{"id":51594,"date":"2023-04-19T07:42:19","date_gmt":"2023-04-19T05:42:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=51594"},"modified":"2023-04-19T07:45:25","modified_gmt":"2023-04-19T05:45:25","slug":"der-stoff-aus-dem-die-traeume-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/04\/19\/der-stoff-aus-dem-die-traeume-sind","title":{"rendered":"Der Stoff, aus dem die Tr\u00e4ume sind"},"content":{"rendered":"<p><i>(aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a>&#8220; (1993)<\/i><\/p>\n<p>Das \u00abRauschgift\u00bb Opium in der Apotheke? Damit gab es im 19. Jahrhundert keine Probleme. Niemand wu\u00dfte jedoch, welche Substanz des Mohnsaftes die eigentliche Wirkung ausmachte. Das hatte manchmal fatale Folgen, denn eine exakte Dosierung war unm\u00f6glich, das Medikament konnte t\u00f6dlich wirken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Opiumtinktur#\/media\/Datei:Laudanum_poison_100ml_flasche.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/190423_1.jpg\" alt=\"opiumtinktur - laudanum\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Heute ist die Situation \u00e4hnlich, aber aus v\u00f6llig anderen Gr\u00fcnden. In jeder Apotheke steht eine Flasche <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Opiumtinktur\">Opiumtinktur<\/a> herum. Aber kaum ein Arzt traut sich, das Pr\u00e4parat zu verschreiben. Die Mediziner k\u00f6nnten sich informieren, tun es aber in der Regel nicht &#8211; aus Angst vor den strengen Auflagen des <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/btmg_1981\/\">Bet\u00e4ubungsmittelgesetzes<\/a>. W\u00e4hrend in England ausf\u00fchrliche Forschungen zur pharmakologischen Wirkung der Opiate vorliegen, sind die deutschen \u00c4rzte meistens schon bei simplen Fragen zum Thema v\u00f6llig \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Dementsprechend \u00absachkundig\u00bb verlaufen auch die \u00f6ffentlichen Diskussionen \u00fcber Drogen, von der Kompetenz der Politiker und \u00abDrogenbeauftragten\u00bb ganz zu schweigen. Dabei hat die Besch\u00e4ftigung mit Papaver somniferum gerade hierzulande eine lange Tradition: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Morphin\">Morphium<\/a> und Heroin sind Erfindungen deutscher Apotheker und Firmen.<br \/>\nNat\u00fcrlich wu\u00dfte man im 19. Jahrhundert aus Erfahrung, da\u00df Opium nicht nur alle m\u00f6glichen Krankheiten kuriert, sondern da\u00df man sich damit auch umbringen kann.<\/p>\n<p>In Hessen war, schreibt <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3811831852\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Hans-Georg Behr<\/a>, die \u00ab<a href=\"https:\/\/textgridrep.org\/browse\/stqf.0\">Frankfurter Hauptpille<\/a>\u00bb auf dem Markt, ein Gemisch aus Opium und Zucker. Opiumhaltige Medikamente wie \u00ab<a href=\"https:\/\/d-nb.info\/987944800\/34\">Dr. Zohrers Kindergl\u00fcck<\/a>\u00bb und \u00abAachener Schlafhonig\u00bb wurden auch Babys zur Beruhigung und zum besseren Schlaf verordnet. Einige der kranken Kinder wachten jedoch nach der Einnahme des \u00abKindergl\u00fccks\u00bb nicht mehr auf. Der Arzt Dr. Heinrich Hoffmann sah sich angesichts der Todesf\u00e4lle veranla\u00dft, nach einem unsch\u00e4dlicheren Ersatzpr\u00e4parat zu suchen. Die von ihm entwickelten \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hoffmannstropfen\">Hoffmannstropfen<\/a>\u00bb enthielten aber immer noch f\u00fcnf Prozent Opium.<\/p>\n<p>In England hie\u00df das beliebteste einschl\u00e4gige Mittel \u00ab<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Godfrey%27s_Cordial\">Godfrey&#8217;s Cordial<\/a>\u00bb. \u00abDie erste Untersuchung von Opiatvergiftungen an Kindern wurde 1843 in einer kleinen Stadt in Lancashire vorgenommen\u00bb, schreibt Hans-Georg Behr. \u00abVon knapp 2500 Familien kauften mehr als 1600 regelm\u00e4\u00dfig Godfrey&#8217;s Cordial. Die Kindersterblichkeit lag \u00fcber 60 Prozent, und ein abruptes Absetzen der Droge \u00fcberlebte nur jedes sechste Kind.\u00bb<\/p>\n<p>Verschiedene Forscher experimentierten daher mit der Rohsubstanz Opium, um dessen unerw\u00fcnschten Elemente zu beseitigen, die, wie vermutet wurde, zu den Nebenwirkungen f\u00fchrten. Das chemische Element Stickstoff, dessen Verbindungen &#8211; die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alkaloide\">Alkaloide<\/a> &#8211; in Pflanzen vorkommen und das des R\u00e4tsels L\u00f6sung gewesen w\u00e4re, war noch nicht bekannt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hoffmannstropfen\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/190423_2.jpg\" alt=\"hoffmannstropfen\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Im Jahr 1805 bekam eine Leipziger Zeitschrift, das Trommsdorffer \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Journal_der_Pharmacie\">Journal der Pharmacie<\/a>\u00bb, merkw\u00fcrdige Post. Der Paderborner Apotheker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_Sert%C3%BCrner\">Friedrich Wilhelm Sert\u00fcrner<\/a> bot einen Artikel an, in dem er behauptete, er habe das \u00abschlafmachende Prinzip des Opiums\u00bb entdeckt. Die Herausgeber des \u00abJournals\u00bb \u00fcberflogen den Bericht, sch\u00fcttelten bedenklich ihre K\u00f6pfe, \u00fcberdachten die Reputation ihres Blattes und lehnten dann Sert\u00fcr-ners Ausf\u00fchrungen ab, da sie unseri\u00f6s seien. Der Apotheker lie\u00df nicht locker. Er schrieb einen Leserbrief, in dem er seine Experimente schilderte. Der wurde gedruckt, aber niemand beachtete ihn.<\/p>\n<p>Dabei war der zwanzigj\u00e4hrige Pharmakologe auf dem besten Weg, der ber\u00fchmteste Sohn der Stadt Paderborn zu werden, bekannter noch als der zu seiner Zeit in der Domstadt residierende Bischof. Sert\u00fcrners Versuchsanordnung: Man laugt Opium mit destilliertem Wasser aus, bis alle Farbstoffe ausgeschieden sind. Die eingedampfte L\u00f6sung wird, wieder mit Wasser, verd\u00fcnnt, dann mit Ammoniak \u00fcbers\u00e4ttigt. Fl\u00fcssiges Ammoniak war schon damals als gutes L\u00f6sungsmittel bekannt. Bei diesem Proze\u00df entsteht eine Substanz, die noch in vielen Hausapotheken als <a href=\"https:\/\/www.brigitte.de\/leben\/wohnen\/haushalt\/salmiakgeist--der-alleskoenner-im-haushalt-11478570.html\">Salmiakgeist<\/a> zu finden ist.<\/p>\n<p>Spannend wurde es, als sich &#8211; als Resultat des Experiments kleine Kristalle bildeten, die irgend etwas mit der Wirkung des Opiums zu tun haben mu\u00dften. Sert\u00fcrner verf\u00fctterte sie an einen bedauernswerten Hund, der zuf\u00e4llig an seiner T\u00fcr herumschn\u00fcffelte. \u00abNach Zufuhr des Stoffes stellten sich alsbald Schlaf und sp\u00e4ter Erbrechen ein. Bei erneuter Aufnahme wurde alles erbrochen; doch die Neigung zum Schlafe hielt mehrere Stunden an.\u00bb Somit war klar: Wenn die Kristalle die gleichen Symptome wie Opium hervorrufen, sind sie die eigentliche Grundsubstanz. Ein zweiter Tierversuch endete sogar t\u00f6dlich, das Tier \u00abtaumelt schlafs\u00fcchtig und stirbt schlie\u00dflich\u00bb.<\/p>\n<p>Sert\u00fcrner, bewandert in griechischer Mythologie, nennt den von ihm entdeckten Stoff nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Morpheus\">Morpheus<\/a>, dem Gott der Tr\u00e4ume, Morphium. Neugierig, wie er ist, probiert er ihn selbst aus, zusammen mit drei jugendlichen Freunden. Zun\u00e4chst beobachtet er \u00dcbelkeit und einen bet\u00e4ubenden Schmerz im Kopf, dann, nachdem die Versuchspersonen die Dosis erh\u00f6hen &#8211; sie nehmen das Pulver zusammen mit Wasser und Alkohol ein -, \u00abErmattung und starke an Ohnmacht gr\u00e4nzende Bet\u00e4ubung\u00bb. Sert\u00fcrner glaubt an eine Vergiftung, schreibt er 1817 in den \u00ab<a href=\"https:\/\/opacplus.bsb-muenchen.de\/Vta2\/bsb10927204\/bsb:3969854?page=19\">Annalen der Physik<\/a>\u00bb, die in ihm eine \u00absolche Besorgni\u00df\u00bb ausl\u00f6st, da\u00df \u00abich halb bewu\u00dftlos \u00fcber eine Viertelbouteille starken Essig zu mir nahm, und auch die \u00fcbrigen dies thun lie\u00df. Hiernach erfolgte ein so heftiges Erbrechen, da\u00df einige Stunden darauf einer von \u00e4u\u00dferst zarter Constitution, dessen Magen bereits ausgeleert war, sich fortdauernd in einem h\u00f6chst schmerzhaften, sehr bedenklichen W\u00fcrgen befand\u00bb.<\/p>\n<p>1817 wird das Morphin in ein Arzneibuch eingetragen. Erst nach einer W\u00fcrdigung durch den franz\u00f6sischen Physiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joseph_Louis_Gay-Lussac\">Louis-Joseph Gay-Lussac<\/a> erringt der junge Apotheker Anerkennung, die sich aber in Deutschland in Grenzen h\u00e4lt. Der neue Forschungszweig, zu dem er die T\u00fcr weit aufgesto\u00dfen hat &#8211; die Alkaloidchemie -, zeigt erst viel sp\u00e4ter seine Fr\u00fcchte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.digitale-sammlungen.de\/de\/view\/bsb10288901?page=10,11\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/190423_3.jpg\" alt=\"sert\u00fcrner\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>1826 beginnt der Apotheker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Emanuel_Merck\">Emanuel Merck<\/a> im Laboratorium der Engel-Apotheke in Darmstadt mit der kommerziellen Herstellung des Morphiums als Schmerz- und Schlafmittel. Es ist bekannt, da\u00df Morphin euphorisierend wirkt. Die Mediziner und Forscher diskutieren aber mehr dar\u00fcber, wie sich die Nebenwirkung der oralen Einnahme &#8211; der obligatorische Brechreiz &#8211; vermeiden l\u00e4\u00dft. Man sucht eine M\u00f6glichkeit, den Weg durch den Magen zu umgehen.<\/p>\n<p>Morphium wird, um eine \u00dcberdosierung zu vermeiden, auch als Salbe oder \u00d6l verschrieben. Damit das Medikament schneller und intensiver wirken kann, empfehlen einige Mediziner das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cantharidenpflaster\">Katharindenpflaster<\/a>, das eine Hautblase erzeugt. Die sch\u00fctzende Haut ist somit \u00abausgetrickst\u00bb: Auf die verd\u00fcnnte Stelle, die Blase, kann die morphiumhaltige Salbe oder das Puder aufgetragen werden.<\/p>\n<p>Die \u00ab<a href=\"https:\/\/www.medicalexpo.de\/medizin-hersteller\/hypodermische-nadel-6192.html\">hypodermatische<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Inokulation\">Inokulation<\/a>\u00bb kommt dem Spritzen schon ein wenig n\u00e4her: Mit einer Nadel schiebt der Arzt kleine Mengen des Medikaments unter die Haut. Als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charles-Gabriel_Pravaz\">Charles Gabriel Pravaz 1853<\/a> die <a href=\"https:\/\/www.dmm-ingolstadt.de\/dmmi-digital\/objektgeschichten\/pravaz-spritze.html\">Injektionsspritze<\/a> erfindet &#8211; sein Kollege <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alexander_Wood_(Mediziner)\">Alexander Wood<\/a> hat zwei Jahre sp\u00e4ter die gleiche Idee -, nimmt die Sache ihren Lauf. Ein Badearzt in Schlangenbad spritzt einer Frau, die an \u00abhysterischen Kr\u00e4mpfen\u00bb leidet, Morphium unter die Bauchdecke &#8211; mit dem Erfolg, da\u00df ihre Beschwerden schlagartig verschwinden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.dmm-ingolstadt.de\/dmmi-digital\/objektgeschichten\/pravaz-spritze.html\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/190423_4.jpg\" alt=\"pravaz-spritze\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Das spricht sich herum. In wenigen Jahrzehnten entwickelt sich Morphium &#8211; heute: Morphin &#8211; zum Heilmittel f\u00fcr alles und jedes: gegen Husten und Schmerzen, gegen Schnupfen, Kr\u00e4mpfe und Augenleiden. Wer sich nur gl\u00fccklich f\u00fchlt, gilt als geheilt. Im Krimkrieg, in den Kriegen zwischen Preu\u00dfen und D\u00e4nemark bzw. \u00d6sterreich, im deutsch-franz\u00f6sischen Krieg, im amerikanischen B\u00fcrgerkrieg: \u00dcberall wird Morphin gespritzt, was das Zeug h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Nur gibt es eine neue, ebenfalls unerw\u00fcnschte Wirkung des Wundermittels: Wenn man es dem Patienten pl\u00f6tzlich vorenth\u00e4lt, l\u00e4uft er Amok oder verf\u00e4llt in tiefe Depressionen &#8211; was die Kampfmoral nicht gerade hebt. Milit\u00e4r\u00e4rzte nennen die Symptome des Morphin-Entzuges die \u00abArmee-\u00bb oder \u00ab<a href=\"https:\/\/interessante-fakten.de\/1327\/Soldatenkrankheit.html#:~:text=%22Soldatenkrankheit%22%20ist%20ein%20Ausdruck%20f%C3%BCr,Alkaloid%20aus%20der%20Schlafmohnpflanze%20extrahiert.\">Soldatenkrankheit<\/a>\u00bb.<\/p>\n<p>Wer oder was an den Problemen der Morphin-Konsumenten schuld ist, bleibt unklar. Patienten, die an eine bestimmte Dosis gew\u00f6hnt sind, neigen zur Selbstmedikation und &#8211; das wird beobachtet &#8211; zur Dosissteigerung. \u00c4rzte konstatieren eine \u00abZerr\u00fcttung des Nervensystems\u00bb &#8211; obwohl niemand genau wei\u00df, inwieweit \u00abdie Nerven\u00bb von Morphin in Mitleidenschaft gezogen werden &#8211; und \u00abschwere psychische St\u00f6rungen\u00bb &#8211; Ursache oder Folge des vermehrten Konsums oder nur des zeitweiligen Absetzens? Auch das ist nicht erforscht. 1874 erkl\u00e4rt der erste Arzt den \u00fcberh\u00f6hten<br \/>\nMorphingebrauch zur Krankheit sui generis.<\/p>\n<p>Schon 1856 vermutet die Polizei, die staatliche Ordnung im allgemeinen und besonderen sei durch den Drogenmissbrauch in Gefahr. Der Polizeipr\u00e4sident von Berlin erl\u00e4\u00dft eine Verf\u00fcgung, da\u00df \u00c4rzte Morphium nur wiederholt abgeben d\u00fcrften, wenn dar\u00fcber ein schriftlicher Vermerk angefertigt w\u00fcrde. Von \u00abDrogensucht\u00bb ist aber noch nicht die Rede.<\/p>\n<p>Der Berliner Arzt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eduard_Levinstein\">Eduard Levinstein<\/a> ist der erste, der die Begriffe \u00abSucht\u00bb und Morphium verklammert. In einer <a href=\"https:\/\/wellcomecollection.org\/works\/g6b5wqm5\">1880 erschienenen Monographie<\/a> unterscheidet er zwischen dem \u00abMorphinismus\u00bb, der eine Vergiftung sei, und der \u00abMorphinsucht\u00bb. Er versteht darunter die \u00abLeidenschaft des Individuums, sich des Morphiums als Erregungs- oder Genu\u00dfmittels zu bedienen, da dasselbe unverm\u00f6gend ist, von dem Mittel ohne Nachtheil f\u00fcr das subjektive Wohlbefinden zu lassen, und den Krankheitszustand, der sich durch die mi\u00dfbr\u00e4uchliche Anwendung des Mittels herausbildet\u00bb. M\u00e4nner seien f\u00fcr die \u00abSucht\u00bb anf\u00e4lliger, da sie im Berufsleben h\u00f6heren Anforderungen gen\u00fcgen m\u00fc\u00dften. Morphins\u00fcchtig seien fast ausschlie\u00dflich \u00c4rzte und Offiziere.<\/p>\n<p>Bereits f\u00fcnf Jahre zuvor hatte Levinstein \u00fcber die Morphiumbegeisterung gewisser Kreise berichtet. In der \u00ab<a href=\"https:\/\/babel.hathitrust.org\/cgi\/pt?id=mdp.39015020940196&amp;view=1up&amp;seq=7\">Berliner Klinischen Wochenschrift<\/a>\u00bb vom 29.11.1875 hei\u00dft es dazu: \u00abAus der ersten Sitzung der inneren Medizin erfahren wir, da\u00df das so alt bew\u00e4hrte Mittel, die Sorgen des Daseins in die Freuden elyseischer Tr\u00e4ume zu verwandeln, bei uns von einer Mode bedroht zu werden anf\u00e4ngt, die diesmal nicht von Westen, sondern ausnahmsweise einmal von Osten ihren Einzug h\u00e4lt. Bisher schien es ein erprobtes Vorrecht des Muselmannes zu sein, sich mit Hilfe des Opiums hin\u00fcber zu schwingen in das Reich ungetr\u00fcbter Gen\u00fcsse. Glieder unserer gebildeten und h\u00f6heren St\u00e4nde, theilt uns Herr Sanit\u00e4tsrath Dr. Levinstein mit, beginnen indes im Anschlu\u00df an den medicament\u00f6sen Genu\u00df des Narcoticums ebenfalls des vom Koran verp\u00f6nten Saftes der Rebe \u00fcberdr\u00fcssig zu werden. Auch sie ziehen es vor, ihr Dasein mit Opium zu w\u00fcrzen, das sie zwar nicht wie der T\u00fcrke mit gekr\u00fcmmten Beinen dem Tschibuk entnehmen, aber ihrer h\u00f6heren Kultur entsprechend gleich als reines Alkaloid sich mit oder ohne Zuhilfenahme der Pravazschen Spritze einfl\u00f6\u00dfen. Den antiquierten Alkoholrausch \u00fcberlassen sie dem \u2018gemeinen\u2019 Mann, m\u00fcssen aber mit ihm gewisse Folgen theilen, die dem Alhoholismus nicht ganz un\u00e4hnlich sind, und von denen leider auch die Morphiumfreunde nicht verschont bleiben.\u00bb<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/babel.hathitrust.org\/cgi\/pt?id=mdp.39015020940196&amp;view=1up&amp;seq=659&amp;size=150\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/190423_5.jpg\" alt=\"levinstein morphinsucht\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Die Zeitschrift bedient sich einer feinen Ironie, die zu w\u00fctenden Protesten aufgeregter Drogenpolitiker wegen \u00abVerharmlosung\u00bb f\u00fchren w\u00fcrde, \u00fcbertr\u00fcge man die Aussagen auf heutige Verh\u00e4ltnisse: Die Heroin\u00abfreunde\u00bb wollen von der etablierten Saufkultur nichts wissen. Sie ziehen es vor, sich mit dem \u00abalt bew\u00e4hrten\u00bb Opium zu berauschen. \u00abIhrer h\u00f6heren Kultur entsprechend\u00bb essen oder rauchen sie es aber nicht &#8211; wie viele der \u00abausl\u00e4ndischen Drogendealer\u00bb -, sondern injizieren sich das mit modernen chemischen Methoden hergestellte Derivat Heroin. Bedauerlicherweise\u00bb leiden auch sie, wie Alkoholiker, an unangenehmen Entzugssymptomen.<\/p>\n<p>Morphin, so zeigt der Bericht Levinsteins, war &#8211; nicht als Medikament, sondern als Genussmittel &#8211; zun\u00e4chst eine Modedroge der \u00abbesseren Kreise\u00bb. Eine bestimmte Form des Gebrauchs, die Injektion, setzte die Konsumenten sozial von anderen. Drogenkonsumenten ab: Die intraven\u00f6se Applikation war ein Zeichen \u00abh\u00f6herer Kultur\u00bb.<\/p>\n<p>Heute gilt das Gegenteil: Wer Drogen spritzt, f\u00e4llt unter die &#8211; abwertend verstandenen &#8211; Kategorien \u00abFixer\u00bb oder \u00abJunkie\u00bb und mu\u00df mit den klischeehaften Vorverurteilungen wie \u00abunzuverl\u00e4ssig\u00bb, \u00abheruntergekommen\u00bb und \u00abkriminell\u00bb rechnen. Alkoholiker, die ihr Rauschmittel oral einnehmen und sogar in deutschen Parlamenten zu finden sind, gelten dagegen, solange sie nur ihren eigenen K\u00f6rper ruinieren, als sozial unsch\u00e4dlich.<\/p>\n<p>Alle Formen, die heute diskutiert werden, um Morphinabh\u00e4ngige zu behandeln, waren schon im vergangenen Jahrhundert bekannt. \u00c4rzte schlugen den \u00abkalten Entzug\u00bb vor, das abrupte Absetzen, was eine knappe Woche dauerte. Andere empfahlen, w\u00e4hrend des Entzugs Haschisch oder Marihuana zu rauchen. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud propagierte Kokain: \u00abFreud selbst hatte Kokain seinem Freund Fleischl von Marxow verabreicht, der nach einer Daumenamputation morphinabh\u00e4ngig geworden war.\u00bb Beliebt war auch die Substitution durch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Codein\">Codein<\/a>, die in den neunziger Jahren zum therapeutischen Standard geh\u00f6rte.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51594?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51594?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_51594 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_51594')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_51594').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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