verhalten gilt, ist in der anderen ein wenig beachteter Teil des allt\u00e4glichen Lebens. Nat\u00fcrlich muss der Staat die B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen davor sch\u00fctzen, andere und sich selbst in Gefahr zu bringen &#8211; aber um welchen Preis? Die Definition dessen, was wir als \u00abSucht\u00bb verstehen, beantwortet immer auch die Frage, wie weit wir unsere eigene Verantwortung selbst in die Hand nehmen wollen oder das anderen \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>_______________________________________________<br \/>\n(1)  <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3531116894\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Ch. Schmerl<\/a> (1984), S. 48 ff<br \/>\n(2)  ebd., S. 55<br \/>\n(3)  <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gorm_Grimm\">G. Grimm<\/a>, (1985), S. 77<br \/>\n(4)  <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3531116894\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Ch. Schmerl<\/a> (1984), S. 66<br \/>\n(5)  ebd., S. 77<br \/>\n(6) Bei allem Respekt f\u00fcr die brillante journalistische Leistung <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marie-Luise_Scherer\">Marie-Luise Scherers<\/a>, die f\u00fcr ihre Reportage \u00fcber einen Fixer \u00ab<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/auf-deutsch-gesagt-gestrauchelt-a-61563751-0002-0001-0000-000039867565\">Auf deutsch gesagt: gestrauchelt<\/a>\u00bb mit dem Kisch-Preis ausgezeichnet wurde: Auch der Junkie und Held \u00abManni\u00bb endet in der \u00abTherapie\u00bb Synanon, was den Leser zu der verfr\u00fchten Annahme verleitet, damit sei ihm geholfen. [Einer der besten Reportagen, die ich jemals gelesen habe! Die eindeutig beste Geschichte ist auch von ihr: <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/der-unheimliche-ort-berlin-a-3e4756c3-0002-0001-0000-000013523883\">Der unheimliche Ort Berlin<\/a> \u00fcber eine Leiche im Kreuzberg der 80er-Jahre. Jeder Satz wie gemei\u00dfelt, und kein Wort \u00fcberfl\u00fcssig. (&#8222;Eine Frau darf scharf aussehen, den Pelz einer gesch\u00fctzten Tierart tragen und Gold auf den Lidern, wenn ihr dar\u00fcber nicht das irisierende Moment von Sperrm\u00fcll abhanden kommt.&#8220;) Man muss abwechselnd schallend lachen, oder es stehen einem die Haare zu Berge. Ich habe die Scherer damals bei ihren Recherchen pers\u00f6nlich kennengelernt. Sie war oft im legend\u00e4ren <a href=\"https:\/\/marcuskluge.wordpress.com\/2016\/02\/16\/berlinische-raeume-eine-insel-gegen-den-zeitgeist-so-36-80er-jahre-kneipennaechte-von-cornelia-grosch-2\/\">Slainte<\/a> in der Oranienstrasse. Meine damalige Freundin wohnte in der Naunynstrasse. Ich war damals noch kein Journalist, kannte aber einige der Protagonisten ihrer Reportage, zum Beispiel &#8222;Schmutzfu\u00df&#8220;, &#8222;Pille&#8220;. Santana&#8220; und &#8222;Chaota&#8220;.]<br \/>\n(7) So <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3596238420\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">J. v. Scheidt<\/a>, der in seinem Buch \u00abDer falsche Weg zum Selbst. Studien zur Drogenkarriere\u00bb (1976) behauptet, die Sch\u00e4digung der Drogen-Konsumenten durch die Eltern werde \u00abauf seiten der Frau nat\u00fcrlich noch durch den allgemeinen Drang nach Emanzipation\u00bb vorangetrieben. Vgl. Geoffrey Pearson: Social deprivation, unemployment and patterns of herein use, in: <a href=\"https:\/\/kclpure.kcl.ac.uk\/portal\/en\/publications\/a-land-fit-for-heroin--drug-policies-prevention-and-practice--dornn-southn(b9d75163-6de7-4d39-b0a5-21b20d6c1238)\/export.html\">N. Dorn\/N. South<\/a> (1987): Zwischen 1979 und 1981 stieg die Arbeitslosigkeit in England von 1,5 Mio. auf 3 Mio., die parallele Zunahme des Rauschgiftkonsums war aber nicht der \u00f6konomischen Entwicklung geschuldet, sondern hing mit ganz anderen Faktoren zusammen.<br \/>\n(8)  <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3531116894\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Ch. Schmerl<\/a> (1984), S. 110<br \/>\n(9)  G. Pearson, in: N. Dorn\/N. South (1987), S. 80<br \/>\n(10)  Ch. Schmerl (1984), S. 112<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51789?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51789?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_51789 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_51789')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_51789').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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