{"id":427,"date":"2008-04-06T11:51:38","date_gmt":"2008-04-06T10:51:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2008\/04\/06\/manga-madchen-mohammed-2\/"},"modified":"2008-04-06T11:52:39","modified_gmt":"2008-04-06T10:52:39","slug":"manga-madchen-mohammed-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2008\/04\/06\/manga-madchen-mohammed-2","title":{"rendered":"Manga, M\u00e4dchen, Mohammed"},"content":{"rendered":"<p><em>Dieser Artikel von mir erschien am 30.03.2008 auf <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/27\/27466\/1.html\">Telepolis<\/a>.<\/em><br \/>\n<strong><br \/>\nF\u00fcr alles und alle Arten von Menschen gibt es Online-Communities. Nur die Cartoonisten hatten noch keine Plattform. In Berlin gr\u00fcndeten sich gleich zwei konkurrierende Cartoon-Portale. <\/strong><\/p>\n<p align=left><a href=\"http:\/\/www.toonpool.com\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2008\/04\/060408_4.jpg\" alt=\"Toonpool\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p align=left>\n<a href=\"http:\/\/www.toonpool.com\/\">Toonpool<\/a> ist international, professionell und in englischer Sprache. <a href=\"http:\/\/www.toonsup.de\/\">ToonsUp<\/a>, eine noch sehr kleine &#8222;freie K\u00fcnstler-Community&#8220;, verweigert sich dem Kommerz und kann nur mit dem Kuschelfaktor punkten. Der \u00e4sthetische Spagat ist bei beiden gro\u00df: Auch Hobby-Cartoonisten k\u00f6nnen ihre Werke hochladen, nicht immer zum Am\u00fcsement aller. Der stern-Karikaturist <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/unterhaltung\/comic\/mette\/\">Til Mette<\/a> steht bei Toonpool gleichberechtigt neben der Mangaka Inga Steinmetz (www.the-wired.de\/). Ein &#8222;Herren-Gliedpflegeset&#8220; von Bernd Pohlenz ist nur wenige Mausklicks entfernt vom &#8222;blowjob&#8220; des Berliner Hobby-Cartoonisten &#8222;shin kazama&#8220;. Bei ToonsUp geht es hingegen eher betulich zur Sache; selbst die &#8222;Die sieben Tods\u00fcnden&#8220; des Nutzers &#8222;Waterwing&#8220; w\u00fcrden keinen Katholiken aufregen.<\/p>\n<p align=left><a href=\"http:\/\/www.toonsup.de\/\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2008\/04\/060408_5.jpg\" alt=\"Toonsup\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p align=left>Cartoons sind ein Nischenprodukt; wer relevante Zugriffszahlen und Nutzer haben will, kommt also an Mangas &#8211; in Japan Massenware und Teil der Popkultur &#8211; nicht vorbei. Der europ\u00e4ische Polit-Cartoon in der Tradition des franz\u00f6sische Malers und Bildhauers <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Honor%C3%A9_Daumier\">Honor\u00e9 Daumier<\/a> und die Mangas, die in Europa eher Jugendliche ansprechen und sich k\u00fcnstlerisch auf <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Osamu_Tezuka\">Osamu Tezuka<\/a> berufen, passen auf den ersten Blick nicht zusammen. Nur wenigen K\u00fcnstlern gelingt es, beides im Blick zu haben.<\/p>\n<p>Glamour-Girl bei Toonpool ist <a href=\"http:\/\/www.marie-sann.de\">Marie Sann<\/a>, 22, eine der begabtesten deutschen Nachwuchszeichnerinnen. Die Berliner Grafikdesign-Studentin mit dem Henna-Haar und dem professionellen Starlet-L\u00e4cheln wei\u00df sich geschickt zu vermarkten: Ein eigenes Blog mit Fan-Gemeinde und ein Online-Shop geh\u00f6ren dazu, die Pr\u00e4senz bei allen Veranstaltungen der Manga-Szene, und ein \u00fcberraschend weites k\u00fcnstlerisches Spektrum zwischen <a href=\"http:\/\/www.toonpool.com\/cartoons\/Akt_2838\">klassischer Zeichnung<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.toonpool.com\/cartoons\/orange%20baby_4421\">Comic-Art<\/a>. Aber erst Toonpool konnte den Geschmack der Nutzer realistisch abbilden. Das Portal hat vergleichbare Features wie die Foto-Community Flickr: Die Nutzer bewerten, kommentieren, legen Favoriten an &#8211; und der Betreiber freut sich \u00fcber die entstandenen Profile. Es verwundert nicht, dass das meistgesehende Bild Sanns ein M\u00e4dchen im Dirndl und mit Bierkr\u00fcgen ist, aber im &#8222;Kindchen-Schema&#8220; der Manga-Tradition gezeichnet. Die Tags sind vielsagend: &#8222;manga woman girl oktoberfest bayern&#8220;.\n<\/p>\n<p align=left><a href=\"http:\/\/www.toonpool.com\/cartoons\/Dirndl_78\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2008\/04\/060408_6.jpg\" alt=\"Marie Sann\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p align=left>\nWarum wirkt also ein Manga-M\u00e4dchen, das entfernt an &#8222;Heidi&#8220; erinnert, aber auch in einen japanischen Comic passte, so originell und &#8222;attraktiv&#8220;? In diesem Fall durch zwei Faktoren: Zwei Stilformen greifen ineinander, die nicht unterschiedlicher h\u00e4tten sein k\u00f6nnen: Das typisch deutsche Klischee des Dirndl-M\u00e4dchens wird ironisch durch die &#8222;triviale&#8220; und popkulturelle Manga-Tradition gebrochen. Es w\u00e4chst zusammen, was nicht zusammengeh\u00f6rt. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass die K\u00fcnstlerin das vorher theoretisch so konzipiert hat. Marie Sann steht f\u00fcr eine Generation von <a href=\"http:\/\/www.mangaguide.de\/\">Cartoonisten<\/a>, die auf eine solide Ausbildung nach europ\u00e4ischer Kunst-Tradition aufbaut, aber andererseits &#8211; durch den Massengeschmack der Manga-Teenies gefordert &#8211; ganz neue zeichnerische Elemente experimentell einbauen kann &#8211; und muss.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/en.tezuka.co.jp\/\">Osamu Tezuka<\/a> war der erste Mangaka, der das &#8222;Kindchen-Schema&#8220; mit den gro\u00dfen Augen benutzte. Dieser Stil gilt heute als pr\u00e4gend f\u00fcr japanische Mangas. Das Muster hat sich in Europa trotz einiger Vorl\u00e4ufer erst in den letzten zehn Jahren verbreitet, in Frankreich und Spanien eher als in Deutschland. Die Anime-Filme von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Katsuhiro_Otomo\">Katsuhiro Otomo<\/a> sind mittlerweile auch dem hiesigen Publikum bekannt. <\/p>\n<p>Die europ\u00e4ische Tradition hat diesen Stil im Cartoon und im Comic eigenst\u00e4ndig hervorgebracht &#8211; auch ohne den Einfluss von Walt Disney. &#8222;<a href=\"http:\/\/www.stefanmart.de\/thumbs\/02_sindbad.htm\">Sindbad<\/a> der Seefahrer&#8220; als Teil des Zyklus &#8222;M\u00e4rchen der V\u00f6lker&#8220; wurde von <a href=\"http:\/\/www.stefanmart.de\/hommage.htm\">Stefan Mart<\/a> schon in den drei\u00dfiger Jahren als Comic gezeichnet. \u00dcber den K\u00fcnstler wei\u00df man so gut wie nichts, fest steht nur, dass er Generationen deutscher Cartoonisten beeinflusst hat. Im Gegensatz zur US-amerikanischen Tradition &#8211; zum Beispiel <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Captain_Future\">Captain Future<\/a> aus den vierziger Jahren, verzichtete Mart weitgehend auf das Kindchen-Schema und zeichnete eher &#8222;realistisch&#8220;.\n<\/p>\n<p align=left><a href=\"http:\/\/www.marie-sann.de\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2008\/04\/060408_7.jpg\" alt=\"Marie Sann\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p align=left>\nDie Stilelemente des modernen Manga er\u00f6ffnen der europ\u00e4ischen Tradition eine neue T\u00fcr: Das Kindchen-Schema spricht sowohl Erwachsene an, die mit Cartoons Satire, Humor und Karikatur verbinden, auch ernsthaften politischen Anspruch, als auch Jugendliche, die die Geschichten und Figuren benutzen, um sich damit zu identifizieren. Nicht zuf\u00e4llig gibt es in Japan geschlechterspezifische Mangas: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sh%C5%8Djo\">Sh\u014djo-Manga<\/a> werden speziell f\u00fcr heranwachsende M\u00e4dchen im Alter von circa sechs bis achtzehn Jahren gezeichnet werden, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sh%C5%8Djo\">Sh\u014dnen<\/a> sind mehr action-orientiert und wenden sich an Jungen.<\/p>\n<p>Der Cartoon &#8211; auf Karton &#8211; war urspr\u00fcnglich das &#8222;Gem\u00e4lde&#8220; von Zeichner, die zu arm waren, um sich Leinwand leisten zu k\u00f6nnen. In Deutschland verbindet man mit Cartoons vor allem Polit-Satire oder humoristische Milieu-Studien &#8211; von den legend\u00e4ren Magazinen Kladderadatsch und Simplicissimus aus dem 19. Jahrhundert \u00fcber die Pardon aus den sechziger Jahren bis zur heutigen Titanic und dem Eulenspiegel. <\/p>\n<p>In England und den USA hat sich der Cartoon auch in den klassischen Medien etabliert. In Deutschland haben nur wenige Zeichner internationalen Erfolge, <a href=\"http:\/\/www.uli-stein.de\/\">Uli Stein<\/a> ist der bekannteste. Von ihrer Arbeit leben k\u00f6nnen nur wenige, <a href=\"http:\/\/www.pohlenzcartoons.de\/\">Bernd Pohlenz<\/a>, einer der Gr\u00fcnder von toonpool.com, geh\u00f6rt dazu. <a href=\"http:\/\/www.comiczoo.de\/ron\/lebenslauf\/index.html\">Ronald Markwordt<\/a>, der ToonsUp initiiert hat, ist in der Star-Wars-Fangemeinde als Zeichner eine Gr\u00f6\u00dfe, aber in Mainstream-Medien eher unbekannt.<\/p>\n<p>Spannend wird es, wenn Cartoonisten aus unterschiedlichen Kulturen ihren Humor und ihr Politikverst\u00e4ndnis aufeinanderprallen lassen. Der brasilianische Zeichner <a href=\"http:\/\/fotolog.terra.com.br\/caricas\">Marcelo Rampazzo<\/a> etwa hat bei Toonpool ein <a href=\"http:\/\/www.toonpool.com\/Marcelo%20Rampazzo_328.html\">Mohammed-Cartoon<\/a> (272 virgins&#8220;) ver\u00f6ffentlicht, das den ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigen <a href=\"http:\/\/www.perlentaucher.de\/artikel\/2888.html\">Karikaturen<\/a> der d\u00e4nischen Zeitung Yllands-Posten in nichts nachsteht und den Betreibern des Portals ein paar Schwei\u00dfperlen auf die Stirn zauberte. Die gesammelten <a href=\"http:\/\/www.toonpool.com\/gallery.php?search_qi=islam\">Islam-Cartoons<\/a> werden auch nicht jedem gefallen. Karl Hermann, einer der Macher von Toonpool, Ex-Chefredakteur des Berliner Stadtmagazins Tip, sagt: &#8222;Zensiert wird nicht&#8220;. N\u00e4heres regeln die allgemeinen Nutzungsbedingungen im Kleingedruckten.\n<\/p>\n<p align=left><a href=\"http:\/\/www.toonpool.com\/gallery.php?search_qi=islam\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2008\/04\/060408_8.jpg\" alt=\"\" border=\"0\" hspace=\"5\" vspace=\"5\" width=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p align=left>\nVon Zensur kann der afghanische Zeichner <a href=\"http:\/\/www.afghancartoon.com\/index.php\/site\/about\/\">Atiqullah Shahid<\/a> erz\u00e4hlen, der jetzt im schweizerischen Luzern lebt. Shahid hat wie auch zahlreichen andere K\u00fcnstlern aus L\u00e4ndern der Dritten Welt am umstrittenen <a href=\"http:\/\/www.irancartoon.com\/110\/index3.htm\">Karikatur-Wettbewerb<\/a> &#8222;About Danish Cartoons and Holocaust&#8220; teilgenommen. Die Cartoons wurden 2006 im Museum f\u00fcr Zeitgen\u00f6ssische Kunst in Teheran ausgestellt und galten als &#8222;Retourkutsche&#8220; auf die angeblich nur &#8222;einseitige&#8220; Toleranz der westlichen Kultur. In Afghanistan darf Shadid nichts mehr ver\u00f6ffentlichen, aber jede Afghane mit <a href=\"http:\/\/www.kabulserver.com\/\">Internet-Anschluss<\/a> kann sich seine Cartoons bei Toonpool ansehen.<\/p>\n<p>Cartoons haben Zukunft: Je gr\u00f6\u00dfer das weltweite Publikum durch das Internet wird, um so mehr m\u00fcssen politische Aussagen \u00fcber alle kulturelle Grenzen hinweg verstanden werden. Bilder sagen mehr als Worte &#8211; eine visualisierte These wird eher wahrgenommen als lange Traktate. <\/p>\n<p>Was verwundert ist eher, dass ausgerechnet die Deutschen mit ihrer ausgepr\u00e4gten und immer noch aktuellen Tradition der Zensur auf die Idee kamen, Cartoonisten weltweit zusammenzuf\u00fchren. Zur Internet-Kultur haben sie au\u00dfer dem &#8222;Disclaimer&#8220;, der &#8222;Internet-Meldestelle&#8220; und der &#8222;Bielefeld-Verschw\u00f6rung&#8220; nicht viel beigetragen. Afghanische Cartoons zu hosten, ist aber vermutlich immer noch besser f\u00fcr die Weltkultur als die Opium-Kulturen am Kindukusch zu bewachen.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/427?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/427?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_427 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_427')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_427').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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