{"id":51695,"date":"2023-04-24T11:43:20","date_gmt":"2023-04-24T09:43:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=51695"},"modified":"2023-04-24T11:46:31","modified_gmt":"2023-04-24T09:46:31","slug":"das-kreuz-mit-der-sucht-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/04\/24\/das-kreuz-mit-der-sucht-i","title":{"rendered":"Das Kreuz mit der Sucht I"},"content":{"rendered":"<p><b>Drogen und Sucht<\/b><\/p>\n<p><i>&#8211; aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a>&#8220; (1993)<\/i><\/p>\n<p>Die Fragen, was Sucht sei, woher sie kommt und wie sie zu bewerten sei, f\u00fchrt auf ein schwieriges, kaum \u00fcberschaubares Gel\u00e4nde. Der biblische Pontius Pilatus wusste angesichts eines \u00e4hnlich vertrackten Problems nur zu entgegnen: \u00abWas ist Wahrheit?\u00bb Da niemand sich anma\u00dfen konnte, eine angemessene Antwort zu geben, tat der r\u00f6mische Statthalter etwas, das entfernt an die Praxis der heutigen Suchtexperten und Drogenberater erinnert: Er wusch seine H\u00e4nde in Unschuld. Niemand wei\u00df Bescheid, deshalb k\u00f6nnen wir alle fortfahren wie bisher.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/240423_5.jpg\" alt=\"drugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Alle Bilder erzeugt von <a href=\"https:\/\/playgroundai.com\/\">Playground AI<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Von den zwei Dutzend international erscheinenden Fachzeitschriften zum Thema \u00abAbh\u00e4ngigkeit\u00bb kommt nicht eine einzige in Deutschland heraus. \u00abEin Armutszeugnis\u00bb, urteilt Michael de Ridder, ein Biologe und Arzt, \u00abdas dokumentiert, in welchem Ausma\u00df die Medizin in Deutschland das Feld der Pr\u00e4vention und Behandlung der Drogenabh\u00e4ngigkeit ordnungspolitischen Scheinl\u00f6sungsversuchen \u00fcberlassen hat.\u00bb (1)<\/p>\n<p>Oder sind die Experten in Deutschland bescheidener als ihre internationalen Kollegen und Kolleginnen? Haben sie erkannt, dass die Frage nicht zu beantworten, vielleicht sogar falsch gestellt ist? De Ridder behauptet n\u00e4mlich, dass es trotz zahlreicher Untersuchungen bisher nicht gelungen sei, \u00abspezifische Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale oder Umgebungseinfl\u00fcsse ausfindig zu machen, die zum Opiatgebrauch pr\u00e4destinieren. Die Frage, was einen Menschen zum Heroingebrauch treibt, ist letztlich ebenso unbeantwortbar wie die Frage, warum jemand beginnt, Alkohol zu trinken oder auf Berge zu steigen.\u00bb<\/p>\n<p>Nein, der schwankende Boden, auf dem alle Theorien \u00fcber Sucht stehen, f\u00fchrt bei den \u00abExperten\u00bb nicht zur inneren Einkehr oder zur dem\u00fctigen Selbstbescheidung. Ganz im Gegenteil. Selbst manche Drogenberater, die von Opiat-Antagonisten, vom \u00abmaturing out\u00bb, vom \u00abBritischen Modell\u00bb der Heroin-Vergabe noch nie etwas geh\u00f6rt haben, antworten auf die Frage, warum jemand heroinabh\u00e4ngig werde, l\u00e4ssig mit \u00aberstens, zweitens, drittens\u00bb. (2)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ingo_Warnke\">Ingo Warnke<\/a>, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stiftung_Synanon\">Synanon<\/a>-Chefideologe, ma\u00dft sich sogar an, in der Synanon-Zeitschrift \u00abSuchtreport\u00bb, die sich im Untertitel, nicht ganz angemessen, \u00abEurop\u00e4ische Fachzeitschrift f\u00fcr Suchtprobleme\u00bb nennt, f\u00fcr alle zu sprechen: \u00abWir S\u00fcchtigen\u00bb. \u00abDie S\u00fcchtigen\u00bb h\u00e4tten offenbar nicht \u00abmehr das Zeug\u00bb, ohne Sozialhelfer zurechtzukommen. Sie forderten immer nur von der Gesellschaft \u00abwie die Kinder vom Weihnachtsmann\u00bb, wollten aber ihr eigenes Sein nicht verantworten. (3) Wenn man aber noch nicht einmal wei\u00df, was Sucht ist, wie kann man sich dann starke Worte \u00fcber \u00abdie S\u00fcchtigen\u00bb erlauben?<\/p>\n<p>Im allt\u00e4glichen Sprachgebrauch steht \u00abSucht\u00bb h\u00e4ufig f\u00fcr einen unwiderstehlichen Zwang, etwas nicht lassen zu k\u00f6nnen. Woher der kommt, braucht nicht benannt zu werden. Man kann nach etwas s\u00fcchtig sein &#8211; in dieser sprachlichen Variante steht die f\u00fcr ihr Verlangen verantwortliche Person im Vordergrund; man kann von etwas abh\u00e4ngig sein &#8211; damit wird der urs\u00e4chliche Zwang der Substanz zugeordnet. Gerade bei der bekanntesten Sucht, dem Alkoholismus, kann niemand zwischen den beiden M\u00f6glichkeiten klar entscheiden.<\/p>\n<p>Unstrittig ist nur eins: Es gibt Drogensucht, und mehrere Millionen Bundesb\u00fcrger k\u00f6nnen ohne Tabak, Alkohol oder Tabletten nicht leben. Das viel beschworene \u00abDrogenproblem\u00bb bezieht sich aber, jedenfalls in der Meinung der \u00d6ffentlichkeit, weniger auf Alkohol und Tabak, obwohl hier selbstverst\u00e4ndlich von einer Suchtgefahr gesprochen wird, sondern auf die illegalen Drogen, Opiate, Kokain, \u00abDesigner-Drogen\u00bb und Halluzinogene. Haschisch jedoch, das ein Halluzinogen ist, macht nach der \u00fcberwiegenden Meinung der Fachleute nicht s\u00fcchtig\/und, gemessen an der Zahl der Alkohol- und Tabletten-Abh\u00e4ngigen und der gesellschaftlichen Folgesch\u00e4den, sind die Konsumenten illegaler Drogen ein fast zu vernachl\u00e4ssigendes Randproblem.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/240423_6.jpg\" alt=\"drugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Die legale Droge Alkohol fordert jedes Jahr Zehntausende von Opfern. Informationen \u00fcber die Folgesch\u00e4den des Rauchens geh\u00f6ren mittlerweile zur Allgemeinbildung. Dennoch tauchen in den Medien mit einer schon nicht mehr zu erkl\u00e4renden Hartn\u00e4ckigkeit \u00abDrogentote\u00bb auf, deren Zahl zwar ansteigt, sich aber immer noch im vierstelligen Bereich bewegt. Das Argument, mit \u00abDrogentote\u00bb seien die gemeint, die durch illegale Drogen sterben, zieht nicht: Ein gro\u00dfer Teil der sogenannten \u00ab<a href=\"https:\/\/www.burks.de\/artikel\/zeit93.html\">Herointoten<\/a>\u00bb, deren abschreckende Bilder durch die Presse geistern, ist an einer \u00dcberdosis von Barbituraten, Tranquilizern oder Alkohol gestorben &#8211; diese Drogen aber sind legal.<\/p>\n<p>Der Begriff \u00abSucht\u00bb bezieht sich nicht nur auf Drogen. Man hat die \u00abSpielsucht\u00bb kreiert, man spricht von Liebes- und Machtsucht, Fresssucht und Magersucht haben Eingang in medizinische Fachb\u00fccher gefunden &#8211; die Zahl der S\u00fcchte ist heute Legion. Den Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist dieser inflation\u00e4re Gebrauch des Suchtbegriffs schon vor langer Zeit unangenehm aufgefallen. 1969 versuchte die WHO, \u00abSucht\u00bb genauer zu definieren, indem sie das Wort ganz unter den Tisch fallen lie\u00df. Jetzt hie\u00df es \u00abAbh\u00e4ngigkeit\u00bb. Bezogen auf Drogen lautet eine der heute g\u00e4ngigen Definitionen: \u00abDrogenabh\u00e4ngigkeit ist ein psychischer und manchmal auch physischer Zustand, der durch die Wechselwirkung eines lebenden Organismus und einer Droge entsteht. Er zeichnet sich durch Reaktionen aus, die stets den Zwang beinhalten, die Droge regelm\u00e4\u00dfig oder periodisch einzunehmen. Dabei besteht einerseits das Bed\u00fcrfnis, die psychischen Wirkungen der Droge zu erfahren, andererseits der Drang, Abstinenzsymptome zu vermeiden. Toleranz kann vorliegen, muss aber nicht. Ein Individuum kann von mehr als einer Droge abh\u00e4ngig sein.\u00bb (4)<\/p>\n<p>Der Begriff \u00abSucht\u00bb ist auch deshalb so beliebt, weil jeder Mensch an Alltagserfahrungen ankn\u00fcpfen kann, die scheinbar f\u00fcr eine Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens ausreichen. Da jeder Raucher und jede Raucherin wei\u00df, dass es nur eine Frage des Willens und der Selbstdisziplin w\u00e4re, den Tabakmissbrauch zu beenden, kann man sich schwer vorstellen, warum es Heroinabh\u00e4ngigen nicht gelingt, sich von ihrer \u00abSucht\u00bb zu befreien. Nat\u00fcrlich spielt auch Neid eine Rolle: Wenn angesichts des Desasters der deutschen Drogenpolitik gefordert wird, Heroin freizugeben oder an Junkies zu verteilen, kommt unweigerlich die Erwiderung, dass man dann ja auch Alkoholiker mit ihrer Droge versorgen m\u00fcsse. Warum sollten Heroinabh\u00e4ngige privilegiert werden?<\/p>\n<p>Diese oberfl\u00e4chliche Alltagslogik deutet auf ein viel tiefer liegendes Problem. Was der Gesellschaft gerade an der Heroinsucht so aufst\u00f6\u00dft, hat wenig mit der Droge selbst, um so mehr mit der damit zusammenh\u00e4ngenden Subkultur zu tun. Kompliziert formuliert: \u00abDie strukturelle Anf\u00e4lligkeit westlicher Gesellschaften f\u00fcr Konflikte \u00fcber die moralische und rechtliche Bewertung des Drogenkonsums ergibt sich aus der delikat ausbalancierten Stellung des Drogenkonsums in einer sowohl am Leistungs- wie auch am hedonistischen Prinzip orientierten Gesellschaft.\u00bb (5)<\/p>\n<p>Einfacher: Wer etwas leistet, erfreut sich in Gesellschaften, die im weitesten Sinne auf den moralischen Prinzipien der protestantischen Arbeitsethik fu\u00dfen, eines hohen Ansehens &#8211; und darf sich dann auch mal was Sch\u00f6nes g\u00f6nnen. Wer freiwillig faul ist, gilt, je nach Rigidit\u00e4t der Norm, als sozialer Abweichler. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, hie\u00df es im alten Preussen. Wer dem Rausch fr\u00f6nt und s\u00fcchtig ist, genauer: nach oder von illegalen Drogen s\u00fcchtig ist, sei arbeitsunf\u00e4hig und damit auch moralisch verwerflich &#8211; so jedenfalls das Klischee der \u00f6ffentlichen Meinung. Man darf dem individuellen Lustprinzip huldigen, wenn man vorher etwas geleistet hat, nur dann. Erst die Arbeit, dann das Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/240423_7.jpg\" alt=\"drugs\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Die Frage ist nur: Wie viele Arbeitsunwillige kann unsere Gesellschaft vertragen? Nicht ihre reale Zahl ist wichtig, sondern ihre symbolische Ausstrahlungskraft, die Faszination einer Drogen-Subkultur, die den normal arbeitenden B\u00fcrger zutiefst verunsichert. Die \u00abSucht\u00bb, die gleichzeitig das Lustprinzip auf die Spitze treibt, ist ein Angriff auf die Moral. Sucht ist nur in der Freizeit gestattet, als Ausgleich zum Stress des Arbeitslebens, als versch\u00e4mt genossenes Privatvergn\u00fcgen oder im Rahmen akzeptierter Rituale wie beim Fu\u00dfball oder im Vereinswesen.<\/p>\n<p>Das Klischee der \u00abSucht\u00bb als Verweigerung der Leistung ist so in den K\u00f6pfen etabliert, dass die Realit\u00e4t kaum eine Chance hat: Heroinabh\u00e4ngige, die problemlos mit ihrer Droge versorgt w\u00fcrden oder werden &#8211; was wegen der Illegalisierung des Heroins kaum der Fall ist -, sind genauso arbeitswillig und -f\u00e4hig wie jemand, der jeden Tag drei Schachteln Zigaretten raucht. Ihre Leistungsf\u00e4higkeit ist nicht wesentlich beeintr\u00e4chtigt, noch nicht einmal, im Gegensatz zu Alkoholikern, die Fahrt\u00fcchtigkeit. (6) Sie richten also keinen Schaden an, jedenfalls nicht mehr als diejenigen, die ohne Drogen auskommen. Warum sollte also die Heroin-Sucht \u00fcberhaupt behandelt oder gar therapiert werden?<\/p>\n<p>________________________________________________________<br \/>\n(1) M. de Ridder: Der Stoff, die Nadel und der Tod. In:  \u00abS\u00fcddeutsche Zeitung\u00bb, 12.02.92<br \/>\n(2) Eigene Erfahrung des Autors w\u00e4hrend der Recherche, die aber nicht verallgemeinert werden kann und darf.<br \/>\n(3) I. Warnke: Verantwortliche Erwachsene? In: \u00abSuchtreport\u00bb 2\/92<br \/>\n(4) <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3769211480\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Margit Kreutel<\/a>: Die Opiumsucht, 1987, S. 7<br \/>\n(5) <a href=\"https:\/\/www.goodreads.com\/book\/show\/2198872.Die_Genese_der_Bet_ubungsmittelgesetze_in_der_Bundesrepublik_Deutschland_und_in_den_Niederlanden_Kriminologische_Studien_\">S. Scheerer<\/a> , S. 92<br \/>\n(6) Bei Tests zur Fahrt\u00fcchtigkeit von Heroinabh\u00e4ngigen, die das Medikament <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Methadon\">Polamidon<\/a> erhielten, hat sich herausgestellt, dass die Substitution die Leistungsf\u00e4higkeit der Testpersonen nicht beeintr\u00e4chtigte. Das jedenfalls teilten Verkehrsmediziner der Heidelberger Universit\u00e4t auf dem Jahreskongress der Rechtsmediziner im September 1992 mit.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51695?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51695?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_51695 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_51695')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_51695').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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