{"id":51555,"date":"2023-04-16T12:39:43","date_gmt":"2023-04-16T10:39:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=51555"},"modified":"2023-04-17T07:36:20","modified_gmt":"2023-04-17T05:36:20","slug":"vom-opium-zum-heroin-papaver-somniferum-macht-karriere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2023\/04\/16\/vom-opium-zum-heroin-papaver-somniferum-macht-karriere","title":{"rendered":"Vom Opium zum Heroin &#8211; Papaver somniferum macht Karriere"},"content":{"rendered":"<p><b>Vom Nepenthes zur Hexensalbe<\/b><\/p>\n<p><i>(aus meinem Buch <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/heroin\">Heroin &#8211; Sucht ohne Ausweg?<\/a>&#8220; (1993)<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mark_Aurel\">Marc Aurel<\/a>, r\u00f6mischer Kaiser und Philosoph, war <a href=\"https:\/\/www.mundmische.de\/bedeutung\/23253-auf_Turkey_sein\">voll auf Turkey<\/a>. Und das w\u00e4hrend eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Markomannenkriege\">Feldzuges<\/a> gegen die barbarischen Markomannen und Quaden! Er f\u00fchlte sich hundeelend und war kaum imstande, den taktischen Er\u00f6rterungen seiner Kommandeure zu folgen. Dabei gab es keinen Grund, besorgt zu sein: Die r\u00f6mischen Legionen, \u00fcberlegen in milit\u00e4rischer Taktik und Logistik, eilten im zweiten nachchristlichen Jahrhundert im Einzugsgebiet der Donau von Sieg zu Sieg.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schlafmohn\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/160423_5.jpg\" alt=\"papaver somniferum\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Der Leibarzt des Feldherrn, der Grieche <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Galenos\">Galenos aus Pergamon<\/a>, untersuchte den kaiserlichen Patienten zum wiederholten Male. Die Symptome: eine triefende Nase, allgemeine Depressionen, Gliederschmerzen, Schlafst\u00f6rungen, sporadisches Erbrechen. Die langandauernde Verstopfung, die den hohen Herrn schon seit Jahren plagte, war einem l\u00e4stigen Durchfall gewichen. Galenos kannte das Gegenmittel &#8211; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theriak\">Theriak<\/a>. Nur hatte man offenbar zuwenig davon aus dem fernen Italien mitgenommen.<\/p>\n<p>Marc Aurel pflegte t\u00e4glich eine Dosis in Bohnengr\u00f6\u00dfe zu sich zu nehmen, des Geschmacks wegen gemischt mit Wein, Wasser oder Honig. An die wichtigste Zutat des Medikaments, den Saft der Mohnkapseln &#8211; Opium -, war vor Ort schwer heranzukommen, nicht weil die Germanen schon damals ein rigides Bet\u00e4ubungsmittelgesetz gekannt h\u00e4tten, sondern weil sie sich lieber mit Alkohol berauschten.<\/p>\n<p>Den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Galenos#Ausgaben_und_%C3%9Cbersetzungen_(Auswahl)\">Aufzeichnungen Galens<\/a>, wie er sp\u00e4ter genannt wurde, verdanken wir die erste Krankengeschichte eines Opium-Abh\u00e4ngigen in der Antike. Urspr\u00fcnglich hatte der R\u00f6merkaiser den Theriak, den sein Arzt mit rund vierzig Prozent Opium angereichert hatte, zur Immunisierung und prophylaktisch gegen allgemeine Beschwerden genommen. Da die Wirkung aber mit der Zeit nachlie\u00df, musste er die Dosis steigern &#8211; mit Auswirkungen auf seine Schreibtischt\u00e4tigkeit. Aurel wurde bei der Arbeit des \u00f6fteren vom Schlaf ergriffen. Er habe, so Galen, daher angeordnet, das Opium vom Theriak zu trennen. Nun aber brachte der Kaiser die N\u00e4chte schlaflos zu und war gezwungen, nicht zuletzt, weil er \u00aban den Mohnsaft gew\u00f6hnt war\u00bb, diesen dem Theriak wieder zuzuf\u00fcgen. Immer wenn er von seinen Eroberungsz\u00fcgen heimkehrte, verlangte es ihn ausdr\u00fccklich nach der richtigen Zusammenstellung \u00abnach alter Gewohnheit der kaiserlichen Leib\u00e4rzte\u00bb. (1)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Minoische_Religion#\/media\/Datei:Snake_Goddess_Crete_1600BC.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/160423_2.jpg\" alt=\"sch langeng\u00f6ttin\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>In der Tat eine sehr alte Gewohnheit! Theriak war eine vereinfachte Variante des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mithridatikum\">Mithridats<\/a>, genannt nach dem K\u00f6nig <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mithridates_VI._(Pontos)\">Mithridates<\/a> VI. Eupator Dionysos von Pontus. Dieser hatte im zweiten vorchristlichen Jahrhundert nicht nur den R\u00f6mern an der n\u00f6rdlichen Schwarzmeerk\u00fcste erbitterten Widerstand geleistet, sondern sich durch medizinische Experimente mehr als eine Fu\u00dfnote in der Geschichte gesichert: Auf der Suche nach einem Gegengift, vor allem gegen Schlangenbisse, mixte er ein halbes Hundert Ingredienzen zusammen. Er probierte dieses Gebr\u00e4u an den Staatsg\u00e4sten und seinem Freundeskreis aus, der sich schlagartig verkleinerte. Ein F\u00fcnftel des Mithridats bestand aus dem Milchsaft der K\u00f6pfe des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mohn\">Papaver selvaticum<\/a>, heute bekannt als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schlafmohn\">Papaver somniferum<\/a>, zu deutsch Schlafmohn.<\/p>\n<p>Diese Pflanze geh\u00f6rt schon mindestens seit dem zweiten Jahrtausend v. Chr. zum Kulturgut der Menschheit. Eine minoische G\u00f6ttin, deren Statue bei Heraklion gefunden wurde, tr\u00e4gt auf dem Kopf einen Kranz aus Schlafmohnkapseln. Ihr Gesicht, wahrscheinlich um 1400 v. Chr. von einer unbekannten K\u00fcnstlerin erschaffen, hat einen ekstatischen Ausdruck. Schon auf den \u00e4ltesten babylonischen Tonzylindern finden wir Mohnkapseln als Attribute des G\u00f6ttlichen.<\/p>\n<p>Wir wissen nicht, ob Mithridates sich an stillen Abenden von den Ges\u00e4ngen der Odyssee erbauen lie\u00df. Vielleicht suchte er nur nach dem Wundertrank <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nepenthes_(Arzneimittel)\">Nepenthes<\/a>, der in keiner Geschichte des Opiums fehlen darf: Die sch\u00f6ne Helena, davon berichtet das homerische Epos, habe den Wein, wovon die antike M\u00e4nnerrunde kostete, mit einem \u00abMittel gegen Kummer und Groll und aller Leiden Ged\u00e4chtnis\u00bb gew\u00fcrzt. Der Effekt der \u00abk\u00fcnstlich bereiteten W\u00fcrze\u00bb soll erstaunlich gewesen sein und gleicht dem des Opiums aufs Haar. Im <a href=\"https:\/\/gottwein.de\/Grie\/hom\/od04de.php\">vierten Gesang der Odyssee<\/a> hei\u00dft es: \u00abDann benetzet den Tag ihm keine Tr\u00e4ne die Wangen, War ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben, W\u00fcrde vor ihm sein Bruder und sein geliebter Sohn auch Mit dem Schwerte get\u00f6tet, da\u00df seine Augen es s\u00e4hen.\u00bb<\/p>\n<p>Wer Nepenthes zu sich nimmt, bleibt cool, selbst dann, wenn die Liebsten dahingemetzelt werden. Dieser altgriechische Tranquilizer wurde so ber\u00fchmt, dass Generationen von \u00c4rzten versuchten, dem Rezept des Gebr\u00e4us auf die Spur zu kommen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theriak\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/160423_1.jpg\" alt=\"theriak\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>\u00d6ffentliche Theriak-Zubereitung in Venedig 1512.<\/sup><\/p>\n<p>Das Mithridat fiel dem r\u00f6mischen Feldherrn <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gnaeus_Pompeius_Magnus\">Pompejus<\/a> in die H\u00e4nde, der \u00fcber dessen Wirkung offenbar so viel Gutes h\u00f6rte, da\u00df er es seiner Feldapotheke einverleibte. Sp\u00e4tere Milit\u00e4r\u00e4rzte differenzierten zwischen Mithridat und <a href=\"https:\/\/buecher.heilpflanzen-welt.de\/Dioskurides-Arzneimittellehre\/397.htm\">Mekon rhoias<\/a> (von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sikyon\">Mekone<\/a>, dem ersten Mohnanbaugebiet Griechenlands), das zum Teil aus Gartenmohn hergestellt wurde: F\u00fcnf oder sechs K\u00f6pfchen fein gesto\u00dfener Samen f\u00f6rderten, zusammen mit drei Bechern Wein, den Schlaf. H\u00e4ufig findet man aber die Warnung, schon in Erbsengr\u00f6\u00dfe wirke die Droge hypnotisch, ein \u00dcberma\u00df f\u00fchre zum Exitus. Mekonit, der Pre\u00dfsaft der K\u00f6pfe und der Bl\u00e4tter, sei weniger stark als das durch Anritzen gewonnene Opium, <a href=\"https:\/\/medizin.de-academic.com\/4318\/dakryo...%2C_Dakryo...\">Dakryon<\/a> (\u00abTr\u00e4ne\u00bb) genannt.<\/p>\n<p>Der Leibarzt des Kaisers Claudius, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Scribonius_Largus\">Scribonius Largus<\/a>, hinterlie\u00df in einem <a href=\"https:\/\/dfg-viewer.de\/show\/?set[mets]=https%3A\/\/digital.ub.uni-duesseldorf.de%2Foai%2F%3Fverb%3DGetRecord%26metadataPrefix%3Dmets%26identifier%3D1882205\">Rezeptbuch<\/a> den Rat, man solle der Drogenmixtur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mekonium\">Mekonium<\/a> unbedingt \u00abwirkliches Opium\u00bb hinzuf\u00fcgen, \u00abwelches nur aus dem Milchsaft der K\u00f6pfe und nicht aus dem Saft der Bl\u00e4tter von papaver selvaticum gewonnen wird, wie die H\u00e4ndler es tun, um bei diesem Gegenstand einen Profit zu haben. Ersteres [Opium] n\u00e4mlich wird mit gro\u00dfer M\u00fche und nur in geringer Quantit\u00e4t hergestellt, dieses [Mekonium] dagegen mit Leichtigkeit und im \u00dcberfluss.\u00bb<\/p>\n<p>Der Arzt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andromachos_der_%C3%84ltere\">Andromachus der \u00c4ltere<\/a>, der sich um Claudius&#8216; Nachfolger Nero k\u00fcmmern mu\u00dfte, lie\u00df dieses und jenes weg, streckte es mit anderen Substanzen und nannte das Gemisch Theriak, wahrscheinlich nach dem griechischen theriakos: \u00abwilde, giftige Tiere betreffend\u00bb. Nero soll t\u00e4glich einen Viertelliter davon getrunken haben, schreibt Hans-Georg Behr in seinem Standardwerk <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3811831852\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Weltmacht Droge<\/a> zum Thema. \u00abEine Dosis, die nur ein hochgradig S\u00fcchtiger zu \u00fcberleben imstande ist.\u00bb<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theriak#\/media\/Datei:Th%C3%A9riaque1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/160423_3.jpg\" alt=\"theriak\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Franz\u00f6sisches Theriakgef\u00e4\u00df (1782)<\/sup><\/p>\n<p>Auch Kaiser Titus konnte nicht damit umgehen und starb an einer \u00dcberdosis. Aus der Zeit Trajans ist \u00fcberliefert, dass schon damals Opiate gestreckt wurden, neben harmlosen Stoffen auch mit unappetitlichen Substanzen wie nat\u00fcrlichem Gummi und Schmierfett. Zu Anfang des dritten nachchristlichen Jahrhunderts hatte man im kaiserlichen Palast mehr als 17 Tonnen Opium gehortet. Als Diokletian <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/H%C3%B6chstpreisedikt\">H\u00f6chstpreise f\u00fcr Drogen<\/a> festsetzte, kostete eine Einheit Haschisch 80 Denare, Opium aber 150.<\/p>\n<p>In der klassischen Antike war Mohn bzw. Opium aber weniger als Rauschmittel beliebt. Die medizinische Indikation \u00fcberwog. Um sich in Ekstase zu versetzen, benutzten die Griechen das Nachtschattengew\u00e4chs <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bilsenkr%C3%A4uter\">Bilsenkraut<\/a> (Hyoskyamus oder Saubohne) (3) und die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alraunen\">Alraune<\/a> (Mandragora), mit der sich die Zauberin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kirke\">Circe<\/a> die M\u00e4nner gef\u00fcgig machte. Die Alraune wuchs nach alter Legende auf der Insel <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hypnos\">Hypnos<\/a>, einem Reich dunkler Tr\u00e4ume, wo Mohn wuchert und \u00abMandragoren bl\u00fchen, umflattert von stillen Schmetterlingen, den einzigen V\u00f6geln des Landes\u00bb (2). Mandragora galt auch als eine Pflanze, mit der man sich in ein Tier verwandeln konnte: Der Rausch l\u00f6ste die Grenzen der bewussten Identit\u00e4t auf. Im Traum oder durch Halluzinationen kommunizierten die Drogen-Konsumenten mit der G\u00f6tter- und Tierwelt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gemeine_Alraune\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/160423_6.jpg\" alt=\"alraune\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Gemeine Alraune (Mandragora officinarum)<\/sup><\/p>\n<p>Auch der legend\u00e4re Globetrotter Odysseus scheint seine Angst vor dem ein\u00e4ugigen Zyklopen mit Drogen bet\u00e4ubt zu haben: Bekanntlich wurden seine Gef\u00e4hrten in Schweine verwandelt &#8211; vielleicht ein diskretes Wortspiel mit dem Hinweis auf die Schweine- oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ackerbohne\">Saubohne<\/a>. Die Ges\u00e4nge des homerischen Heldenepos wirkten, was ihre Hinweise auf Drogengebrauch angeht, bis in die fr\u00fche Neuzeit. Noch 1648 nannten die Einwohner des franz\u00f6sischen Toulouse ein Pr\u00e4parat aus Saubohnen bzw. Bilsenkraut und Opium <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thebain\">thebaicum<\/a> (das griechische Theben war ebenfalls ein wichtiges Anbaugebiet f\u00fcr Mohn) Nepenthes &#8211; nach dem Wundertrank der Helena.<\/p>\n<p>Zweifellos war die t\u00f6dliche Wirkung einer \u00dcberdosis Opium bereits im Altertum allgemein bekannt. Deshalb versuchte man, den Saft mit anderen, schw\u00e4cheren Substanzen zu verfeinern. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Plinius_der_%C3%84ltere\">Gaius Plinius<\/a> Secundus der \u00c4ltere (23-79 n. Chr.) listet die Risiken in seiner \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Plinius_der_%C3%84ltere#Naturalis_historia\">Naturgeschichte<\/a>\u00bb auf. Der Vater eines Konsuls, der an einer unheilbaren Krankheit litt, habe sich mit Opium umgebracht, worauf einige andere B\u00fcrger es ihm nachahmten. Gaius Plinius gibt auch konkrete Tips, wie man feststellt, ob die Droge Fremdsubstanzen enth\u00e4lt &#8211; mit der Flammenprobe. Das gilt heute noch: Den Unterschied zwischen Heroin mit hohem Reinheitsgrad, das geraucht werden kann, und gestrecktem Stoff, der nur f\u00fcr eine Injektion taugt, testen Fixer, indem sie ein Feuerzeug unter ein St\u00fcck Alufolie halten, auf dem sie das Heroin angeh\u00e4uft haben. Knistert das erw\u00e4rmte \u00abH\u00bb oder verbrennt es mit schwarzen R\u00fcckst\u00e4nden, ist es verunreinigt.<\/p>\n<p>Die arabischen \u00c4rzte verordneten Opium, ebenso wie ihre r\u00f6mischen Vorg\u00e4nger, vornehmlich gegen Husten, Schlafst\u00f6rungen und Durchfall, aber in Kombination mit anderen Mitteln. Der Perser <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Avicenna\">Avicenna Ibn Sina<\/a> (980-1037) &#8211; bekannt aus dem Bestseller \u00abDer Medicus\u00bb &#8211; hielt es f\u00fcr ein beruhigendes Hypnoticum, es best\u00fcnde aber aus Stoffen, die den Geist zerst\u00f6ren k\u00f6nnten. Damit hatte sein Zeitgenosse und Kollege mit dem sch\u00f6nen Namen Abu al-Rayhan Muhammed ben Ahmad <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Al-Biruni\">al Biruni<\/a> Erfahrungen. Ihm verdanken wir eine exakte Schilderung der Folgen des Opium-Missbrauchs: In Mekka h\u00e4tten sich, so schreibt er, viele Leute an den t\u00e4glichen Opiumgenuss gew\u00f6hnt, um Kummer, Verzweiflung und die Auswirkungen der Hitze besser ertragen zu k\u00f6nnen, sich einen l\u00e4ngeren und tieferen Schlaf zu verschaffen und um Ausschweifungen zu verhindern (!) sowie Stimmungsschwankungen zu beheben. Sie beg\u00e4nnen mit kleineren Dosen, die sie allm\u00e4hlich bis zu t\u00f6dlichen steigerten.<\/p>\n<p>Opium fehlte in keiner Apotheke des Mittelalters als Heilmittel. Die popul\u00e4re <a href=\"https:\/\/medmix.at\/schwarzpappel-unguentum-populi\/\">Pappelsalbe<\/a> (Unguentum populeon) zum Beispiel enthielt Papaver. Eine der bedeutendsten pharmazeutischen Formelsammlungen, die bis ins 18. Jahrhundert g\u00fcltig war, die \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antidotarium_magnum\">Antidotarium Nicolai<\/a>\u00bb aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, beschreibt 29 Opiumpr\u00e4parate und eine gro\u00dfe Zahl weiterer Rauschmittel &#8211; bei insgesamt 140 Mitteln. \u00ab\u00dcber ein Drittel aller Pr\u00e4parate\u00bb, so der Arzneimittel-Spezialist Heinz-Josef Kuhlen (2) in einem umfangreichen Buch \u00fcber die Geschichte der Schmerz-, Schlaf- und Bet\u00e4ubungsmittel, \u00abbeinhalten also zumindest eine der Drogen mit narkotischer oder das Zentralnervensystem beeinflussender Wirkung.\u00bb<\/p>\n<p>Doch nicht nur Mediziner und Pharmazeuten benutzten die heilsamen Wirkungen des Mohns, sondern auch diverse Finsterlinge. Aus dem Jahre 1376 stammt eines der ersten Rezepte f\u00fcr \u00abK.O.Tropfen\u00bb: Das Schlafpulver benutzten \u00abGesellen, um Pilgrimen, wenn sie eingeschlafen sind, ihr Silbergeld zu rauben.\u00bb Enthalten waren in der Mixtur Samen von Bilsenkraut, <a href=\"https:\/\/www.botanikus.de\/informatives\/giftpflanzen\/alle-giftpflanzen\/taumel-lolch\/\">Taumellolch<\/a>, schwarzer Mohn und die Wurzel von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wei%C3%9Fe_Zaunr%C3%BCbe\">Gichtwurz<\/a> \u00abzu gleichen Teilen\u00bb &#8211; die Wirkung des Gebr\u00e4us mu\u00df durchschlagend gewesen sein. \u00abVon diesem Pulver gib ihm in seine Suppe oder in seinen Trunk, und er wird alsdann schlafen, ob er will oder nicht, einen ganzen Tag oder mehr.\u00bb<\/p>\n<p>Zivilisiertere Zeitgenossen nahmen das Opium f\u00fcr friedliche Zwecke. Ein Weinkenner des 15. Jahrhunderts empfiehlt einen \u00abdollen drangk\u00bb, mit Mohnsaft, den man mit \u00abeyner guder quarten wy\u00dfen weyns\u00bb vermischen solle. \u00abSo giff dem menschen gegen eynen glai\u00df voll drincken, so wirt er von stund an slaiffen.\u00bb<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ladanum\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/160423_4.jpg\" alt=\"laudanum\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Ein Medikament, das bis in die Neuzeit beliebt blieb, war <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Laudanum\">Laudanum<\/a>. Es findet sich noch in der <a href=\"https:\/\/www.deutsche-apotheker-zeitung.de\/daz-az\/2008\/daz-29-2008\/goethe-und-die-arzneikunde\">Hausapotheke<\/a> des Geheimrates Johann Wolfgang von Goethe, der dieses opiumhaltige Pr\u00e4parat regelm\u00e4\u00dfig zu sich nahm. Goethe setzte auch dem angeblichen Erfinder des Laudanums ein literarisches Denkmal: Sein <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3596294282\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Dr. Faustus<\/a> tr\u00e4gt Z\u00fcge eines Drogendoktors, der im 16. Jahrhundert von sich reden machte: Philipp Theophrast von Hohenheim, genannt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paracelsus\">Paracelsus<\/a> (1493-1541).<\/p>\n<p>Paracelsus, ein gebildeter Mann mit einem gesch\u00e4ftsf\u00f6rdernden Hang zur Scharlatanerie, reiste quer durch Europa und schwatzte F\u00fcrsten und Ratsherren seine Wundermittel gegen dieses und jenes auf &#8211; nat\u00fcrlich gegen harte Devisen. Seine beeindruckendste Behauptung war eine Vorwegnahme der Frankenstein-Geschichte im Bonsai-Format: Durch Destillation seines eigenen Spermas k\u00f6nnte er einen k\u00fcnstlichen Menschen, den Homunculus, erschaffen. Viele seiner Ratschl\u00e4ge und Rezepte schlugen allerdings nicht an. In vielen St\u00e4dten wurde er als unerw\u00fcnschter Vagabund ausgewiesen.<\/p>\n<p>Eines seiner Medikamente aber kurierte auch hoffnungslose F\u00e4lle: \u00abIch habe ein archanum, hei\u00df ich Laudanum\u00bb, sagt Paracelsus, \u00abist \u00fcber das alles wo es zum tot reichen will.\u00bb Will sagen: Das heilt selbst Todkranke. Die Legenden, die Paracelsus um seine eigene Person und \u00fcber seine Wunderdroge schon zu Lebzeiten verbreitete, lebten weiter, auch in den medizinischen Lehrb\u00fcchern bis zur heutigen Zeit. Immer wieder wird behauptet, sein Laudanum habe den Saft der Mohnkapseln enthalten. Das ist jedoch mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Paracelsus hat zwar ein Opiumpr\u00e4parat verordnet, das er <i>specifico anodia<\/i> nannte. Die einzige \u00fcberlieferte Vorschrift \u00fcber die Zubereitung des Laudanums enth\u00e4lt aber kein narkotisierendes Mittel. Wahrscheinlicher ist, da\u00df erst Nachfolger und Epigonen des genialen Aufschneiders und Drogendoktors darauf bestanden, zum Allheilmittel Laudanum geh\u00f6re auf jeden Fall eine kr\u00e4ftige Beimischung Opium.<\/p>\n<p>Bis zum ausgehenden Mittelalter lagen die medizinischen Kenntnisse weitgehend in den H\u00e4nden von Frauen, die in literarischen Quellen als \u00abKr\u00e4uterweiblein\u00bb oder \u00abHexen\u00bb auftauchen. Sie waren in der Anwendung einer Vielzahl nat\u00fcrlicher Rauschmittel bewandert, ein Wissen, das den Zeitgenossen ebenso faszinierend wie unheimlich erschien. So kannten sie die Macht der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tollkirschen\">Tollkirsche<\/a>, die auf den Kreislauf wie Speed wirkt und die Pupillen vergr\u00f6\u00dfert (\u00abBelladonna\u00bb). Mit dem Extrakt der Mandragora (Alraune) konnten sie psychedelische Halluzinationen ausl\u00f6sen. Sie wu\u00dften mit dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stech%C3%A4pfel\">Stechapfel<\/a> umzugehen, der das berauschende <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Scopolamin\">Skopolamin<\/a> enth\u00e4lt, das in zu hohen Dosen, wie mehrere hundert Jahre sp\u00e4ter erforscht, zeitweilig die Symptome der progressiven Paralyse hervorruft. Und sie konnten mohnhaltige Pr\u00e4parate so dosieren, da\u00df der Patient \u00abzugeknallt\u00bb war oder einfach nur gut schlief.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gabriel_von_Max\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/160423_8.jpg\" alt=\"belladonna\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Gabriel von Max, Atropa Belladonna, 1887<\/sup><\/p>\n<p>In Shakespeares \u00abOthello\u00bb <a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Shakespeare,+William\/Trag%C3%B6dien\/Othello\/Dritter+Aufzug\/Dritte+Szene\">hei\u00dft es<\/a>: \u00abNicht Mohn und nicht Mandragora noch alle Schlummers\u00e4fte der Natur verhelfen dir zu dem s\u00fc\u00dfen Schlaf&#8230;\u00bb Vielleicht h\u00e4tten die \u00abKr\u00e4uterweiblein\u00bb in diesem offenbar schweren Fall von Schlaflosigkeit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gefleckter_Schierling\">Schierling<\/a> verordnet, der zwar, wie auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Taumel-Lolch\">Taumellolch<\/a>, in kleinen Mengen l\u00fcstern macht, aber zusammen mit Mohn und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eisenhut\">Eisenhut<\/a> (Akonit) schnell ins Reich der Tr\u00e4ume, wenn nicht gar ins Jenseits f\u00fchrt. Die heilkundigen Frauen wu\u00dften auch, welche Dosis Cannabis richtig anturnt. In den deutschen M\u00e4rchen haben die b\u00f6sen Hexen rote Augen und k\u00f6nnen nicht weit sehen &#8211; diese k\u00f6rperlichen Symptome tauchen nach der Einnahme einer kr\u00e4ftigen Prise Bilsenkraut auf. Wenn die Gebr\u00fcder Grimm genauer recherchiert h\u00e4tten, w\u00e4re ihnen aufgefallen, dass Hexen h\u00e4ufig mit Kopfschmerzen und trockenem Mund aufgewacht sind &#8211; eine Nachwirkung des in Nachtschattengew\u00e4chsen wie auch in Bilsenkraut enthaltenen chemischen Wirkstoffs <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Atropin\">Atropin<\/a>.<\/p>\n<p>Die alleinseligmachende Kirche mit ihrem Monopol auf Seelen- und anderes Heil unterdr\u00fcckte seit dem Sp\u00e4tmittelalter alle Methoden, Kranke ohne religi\u00f6se Mittel zu kurieren. Sie hielt mehr vom Gesundbeten. Die \u00abalthergebrachten schamanistisch-magischen seelsorgerischen Praktiken der weisen Frauen\u00bb waren eine unliebsame Konkurrenz, die es auszuschalten galt.<\/p>\n<p>Dieser Feldzug gegen heilkundige Frauen, der im Hexenwahn m\u00fcndete, hatte alle Charakteristika des heutigen \u00abKrieges gegen das Rauschgift\u00bb: Zuerst sucht man eine griffige Bezeichnung f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen der gesellschaftlichen Gruppen, die diskriminiert werden sollen. In der Kollektivbezeichnung \u00abHexe\u00bb flie\u00dfen Elemente des volkst\u00fcmlichen Gespensterglaubens ein &#8211; die b\u00f6sen D\u00e4monen fliegen durch die Luft, k\u00f6nnen sich in Tiere verwandeln und verursachen durch Zauberei allerlei Schaden. Die Vorstellung, da\u00df sich Hexen mit dem Teufel einlassen, stammt aber von mittelalterlichen Theologen, die ihre Projektion von einer subversiven Drogen-Subkultur mit sexuellen Phantasien anreichern. Die Angst vor der Sexualit\u00e4t der Frauen schl\u00e4gt in Ha\u00df und Verachtung aller weiblicher Magie um.<\/p>\n<p>Dann verkehrt die kirchliche Propaganda das reale Machtverh\u00e4ltnis in sein Gegenteil. Die Minderheit, die unter Verfolgung, Elend und Folter durch die Herrschenden leidet, ist pl\u00f6tzlich gef\u00e4hrlich f\u00fcr die braven B\u00fcrger, die nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten: Die Hexen sind unser Ungl\u00fcck. Ist \u00abdie Hexe\u00bb als \u00abProblem\u00bb definiert, das wie eine Flut \u00fcber die Gesellschaft hereinbrechen k\u00f6nnte, ert\u00f6nt unweigerlich der Ruf, diesem \u00abProblem\u00bb mit st\u00e4rkerer Polizeipr\u00e4senz zu begegnen &#8211; vor und zu Paracelsus&#8216; Zeit in Gestalt der Inquisition.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hexenhammer#\/media\/Datei:Sprenger_-_Malleus_maleficarum,_1669_-_BEIC_9477645.tiff\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2023\/04\/160423_7.jpg\" alt=\"hexenhammer\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>1484 beauftragt Papst Innozenz VIII. die Dominikaner <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_Kramer\">Heinrich Institores<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jakob_Sprenger_(Inquisitor)\">Jakob Sprenger<\/a>, gegen \u00abZauberer und Hexen\u00bb vorzugehen. Sprenger ver\u00f6ffentlicht 1485 eine pr\u00e4zise Folteranleitung, den ber\u00fcchtigten \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hexenhammer\">Hexenhammer<\/a>\u00bb. Seit dem 14., vor allem aber 15. und 16. Jahrhundert gibt es eine Welle von Hexenverfolgungen.<\/p>\n<p>Ein damals wie heute beliebtes Argument hatte der Wormser Bischof <a href=\"https:\/\/www.deutsche-biographie.de\/gnd118666088.html\">Burchard<\/a> schon im Jahre 1025 in die Diskussion eingebracht: Kinder und junge Menschen w\u00fcrden von der weiblichen Drogen-Subkultur beeinflu\u00dft, mi\u00dfbraucht und seien in gro\u00dfer Gefahr. Das Motto: Wer Drogen nimmt, verf\u00fchrt auch andere dazu. Burchard, von dem eines der ersten Bet\u00e4ubungsmittelgesetze \u00fcberliefert ist, behauptete, die Hexen w\u00fcrden junge Frauen f\u00fcr ihren Regenzauber benutzen. Ein unschuldiges M\u00e4dchen w\u00fcrde entkleidet, dann m\u00fcsse es Bilsenkraut mit der rechten Hand ausrei\u00dfen und an die kleine Zehe des rechten Fu\u00dfes binden. Altersgenossinnen f\u00fchrten es dann zum n\u00e4chsten Flu\u00df und besprengten es mit Wasser. Schon bald w\u00fcrde es regnen.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit der heilkundigen Frauen, sich mit Rauschmitteln in Trance zu versetzen, ist, so die kirchliche Propaganda, nicht ihrem Wissen um die pharmakologischen Eigenschaften der Pflanzen geschuldet, sondern ihnen vom Teufel eingefl\u00fcstert worden. Die Substanzen, die sie verabreichen, sind gesundheitssch\u00e4dlich und gef\u00e4hrlich. Man mu\u00df deshalb einen Bogen um die Drogen machen.<br \/>\nVom Autor des \u00abHexenhammers\u00bb stammt das Rezept einer \u00abHexensalbe\u00bb, das ihm angeblich eine Hexe \u00abverraten\u00bb habe: Die Angeklagte habe nach eingehender Befragung zugegeben, sie w\u00fcrde mit einer Salbe aus den gekochten Gliedern von Kindern ein St\u00fcck Holz bestreichen, auf dem sie dann fliegen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>In kaum einer kirchlichen Ver\u00f6ffentlichung \u00fcber Hexensalben fehlt deshalb der Hinweis, die Heil- und Drogenmixturen seien mit K\u00f6rperfett von Babys oder Leichen gestreckt oder enthielten ekelerregende Zutaten wie Kr\u00f6ten &#8211; was noch Shakespeare in \u00abMacbeth\u00bb \u00fcberliefert. Wenn die Hexen trotz Strafandrohung von ihrem sch\u00e4ndlichen Treiben nicht lie\u00dfen, m\u00fcsse man sie einkerkern, bekehren, und, falls sie sich therapieunwillig zeigten, zu Tode foltern oder verbrennen.<\/p>\n<p>Das Ergebnis der kirchlichen Hetze gegen die unliebsamen Konkurrentinnen: Die Merkmale, die sich im Bewu\u00dftsein der Bev\u00f6lkerung als die Charakteristika \u00abder Hexen\u00bb festsetzen, sind so allgemein, da\u00df alle mi\u00dfliebigen Elemente damit diskriminiert werden k\u00f6nnen. Paracelsus&#8216; Beschreibung der Hexen-Subkultur erinnert an die heutige Presseberichterstattung \u00fcber die Heroin-Szene: Die Hexen, die laut Paracelsus die M\u00e4nner ha\u00dften, seien mi\u00dftrauisch, l\u00fcgnerisch und verschlossen. Sie fielen durch einen regellosen Tagesablauf unangenehm auf, vernachl\u00e4ssigten die Haushaltsf\u00fchrung und achteten wenig auf K\u00f6rperpflege. Sie f\u00fchlten sich, meint Paracelsus, nur zu Gleichgesinnten, insbesondere Frauen, hingezogen, aber auch zu Outsidern und K\u00fcnstlern, zwielichtigen Gestalten wie \u00abMagici\u00bb, Landfahrern, Gauklern, Schauspielern und Taschenspielern. Au\u00dferdem tr\u00fcgen die Hexen au\u00dfergew\u00f6hnliche K\u00f6rpermale, die \u00absigna\u00bb, und \u00fcbten sich in zauberischen, den Uneingeweihten unverst\u00e4ndlichen Ritualen.<\/p>\n<p>Der venezianische Priester <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Girolamo_Tartarotti\">Girolamo Tartarotti<\/a> sagt noch im 18. Jahrhundert \u00fcber Hexen, diese seien \u00abungebildete, einf\u00e4ltige Leute vom Lande\u00bb, abgemagert, entstellt, mit stechenden Augen, von gelber Gesichtsfarbe, verschlossen und eigensinnig.1 Das Ergebnis der Unterdr\u00fcckung und Verfolgung, die Verelendung, wird \u00abden Hexen\u00bb zum Vorwurf gemacht und der \u00d6ffentlichkeit als abschreckendes und warnendes Beispiel vor Augen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Das gleiche Klischee gilt f\u00fcr heutige Heroin-Konsumenten. \u00abFixer bilden eine exklusive Gruppe, zu denen Au\u00dfenstehende keinen Zutritt haben.\u00bb Ein \u00abcharakterliches Merkmal\u00bb f\u00fcr Drogenmissbrauch, so die Polizei, seien \u00abh\u00e4ufiges L\u00fcgen\u00bb und \u00abVernachl\u00e4ssigung der K\u00f6rperpflege\u00bb. (4) Fixer lebten nur in den Tag hinein, von \u00abSchuss\u00bb zu \u00abSchuss\u00bb, von einer \u00abgeregelten Haushaltsf\u00fchrung\u00bb ganz zu schweigen. Au\u00dfergew\u00f6hnliche K\u00f6rpermerkmale seien \u00abblasses, ungesundes Aussehen, starke Gewichtsabnahme, extrem erweiterte oder verengte Pupillen, Reizhusten, H\u00e4ndezittern sowie erh\u00f6hte Ber\u00fchrungs-, Schmerz- und Lichtempfindlichkeit.\u00bb&#8220; (5) Das Ritual des Fixens ist Au\u00dfenstehenden fremd und hat die Aura des Geheimnisvollen, sei f\u00fcr Unkundige sogar lebensgef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Sogar die Vorschl\u00e4ge, wie man mit der Drogen-Subkultur umzugehen habe, sind seit den Zeiten des Paracelsus die gleichen geblieben. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Weyer\">Johannes Wiehr<\/a> alias Johannes Weyer, im 16. Jahrhundert Leibarzt eines niederrheinischen Herzogs, schlug f\u00fcr Hexen eine religi\u00f6se Therapie vor. Ursache ihres \u00abWahns\u00bb seien depressive Veranlagungen. Die Hexen versuchten sich, so Heinz-Josef Kuhlen, \u00ab\u00fcber ihre Stimmungsschwankungen, ihre Hilflosigkeit und das elende Alltagsleben hinwegzutr\u00f6sten\u00bb, wobei sie \u00aboft zu Bet\u00e4ubungsmitteln griffen\u00bb. Diese Gr\u00fcnde werden noch 400 Jahre sp\u00e4ter als die angesehen, die angeblich zu Drogenabh\u00e4ngigkeit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Verdammung der \u00abHexen\u00bb und ihrer Heilkunde hat auch f\u00fcr viele Kranke schmerzhafte Folgen: Im 17. Jahrhundert weigern sich \u00c4rzte, bei Schmerzen oder vor chirurgischen Eingriffen Drogen wie Opiate oder Nachtschattengew\u00e4chse zu verordnen. Da das Wissen um die richtige Dosierung verlorengegangen ist, haben sie Angst vor Todesf\u00e4llen. Au\u00dferdem f\u00fcrchten sie wegen der zum Teil halluzinatorischen Nebenwirkungen bei den Patienten, sie k\u00f6nnten der Hexerei angeklagt werden.<br \/>\n_________________________________<\/p>\n<p>(1) Zitiert nach <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3769211480\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Margit Kreutel<\/a>: Die Opiumsucht, 1987<br \/>\n(2) Zitiert nach <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/3769206347\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">Franz-Josef Kuhlen<\/a>: Zur Geschichte der Schmerz-, Schlaf- und Bet\u00e4ubungsmittel in Mittelalter und fr\u00fcher Neuzeit, 1983<br \/>\n(3) Der Volksmund hat die Wirkung von Bilsenkraut auf Haustiere \u00fcberliefert: Die Pflanze hei\u00dft bei Bauern \u00abH\u00fchnertod\u00bb.<br \/>\n(4) Berliner Zeitung, 15.06.1992, S. 10<br \/>\n(5) bd. Die Symptome beschreiben genau das Gegenteil, n\u00e4mlich den Entzug (\u00abTurkey\u00bb), also den Zustand, wenn ein Abh\u00e4ngiger kein Heroin zur Verf\u00fcgung hat. In spanischen Zeitungen hat der Autor die Behauptung von Journalisten, die \u00ablange\u00bb recherchiert h\u00e4tten, gefunden, Junkies brauchten Ascorbins\u00e4ure, um die Einstichstellen zu desinfizieren &#8211; in Wahrheit dient es zum Aufkochen des Heroins.<\/p>\n<p><b><\/b><b><\/b><\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51555?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51555?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_51555 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_51555')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_51555').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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