{"id":51608,"date":"2023-04-20T10:12:08","date_gmt":"2023-04-20T08:12:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=51608"},"modified":"2023-04-20T10:12:09","modified_gmt":"2023-04-20T08:12:09","slug":"ein-heroisches-hustenmittel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/04\/20\/ein-heroisches-hustenmittel","title":{"rendered":"Ein heroisches Hustenmittel"},"content":{"rendered":"<p><i>(aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a>&#8220; (1993)<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.deutsche-apotheker-zeitung.de\/daz-az\/2009\/daz-51-2009\/ernst-schering-gruender-eines-weltunternehmens\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_1.jpg\" alt=\"Gr\u00fcne Apotheke\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Gr\u00fcne Apotheke in der Berliner Chausseestra\u00dfe, nach 1859. Source: <a href=\"https:\/\/www.deutsche-apotheker-zeitung.de\/daz-az\/2009\/daz-51-2009\/ernst-schering-gruender-eines-weltunternehmens\">Deutsche Apotheker-Zeitung<\/a><\/sup><\/p>\n<p>In den Jahrzehnten seit Sert\u00fcrners Entdeckung des Morphins \u00e4nderten sich die Produktionsbedingungen pharmazeutischer Produkte grundlegend. Die kleinen Apotheken, in denen Medikamente in handwerklichem Eigenbetrieb hergestellt wurden, konnten die massenhafte Nachfrage nicht mehr befriedigen. Aus ihnen gingen Fabrikbetriebe hervor, deren Nachfahren noch heute im Gesch\u00e4ft sind: Die <a href=\"https:\/\/www.merckgroup.com\/de\/publications\/media-gallery-history-engel-apotheke.html\">kleine Engel-Apotheke<\/a> in Darmstadt mauserte sich zum Pharmakonzern <a href=\"https:\/\/www.merckgroup.com\/de\/company\/management\/e-merck-kg.html\">E. Merck &amp; Co.<\/a>, die Gr\u00fcne Apotheke in Berlin zur Chemischen Fabrik auf Actien, sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schering_AG\">Schering AG<\/a>, die Merkur-Apotheke in Hamburg zur <a href=\"https:\/\/www.beiersdorf.de\/ueber-uns\/unsere-geschichte\/meilensteine\">Beiersdorf &amp; Co. AG<\/a>. Daneben witterten die Drogengro\u00dfhandlungen den gro\u00dfen Reibach, wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Boehringer_Mannheim\">Engelmann &amp; B\u00f6hringer<\/a>, ab 1859 C. F. B\u00f6hringer und S\u00f6hne in Mannheim.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.albert-gieseler.de\/dampf_de\/firmen0\/firmadet9568.shtml\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_2.jpg\" alt=\"Engel Apotheke\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>C. F. Boehringer &amp; S\u00f6hne GmbH, Mannheim-Waldhof, <a href=\"https:\/\/www.google.de\/maps\/@49.5302119,8.4695425,1242m\/data=!3m1!1e3?hl=de\">Sandhofer Str.<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alkaloide#Geschichte\">Alkaloid-Chemie<\/a> erlebte einen st\u00fcrmischen Aufschwung und zog weitere, auch \u00f6konomisch interessante Forschungsergebnisse nach sich. Bei der Produktion des Morphins bleibt eine <a href=\"https:\/\/www.chemie-grundlagen.de\/laugen\/was-sind-laugen\/\">Lauge<\/a> zur\u00fcck, die zahlreiche andere Stickstoffverbindungen enth\u00e4lt. Einige derer Namen erinnern an die Opium-Mixturen der Antike, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mekonium\">Mekonium<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.chemicalbook.com\/ChemicalProductProperty_DE_CB9931055.htm\">Laudanin<\/a> zum Beispiel. In den drei\u00dfiger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Codein\">Codein<\/a> isoliert, das zu etwa einem Prozent in Opium vorhanden ist. Codein wirkt \u00e4hnlich wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Morphin\">Morphin<\/a>, nur ungleich schw\u00e4cher. Medizinische Indikation: vor allem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gastritis\">Gastritis<\/a> und Krampfleiden. Auch andere, zum Teil giftige Substanzen und Drogen wurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts isoliert: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Strychnin#Geschichte\">Strychnin<\/a> (1817), <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Coffein\">Coffein<\/a> (1820), <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nicotin\">Nikotin<\/a> (1828), <a href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1002\/ardp.18601530202\">Kokain<\/a> (1887, kommerzielle Verwertung durch die Firma Merck aber schon seit 1862) und schlie\u00dflich der Rauschstoff <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mescalin\">Mescalin<\/a> (1896).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mescalin#\/media\/Datei:Lophophora_williamsii_pm.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_3.jpg\" alt=\"Lophophora williamsii\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Der Peyote-Kaktus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lophophora_williamsii\">Lophophora williamsii<\/a> enth\u00e4lt als Hauptwirkstoff Mescalin.<\/sup><\/p>\n<p>Hanf (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hanf\">Cannabis<\/a>) geh\u00f6rte ohnehin schon seit 100 Jahren zur Grundausstattung einer jeglichen Apotheke. Merck stellte ab 1880 Cannabis-Tinkturen her. Das Deutsche Reich geh\u00f6rte zum drittwichtigsten Abnehmer indischen Hanfs: \u00ab<a href=\"https:\/\/www.house420.de\/hasch-haschisch-dope-shit-peace-charras-schwarzer-afganehasch-haschisch-dope-shit-peace-charras-schwarzer-afgane.html\">charres<\/a>\u00bb (Haschisch), \u00ab<a href=\"https:\/\/www.hanfgartenshop.de\/magazin\/marihuana-cannabis-ganja-ist\">ganja<\/a>\u00bb (Marihuana) und \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bhang\">bhang<\/a>\u00bb (ein cannabishaltiges Getr\u00e4nk) hie\u00dfen die Verkaufsschlager. Im Hamburger Freihafen wurden allein im September 1885 3,5 Tonnen Ganja, 12 Tonnen Bhang und 300 Tonnen Charres gel\u00f6scht.<\/p>\n<p>Das Rennen in der Herstellung von Drogen machte schlie\u00dflich die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Teerfarben\">Teerfarbenindustrie<\/a>, die man zun\u00e4chst nicht mit pharmazeutischen Produkten in Verbindung bringt. Diese Unternehmen hatten die entsprechenden Laboratorien zur Verf\u00fcgung. Ganze Forscherteams waren den Geheimnissen der Natur auf der Spur. Au\u00dferdem mangelte es weder an Geld noch dem \u00f6konomischen Durchblick, um die gewonnenen Kenntnisse rasch zu verwerten. Der Startschuss f\u00fcr die Entwicklung dieses Industriezweiges war 1934 die Isolierung des gef\u00e4hrlichen Blut- und Nervengiftes <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anilin\">Anilin<\/a>, auch Aminobenzol genannt, aus dem Steinkohlenteer und seine Synthese. Als Grundstoff f\u00fcr die industrielle Produktion k\u00fcnstlicher Farbstoffe wurde Anilin f\u00fcr eine Reihe konkurrierender Firmen zum Erfolgsgaranten: die Farbenfabriken <a href=\"https:\/\/www.bayer.com\/de\/unternehmensgeschichte\/friedrich-bayer\">Friedrich Bayer<\/a> et Comp. in Barmen (1863, seit 1878 Elberfeld), die Farbwerke Hoechst AG vorm. Meister Lucius &amp; Br\u00fcning sp\u00e4ter <a href=\"https:\/\/www.sanofi.de\/de\/sanofi-in-deutschland\/hoechst-gmbh\">Hoechst AG<\/a> (seit 1862), <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chemische_Fabrik_Kalle#Geschichte\">Kalle &amp; Co.<\/a> aus Biebrich und die Badische Anilin- und Sodafabrik <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/BASF\">BASF<\/a> in Ludwigshafen (seit 1865).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hanf\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_4.jpg\" alt=\"cannabis tinktur\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Inserat zum Arzneimittel &#8222;Cannabin&#8220; der Firma Merck um 1885, Darmstadt<\/sup><\/p>\n<p>Richtig begann das Wettrennen um die Produktion der Farben mit der ersten Synthese des nat\u00fcrlichen Farbstoffes <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alizarin\">Alizarin<\/a> 1869 durch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alizarin#Strukturaufkl%C3%A4rung_und_Synthese_gegen_Mitte_des_19._Jahrhunderts\">Karl Graebe und Karl-Theodor Liebermann<\/a>. In k\u00fcrzester Zeit schossen mehr als hundert Fabriken aus dem Boden, die Alizarin herstellten. Das Gesch\u00e4ft bl\u00fchte: Allein zwischen 1883 und 1887 wurden 21 neue Farbstoffe entwickelt und, um das Geld richtig ins Rollen zu bringen, die Firma Bayer in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Auch andere Firmengr\u00fcndungen mit noch heute bekannten Namen fallen in die Zeit des \u00abFarbrausches\u00bb: Der auf Anilinfarben spezialisierte Betrieb Kern und Sandoz tauchte 1880 in Basel im Handelsregister auf (heute <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sandoz\">Sandoz AG<\/a>), schon 1859 begann bei Geigy (heute: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ciba_AG\">Ciba-Geigy<\/a>) in Basel die Produktion synthetischer Anilinfarben, zum Beispiel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fuchsin\">Fuchsin<\/a>. <a href=\"Hoffmann La R\u00f6che\">Fritz Hoffmann<\/a> (heute: Hoffmann La R\u00f6che) bildet das Schlusslicht. Er gr\u00fcndete erst 1896 einen Fabrikationsbetrieb f\u00fcr Drogerieartikel.<\/p>\n<p>Die erste Krise lie\u00df nicht lange auf sich warten. Mitte der achtziger Jahre war der Markt mit k\u00fcnstlichen Farben \u00fcberschwemmt, die Preise sanken, die Gewinne schrumpften. Die Herren von der chemischen Industrie gr\u00fcbelten, wie diesem misslichen Zustand zu begegnen sei. 1887 kam ihnen ein Zufall zu Hilfe. (1)<\/p>\n<p>Zwei Assistenten einer Stra\u00dfburger Klinik experimentierten mit fiebersenkenden Mitteln. Eines schien besonders gut zu wirken. Sie lie\u00dfen es analysieren, und siehe da: Es entpuppte sich als das chemisch nur geringf\u00fcgig modifizierte Anilin. Die Ver\u00e4nderung, die sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Acetylierung\">Acetylierung<\/a>, sah so aus, dass in das urspr\u00fcngliche Molek\u00fcl der Substanz <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Essigs%C3%A4ureethylester\">Essigs\u00e4ureester<\/a> eingef\u00fcgt worden war. Das Endprodukt hie\u00df <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Acetanilid\">Acetanilid<\/a> und wurde bald &#8211; dieses Mal war das Unternehmen Kalle &amp; Co. am schnellsten &#8211; als \u00ab<a href=\"https:\/\/americanhistory.si.edu\/collections\/search\/object\/nmah_720128\">Antifebrin<\/a>\u00bb auf den Markt geworfen. Bayer zog im gro\u00dfen Stil nach. Anfang der neunziger Jahre gab die Unternehmensleitung gr\u00fcnes Licht f\u00fcr die Gr\u00fcndung firmeneigener Forschungslaboratorien. Unter der Leitung von <a ref=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Duisberg\">Carl Duisberg<\/a> stellte Bayer sein erstes Arzneimittel her, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Phenacetin\">Phenacetin<\/a>, das Pendant zu Kalles Antifebrin.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/Antifebrin#:~:text=Bedeutungen%3A,%5B1%5D%20chemisch%3A%20Acetanilid\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_5.jpg\" alt=\"antifebrin\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Die massenhafte Herstellung fiebersenkender und sp\u00e4ter auch anderer Mittel war technisch kein Problem, fielen doch die Grundstoffe f\u00fcr die Acetylierung gleich tonnenweise als Beiprodukte der Farbherstellung an. Es setzte eine wahre \u00abAcetylierungsmanie\u00bb ein, der Medikamentenmarkt boomte. <a href=\"https:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/Antifebrin#:~:text=Bedeutungen%3A,%5B1%5D%20chemisch%3A%20Acetanilid\">Acetanilid<\/a> zum Beispiel hat, wie alle acetylierten Stoffe, bessere chemische Eigenschaften als der urspr\u00fcngliche Stoff Anilin bzw. Aminobenzol. Es wird im K\u00f6rper langsamer gespalten und ist weniger giftig.<\/p>\n<p>Anfang der neunziger Jahre probieren die Chemiker die Acetylierung auch an Morphin aus, um vielleicht einen Stoff zu finden, bei dem die Gefahr der Abh\u00e4ngigkeit geringer ist. Am 21.8.1897 schreibt der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/aspirin-hoffmann-erfindung-bayer-100.html\">Erfinder<\/a> des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aspirin_(Marke)\">Aspirins<\/a> (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Acetylsalicyls%C3%A4ure\">Acetylsalicyls\u00e4ure<\/a>) (2), der Chemiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Felix_Hoffmann\">Felix Hoffmann<\/a> von den Elberfelder Farbenfabriken Bayer, einen Laborbericht &#8222;\u00fcber das Diacetylmorphin&#8220;: &#8222;Um einen Ersatz f\u00fcr das Codein aufzufinden&#8220;, h\u00e4tten er und seine Mitarbeiter &#8222;das Diazetat des Morphins dargestellt&#8220; &#8211; also das Morphin acetyliert. Hoffmann: &#8222;Kocht man 10,0 Morphin mit 30,0 Essigs\u00e4ureanhydrid in vier Stunden unter R\u00fcckflu\u00df, so zeigt eine in Wasser aufgenommene Probe keine Morphinreaktion mehr. Man verdunstet die Essigs\u00e4ure des R\u00fcckstandes, gie\u00dft in Wasser und versetzt unter Erk\u00fchlung mit Sodal\u00f6sung. Die ausfallende kristallynische Masse stellt das Diazetat dar&#8230; Wie physiologische Vorversuche ergaben, liegt in dem K\u00f6rper in der That eine dem Codein au\u00dferordentlich \u00e4hnliche Substanz vor.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.cbgnetwork.org\/4122.html\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_6.jpg\" alt=\"aspirin heroin\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Braunes und wei\u00dfen Heroin<\/sup><\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a3\/Dreser_Heroin_Pharmakologie.jpg\">Publikation Dresers<\/a> verschweigt die Vorarbeiten anderer Kollegen. Offenbar wusste Dreser nicht, dass schon 1890 die beiden englischen Forscher <a href=\"https:\/\/wellcomecollection.org\/works\/pfzmr3r3\/items\">Dott und Stockman<\/a> eine \u00abumfassende Untersuchung \u00fcber die pharmakologischen Wirkungen des Morphins und seiner Derivate\u00bb ver\u00f6ffentlicht hatten, worauf sich eine Titelgeschichte der \u00ab<a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/sim_mmw-muenchener-medizinische-wochenschrift_1899-08-01_46_31\">M\u00fcnchener Medicinischen Wochenschrift<\/a>\u00bb aus dem Jahr 1899, geschrieben vom Hallenser Pharmakologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erich_Harnack\">Erich Harnack<\/a>, bezog.<\/p>\n<p>Parallel zu Bayer experimentierte auch das Darmst\u00e4dter Unternehmen Merck mit Morphin: 1899 erschien im Jahresbericht der Firma eine Mitteilung \u00fcber Forschungen, die kurz zuvor stattgefunden hatten. Diacetylmorphin zeige eine \u00abdem Morphin \u00e4hnliche, aber schw\u00e4chere Wirkung\u00bb, setze die Reflexe herab und beseitige den Hustenreiz. Gegen Schmerzen sei es \u00abweit weniger wirksam als Morphin und f\u00fcr die praktische Verwendung nicht besonders geeignet, da die Substanz keine haltbaren und in Wasser l\u00f6slichen Salze bilde.<\/p>\n<p>Die Farbenfabriken Bayer waren da anderer Ansicht. Im Mai 1897 beantragte Bayer einen Wortschutz f\u00fcr das Warenzeichen des neuen Medikaments. Am 27.6.1898 wurde es in die Zeichenrolle des Reichspatentamtes eingetragen. Der Name des Produktes: Heroin. Heroin, urspr\u00fcnglich also nur ein Warenzeichen f\u00fcr das Arzneimittel Diacetylmorphin (oder: Diamorphin), ist zu einem allgemein gebr\u00e4uchlichen Begriff geworden, der sich ebenso eingeb\u00fcrgert hat wie etwa der Name Aspirin f\u00fcr das Produkt Acetylsalicyls\u00e4ure. Man k\u00f6nnte sich heute auch eine andere Bezeichnung f\u00fcr die Substanz ausdenken, denn das Warenzeichen ist seit 1950 erloschen. (3)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/5b\/Heroin_asian.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_7.jpg\" alt=\"heroin\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Braunes und wei\u00dfes Heroin aus Asien<\/sup><\/p>\n<p>Morphin und Heroin unterscheiden sich pharmakologisch nur geringf\u00fcgig: Die euphorische, das hei\u00dft die spezifische Wirkung des Heroins ist der pl\u00f6tzlichen Besetzung bestimmter Rezeptoren im Gehirn geschuldet, die schmerzstillende ist die des Morphins, in das Heroin in kurzer Zeit im K\u00f6rper umgewandelt wird. Der Phantasiename \u00abHeroin\u00bb trifft aber die zweischneidigen Folgen des Konsums besser als \u00abMorphin\u00bb: Es handelt sich nicht nur um eine Reise ins Reich der Tr\u00e4ume. Michael de Ridder zitiert in seiner bemerkenswerten <a href=\"https:\/\/tinyurl.com\/mumu4cdh\">Dissertation<\/a> \u00fcber \u00abHeroin &#8211; die Geschichte einer pharmazeutischen Spezialit\u00e4t\u00bb eine Definition der \u00abheroischen Mittel\u00bb, ein Ausdruck f\u00fcr besonders stark wirkende Medikamente schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Diese seien Substanzen, \u00abdie tief, unmittelbar und gewaltsam ins individuelle Leben eingreifen, die Fundamentalsysteme des Organismus heftig umstimmen und meist einen zweifelhaften Effekt haben, bei deren Anwendung augenscheinlich Gefahr ist, zu deren Gebrauch man sich nicht ohne herrische K\u00fchnheit entschlie\u00dfen kann\u00bb. Das sei, so de Ridder, \u00abnicht unbedingt eine therapeutische Empfehlung\u00bb. Die Namensgeber scheinen sich dieser Assoziation bewusst gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Die Bayer AG behauptete noch 1983, die These eines amerikanischen Senators, der Konzern habe Heroin an Werksangeh\u00f6rigen ausprobiert, sei falsch. Diese Behauptung der Firma ist eindeutig widerlegt: Schon vor 1898, bevor die erste Erprobung au\u00dferhalb des Unternehmensgel\u00e4ndes stattfand, habe Dreser Menschenversuche durchgef\u00fchrt, schreibt de Ridder nach Durchsicht bisher unver\u00f6ffentlichter Akten und Archivmaterialien. Vorher hatten Dreser und der Werksarzt <a href=\"https:\/\/www.zvab.com\/Pharmakologisches-einige-Morphinderivate-pp.509-512-Floret-Theoblad\/1602987986\/bd\">Floret<\/a> Heroin am eigenen Leibe ausprobiert. Zwischen M\u00e4rz und August 1898 experimentierte Floret in der Poliklinik der Farbenfabriken \u00abam lebenden Modell\u00bb. Floret hielt Heroin f\u00fcr \u00abein au\u00dferordentlich brauchbares, prompt und zuverl\u00e4ssig wirkendes Mittel zur Bek\u00e4mpfung des Hustens und des Hustenreizes sowie der Brustschmerzen in erster Linie bei Entz\u00fcndungen, besonders bei der katarrhallischen, der oberen und unteren Luftwege.. . \u00bb Auch bei der Behandlung von Asthma und Tuberkulose sei Heroin erfolgreich gewesen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heroin#Andere_Staaten\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_8.jpg\" alt=\"heroin\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Heroin wird nach der Zulassung zun\u00e4chst als Pulver, dann als wasserl\u00f6sliches Heroinum hydrochloricum, sp\u00e4ter auch als Z\u00e4pfchen, Mixtur, Pulver, Trank, nach 1921 in Tablettenform verkauft, ja es sind sogar heroingetr\u00e4nkte Tampons auf dem Markt. Nach Italien, Spanien und Portugal wird Heroin in Form von Sirup exportiert. Um die Jahrhundertwende war die Einzeldosis 0,005 mg f\u00fcr Erwachsene, die H\u00e4lfte f\u00fcr Kinder.<\/p>\n<p>Im Sommer 1899 zieht die Unternehmensleitung Bilanz. In der Chefetage debattiert man \u00fcber Heroin. Einer der anwesenden Herren schl\u00e4gt vor, die F\u00e4lle, \u00abin denen au\u00dferordentlich gro\u00dfe Dosen Heroin aus Versehen gereicht wurden\u00bb und bei denen die Patienten trotzdem nicht gestorben seien, sollten zu \u00abeinem sch\u00f6nen Artikel\u00bb verarbeitet werden. Man d\u00fcrfe nicht dulden, sagt der gute Mann, dass in der \u00d6ffentlichkeit behauptet w\u00fcrde, Bayer habe Pr\u00e4parate verkauft, \u00abdie nicht sorgf\u00e4ltig probirt sind\u00bb. Ein Dr. Goldmann aus Berlin berichtet, dass \u00abdie Stimmung in unserem Bezirk keine besonders g\u00fcnstige\u00bb sei. Es sei ihm aber gelungen, das Krankenhaus Friedrichshain f\u00fcr Heroin zu interessieren. Bayer-Direktor K\u00f6nig ist zufrieden. Zwar w\u00fcrde das Produkt wohl kaum ein Verkaufsschlager, immerhin sei es aber \u00abeine sch\u00f6ne Bereicherung unseres Schatzes und auch eine Bereicherung unserer Reputation\u00bb.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/digitalexhibits.libraries.wsu.edu\/items\/show\/5703\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/200423_9.jpg\" alt=\"heroin\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Eine weitere Konferenz findet im November statt. Heroin habe \u00abja viele Angriffe erfahren\u00bb, meint einer der Anwesenden, \u00abund wir haben uns auch bem\u00fcht, nach M\u00f6glichkeit kr\u00e4ftig den Angriffen entgegenzuwirken. Wir haben leider den Kardinalfehler begangen, da\u00df wir das Produkt zu billig herausgegeben haben.\u00bb Ein Herr Engelcke sagt, in einigen Lehrb\u00fcchern w\u00fcrde vor Heroin gewarnt, dass man es nur mit Vorsicht anwenden d\u00fcrfe. \u00abWir sollten daher versuchen, diese Herren zu beeinflussen, damit unsere Produkte eine andere Beurteilung finden, dies w\u00fcrde auch zur Erh\u00f6hung des Konsums beitragen.\u00bb<\/p>\n<p>Tatkr\u00e4ftig, wie Unternehmer nun mal sind, werden die Anregungen in die Praxis umgesetzt. Es erscheinen Sonderdrucke, die Arztpraxen werden mit Warenmustern \u00fcberschwemmt, Artikel in Fachzeitschriften platziert. Die Kampagne hat Erfolg. Schon bald wird Heroin in \u00fcber zwanzig L\u00e4nder exportiert. 1902 macht der Gewinn aus der Diacetylmorphin-Produktion ca. f\u00fcnf Prozent des Gesamtgewinns bei pharmazeutischen Produkten aus. Eine Rekordmenge produziert der Konzern im Jahr 1913: eine knappe Tonne reinen Heroins. Auf dem Schwarzen Markt w\u00e4re diese Heroinmenge heute mindestens 70 Millionen DM wert. Im Jahr 1926, als die Heroin-Produktion in den USA schon verboten war und die ersten internationalen Kampagnen gegen Opiate anliefen, produzierte das Deutsche Reich insgesamt 1,8 Tonnen, die Schweiz 3,9 Tonnen Heroin.<\/p>\n<p>_________________________________________________<br \/>\n(1) Vgl. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_de_Ridder\">Michael de Ridder<\/a>: <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3593364646\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\n\">Heroin: Vom Arzneimittel zur Droge<\/a>. Das Buch gab es damals noch nicht. Ich habe w\u00e4hrend der Recherche de Ritter interviewt und durfte auch <a href=\"https:\/\/tinyurl.com\/mumu4cdh\">seine Dissertation<\/a> \u00fcber Heroin (&#8222;Heroin: die Geschichte einer pharmazeutischen Spezialit\u00e4t&#8220;, 1990), auf der <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/viel-spass-mit-heroin-a-7cf2b129-0002-0001-0000-000016748368\">das Buch basiert<\/a>, per <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mikrofichekatalog\">Microfiche<\/a> einsehen.<\/p>\n<p>(2) Die gebr\u00e4uchliche Dosis dieses ber\u00fchmten Schmerz- und fiebersenkenden Mittels liegt bei weniger als einem Gramm. Ca. 30 Gramm sind t\u00f6dlich. Aber noch nie hat jemand Aspirin als gef\u00e4hrliche Droge bezeichnet.<\/p>\n<p>(3) Wort-Bildmarke &#8222;Heroin&#8220; vom 18. Mai 1898 mit Eintragung am 27. Juni 1898 in das &#8222;Waarenverzeichni\u00df&#8220; unter der Nr. 31650 (altes Aktenz. F 2456) f\u00fcr die &#8222;Actiengesellschaft Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer &amp; Co., Elberfeld.&#8220; Ver\u00f6ffentlicht im &#8222;Waarenzeichenblatt&#8220;, herausgegeben vom kaiserlichen Patentamt, im Juli 1898, V. Jahrgang, Heft 7 auf Seite 506.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51608?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51608?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_51608 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_51608')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_51608').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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