{"id":51649,"date":"2023-04-21T11:23:24","date_gmt":"2023-04-21T09:23:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=51649"},"modified":"2023-04-22T15:16:08","modified_gmt":"2023-04-22T13:16:08","slug":"ein-trip-zum-blauen-ort-wie-opiate-wirken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/04\/21\/ein-trip-zum-blauen-ort-wie-opiate-wirken","title":{"rendered":"Ein Trip zum &#8222;Blauen Ort&#8220; &#8211; wie Opiate wirken"},"content":{"rendered":"<p><i>(aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a>&#8220; (1993)<\/i><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/210423_2.jpg\" alt=\"blauer ort\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Blauer Kern <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Locus_coeruleus\">Locus coeruleus<\/a>) des menschlichen Gehirns, erzeugt von <a href=\"https:\/\/playgroundai.com\/\">Playground AI<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Reines Heroin schadet dem K\u00f6rper nicht. Das hat es mit allen anderen Opiaten gemeinsam. Selbst jahrelanger Konsum hinterl\u00e4sst keine irreversiblen Ver\u00e4nderungen. Diese schlichte Erkenntnis wird in fast allen wohlmeinenden \u00abAufkl\u00e4rungs\u00bb-Brosch\u00fcren und auch in Lehrb\u00fcchern unterschlagen, obwohl sie den Fachleuten in der Regel schon seit langem bekannt ist. (1) In deutschen Drogenberatungsstellen scheint man jedoch h\u00e4ufig der Meinung zu sein, wegen der Gef\u00e4hrlichkeit der Droge Heroin groben Unfug verbreiten zu d\u00fcrfen, um die potentiellen Konsumenten abzuschrecken.<\/p>\n<p>\u00abUnsch\u00e4dlich\u00bb hei\u00dft ja \u00abnur\u00bb, dass Heroin &#8211; im Gegensatz zu Zellgiften wie Nikotin und Alkohol -, die Organe, etwa Leber oder Lunge, nicht angreift. Die extreme k\u00f6rperliche und psychische Abh\u00e4ngigkeit, die der Heroin-Gebrauch h\u00e4ufig nach sich zieht, und die Entzugssymptome nach dem Absetzen sind selbstredend keine Bagatellen. \u00abGef\u00e4hrlich\u00bb ist Heroin heute aber vor allem deshalb, weil der Stoff &#8211; wegen der Illegalisierung und der Beimischung von zum Teil giftigen Strecksubstanzen -nicht exakt dosiert werden kann. Die Gefahr einer t\u00f6dlichen \u00dcberdosis steigt dadurch enorm. Diese Gefahr ist allerdings keine spezifische Eigenart der Droge Heroin, sondern vieler Rauschgifte.<\/p>\n<p>Einige Beispiele zum \u00abInformations\u00bb-Unfug: In Berlin liegt in einigen Beratungsstellen die Brosch\u00fcre einer Krankenkasse zum Thema \u00abDrogen\u00bb aus. In der-Rubrik \u00abHeroin\u00bb findet man zu den \u00abLangzeitfolgen\u00bb: \u00abAbnahme der Intelligenz, Wahnideen, bleibende Gehirnsch\u00e4den, Magen- und Darmst\u00f6rungen, Abmagerung bis zum v\u00f6lligen k\u00f6rperlichen Verfall, Lebersch\u00e4den.\u00bb (2) Ein aktuelles Faltblatt des Berliner Landesdrogenbeauftragten f\u00fchrt unter \u00abRisiken\u00bb des Heroins (!) auf, \u00abweitere Gefahren\u00bb seien \u00abBeschaffungskriminalit\u00e4t und Prostitution\u00bb. Ein medizinisches Standardlexikon wei\u00df unter dem Stichwort \u00abHeroinsucht\u00bb von \u00abstarker Euphorie\u00bb zu berichten, gleichzeitig aber auch von \u00abAggressivit\u00e4t\u00bb und \u00abk\u00f6rperlich-geistiger Zerr\u00fcttung\u00bb. Identische Symptome zeichnen, laut Lexikon, den \u00abMorphinismus\u00bb aus.<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige Drogenbeauftragte der US-Regierung, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Jerome_Jaffe\">Jerome Jaffe<\/a>, wei\u00df es besser. Er sagt, dass ein Opiat-Abh\u00e4ngiger, \u00abder sich auf legalem Wege eine ihm ad\u00e4quate Menge von Drogen beschaffen kann und der hierf\u00fcr die Mittel hat, sich gew\u00f6hnlich ordentlich kleidet, regelm\u00e4\u00dfig isst und seine sozialen und beruflichen Verpflichtungen erfolgreich bew\u00e4ltigt. Normalerweise ist er gesund und leidet kaum unter Beeintr\u00e4chtigungen: im allgemeinen kann man ihn nicht von anderen Menschen unterscheiden.\u00bb (3) Auch in manchen medizinischen Fachb\u00fcchern findet man als Nebenwirkungen des Opiat-Gebrauchs lediglich \u00dcbelkeit bei sporadischer Einnahme, Atemdepression, Verstopfung und Abnahme des sexuellen Empfindens.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Limbic_system#\/media\/File:1511_The_Limbic_Lobe.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/210423_7.jpg\" alt=\"limbisches system\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Diese widerspr\u00fcchlichen Thesen haben eine simple Ursache. Bis Mitte der siebziger Jahre konnten die Fachleute nur spekulieren, was Opiate, also auch Heroin, im K\u00f6rper anrichten und wo sie wirken. Noch bei der Verabschiedung des <a href=\"https:\/\/www.bgbl.de\/xaver\/bgbl\/start.xav?start=%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl171s2092.pdf%27%5D#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl171s2092.pdf%27%5D__1682054418436\">deutschen Bet\u00e4ubungsmittelgesetzes 1971<\/a> steckte die Opiat-Forschung in den Kinderschuhen. Das Wissen der f\u00fcr das Opiat- und Cannabis-Verbot zust\u00e4ndigen Politiker und der sie beratenden Beamten blieb \u00abweitgehend dem Zufall \u00fcberlassen\u00bb (4), schreibt Sebastian Scheerer, der die Genese dieses Gesetzes erforscht hat. Eine kompetente und durch wissenschaftliche Erkenntnisse begr\u00fcndete Einsch\u00e4tzung der realen \u00abGefahr\u00bb des Opiat-Konsums war unm\u00f6glich, da diese Erkenntnisse noch gar nicht vorlagen. In einem sozialen Kontext, in dem die Droge verboten sei, k\u00f6nne man die Wirkung von Heroin ohnehin nicht diskutieren, sagte der New Yorker Psychiatrie-Professor <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Szasz\">Thomas Szasz<\/a> in einem Fernsehinterview, \u00abdas w\u00e4re, als wolle man die Natur des Judentums im Deutschland der Nazis studieren\u00bb. (5)<\/p>\n<p>Dem R\u00e4tsel auf der Spur waren Forscher, die sich f\u00fcr den Zusammenhang zwischen Schmerz und Lust interessierten. Man war schon Anfang der siebziger Jahre auf die Idee gekommen, Opiate radioaktiv zu markieren, um ihre Spur im K\u00f6rper verfolgen zu k\u00f6nnen. Dabei machten mehrere Wissenschaftler unabh\u00e4ngig voneinander eine interessante Entdeckung. Opiate lindern das Schmerzempfinden nicht, indem sie wie andere analgetisch wirkende Pharmaka die Zellmembran direkt beeinflussen. Sie entfalten ihren eigent\u00fcmlichen Effekt sehr schnell und schon in winzigen Mengen. Das lie\u00df vermuten, dass im K\u00f6rper spezielle Rezeptoren (Empf\u00e4nger) vorhanden sind, an die nur Opiate \u00abandocken\u00bb und in die sie passen wie ein Schl\u00fcssel in ein T\u00fcrschloss. Diese Rezeptoren mussten aber f\u00fcr irgend etwas gut sein, denn es war schwer vorstellbar, dass die Natur den menschlichen K\u00f6rper vorsorglich mit etwas ausgestattet haben sollte, das nur durch extern zugef\u00fchrte Drogen aktiviert werden kann.<\/p>\n<p>Je mehr man \u00fcber diese Rezeptoren wusste, um so spannender, aber auch um so r\u00e4tselhafter wurde die Angelegenheit: Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Opioidrezeptoren\">Opiat-Rezeptoren<\/a> finden sich an ganz unterschiedlichen Stellen des Gehirns. Sie verteilen sich nicht gleichm\u00e4\u00dfig, sondern treten in einigen Gebieten konzentriert auf. In anderen sind sie d\u00fcnn ges\u00e4t. Besonders viele Rezeptoren beobachtete man in Gebieten, die mit der Schmerzwahrnehmung und -weiterleitung betraut sind &#8211; wie dem R\u00fcckenmark -, sowie im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Limbisches_System\">Limbischen System<\/a>, auch verk\u00fcrzend \u00abBelohnungssystem\u00bb genannt, weil es eine wichtige Rolle f\u00fcr den Gef\u00fchlshaushalt des Menschen spielt. Auch in den Regionen, die f\u00fcr endokrine (Hormone absondernde) Funktionen zust\u00e4ndig sind sowie f\u00fcr die unwillk\u00fcrliche Motorik, wimmelt es von Rezeptoren.<\/p>\n<p>Die Rezeptoren konnten zwecks einer chemischen Analyse nicht aus der Zellmembran herausgel\u00f6st werden. Sie verloren dann sofort ihre besonderen Eigenschaften und verweigerten den Opiaten ihren Dienst &#8211; wie ein Autoschloss, das von einem Autoknacker mit einem Schraubenschl\u00fcssel bearbeitet worden ist.<\/p>\n<p>Die Hirnforscher waren bass erstaunt, als zwei schottische Wissenschaftler mit einer neuen Entdeckung ans Licht der \u00d6ffentlichkeit traten: Der menschliche K\u00f6rper produziere in Eigenregie Anti-Schmerzmittel, die wie Opiate wirken. Diese Stoffe, sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neurotransmitter\">Neurotransmitter<\/a>, \u00fcbertragen Informationen von Nervenzelle zu Nervenzelle. Sie bestehen aus Eiwei\u00dfverbindungen (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peptid\">Peptide<\/a>), die chemisch so differenziert wirken, dass sie an jeweils passenden Rezeptoren andocken.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/210423_3.jpg\" alt=\"formatia reticularis\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Formatio_reticularis\">Formatia reticularis<\/a>, erzeugt von <a href=\"https:\/\/playgroundai.com\/\">Playground AI<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Nicht jedes Opioidpeptid, wie die Verbindungen aufgrund ihrer Wirkungen genannt werden, bringt seine Botschaft an jeden Rezeptor. Deshalb unterscheidet man diverse \u00abRezeptorpopulationen\u00bb. F\u00fcr diese Informationstr\u00e4ger hatten die Hirnforscher bald sch\u00f6ne Namen gefunden: zum Beispiel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Enkephaline\">Enkephaline<\/a> &#8211; nach dem griechischen Wort Encephalon (6) (Gehirn) &#8211; und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Endorphine\">Endorphine<\/a> &#8211; aus \u00abendo\u00bb (griechisch f\u00fcr \u00abinnen\u00bb) und Morphin.<\/p>\n<p>Heute kennt man rund zwanzig dieser Opioidpeptide. Einige docken an Rezeptorpopulationen an, die euphorische Gef\u00fchle ausl\u00f6sen, wenn sie stimuliert werden und deshalb wohl f\u00fcr die Sucht verantwortlich sind. Andere &#8211; wie die Enkephaline &#8211; bevorzugen Rezeptoren, die keine externen Opiate akzeptieren. Es gibt sogar endogene Opiate, denen es egal ist, an welche Rezeptoren sie andocken, oder die euphorische Gef\u00fchle stimulieren, zugleich aber Schmerzen nicht verhindern &#8211; also \u00abagonistische\u00bb und \u00abantagonistische\u00bb Eigenschaften haben.<\/p>\n<p>Wie der K\u00f6rper diese Substanzen synthetisiert, die Eiwei\u00dfverbindungen also abbaut, ist eine \u00e4u\u00dferst vertrackte Angelegenheit. (7) Alle Peptide lassen sich auf drei gro\u00dfmolekulare Eiwei\u00dfverbindungen zur\u00fcckf\u00fchren, wie zum Beispiel das Eipotropin. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lipotropin\">Lipotropin<\/a> ist ein Hormon, das in der Hypophyse hergestellt wird. Es besteht aus 91 Aminos\u00e4uren und wirkt nicht wie ein Opiat. Erst \u00abauf Anforderung\u00bb, mittels eines chemischen Katalysators, entsteht durch enzymatische Abspaltung das <a href=\"https:\/\/flexikon.doccheck.com\/de\/Beta-Endorphin\">\u00df-Endorphin.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC7111141\/\">Dynorphin<\/a>, eine dem Endorphin verwandte opiat\u00e4hnliche Eiwei\u00dfverbindung, ist ebenfalls ein Produkt der Hypophyse. Seine Wirkung kommt der der st\u00e4rksten synthetischen Opiate gleich. Es k\u00f6nnte also dem Heroin durchaus Konkurrenz machen. Der Unterschied ist ganz praktischer Natur: Die k\u00f6rpereigenen Opiate dringen nur schlecht ins Gehirn ein, wenn sie therapeutisch verabreicht werden.<\/p>\n<p>Die Entdeckung dieser Botenstoffe warf mehr Fragen auf, als sie beantwortete: Warum hat Mutter Natur den Menschen mit einem internen biochemischen Drogenlabor ausgestattet? Warum sind f\u00fcr Informationen, die das menschliche Gef\u00fchlssystem stimulieren, ausgerechnet Substanzen notwendig, die wie der Pflanzenextrakt Opium wirken? Und wo ist der Zusammenhang zwischen den verschiedenen K\u00f6rperfunktionen, die alle von Endorphinen beeinflusst werden &#8211; n\u00e4mlich der unwillk\u00fcrlichen Motorik, dem Lust- und Schmerzempfinden und der Verdauung?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/210423_4.jpg\" alt=\"\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Nervenzellen des menschlichen Gehirns, erzeugt von <a href=\"https:\/\/playgroundai.com\/\">Playground AI<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die Sache versprach auch deshalb interessant zu werden, weil sie auf ein Gebiet f\u00fchrte, f\u00fcr das sich urspr\u00fcnglich die Theologie, dann die Philosophie und die Psychologie f\u00fcr zust\u00e4ndig erkl\u00e4rt hatten: Es geht n\u00e4mlich um die biochemische Basis f\u00fcr den Zusammenhang zwischen K\u00f6rper und Geist. Auf der Ebene der Zellen lassen sich diese beiden Kategorien nicht mehr auseinanderhalten. Das Geheimnis der sowohl \u00abk\u00f6rperlichen\u00bb wie auch \u00abseelischen\u00bb Abh\u00e4ngigkeit von Drogen m\u00fcsste hier verborgen sein.<\/p>\n<p>Ein anderes Indiz: Die Endorphin-Konzentration erh\u00f6ht sich zum Beispiel bei der analgetischen Heilbehandlung durch Akupunktur. Und mehr noch: Die k\u00f6rpereigenen Drogen werden auch dann ausgesch\u00fcttet, wenn anstatt eines Schmerzmittels eine chemisch inaktive Substanz; ein sogenanntes Placebo, zugef\u00fchrt wird, wenn der Patient also nur glaubt, er habe ein Schmerzmittel bekommen. Dieser Placebo-Effekt funktioniert sogar bei externen Opiaten: Wenn einem abh\u00e4ngigen Patienten eine Spritze verabreicht wird, die angeblich seine Droge enth\u00e4lt, aber in Wahrheit nur einen wirkungslosen Stoff, zeigt er h\u00e4ufig die gleichen Reaktionen, als wenn er wirklich ein Rauschmittel bekommen h\u00e4tte. (8)<\/p>\n<p>Im Normalfall spielen die Endorphine eine wichtige Rolle bei der Bew\u00e4ltigung akuter Stress- und Gefahrensituationen. Falls das Gehirn Signale empf\u00e4ngt, dass ein Schmerz oder eine Gefahr unmittelbar bevorstehen k\u00f6nnte, beginnt im K\u00f6rper ein \u00abAlarmprogramm\u00bb abzulaufen: Das Stammhirn, das \u00e4lteste Hirnzentrum und zust\u00e4ndig f\u00fcr Stresssituationen, \u00fcbernimmt die Regie. Der bewusste Verstand wird weitgehend ausgeschaltet, denn er ist zu langsam, um eine spontane Flucht- oder Abwehrreaktion auszul\u00f6sen. Nicht Analyse ist angesagt, sondern sofortige Aktion. Der K\u00f6rper schaltet um auf \u00abturbo\u00bb, sei es, wenn unseren Urahnen im Pleistoz\u00e4n unvermittelt ein S\u00e4belzahntiger begegnete oder wenn dem modernen Zeitgenossen vor dem \u00abBungee-Jumping\u00bb, dem freien Fall aus gro\u00dfer H\u00f6he, gesichert nur durch ein Gummiband, die Nerven flattern.<\/p>\n<p>Dabei werden nicht neue Ressourcen erschlossen, sondern nur die vorhandenen anders genutzt: Die Wahrnehmung reduziert sich auf das Wesentliche, die bei Alarmsituationen weniger ben\u00f6tigten Organe wie der Darm, die Nieren und die Leber erhalten zeitweilig weniger Blut, die Muskeln bekommen absolute Priorit\u00e4t, die Blutgerinnungszeit verk\u00fcrzt sich auf eine halbe Minute, die Schmerzempfindlichkeit ist gesenkt. Und, wenn es richtig zur Sache geht und die Aktion unmittelbar bevorsteht: Die Endorphine werden ausgesch\u00fcttet, in einer Menge, die das Normalniveau bis zum Hundertfachen \u00fcbersteigt. Euphorie verdr\u00e4ngt f\u00fcr kurze Zeit jegliche Furcht.<\/p>\n<p>Die Endorphine docken aber nicht nur in Stresssituationen an den Rezeptoren an, sie wirken auch in der Stille. Offenbar k\u00f6nnen bestimmte mentale Techniken sie beeinflussen. Die Berichte religi\u00f6ser Mystiker \u00fcber den Zustand der \u00abVerz\u00fcckung\u00bb &#8211; nach langwieriger Vorbereitung durch Meditation &#8211; legen nahe, dass bestimmte Formen religi\u00f6ser Ekstase durch die Aussch\u00fcttung der k\u00f6rpereigenen Drogen hervorgerufen werden. Die Symptome des \u00abSatori\u00bb, der \u00abErleuchtung\u00bb bei der Zen-Meditation, entsprechen zum Beispiel bis ins Detail denjenigen, die beim Opiat-Konsum auftreten. Das, was bei extremen Formen der Meditation gezielt gef\u00f6rdert wird, n\u00e4mlich Ausschaltung der bewussten Wahrnehmung, Reduzierung der willk\u00fcrlichen Motorik &#8211; in Zusammenhang mit k\u00f6rperlichem Schmerz bei bestimmten Sitzhaltungen -, ist identisch mit dem \u00abNotprogramm\u00bb des K\u00f6rpers in Stresssituationen.<\/p>\n<p>Die Endorphine wirken auf den Schmerz indirekt: Sie bet\u00e4uben ihn nicht, sondern verhindern, dass die Schmerzsignale weitergeleitet werden &#8211; eine sogenannte \u00abHemmung der Erregung\u00bb. Der Schmerz ist da, aber man sp\u00fcrt ihn nicht, weil die Opiate, k\u00f6rpereigene wie externe, verhindern, dass sich das Gehirn \u00fcber das Geschehen informieren kann. Wie das genau geschieht, ist noch nicht gen\u00fcgend erforscht.<\/p>\n<p>Es gibt aber einige Anhaltspunkte. Offenbar wirken die Opiate bei der Informations\u00fcbertragung von Zelle zu Zelle wie ein Computervirus: Sie neutralisieren die Substanzen, die die \u00abBotschaft\u00bb weitervermitteln sollen. Acetylcholin etwa, einer dieser \u00dcbertragerstoffe, ver\u00e4ndert das chemoelektrische Potential der Zellmembranen &#8211; Opiate hemmen diese \u00abDepolarisation\u00bb. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adenosinmonophosphat\">Adenosinmonophosphat<\/a> wiederum, das f\u00fcr Signale zust\u00e4ndig ist, die von den Rezeptoren in das Zellinnere gelangen sollen, kann diese Aufgabe nur erf\u00fcllen, wenn zuvor ein \u00abKatalysator\u00bb, das Enzym <a href=\"https:\/\/www.spektrum.de\/lexikon\/neurowissenschaft\/adenylatcyclase\/147\">Adenylatzklase<\/a>, auf den Plan gerufen wird. Die Opiate verhindern, dass die Adenylatzklase Gelegenheit bekommt, das Adenosin-Monophosphat zu synthetisieren. Die Nervenzellen bleiben \u00abstumm\u00bb.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/210423_6.jpg\" alt=\"brain\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup><a href=\"https:\/\/www.bartleby.com\/lit-hub\/anatomy-of-the-human-body\/fig-709\/\">Henry Gray<\/a>: Anatomy of the Human Body, 1918<\/sup><\/p>\n<p>Die Opiate boykottieren auch den Aussto\u00df von \u00dcbertragersubstanzen wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Noradrenalin\">Noradrenalin<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dopamin\">Dopamin<\/a>, die den K\u00f6rper wach und aufmerksam machen. Das ist eine effektive und auch \u00f6konomische Sabotage des neuronalen Informationsflusses &#8211; als wenn die Gewerkschaften bei einem Arbeitskampf nicht das Hauptunternehmen bestreikten, sondern schlicht die Zulieferbetriebe daran hinderten, ihre Produkte loszuwerden.<\/p>\n<p>Der K\u00f6rper hat jedoch eine Sicherung gegen diesen \u00abInformationsstreik\u00bb eingebaut. H\u00e4lt er aufgrund extremer Opiatzufuhr l\u00e4ngere Zeit an, dann \u00abbegreifen\u00bb die Zellen nach und nach, dass irgend jemand st\u00e4ndig die Leitung kappt. Durch komplizierte Lernprozesse gelingt es ihnen, die Produktion und Synthese der \u00dcbertragerstoffe wiederaufzunehmen, gegen den Widerstand der Opiate. Der Arbeitgeber Gehirn setzt Streikbrecher ein: Es entwickelt sich eine Toleranz, das hei\u00dft: Um eine Wirkung zu erzielen, m\u00fcssen die Opiate h\u00f6herdosiert werden, da der K\u00f6rper sich an eine gewisse Dosis gew\u00f6hnt hat.<\/p>\n<p>Auch Kr\u00e4mpfe scheinen eine Art Anpassung, ein Lernprozess des Gehirns zu sein &#8211; \u00e4hnlich dem bei Abh\u00e4ngigkeit von euphorisierenden oder analgetisch wirkenden Substanzen. Epileptiker, die an starken Depressionen leiden, berichten, dass diese Verstimmungen nach einem Krampfanfall zeitweilig verschwinden. Kr\u00e4mpfe wirken wie ein Blitzschlag im Gehirn: Das elektrische Potential der Nervenzellen entl\u00e4dt sich (die so genannte \u00ab<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/BF00362671\">Depolarisierung<\/a>\u00bb). Gleichzeitig werden bestimmte Neurotrans-mitter &#8211; \u00e4hnlich wie beim Opiat-Konsum &#8211; daran gehindert, ihre Botschaft zu transportieren. Es kommt zur \u00abHemmung der Erregung\u00bb. Wenn sich eine Toleranz gegen\u00fcber Barbituraten, Beruhigungsmitteln oder Opiaten entwickelt hat, versucht der K\u00f6rper, diese Wirkung aufrechtzuerhalten, wenn ihm die analgetischen Substanzen pl\u00f6tzlich vorenthalten werden.<\/p>\n<p>Wird nun die Opiat-Zufuhr pl\u00f6tzlich abgesetzt, bricht das Chaos aus. Jetzt werden zu viele der zuvor gehemmten Stoffe produziert, das Nervensystem reagiert \u00fcbersteigert und hyperaktiv. Es kommt zum \u00ab<a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-662-09100-5_38\">Noradrenalinsturm<\/a>\u00bb. Aus Noradrenalin, einem Hormon der Neurotransmitter, wird im K\u00f6rper Adrenalin synthetisiert (\u00abAdrenalin-Sto\u00df\u00bb). Die opiatbedingte \u00abHemmung der Erregung\u00bb ist weggefallen.<\/p>\n<p>Damit l\u00e4uft der Adaptionsprozess, der den \u00abInformationsstreik\u00bb aushebeln sollte, ins Leere. Es dauert eine Weile, bis sich die Zellen an ein geringeres Niveau der Opiatzufuhr gew\u00f6hnt haben, bis sie \u00abbegreifen\u00bb, dass die Informationen wieder flie\u00dfen, ohne dass besondere Anstrengungen n\u00f6tig sind.<\/p>\n<p>Diese Phase ist der bei Opiat-Abh\u00e4ngigen gef\u00fcrchtete Entzug: Die Wogen des \u00abNoradrenalinSturms\u00bb m\u00fcssen sich erst gl\u00e4tten, bevor die Neurotransmitter Signale senden k\u00f6nnen, dass sich die Lage entspannt hat.<\/p>\n<p>Das ist nur die eine Seite der Medaille. Bisher hat uns vorwiegend die analgetische (schmerzlindernde) Wirkung der endogenen und extern zugef\u00fchrten Opiate besch\u00e4ftigt. Heroinabh\u00e4ngige nehmen aber die Droge aus zwei Gr\u00fcnden: Einerseits, um den unertr\u00e4glichen Zustand des Entzuges zu vermeiden, andererseits, um ein euphorisches Gef\u00fchl zu erleben. Sinkt die Opiat-Zufuhr unter das Abh\u00e4ngigkeitsniveau, setzt der \u00abTurkey\u00bb ein. Die euphorische Wirkung sp\u00fcren der oder die Abh\u00e4ngige aber erst dann, wenn die Drogenmenge das Toleranzniveau \u00fcberschreitet.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/210423_5.jpg\" alt=\"brain\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Adaptoren des menschlichen Gehirns, erzeugt von <a href=\"https:\/\/playgroundai.com\/\">Playground AI<\/a><\/sup><\/p>\n<p align=\"center\">Euphorie<br \/>\nMenge der Opiat-Zufuhr<br \/>\nToleranzniveau<br \/>\nAbh\u00e4ngigkeitsniveau<br \/>\nEntzug<\/p>\n<p>Zu welchem Zeitpunkt Euphorie oder Entzug eintreten, ist sowohl von der jeweils unterschiedlichen k\u00f6rperlichen und psychischen Verfassung des Junkies als auch von der Qualit\u00e4t der Droge abh\u00e4ngig. Zwischen Abh\u00e4ngigkeitsniveau und Toleranzniveau ist man zwar \u00abdrauf\u00bb, sp\u00fcrt aber nichts. Das ist bedeutsam bei einem Vergleich zwischen verschiedenen Opiaten, etwa Morphin, Codein, Heroin und Methadon, einem synthetischen Opiat, und dem verschiedener Applikationsformen &#8211; ob man raucht, snieft oder spritzt.<br \/>\nBei der intraven\u00f6sen Injektion von Heroin tritt die Euphorie fast sofort ein, beim Inhalieren morphinhaltiger D\u00e4mpfe dauert es l\u00e4nger, weil der Stoff nicht gleich in die Blutbahn gelangt. Da Heroin ohnehin im K\u00f6rper in Morphin umgewandelt wird (Diacetylmorphin!), liegt sein spezifischer Effekt in der pl\u00f6tzlichen und abrupten Besetzung der Rezeptoren. Codein und Methadon wirken zwar genauso, nur nicht in der Geschwindigkeit des Heroins: Die S\u00fcchtigen f\u00fchlen bei der Methadon-Vergabe oder der Substitution durch Codein-Pr\u00e4parate, wie das euphorische Gef\u00fchl langsam \u00abanschwillt\u00bb, man sp\u00fcrt keinen \u00abKick\u00bb im Kopf.<\/p>\n<p>Aufschluss \u00fcber den komplexen Zusammenhang zwischen Lust und Schmerz k\u00f6nnten zwei geheimnisvolle Regionen des Gehirns geben: Der \u00ab<a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/18107370\/0106-bild-wie-ein-blauer-kern-im-gehirn-unsere-aufmerksamkeit-lenkt-149835-x\">Blaue Ort<\/a>\u00bb und eine ihm benachbarte Region, die von Hirnforschern mit dem Zungenbrecher \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Periaqu%C3%A4duktales_Grau\">Periaqu\u00e4duktales Grau<\/a>\u00bb bezeichnet wird. Dort liegen die Opiat-Rezeptoren dicht an dicht. Wir k\u00f6nnen vermuten, dass hier eine wichtige Schaltzentrale f\u00fcr die \u00abSucht\u00bb nach Drogen zu finden ist.<\/p>\n<p>Beide Regionen liegen im Stammhirn, das vom Gro\u00dfhirn wie eine sch\u00fctzende Schale umschlossen wird. Die \u00dcbergangszone zwischen Stamm- und Gro\u00dfhirn bildet das Limbische System, zust\u00e4ndig f\u00fcr so komplexe Aufgaben wie die Selbsterhaltung (Ern\u00e4hrung, Verteidigung und Angriff) sowie die Arterhaltung (Sexualit\u00e4t). Offenbar ist das Limbische System eine Art von \u00dcbermittlungs- wie \u00dcbersetzungsinstanz f\u00fcr Prozesse, die im Stammhirn ihren Ausgang haben und letztlich zu bewussten Reaktionen im Gro\u00dfhirn f\u00fchren. W\u00e4hrend die schmerzlindernde Wirkung der Opiate mehr \u00fcber Nervenbahnen des R\u00fcckenmarks vermittelt wird, werden beim Verlangen nach Euphorie bestimmte Gebiete des Limbischen Systems aktiviert.<\/p>\n<p>Nervenbahnen verlaufen vom Limbischen System ins Gehirninnere und ins Zwischenhirn, der Region zwischen den beiden Gro\u00dfhirnh\u00e4lften. Dort hat die \u00abgeographisch\u00bb nur vage definierte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Formatio_reticularis\">Formatio reticularis<\/a> ihren Platz, eine Ansammlung von verschiedenen kleineren Zentren, die bei der Steuerung komplexer Aufgaben kooperieren. Sie sind f\u00fcr die spontanen Aktionen des menschlichen K\u00f6rpers zust\u00e4ndig, f\u00fcr motorische Teilfunktionen, aber auch f\u00fcr die Atmung und f\u00fcr die Weckwirkung auf die Gro\u00dfhirnrinde, womit der Grad der Bewusstseinserhellung bestimmt wird. Diese Prozesse laufen im Normalfall automatisch. Wir \u00abvergessen\u00bb nie zu atmen, k\u00f6nnen es aber auch bewusst. Hier scheinen komplizierte R\u00fcckkoppelungen zwischen unbewusster und bewusster Steuerung vorzuliegen.<\/p>\n<p>Was man wei\u00df, ist, dass Nervenbahnen vom Limbischen System \u00fcber die Formatio reticularis bis zum Periaqu\u00e4duktalen Grau verlaufen. Diese Gehirnregionen kooperieren, sowohl bei ihren Aufgaben als auch bei der Wirkung, die sie entfalten. Wird der \u00abGraue Ort\u00bb zum Beispiel elektrisch stimuliert, k\u00f6nnen selbst chronische Schmerzzust\u00e4nde verschwinden. Und: Ist das zungenbrecherische \u00abGrau\u00bb verletzt, verlieren extern zugef\u00fchrte Opiate ihre schmerzlindernde Wirkung.<\/p>\n<p>Die Hirnforscher, die sich mit dem noch weitgehend unerforschten Labyrinth der verschiedenen Systeme besch\u00e4ftigen, stie\u00dfen immer wieder auf den \u00abblauen\u00bb und den \u00abgrauen\u00bb Ort im Stammhirn. Gerade der \u00abBlaue Ort\u00bb machte ihnen zu schaffen. Er ist zwar nur winzig und besteht aus nur rund 3000 Nervenzellen, diese jedoch erreichen mit ihren Bahnen ein Drittel bis die H\u00e4lfte aller Nervenzellen in der Hirnrinde. Wenn hier etwas los ist, ger\u00e4t fast das ganze Gehirn in Aufregung. Von hier aus werden so gegens\u00e4tzliche Steuerungsmechanismen wie das Wecksystem und das Beruhigungssystem gleichzeitig beeinflusst. Der \u00abBlaue Ort\u00bb gilt mittlerweile sogar als der Kern des Wecksystems. Zwei seiner Informationstr\u00e4ger, die Neurotransmitter Noradrenalin und Dopamin, wirken auf die h\u00f6heren Gehirnzentren, insbesondere aber auf das Limbische System, das dem Gro\u00dfhirn bei einigen Aufgaben \u00abvorgeschaltet\u00bb wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/210423_9.jpg\" alt=\"transmitter\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Transmitter des menschlichen Gehirns, erzeugt von <a href=\"https:\/\/playgroundai.com\/\">Playground AI<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Kokainmolek\u00fcle sind diesen beiden Transmittern des \u00abBlauen Ortes\u00bb zum Verwechseln \u00e4hnlich. Das gleiche gilt f\u00fcr Amphetamine das sogenannte \u00abSpeed\u00bb. Beide Drogen dr\u00e4ngen das noch \u00abschlummernde\u00bb Dopamin zur Seite und suggerieren dem K\u00f6rper einen k\u00fcnstlichen Wachzustand. Die Hirnforscher vermuten, dass halluzinogene Substanzen wie LSD den \u00abBlauen Ort\u00bb so \u00fcberstrapazieren, dass es zu psychedelischen R\u00e4uschen kommt.<\/p>\n<p>Ohnehin kann der \u00abBlaue Ort\u00bb auch \u00fcber Geb\u00fchr erregt werden: Elektrische Reizung des Locus coeruleus &#8211; so die lateinische Bezeichnung &#8211; verursacht Panik und Schreckreaktionen. Vielleicht hat der \u00abHorrortrip\u00bb, \u00abauf\u00bb dem man bei LSD-Missbrauch \u00abh\u00e4ngenbleiben\u00bb kann, hier seine Ursache.<\/p>\n<p>Der \u00abBlaue Ort\u00bb als Teil des Wecksystems steht zugleich in Verbindung mit dem Beruhigungssystem. Der K\u00f6rper ist dem Prinzip der Hom\u00f6ostase verpflichtet. Ger\u00e4t etwas l\u00e4ngerfristig au\u00dfer Kontrolle, steuert er gegen. Bevorzugtes Mittel ist der hormonartige \u00dcbertragerstoff <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Serotonin\">Serotonin<\/a>. Serotonin wird in den Zellen der Magen- und Darmschleimhaut sowie in der Muskelhaut des Darmes gebildet und durch die Blutpl\u00e4ttchen transportiert. Er verengt die Blutadern und wirkt dabei mit, dass der Mensch schlafen kann. Serotonin ist der gro\u00dfe Gegenspieler der Wecksubstanz Noradrenalin. Im \u00abBlauen Ort\u00bb scheinen sich beide Stoffe zu treffen und die Balance zwischen Schlafen und Wachen auszuman\u00f6vrieren.<\/p>\n<p>Dopamin, das ebenfalls im \u00abBlauen Ort\u00bb zu finden ist, steuert den Muskeltonus und dockt an den Opiat-Rezeptoren an. Fehlt Dopamin im K\u00f6rper, treten Bewegungsarmut und Muskelstarre auf, im Extremfall die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Parkinson-Krankheit\">Parkinson-Krankheit<\/a>. Viel interessanter ist aber, was geschieht, wenn Dopamin nicht mehr ins Limbische System gelangt: Wir sind unf\u00e4hig, euphorische Gef\u00fchle zu empfinden.<\/p>\n<p>Es ist in Wirklichkeit noch ein wenig komplizierter. Lust empfinden wir nur, wenn Dopamin im Stammhirn startet und dann gleichzeitig seine biochemische Botschaft im Limbischen System und in den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Basalganglien\">Stammganglien<\/a> abl\u00e4dt. Die Stammganglien, markhaltige faserige Nervenzellen, die sich im Endhirn zum sogenannten Streifenk\u00f6rper b\u00fcndeln, regeln die Muskelspannung. Werden sie zerst\u00f6rt, flippt der Mensch aus: Es kommt zu \u00dcberreaktionen, deren Erscheinungsbild schon im Mittelalter als \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tanzwut\">Veitstanz<\/a>\u00bb (Teufelstanz) bekannt war.<\/p>\n<p>Die Basalganglien sind aber nicht nur daf\u00fcr zust\u00e4ndig, Bewegungsabl\u00e4ufe zu programmieren. Sie scheinen, so merkw\u00fcrdig das klingen mag, auch f\u00fcr Teilprozesse der Motivation verantwortlich zu zeichnen. Das Limbische System hingegen regelt nur die affektive und emotionale Seite. St\u00f6rungen dieses Systems k\u00f6nnen sowohl zu Angstgef\u00fchlen als auch zu Aggression f\u00fchren. Aus dieser Wechselwirkung ist wohl das spezifische d\u00e4mpfende und aggressionshemmende Ergebnis des Opiat-Konsums, also auch des Heroins, zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/210423_8.jpg\" alt=\"mandelkern\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Mandelkern (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Amygdala\">Amygdala<\/a>) des menschlichen Gehirns, erzeugt von <a href=\"https:\/\/playgroundai.com\/\">Playground AI<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Zum Limbischen System geh\u00f6rt auch eine Gehirnregion, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Amygdala\">Mandelkern<\/a> genannt wird. Wenn der verletzt wird, zeigen sich merkw\u00fcrdige Symptome: Der Mensch wird \u00abfresss\u00fcchtig\u00bb, er stopft alles, was nur einigerma\u00dfen verdaulich ist, wahllos in sich hinein. Au\u00dferdem denkt er st\u00e4ndig nur noch an \u00abdas eine\u00bb, den Sex. Es ist noch nicht genau erforscht, ob dieser Kern direkt f\u00fcr die Drogenabh\u00e4ngigkeit bedeutsam ist. Es f\u00e4llt nur auf, dass die Opiatsucht genau das Gegenteil von dem bewirkt, was die Wissenschaftler nach einer zuf\u00e4lligen Zerst\u00f6rung des Mandelkerns beobachteten: Appetitlosigkeit und nur noch geringe Lust auf Fortpflanzung.<\/p>\n<p>Auch der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nucleus_accumbens\">Nucleus accumbens<\/a>, an dessen Rezeptoren Dopamin ebenfalls andockt, k\u00f6nnte eine Rolle bei der Opiatabh\u00e4ngigkeit spielen. Dieser winzige Kern beeinflusst sowohl den Streifenk\u00f6rper als auch das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Globus_pallidus\">Pallidium<\/a>, das, \u00e4hnlich wie die Stammganglien, die Bewegungen des menschlichen K\u00f6rpers steuert. Was man wei\u00df, ist nur ein indirekter Schluss: Wenn die Rezeptoren des Nucleus accumbens blockiert sind, versp\u00fcrt man &#8211; das wei\u00df man nur von Tierversuchen &#8211; keine Lust mehr auf Drogen wie Heroin oder Kokain.<\/p>\n<p>Diese verwirrende Berg- und Talfahrt durch das menschliche Gehirn macht eines deutlich: Heroin und andere Opiate wirken auf eine Vielzahl unterschiedlicher K\u00f6rperfunktionen. Die psychische \u00abLust\u00bb an der Droge ist offenbar ein sehr differenziertes Bed\u00fcrfnis. Auf \u00abnat\u00fcrlichem\u00bb Wege, durch die Endorphine, wird der K\u00f6rper f\u00fcr Gefahren- und Stresssituationen kurzfristig pr\u00e4pariert, Schmerz und Angst weniger stark zu empfinden und gleichzeitig auf \u00abturbo\u00bbBetrieb umzuschalten, damit er das Geschehen auch meistern kann. Extern zugef\u00fchrte Opiate suggerieren dem K\u00f6rper, dass diese Situation permanent besteht.<\/p>\n<p>Da alle wichtigen menschlichen Regungen wie emotionales Wohlgef\u00fchl, sexuelles Empfinden, Motivation, Schlafund Wachzustand beteiligt sind, kann man sich vorstellen, wie schwierig es f\u00fcr Opiat-Abh\u00e4ngige ist, auf dem einmal eingeschlagenen Weg umzukehren. Die Annahme, \u00abSucht\u00bb sei das blo\u00dfe Verlangen nach einem Rauschzustand, geht v\u00f6llig an der Komplexit\u00e4t des Problems vorbei.<\/p>\n<p>Dazu kommt eine Beobachtung, die Hirnforscher machten, als sie Ratten f\u00fcr eine lange Zeit mit Morphin \u00abbehandelten\u00bb: Offenbar bildet sich die Endorphin-Produktion zur\u00fcck, wenn sich der Organismus erst einmal an externe Opiate gew\u00f6hnt hat. Das ist auch beim Menschen so. Ein Junkie, der sich m\u00fchsam vom \u00abStoff\u00bb gel\u00f6st hat, kann f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit keine starken Lustgef\u00fchle mehr empfinden, weil das k\u00f6rpereigene Drogenlabor wegen der st\u00e4ndigen Heroin-Zufuhr zeitweilig \u00ababgewickelt\u00bb worden ist.<\/p>\n<p>________________________________________________<\/p>\n<p>(1) Vermutet haben dies schon u.a. <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/1258360268\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">A.\/E. Torrance<\/a>: Opium Addiction. Chicago 1929\/30, und <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Harris_Isbell\">H. Isbell<\/a>: Narcotic Drug Addiction Problems. Bethesda 1958. Neuere Forschungen: J. Platt\/C. Labate: Heroin Addiction. New York 1976 (dt.: <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/book\/10.1007\/978-3-642-72347-6\">Heroinsucht<\/a>, Darmstadt 1982), W. Harding: Kontrollierter Heroingenuss, in: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3129844309\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\n\">G. V\u00f6lger\/K. v. Welck<\/a> (1982), S. 1217ff, <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3593331160\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">S. Quensel<\/a> (1982), S. 156, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_de_Ridder\">Michael de Ridder<\/a>: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3593364646\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\n\">M. de Ridder<\/a> (1991), passim, sowie eines der Standardwerke zum Thema: <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC1129374\/\">E. M. Brecher<\/a> u. a.: Licit and Illicit Drugs, Boston 1972; ferner G. Obe u. a.: Mutagene und karzinogene Wirkungen von Suchtstoffen, in: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3540155600\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">W. Keup<\/a> (1985), S. 38f<br \/>\n(2) Auf meine Nachfrage bei der betreffenden Kasse wurde mir erkl\u00e4rt, die Brosch\u00fcre sei 15 Jahre alt und auf dem \u00abdamaligen Forschungsstand\u00bb. Es habe sich aber noch niemand beschwert. Die Frage bleibt offen, wieso man verschweigt, dass Lebersch\u00e4den und Hepatitis von unsachgem\u00e4\u00dfem Gebrauch herr\u00fchren und nicht von der Droge selbst. Eine aktualisierte Fassung, die mir prompt zugesandt wurde, verzichtete auf die Spalte \u00abLangzeitfolgen bei Heroin-Gebrauch\u00bb.<br \/>\n(3) A. Barth, zit. nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gorm_Grimm\">G. Grimm<\/a> (1992), S. 180<br \/>\n(4) <a href=\"https:\/\/www.goodreads.com\/book\/show\/2198872.Die_Genese_der_Bet_ubungsmittelgesetze_in_der_Bundesrepublik_Deutschland_und_in_den_Niederlanden_Kriminologische_Studien_\">S. Scheerer<\/a> (1982), S. 147<br \/>\n(5) Zit. nach <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3891363249\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">G. Amendt<\/a> (1992), S. 189<br \/>\n(6) <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Solomon_H._Snyder\">Solomon Snyder<\/a> von der Johns-Hopkins-Universit\u00e4t, Baltimore, <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/4516196\/\">Simon<\/a> von der Universit\u00e4t New York und <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-1-349-03668-4_11\">Terenius<\/a> von der Universit\u00e4t Uppsala identifizierten die Rezeptor-Stellen; Snyder, Terenius, <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-1-349-04015-5_34\">Goldstein<\/a> von der Stanford-Universit\u00e4t in Kalifornien, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Hughes_(Pharmakologe)\">John Hughes<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Walter_Kosterlitz\">Hans Kosterlitz<\/a> (Universit\u00e4t Aberdeen) isolierten die Enkephaline.<br \/>\n(7) Diese Synthetisierung nennt man \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Proteolyse\">proteolytischer Prozess<\/a>\u00bb. Vgl. Sidney Cohen: Neuester Stand der Heroinforschung, in: <a href=\"https:\/\/www.buchfreund.de\/de\/d\/e\/9783923158003\/2-baende-rausch-und-realitaet-drogen-im?bookId=89565248\">V\u00f6lger<\/a>, S. Sooff; Michael W\u00fcster: Der neueste Stand der Opiatforschung, in: ebd., S. 76ff; <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/176077\/Zur-Pharmakologie-von-Opioiden\">Klaus Kuschinsky<\/a>: Zur Pharmakologie von Opioiden (1981), S. 225ff; A. Herz: Das Suchtproblem in der Sicht der neueren Opiatforschung, in: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3540163344\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\n\">W. Feuerlein<\/a> (1986), S. 15 ff<br \/>\n(8) Vgl. <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007\/978-3-642-82542-2_12\">U. Havemann\/K. Kuschinsky<\/a>: Opiatrezeptoren. Zur Frage der Trennung der analgetischen und suchterzeugenden Wirkungen, in: W. Keup (1985), S. 184f<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51649?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51649?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_51649 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_51649')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_51649').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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