{"id":48904,"date":"2022-07-13T13:54:16","date_gmt":"2022-07-13T11:54:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=48904"},"modified":"2022-07-13T13:54:18","modified_gmt":"2022-07-13T11:54:18","slug":"was-macht-eigentlich-die-arbeiterklasse-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2022\/07\/13\/was-macht-eigentlich-die-arbeiterklasse-2","title":{"rendered":"Was macht eigentlich die Arbeiterklasse?"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2022\/06\/300622_4.jpg\" alt=\"working class\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Gibt es Quellen, diese Frage zu beantworten? Ich habe ein paar zusammengesucht, <a href=\"https:\/\/www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/\">zum Beispiel<\/a>: <i>Entwicklungstendenzen der Sozialstruktur der BRD 1996-2019 (III) &#8211; Abh\u00e4ngig Erwerbst\u00e4tige nach Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen und Qualifikation<\/i>. Es w\u00e4re doch sinnvoll und n\u00fctzlich, wenn es etwas wie Friedrich Engels&#8216; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Lage_der_arbeitenden_Klasse_in_England\">Die Lage der arbeitenden Klasse in England<\/a> (1845) auch heute und periodisch g\u00e4be? Nein, gibt es nicht. Allein schon das Wort &#8222;Klasse&#8220; ist in deutschen Medien nicht vorhanden, nur <a href=\"https:\/\/www.amazon.de\/dp\/\/3548064671\/\/\/ref=nosim?tag=burkhardschroder\">in der Literatur<\/a>.<\/p>\n<p>Wer oder was ist die &#8222;Arbeiterklasse&#8220; in Kategorien der <del>Statistik<\/del> b\u00fcrgerlichen Sozialwissenschaften? Lohnabh\u00e4ngige oder &#8222;abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte&#8220;: &#8222;ganz unterschiedliche Sozialcharaktere&#8220;, &#8222;deren Gemeinsamkeit in der arbeitsrechtlichen Stellung als weisungsgebundene Lohn- oder Gehaltsempf\u00e4nger (Arbeiter, Angestellte, Beamte) besteht.&#8220; Aha. Also die <i>objektive<\/i> Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Klasse, mitnichten aber die <i>subjektive<\/i> (weil Beamte zum Beispiel naturgem\u00e4\u00df weit von sich weisen w\u00fcrden, dass sie Arbeiter seien). &#8222;Abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte&#8220; sind aber auch Manager des Gro\u00dfkapitals &#8211; die Kategorie ist also nichtssagend.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2022\/06\/300622_5.jpg\" alt=\"working class\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>1. Das &#8222;normale&#8220; Arbeitsverh\u00e4ltnis* erodiert. Das ist nat\u00fcrlich im Interesse der Kapitalisten. Die wollen am liebsten <i>hire an fire<\/i> praktizieren, um das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Variables_Kapital\">variable Kapital<\/a> zu optimieren. Der Endpunkt w\u00e4re ein Roboter, der keinen Urlaub und keine Regeneration braucht, nicht streikt,selten krank wird und notfalls 24 Stunden am Tag rackert und auch keinen Lohn will. Der Mensch st\u00f6rt nur die Profitmaximierung.<\/p>\n<p>An Teilzeitarbeit w\u00e4re nichts auszusetzen, wenn der Lohn reichte. Tut er aber nicht, nur bei hochqualifizierten Berufen. In den letzten 25 Jahren ging die unbefristete Vollzeit von vier F\u00fcnfteln aller &#8222;abh\u00e4ngigen&#8220; Jobs auf zwei Drittel zur\u00fcck, Teilzeitarbeit wuchs von f\u00fcnf auf zw\u00f6lf Prozent; andere &#8222;atypische&#8220; Besch\u00e4ftigungen von 17% auf 22%. Interessant: Teilzeitarbeit ist eher selten umgewandelte Vollzeit, sondern resultiert aus einem neuen Sektor deregulierter Arbeit (bestes Beispiel: Lieferservices wie <i>Lieferando<\/i> o.\u00e4.). <i>Ein Drittel aller &#8222;Neueinsteiger&#8220; und fast zwei Drittel derjenigen, die nach Arbeitslosigkeit oder Familienphase in die Lohnarbeit zur\u00fcckkehrten, mussten schon 1985 &#8222;atypische&#8220; Besch\u00e4ftigung akzeptieren.<\/i> &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Industrielle_Reservearmee#:~:text=Als%20industrielle%20Reservearmee%20(auch%20Surplus,verkaufen%2C%20aber%20keinen%20K%C3%A4ufer%20finden.\">Industrielle Reservearmee<\/a>&#8220; mal ganz anders! Wie nicht anders zu erwarten, sind Frauen in weitaus h\u00f6herem Ma\u00dfe von &#8222;atypischen&#8220; Jobs betroffen.<\/p>\n<p>2. Arbeit wird gleichzeitig teurer und billiger.<\/p>\n<p><i>Der geschichtlichen Tendenz der kapitalistischen Akkumulation und Produktivkraftentwicklung ist der Widerspruch von wachsendem Bedarf an qualifizierter Arbeitskraft bei gleichzeitig immer gegebenem Druck zur Entwertung der Arbeitskraft durch Arbeitsteilung, Abspaltung unqualifizierter T\u00e4tigkeitsinhalte und Dequalifikation eingeschrieben: qualifizierte Arbeitskraft ist teurer als unqualifizierte.<\/i><\/p>\n<p>Auf Deutsch hei\u00dft das: Das Kapital muss das variabel Kapital um des Profits eigentlich billiger machen, also die Arbeiter unqualifizierter. Gleichzeitig braucht es aber mehr qualifizierte Lohnabh\u00e4ngige. Das wird einem ganz anschaulich zur Zeit in Deutschland vorgef\u00fchrt: Alle Branchen suchen h\u00e4nderingend Arbeiter und Lehrlinge, gleichzeitig <a href=\"https:\/\/www.arbeitsagentur.de\/presse\/2022-06-arbeitsmarkt-im-juni-2022\">sind rund 2,3 Millionen Menschen arbeitslos<\/a>.<\/p>\n<p>Der Trend besteht aber aus mehreren, zum Teil gegenl\u00e4ufigen Variablen: Die einfache Arbeit (f\u00fcr die man keine besondere Ausbildung braucht, wie etwa in der Sicherheitsbranche) geht leicht zur\u00fcck. Auch die klassischen Arbeitsverh\u00e4ltnisse samt vorangegangener Lehre sind fast konstant. In Gegensatz dazu nimmt die Zahl der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten mit akademischer Ausbildung stark zu. Die Arbeiter der Stirn werden also &#8222;proletarisiert&#8220; oder in Verh\u00e4ltnisse gezwungen, die oft schlechter und unsicherer sind als die der klassischen Facharbeiter.<\/p>\n<p>Wer also gut ausgebildet ist, egal in was (nur nicht &#8222;was mit Medien&#8220;), findet einen Job, aber nicht unbedingt dort, wo es geplant war. (Ich selbst bin auch ein Beispiel.)<\/p>\n<p><i>Zusammengefasst: Dem relativen Anteilsverlust der Unqualifizierten bei den Besch\u00e4ftigten entspricht ihr wachsender Anteil an den Arbeitslosen. Mit dem \u00fcberproportional starken Zuwachs der akademisch qualifizierten Lohnabh\u00e4ngigen steigt trotz des geringen Arbeitslosigkeitsrisikos ihr Anteil an den Arbeitslosen. Die Gruppe der Besch\u00e4ftigten mit Ausbildung im dualen System oder Fachschulabschluss w\u00e4chst zwischen 1996 und 2019 absolut, ihr Anteil an den Arbeitslosen geht deutlich zur\u00fcck.<\/i><\/p>\n<p>Das ist interessant: Die Produktion <a href=\"https:\/\/www.wissen.de\/fremdwort\/roboterisieren\">roboterisiert<\/a> sind und knabbert sowohl am unteren als auch am oberen Segment der Jobs etwas weg: Einfache Arbeit (vgl. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Taylorismus\">Tylorismus<\/a>) kann langfristig oft schon durch Roboter ersetzt werde, sogar im <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/roboter-kellner-101.html\">Dienstleistungssektor<\/a> und in der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=PiP8UrVuLUM\">Lagerhaltung<\/a>, und bei der <a href=\"https:\/\/www.lebensmittelzeitung.net\/tech-logistik\/nachrichten\/roboter-eigenentwicklung-proctergamble-automatisert-werke-mit-verpackungsroboter-160612?crefresh=1\">Verpackung<\/a> ohnehin. Komplizierte und spezielle Arbeiten, f\u00fcr die gut ausgebildete Arbeiter in der Produktion n\u00f6tig sind, k\u00f6nnen langfristig durch Roboter billiger werden, wie oben erw\u00e4hnt: Roboter treten (noch nicht) einer Gewerkschaft bei und zicken nur selten rum.<\/p>\n<p><del>Auf dem Weg zum Kommunismus<\/del> Die Ware Arbeitskraft wird also gleichzeitig teurer und preiswerter &#8211; eine Tendenz, die Marx schon vor l\u00e4ngerer Zeit exakt beschrieben hat. Man k\u00f6nnte auch sagen: Der Kapitalismus, die revolution\u00e4rste Gesellschaftsform, die die Welt je sah, hat noch einige Karten im \u00c4rmel, die bei Bedarf ausgespielt werden.<\/p>\n<p>By the way: <a href=\"https:\/\/www.elektrotechnik.vogel.de\/made-in-china-wo-roboter-roboter-herstellen-a-771304\/\">China f\u00fchrt auch hier<\/a>. Allerdings ist dort das Proletariat klassenbewusster als hier.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2022\/06\/300622_6.jpg\" alt=\"working class\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p><sup>* Bosch definierte das Normalarbeitsverh\u00e4ltnis 1986 als &#8222;stabile, sozial abgesicherte, abh\u00e4ngige Vollzeitbesch\u00e4ftigung, deren Rahmenbedingungen (Arbeitszeit, L\u00f6hne Transferleistungen) kollektivvertraglich oder arbeitsbzw. sozialrechtlich auf einem Mindestniveau geregelt sind.&#8220; Ders., Hat das Normalarbeitsverh\u00e4ltnis eine Zukunft? In: WSI-Mitteilungen 1986, H. 3, S. 163176, hier: S. 165. Vgl. auch ders., Das Normalarbeitsverh\u00e4ltnis in der Informationsgesellschaft, in: Jahrbuch des Instituts Arbeit und Technik 2002\/2003, Gelsenkirchen 2003, S. 11-24.<\/sup><\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48904?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48904?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_48904 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_48904')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_48904').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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