{"id":51767,"date":"2023-04-27T16:45:59","date_gmt":"2023-04-27T14:45:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=51767"},"modified":"2023-04-27T16:45:59","modified_gmt":"2023-04-27T14:45:59","slug":"das-kreuz-mit-der-sucht-iii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/04\/27\/das-kreuz-mit-der-sucht-iii","title":{"rendered":"Das Kreuz mit der Sucht III"},"content":{"rendered":"<p><b>Der Zwang zur Heilung<\/b><\/p>\n<p><i>&#8211; aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a>&#8220; (1993)<\/i><\/p>\n<p>Die Theorie der \u00abSuchttherapie\u00bb hat eine \u00e4hnliche Entwicklung durchgemacht wie die staatlichen Ma\u00dfnahmen gegen Rauschmittel: Sie hat ihren Geltungsbereich immer weiter ausgedehnt. Das urspr\u00fcngliche Problem geriet dabei zunehmend aus dem Blickfeld: Nicht der Missbrauch von Drogen muss bek\u00e4mpft werden, sondern das angeblich sozial auff\u00e4llige Verhalten der S\u00fcchtigen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/270423_5.jpg\" alt=\"therapy\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Da es den Medizinern und Therapeuten nicht gelingt, des \u00abProblems\u00bb Herr zu werden, verlagern sich auch ihre Anstrengungen: Dem \u00abSuchtcharakter\u00bb der Opiatabh\u00e4ngigen kommt man nicht so leicht bei, und deshalb muss man mit \u00absanfter\u00bb Gewalt nachhelfen, um die Einsicht des Drogen-Konsumenten in sein \u00abProblem\u00bb zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts die ersten F\u00e4lle von \u00abMorphinismus\u00bb (1) beschrieben wurden, dauerte es nicht lange, bis die Therapeuten auf den Plan traten. Ein <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books\/about\/Handbuch_der_Psychiatrie.html?id=GecVAAAAIAAJ&amp;redir_esc=y\">Handbuch der Psychiatrie<\/a> aus dem Jahre 1912 beschreibt das, was auch heute noch in manchen Drogentherapien g\u00fcltig ist: \u00abDie Energie zur Selbstentw\u00f6hnung besitzen nur wenige Morphinisten, meist ist Zwang n\u00f6tig; selbst wenn die Kranken ihr Einverst\u00e4ndnis f\u00fcr die Einleitung der Entziehungskur gegeben haben, suchen sie sich h\u00e4ufig, sobald die Beschwerden der Abstinenzperiode einsetzen, zu entziehen.\u00bb Deshalb empfiehlt man: \u00abBei Aufnahme in die Anstalt ist, vor allem bei uneinsichtigen, widerstrebenden Kranken, genaue k\u00f6rperliche Visitation nach mitgebrachten Morphiumvorr\u00e4ten erforderlich; sie hat sich gegebenenfalls auch auf die K\u00f6rper\u00f6ffnungen zu erstrecken.\u00bb (2) F\u00fcr die Kranken sei \u00abeine solche strenge Beaufsichtigung ein Halt und eine St\u00fctze\u00bb in \u00abihrem\u00bb Kampf gegen den R\u00fcckfall. W\u00e4hrend die ersten Vertreter der therapeutischen Zunft noch zwischen \u00abwilligen\u00bb und \u00abunbehandelbaren\u00bb Drogen-Konsumenten unterscheiden, setzt sich in wenigen Jahrzehnten die auch heute noch von den meisten \u00c4rzten und Therapeuten gebilligte Meinung fest, gegen \u00abSucht\u00bb helfe nur Zwang.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/270423_3.jpg\" alt=\"therapy\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Seit knapp hundert Jahren hat sich offenbar nicht viel ge\u00e4ndert. Die Theorien dar\u00fcber, was als Ziel der Behandlungen von Opiatabh\u00e4ngigen erreicht werden soll und wie das zu geschehen habe, sind vage. Es werden nur Teilziele benannt. \u00abEntw\u00f6hnung\u00bb meint den Prozess, die Droge abzusetzen, also den Entzug \u00fcberhaupt erst einmal durchzuhalten. Die \u00abGew\u00f6hnung\u00bb, von der man lassen soll, differenziert nicht zwischen der k\u00f6rperlichen Abh\u00e4ngigkeit und dem psychischen Verlangen, das auch nach dem Absetzen des Rauschmittels fortbesteht. Heute spricht man im engen Sinne von \u00abEntgiftung\u00bb: Der K\u00f6rper soll vom \u00abRauschgift\u00bb befreit werden, wobei \u00abGift\u00bb klammheimlich suggeriert, hierbei handele es sich um eine gef\u00e4hrliche und sch\u00e4dliche Substanz &#8211; was bei Opiaten zumindest fragw\u00fcrdig ist.<\/p>\n<p>Leider verhalten sich die Kranken uneinsichtig. Auch das ist gleich geblieben. Sie bringen nicht genug \u00abEnergie\u00bb auf. Um die Behandlung zu verl\u00e4ngern oder zu wiederholen, muss der Begriff \u00abSucht\u00bb herhalten. Die Abh\u00e4ngigkeit von einer Droge wird zu einem \u00abstrukturellen\u00bb Problem gemacht, das tief in der Psyche des Kranken verborgen sei. Das st\u00e4ndige Auf und Ab zwischen Entgiftung und R\u00fcckfall wird zu einer Selbstverst\u00e4ndlichkeit, wobei das Ziel in immer weitere Ferne r\u00fcckt. Der Kranke hat falsch gelebt und bringt nicht genug Energie auf, ein besseres Leben zu f\u00fchren. Deshalb muss er \u00abLeben neu lernen\u00bb (3). Das kann dauern und sichert die Arbeitspl\u00e4tze der Therapeuten.<\/p>\n<p>Die deutsche Therapie-Lobby geht mittlerweile schon so weit, dass sie die \u00abEntw\u00f6hnung\u00bb bzw. Entgiftung anderen oder dem Patienten selbst \u00fcberl\u00e4sst. Voraussetzung, um einen Therapie-Platz zu ergattern, ist, dass der oder die Opiat-Abh\u00e4ngige \u00abclean\u00bb ist. Eine absurde Umkehrung: Was das urspr\u00fcngliche Ziel war &#8211; sich der Droge zu \u00abentw\u00f6hnen\u00bb \u2014, wird jetzt zur Voraussetzung der Behandlung erkl\u00e4rt. F\u00fcr so primitive und \u00abeinfache\u00bb Dinge wie den Entzug sind sich die hochspezialisierten Therapeuten und Psychologen zu schade. Erst wenn der uneinsichtige Kranke sich selbst in die Lage versetzt hat, von der Droge zu lassen &#8211; als Zeichen der Gutwilligkeit -, l\u00e4sst man sich zu ihm herab, um ihn und seinen \u00abSuchtcharakter\u00bb mit einer therapeutischen Ma\u00dfnahme zu begl\u00fccken. \u00abEs muss erst ohne Zutun der Drogentherapeuten ein Wunder geschehen: n\u00e4mlich das Wunder der absoluten Drogenfreiheit, erst dann l\u00e4sst man sich mit Exusern ein.\u00bb (4)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/270423_4.jpg\" alt=\"therapy\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Diese merkw\u00fcrdige, verdrehte Logik hat ihre Vorteile. Sowohl die orthodoxen Vertreter der Therapeuten-Lobby, die den \u00abSuchtcharakter\u00bb f\u00fcr das Problem &#8211; die Uneinsichtigkeit der Kranken und deren mangelnde \u00abEnergie\u00bb &#8211; verantwortlich machen, haben ein Interesse daran als auch die liberalen \u00abSuchtexperten\u00bb, die die Gesellschaft als das \u00dcbel ansehen. In beiden F\u00e4llen kann man angesichts des Scheiterns des Bem\u00fchens von den eigenen Misserfolgen ablenken: Nach einem R\u00fcckfall ist entweder das Individuum (die narzisstische und therapieresistente Pers\u00f6nlichkeit) oder die soziale Misere (die den Abh\u00e4ngigen keine Perspektive gibt) schuld Drogensucht als \u00abschwere psychische Erkrankung der ganzen Pers\u00f6nlichkeit\u00bb versus Drogenabh\u00e4ngigkeit \u00abals Folge gesellschaftlichpolitischer Defizite\u00bb.<\/p>\n<p>Hier beisst sich die Katze in den Schwanz. Die Abstinenz hat sich ja nur deshalb als Behandlungsziel in die Kette der therapeutischen Ma\u00dfnahmen eingeschlichen, weil man urspr\u00fcnglich davon ausging, das sei mit helfendem Zwang zu bewerkstelligen. Die Frage, ob Sucht nicht auch tolerierbar sei, vermeidet man. Man definiert die drogenfreie Pers\u00f6nlichkeit als \u00abnormal\u00bb und den Drogenkonsumenten als \u00abkrank\u00bb, um das eigene Eingreifen rechtfertigen zu k\u00f6nnen. Ist die Krankheit \u00abschwer\u00bb und betrifft sie den ganzen Menschen, suggeriert das eine Hilflosigkeit des Patienten, die den helfenden Zwang geradezu herausfordert. Ungeachtet, ob der Drogenkonsum als Ursache oder nur als ein Symptom einer \u00abtieferliegenden St\u00f6rung\u00bb angesehen wird: Wenn man das Ziel nur ernst genug nimmt, rechtfertigt das alle Mittel.<\/p>\n<p>Auch das ist im Interesse des Selbstbildes der Suchttherapeuten. Die mehr psychoanalytisch orientierte Fraktion wird sich bei einem Therapie-Erfolg &#8211; der Patient macht einen Bogen um die Drogen &#8211; zugute halten, dass ihre Methode selbst schwerste Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen zugunsten eines \u00abneuen\u00bb Menschen ummodellieren kann. Es gibt wohl keine \u00abKrankheit\u00bb, deren Behandlungserfolg so einfach zu kontrollieren ist: Wenn ein ehemals Heroinabh\u00e4ngiger den Stoff nicht mehr anr\u00fchrt, gilt er als geheilt, ganz gleich, wie das erreicht wurde.<\/p>\n<p>Und wenn sich in der Person des Drogen-Konsumenten partout nichts finden l\u00e4sst, was ihn von dem \u00abnormalen\u00bb Rest der Bev\u00f6lkerung unterscheidet, sind eben die Vorfahren \u2014 normalerweise die Eltern \u2014 schuld. Die \u00abSchwere\u00bb der Krankheit ist f\u00fcr den Drogenkonsumenten eben deshalb so schwer zu durchschauen, weil sie in einer Phase seines Lebens begann, die er noch nicht bewusst erleben konnte. \u00abIntakte\u00bb Familienverh\u00e4ltnisse sch\u00fctzen angeblich vor Drogenmissbrauch, wobei keiner der Drogen- und Suchtexperten es bisher gewagt hat, diese \u00abintakten\u00bb Verh\u00e4ltnisse genauer zu beschreiben. Meistens bleibt es bei philosophischen Bemerkungen allgemeiner Art wie der des Synanon-Chefideologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ingo_Warnke\">Ingo Warnke<\/a>,: \u00abGl\u00fcckliche Leute werden nicht s\u00fcchtig.\u00bb (5)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/270423_2.jpg\" alt=\"therapy\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Die liberale Fraktion der Therapeuten sonnt sich bei einem Erfolg in dem Gef\u00fchl, der b\u00f6sen Gesellschaft ein Schnippchen geschlagen zu haben: Die Abstinenz des Patienten wird zum beinahe politischen Akt der Rebellion gegen die unzumutbare soziale Situation, die zum Drogenkonsum verf\u00fchrte. Der inad\u00e4quate Protest gegen die Gesellschaft &#8211; \u00abgegen frustrierende Obrigkeit, gegen hierarchische Strukturen, gegen den Leistungsdruck, gegen Bevormundung&#8230; gegen Gebotskataloge der Konsumpflicht und damit Ausdruck des Unbehagens unserer Zeit&#8230; \u00bb (6) wird therapeutisch in die richtigen Bahnen gelenkt.<\/p>\n<p>Der Therapeut macht sich zum heimlichen Komplizen des Patienten &#8211; ohne dessen Wissen -: Er gibt zu, dass die Gesellschaft besser sein k\u00f6nnte, als sie ist, und dass die Rebellion gerechtfertigt, nur dass Drogenkonsum eben die falsche Art des Protestes sei. \u00abOb man sich seine Gehirnw\u00e4sche nun durch s\u00fcchtigen Konsum des TV- oder des LSD-Heimkinos durchf\u00fchren l\u00e4sst &#8211; das tatenlose zahme L\u00e4mmchen bleibt man allemal.\u00bb Fixen ist Opium f\u00fcrs Volk. (7)<\/p>\n<p>_________________________<\/p>\n<p>(1) <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3437151568\/\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Roche-Lexikon Medizin<\/a>, M\u00fcnchen\/Wien\/Baltimore 1998<br \/>\n(2) Zit. nach <a href=\"https:\/\/www.psyalpha.net\/de\/biografien\/wilhelm-burian\/wilhelm-burian-publikationen\">W. Burian<\/a>\/I. Eisenbach-Stangl (1980), S. 6<br \/>\n(3)  So der ehemalige Berliner Landesdrogenbeauftragte Heckmann, zit. nach <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/\/3923942036\/\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">G. Grimm<\/a> (1985), S. 43, Anm. 3<br \/>\n(4)  <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/\/3810801801\/\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">F. Theyson\/D. Spazier: Nowhere<\/a>: Therapeutische Expedition in die Unwegsamkeit der Drogenszene, Frankfurt 1981, S. 189, zit. nach G. Grimm (1985), S. 43<br \/>\n(5) In: \u00abSpandauer Volksblatt\u00bb, 12.10. 75<br \/>\n(6) Zit. nach G. Grimm (1985), S. 71, Anm. 2<br \/>\n(7)  E. Joite (1972), S. 27<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51767?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51767?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_51767 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_51767')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_51767').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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