{"id":492,"date":"2008-05-01T10:53:32","date_gmt":"2008-05-01T09:53:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2008\/05\/01\/offener-brief-susanne-harpfers-an-die-journaille\/"},"modified":"2008-05-01T11:09:04","modified_gmt":"2008-05-01T10:09:04","slug":"offener-brief-susanne-harpfers-an-die-journaille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2008\/05\/01\/offener-brief-susanne-harpfers-an-die-journaille","title":{"rendered":"Offener Brief Susanne H\u00e4rpfers an die Journaille"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Kollegen,<\/p>\n<p>normalerweise schreiben wir \u00fcber andere. Die Selbstdarstellung \u00fcberlassen wir Showgr\u00f6\u00dfen in Talkshows. Eine Ausnahme sei gestattet, wenn wir B\u00fccher vorstellen. Ansonsten sind Journalisten nur noch in Spielfilmen die Helden. Um so mehr bin ich ger\u00fchrt, dass es offenbar in der Welt der blogs noch die Solidarit\u00e4t gibt, wie sie in den Hollywoodstreifen idealisiert wird: Politiker will kritische Berichterstattung verhindern &#8211; doch weltweit wird die Information verbreitet. Die Schweigespirale, sie greift nicht. Nicht alle Journalisten lassen sich mundtot machen. Klingt pathetisch? Vielleicht. Aber um nichts weniger geht es hier. Um die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit der Mittel. Um die Einflussnahme auf redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit. Und um den Gl\u00fccksfall, dass dieser Fall \u00f6ffentlich wird. Denn wie oft m\u00f6gen Politiker und Beamte einschl\u00e4giger Beh\u00f6rden mit festangestellten Redakteuren sprechen und freie Kollegen diffamieren, Desinformationen streuen und Ger\u00fcchte in die Welt setzen mit dem Ergebnis, dass diese keine Auftr\u00e4ge mehr bekommen; jedoch nicht die wahren Hintergr\u00fcnde bzw. Hinterm\u00e4nner erfahren. Denn wer von uns macht schon stets und ohne Ansehen der Person einen breiten R\u00fccken und pocht auf die Beleglage, wenn ihm erz\u00e4hlt wird, &#8222;hast Du schon geh\u00f6rt, der soundso hat doch xxx&#8220;.<\/p>\n<p>Um so mehr m\u00f6chte ich mich auf diesem Weg bei dem mir nicht pers\u00f6nlich bekannten Kollegen von Radio Eins des RBB bedanken f\u00fcr das herrliche Interview mit Herrn Edathy. Das dazu passende <a href=\"http:\/\/de.youtube.com\/watch?v=OE1cT7aIZO0\">ideo auf  youtube <\/a> hat mich zum Lachen gebracht. Dank auch an <a href=\"http:\/\/www.fefe.de\/\">Fefe<\/a> &#8211; die Einladung des Chaos Computer Clubs nehme ich hiermit gerne an.<\/p>\n<p>Danke an Rechtsanwalt Riethm\u00fcller f\u00fcr seine kenntnisreiche Schilderung der Hintergr\u00fcnde auf seiner Seite des R-Archivs. Viele Journalisten bedienen sich gerne seiner Information, doch oops, vergessen allzu h\u00e4ufig, die Quelle zu nennen. Daher an dieser Stelle: danke. Vor allem aber nat\u00fcrlich ein gro\u00dfes Dankesch\u00f6n an Burkhard Schr\u00f6der, der als erster <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/27\/27731\/1.html\">den Fall aufgriff<\/a>, aufw\u00e4ndig recherchierte und Stellungnahmen in einem Umfang einholte, als sei dies bereits der Auftakt f\u00fcr die Staatsaff\u00e4re. Ich betone dies so, damit nicht der Eindruck entsteht, ich w\u00fcrde mich nicht in blogs \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n<p>Ich habe lange nicht auf die falschen Tatsachenbehauptungen des Herrn Edathy und die unzutreffenden Darstellungen von Zeit\/online reagiert. Ich wollte nicht in einen Kleinkrieg um Nebens\u00e4tze hineingezogen werden, der den Hauptvorfall vergessen mache w\u00fcrde. Vor allem aber: ich habe leider nicht die Zeit, die Herr Edathy und sein Mitarbeiterstab offenbar zu haben scheint. Ich bin eine freie Journalistin, die obendrein noch investigativ arbeitet, (&#8230;) und das angesichts von Honoraren von \u20ac 120 bis \u20ac 180, wie sie selbst gro\u00dfe Verlage f\u00fcr online-Texte zahlen. (&#8230;)<\/p>\n<p>Oder wie anders ist es zu bezeichnen, wenn f\u00fcr mehrere Tage Arbeit, Beschaffen Nicht-\u00f6ffentlicher Papiere ein Honorar gezahlt wird, dessen Stundensatz dem einer Putzfrau entspricht? Dazu bei Gelegenheit mehr. Nur, wenn ich dies jetzt schreibe, hei\u00dft dies, dieser Tag fehlt mir, um bei Redaktionen nachzuhaken, was aus meinen Vorschl\u00e4gen geworden ist, die Zeit fehlt, um bestehende Auftr\u00e4ge abzuarbeiten, oder den Anforderungen der staatlichen B\u00fcrokratie zu gen\u00fcgen, oder um neue Themen zu finden, (&#8230;)  wir bezahlen diejenigen am schlechtesten, die angeblich die wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft wahrnehmen. Trotz all der beschworenen angeblichen Terrorgefahr verdienen ausgerechnet die Wachleute nur \u20ac 5 die Stunde, und die W\u00e4chter der Demokratie, die investigativen Journalisten, verdienen noch weniger, zumindest, wenn sie frei sind.<\/p>\n<p>Wolfgang Michal wies darauf hin, dass ich f\u00fcr den Henri Nannen Preis nominiert war, weil ich bereits 2003 \u00fcber das berichtet habe, was u.a. durch meine Berichterstattung sp\u00e4ter zum Visa-Skandal wurde. Deshalb vermutete ich auch einen sp\u00e4ten Racheakt des Herrn Edathy wegen meiner Recherche in Sachen Visa. Doch dann erhielt ich das Schreiben des Herrn <a href=\"http:\/\/www.edathy.de\/edathy.php\/cat\/2\/title\/Edathy\">Edathy<\/a>, und mir schien m\u00f6glich, dass er den Visaskandal l\u00e4ngst verdr\u00e4ngt hatte, meinen Namen noch nicht einmal gegoogelt hatte. (&#8230;)<\/p>\n<p>Ich habe als freie Journalistin das Thema Postdaten\u00fcbermittlung entdeckt, recherchiert und u.a. Zeit online angeboten, die anbissen, es ver\u00f6ffentlichten und angesichts der &#8222;Klick-Furore&#8220;, die mein erster Artikel zum Thema machte, mir den Auftrag gaben, das Thema weiterzuverfolgen. Ich musste also davon ausgehen, dass dies auch nach der nicht-\u00f6ffentlichen Innenausschu\u00dfsitzung der Fall sein w\u00fcrde; in diesem Kontext habe ich mit Herrn Edathy gesprochen. W\u00fcrde ich den kompletten Verlauf seiner Antworten im Telefonat ver\u00f6ffentlichen, er s\u00e4he noch weitaus uninformierter und unvorteilhafter aus, als im Heise-Artikel.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: meine Berichterstattung Anfang dieses Jahres f\u00fcr und bei Zeit online zum Thema Postdaten\u00fcbermittlung hat wohl verhindert, dass die USA sich mit dem Vorsto\u00df, k\u00fcnftig auch alle Briefdaten elektronisch zu erfassen und vorab an die Strafverfolgsbeh\u00f6rden der USA zu \u00fcbermitteln, in einem Gremientreffen vorbei an jeglicher (parlamentarischer) \u00d6ffentlichkeit durchgesetzt h\u00e4tte; wie dieses zuvor 2002 geschehen ist, als einfach ohne die (parlamentarische) \u00d6ffentlichkeit zu informieren, der US Trade Act in Deutschland in Bezug auf Express-Sendungen umgesetzt wurde.<\/p>\n<p>(&#8230;)  Immerhin ist u.a. bis heute die Frage ungekl\u00e4rt, wer von der rot-gr\u00fcnen Regierung damals die klammheimliche Umsetzung des US Trade Acts auf Express-Sendungen billigend in Kauf nahm. Und das Treffen des Weltpostvereins u.a. zu diesem Thema steht im Sommer dieses Jahres an. Auf das sich nicht dasselbe wiederholen m\u00f6ge, was mit den biometrischen Sicherheitsmerkmalen geschah. \u00dcber die habe ich n\u00e4mlich 1989 erstmals geschrieben &#8211; f\u00fcr den Spiegel &#8211; damals war ich noch Studentin, und erhielt 1200 Deutsche Mark f\u00fcr den Artikel. Doch niemand griff das Thema auf, und so kam es, dass zwei deutsche Beamte zur Tagung der internationalen Luftfahrtorganisation ICAO nach Kanada flogen, und f\u00fcr die Einf\u00fchrung der P\u00e4sse mit biometrischen Daten votierten. Ein Beschlu\u00df der ICAO mu\u00df umgesetzt werden. Man h\u00e4tte es vorher wissen k\u00f6nnen, statt hinterher Technikfolgeabsch\u00e4tzung zu betreiben. Man h\u00e4tte es verhindern k\u00f6nnen. Wenn man denn nur gewollt h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Von \u00e4hnlichen Erfahrungen berichteten mir diejenigen, die sich auf europ\u00e4ischer Ebene mit Datenschutzfragen besch\u00e4ftigen. Es habe sehr, sehr lange gedauert, bis man Journalisten f\u00fcr das Thema Fluggastdaten habe interessieren k\u00f6nnen, und als es so weit war, war die Ma\u00dfnahme l\u00e4ngst beschlossen. F\u00fcr fr\u00fchzeitige Berichterstattung m\u00fcsste man lesen, sehr viel lesen. Das aber kostet Zeit. Die m\u00fcsste bezahlt werden. Der Aufwand m\u00fcsste anerkannt und wertgesch\u00e4tzt werden. Heute aber wird nicht derjenige belohnt, der diesen Aufwand betreibt. Im Gegenteil. Wer f\u00fcr eine solche Recherche rund eine Woche ben\u00f6tigt, erh\u00e4lt die gleichen \u20ac 180, wie jemand, der binnen einer Stunde \u00fcber Sex in Budapest schreibt. Wer recherchiert, wird doppelt bestraft. Denn heute gilt in Redaktionen oft derjenige als &#8222;king&#8220;, der ein sogenanntes Telefonbuch hat, also jemanden anruft, der ihm erz\u00e4hlt, was er zu denken und zu schreiben hat. Beleglage, Gesetzestexte, Dienstanweisungen, Texte selber aufzufinden, lesen und recherchieren, das ist zur Ausnahme geworden, und wird eher misstrauisch bis ungl\u00e4ubig be\u00e4ugt, ja sogar unterschwellig wird vermittelt, wer lange braucht, sei nicht gut genug. Manchmal werden auch Stellungnahmen verlangt f\u00fcr Sachverhalte, die Reporter auch selbst recherchieren k\u00f6nnen. Doch dies wird immer weniger gewollt, &#8222;Experten&#8220; m\u00fcssen das formulieren, was auch durch Nachdenken Journalisten selbst schlussfolgern k\u00f6nnten. Aber auch dies wird nicht bezahlt. (&#8230;)<\/p>\n<p>Die 4. Gewalt ist pleite.<br \/>\nAber wie gesagt, dies ist eine weiteres Thema. Wie wollen wir Menschen daf\u00fcr gewinnen, Missst\u00e4nde in Unternehmen und Beh\u00f6rden offenzulegen, wenn wir dies in Wahrheit gar nicht wertsch\u00e4tzen? Wenn wir selbst nicht den Mumm haben, f\u00fcr redaktionelle Unabh\u00e4ngigkeit einzustehen? Den Einflussnahmen von Unternehmen oder Politikern<br \/>\nentgegenzutreten. Ein breites Kreuz zu haben. F\u00fcr einander einzustehen, statt Ger\u00fcchten zu glauben. Einfach einmal &#8222;nein&#8220; zu sagen. (&#8230;)<\/p>\n<p>[<em>Von mir leicht gek\u00fcrzt. Burks<\/em>]<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/492?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/492?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_492 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_492')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_492').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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